Die Elektrodiagnostik peripherer Nerven ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Diagnostik. Sie dient der Untersuchung von Erkrankungen der peripheren Nerven und/oder Muskeln. Die Tierklinik Hofheim bietet diese Untersuchungsmöglichkeit seit Juni 2012 an. Im Folgenden werden die verschiedenen Methoden der Elektrodiagnostik, ihre Anwendungsbereiche und ihre Bedeutung für die Diagnosestellung erläutert.
Elektromyographie (EMG)
Die Elektromyographie (EMG) ist eine elektrophysiologische Methode zur Messung der elektrischen Muskelaktivität. Sie wird in der Neurologie eingesetzt, um Erkrankungen der Muskeln (Myopathien) und/oder Nerven (Neuropathien) zu diagnostizieren.
Durchführung
Bei der EMG werden konzentrische Nadelelektroden in den Muskel eingeführt, um die Potenzialschwankungen einzelner motorischer Einheiten abzuleiten. Mit Spezialnadeln lassen sich auch einzelne Muskelfasern erfassen (Einzelfasermyografie). Außerhalb der Neurologie wird manchmal auch die Messung von Potenzialänderungen auf der Haut mit Oberflächenelektroden als EMG bezeichnet. Diese Technik misst das Summen-Aktionspotenzial eines ganzen Muskels oder sogar mehrerer Muskeln.
Die Messung erfolgt sowohl im ruhenden Muskel (Spontanaktivität) als auch bei unterschiedlich stark willkürlich kontrahiertem Muskel (Muskel-Aktionspotenziale).
Anwendung
Die EMG dient der Feststellung, ob eine Krankheit muskuläre und/oder nervliche Ursachen hat. Sie kann auch in der Biomechanik eingesetzt werden, um die Zusammenhänge zwischen den Frequenzen oder Amplituden der elektrischen Signale und der Muskelkraft zu untersuchen. Dies kann beispielsweise zur Optimierung der Bewegungen von Sportlern genutzt werden.
Lesen Sie auch: Behandlung diabetischer Neuropathie
Interpretation
Anhand der EMG-Ergebnisse kann zwischen einer Myopathie und einer Neuropathie unterschieden werden. Eine herabgesetzte Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) deutet auf eine Beteiligung der peripheren Nerven hin.
Elektroneurographie (ENG)
Die Elektroneurographie (ENG) ist eine Methode zur Bestimmung des Funktionszustands eines peripheren Nervs. Sie beinhaltet die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) sowie anderer Parameter wie Amplitude und Refraktärzeit.
Durchführung
Bei der ENG wird ein Nerv (zumeist an den Extremitäten) mittels eines kurzen elektrischen Impulses gereizt. Dadurch kommt es zur Depolarisation des Nervs, die in beide Richtungen über die Nervenfaser (Axon) weitergeleitet wird. Die ausgelöste Spannungsänderung kann dann entlang des Nervs gemessen werden.
Die Nervenleitgeschwindigkeit wird durch Stimulation des Nervs an zwei verschiedenen Orten und Messen der Reizantworten im Muskel bestimmt. Es wird die Differenz der Leitungszeiten (Latenzen) und die Differenz der Reizorte bestimmt. Die Nervenleitgeschwindigkeit wird dann durch Bildung des Quotienten Abstand/Zeit berechnet.
Die Amplitude der Reizantwort gibt einen Anhaltspunkt über die Anzahl der weiterleitenden Nervenfasern. Durch Ableitung der F-Welle können Aussagen über die Nervenleitung bis hin zum Soma der Nervenzelle getroffen werden. Der H-Reflex gibt Auskunft über den Zustand des spinalen Muskeleigenreflexbogens.
Lesen Sie auch: Funktionsweise des PNS
Anwendung
Die ENG dient der Ortsbestimmung von Nervenläsionen und der Charakterisierung von Neuropathien. Sie wird in der Neurologie zur Beurteilung von Schädigungen oberflächlich liegender Nerven (z. B. durch Verletzungen oder Engpasssyndrome wie das Karpaltunnelsyndrom) oder bei generalisierten Nervenschädigungen (Polyneuropathie) eingesetzt. Beispiele für Polyneuropathien sind solche, die beim Diabetes oder akut beim Guillain-Barré-Syndrom auftreten.
Die ENG kann auch zur Untersuchung der Funktion von Nerven eingesetzt werden, die ausreichend oberflächennah verlaufen, um sie sowohl elektrisch reizen als auch ein Antwortpotenzial ableiten zu können.
Die elektrische Serienreizung motorischer Nerven erlaubt es, Störungen der Erregungsübertragung vom Nerven auf Skelettmuskeln zu untersuchen. Dies ist bei der Abklärung einer Myasthenie von Bedeutung.
Interpretation
Anhand der ENG-Ergebnisse kann zwischen einer Schädigung der Myelinscheiden (Demyelinisierung) und einer Schädigung der Axone (Axonopathie) unterschieden werden. Eine Zerstörung der Myelinscheide führt zur Verminderung der Nervenleitgeschwindigkeit, während ein Verlust der Axone zur Verringerung der Amplitude der Reizantwort führt.
Bei erblich oder entzündlich bedingten demyelinisierenden Nervenerkrankungen (z. B. HMSN-I bzw. Guillain-Barré-Syndrom) liegt eine Schädigung der Myelinscheiden und folglich eine Verminderung der Nervenleitgeschwindigkeiten vor.
Lesen Sie auch: Diagnose von Schmerzen an der Außenseite des Knies
Spezifische Nervenuntersuchungen
Die ENG ermöglicht die Untersuchung verschiedener peripherer Nerven, darunter:
- Nervus radialis: Der Speichennerv, der zum Plexus brachialis (Armnervengeflecht) gehört und am Oberarm, Unterarm und an der Hand untersucht werden kann.
- Nervus ulnaris: Der Ellennerv, der ebenfalls zum Plexus brachialis gehört und neben Oberarm, Unterarm und Hand untersucht werden kann.
- Nervus tibialis: Der Schienbeinnerv, ein Hauptast des N. ischiadicus, der im Bereich des Unterschenkels und des Fußes untersucht wird.
- Nervus peroneus communis: Der gemeinsame Wadenbeinnerv, ebenfalls ein Hauptast des N. ischiadicus, der sich im Verlauf in den N. peroneus superficialis und profundus teilt; die Messung erfolgt im Unterschenkelbereich sowie am Fuß.
Blinkreflex-Untersuchung
Eine weitere Untersuchungsmöglichkeit der ENG ist die elektrodiagnostische Reflexuntersuchung des Orbicularis-oculi-Reflexes (Blinkreflex). Dabei wird der Nervus supraorbitalis an seiner Austrittsstelle gereizt und die Muskelaktionspotenziale des M. orbicularis oculi (Augenschließmuskel) abgeleitet. Diese Untersuchung wird z. B. bei Gesichtsnervenlähmungen eingesetzt.
Elektroenzephalogramm (EEG)
Die Elektrodiagnostik kann auch zum Nachweis von Erkrankungen der Großhirnrinde und des Hirnstammes eingesetzt werden. Hierzu zählt die Ableitung eines Elektroenzephalogramms (EEG).
Anwendung
Das EEG kann abnormale Aktivität der Großhirnrinde zum Beispiel bei Patienten zeigen, die unter einem Anfallsgeschehen leiden.
Voraussetzungen und Durchführung der Elektrodiagnostik
Für alle Untersuchungen im Rahmen der Elektrodiagnostik ist in der Regel eine Vollnarkose erforderlich, da nur so aussagekräftige Befunde erhoben werden können. Die elektrische Reizung des Nervs wird vom Untersuchten zumeist als unangenehm, manchmal auch als schmerzhaft empfunden.
Vorbereitung
Vor der Elektroneurographie sollten Patienten darüber informiert werden, dass das Verfahren unangenehm sein kann, da elektrische Reize auf die Nerven gegeben werden.
Kontraindikationen
Die Elektroneurographie ist in der Regel sicher und hat nur wenige Kontraindikationen. Zu den Kontraindikationen gehören schwere Hautinfektionen oder Hauterkrankungen an den Stellen, an denen die Elektroden angebracht werden sollen.
Nach der Untersuchung
Nach der Elektroneurographie können leichte Beschwerden an den Stellen auftreten, an denen die Elektroden angebracht wurden. Diese Beschwerden sollten in der Regel innerhalb weniger Stunden abklingen. Komplikationen bei der Elektroneurographie sind selten und können in seltenen Fällen eine Infektion an den Einstichstellen oder eine allergische Reaktion auf die Elektroden umfassen.
Bedeutung der Elektrodiagnostik
Die Elektrodiagnostik ist ein unverzichtbarer Baustein im diagnostischen Puzzle, nicht nur bei Erkrankungen der Muskulatur und der peripheren Nerven, sondern auch bei allen Erkrankungen des Gehirns. Sie ermöglicht die optimale Planung von weiterführenden Untersuchungen und Operationen. Außerdem können unklare Gehstörungen (orthopädische Lahmheit oder neurologische Lähmung?) oft nur mit dieser Technik weiter charakterisiert werden.
Leider sind die Untersuchungen meist nicht diagnostisch für eine spezifische Erkrankung, sondern helfen nur den Ort der schwerwiegendsten Veränderungen zu zeigen. Dies ist dennoch hilfreich, um die sich anschließende Nerv-/Muskelbiopsie zu planen, da nur eine repräsentative Probe eine Diagnosestellung ermöglicht.
Obwohl die Elektrodiagnostik in der Humanmedizin Standard ist, ist sie beim Tier nach wie vor wenigen Spezialpraxen und Unikliniken vorbehalten.
Alternative und ergänzende Verfahren
Obwohl die Elektrodiagnostik eine wertvolle Methode zur Beurteilung von peripheren Nervenerkrankungen darstellt, gibt es auch andere bildgebende Verfahren, die in bestimmten Fällen ergänzend oder alternativ eingesetzt werden können. Die Magnetresonanztomographie (MRT) kann beispielsweise dazu beitragen, periphere Nerven sichtbar zu machen und Läsionen des peripheren Nervensystems zu identifizieren. Studien haben gezeigt, dass die MRT in der Lage ist, Veränderungen in Nerven zu erkennen, die durch Verletzungen, Entzündungen oder Tumore verursacht wurden.
Die Magnetresonanz-Neurographie (MRN) ist eine spezielle Form der MRT, die sich auf die Darstellung von Nerven konzentriert. Sie kann verwendet werden, um die Anatomie und den Zustand von Nerven zu beurteilen und Veränderungen zu erkennen, die auf eine Schädigung oder Erkrankung hinweisen. Die MRN kann auch dazu beitragen, die Regeneration von Nerven nach einer Verletzung zu beurteilen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Wahl des geeigneten bildgebenden Verfahrens von der spezifischen klinischen Situation abhängt. In einigen Fällen kann eine Kombination aus Elektrodiagnostik und bildgebenden Verfahren erforderlich sein, um eine umfassende Beurteilung der peripheren Nerven zu ermöglichen.
tags: #elektrodiagnostik #peripher #nerven