Endometriose und Multiple Sklerose: Gibt es einen Zusammenhang?

Die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Endometriose und Multipler Sklerose (MS) ist komplex und wird in der medizinischen Forschung diskutiert. Obwohl es keine eindeutigen Beweise für einen direkten Zusammenhang gibt, deuten einige Beobachtungen und Studien auf mögliche Verbindungen hin, die weiterer Untersuchung bedürfen.

Was sind Endometriose und Multiple Sklerose?

Endometriose:

Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle wächst. Dieses Gewebe kann sich an verschiedenen Stellen im Körper ansiedeln, wie z.B. an den Eierstöcken, im Bauch- und Beckenraum, am Darm oder Bauchfell. Es wird von sogenannten „Endometrioseherden“ gesprochen, die zwar gutartig sind, aber zu bleibenden Schäden an Organen führen können. Schätzungsweise sind in Deutschland ca. 2 Millionen Frauen und Mädchen betroffen, und es gibt bis zu 40.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Die Erkrankung kann sich durch unterschiedliche Symptome äußern, darunter starke Schmerzen während und außerhalb der Menstruation, Schmerzen beim Wasserlassen oder Geschlechtsverkehr, Müdigkeit (Fatigue), vermehrte Infektanfälligkeit und in manchen Fällen Unfruchtbarkeit.

Multiple Sklerose (MS):

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Myelinscheiden der Nervenfasern angegriffen werden. Die Ursachen für MS sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass genetische Faktoren, Umwelteinflüsse (wie z.B. Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus) und das Immunsystem eine Rolle spielen. Die Symptome von MS sind vielfältig und können Schwindel, Benommenheit, Kribbeln, Taubheit, Sehschwäche und Fatigue umfassen.

Mögliche Verbindungen und Gemeinsamkeiten

Obwohl Dr. med. Detlev Schneider, Neurologe, angibt, dass ihm kein erhöhtes Risiko für MS bei Endometriose bekannt sei, gibt es verschiedene Überlegungen und Beobachtungen, die eine mögliche Verbindung nahelegen:

  • Autoimmunerkrankungen: Sowohl Endometriose als auch MS sind Erkrankungen, bei denen das Immunsystem eine Rolle spielt. Bei Endometriose wird ein Fehler im Immunsystem als mögliche Ursache in Betracht gezogen. Auch treten bei Endometriose vermehrt Allergien und andere Autoimmunerkrankungen auf. Dies könnte darauf hindeuten, dass eine Fehlregulation des Immunsystems das Risiko für beide Erkrankungen erhöhen könnte.
  • Darm-Hirn-Achse: Es gibt Hinweise darauf, dass die Darmflora bei beiden Erkrankungen eine Rolle spielen könnte. Untersuchungen zur Darm-Hirn-Achse haben gezeigt, dass 80 Prozent des Immunsystems im Darm sitzen und dass ein Teil der Immunkrankheiten im Darm ausgelöst werden könnte. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Darmbakterien, wie z.B. Fusobakterien, bei Endometriose eine Rolle spielen könnten. Es gibt auch Spekulationen darüber, dass Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, und Endometriose die Wahrscheinlichkeit erhöhen könnten, an MS zu erkranken.
  • Fatigue: Fatigue, ein Zustand körperlicher, geistiger und seelischer Erschöpfung, ist eine häufige Begleiterscheinung sowohl bei Endometriose als auch bei MS. Dies könnte auf ähnliche zugrunde liegende Mechanismen hindeuten, die zu chronischer Müdigkeit führen.
  • Hormonelle Einflüsse: Da Endometriose eine hormonabhängige Erkrankung ist, könnten hormonelle Faktoren auch bei der Entstehung oder dem Verlauf von MS eine Rolle spielen. Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen mit MS seltener Kinder bekommen als gesunde Frauen, was auf mögliche Zusammenhänge zwischen Hormonen, Fertilität und MS hindeuten könnte.
  • Epstein-Barr-Virus (EBV): Es gibt Diskussionen und Arbeiten darüber, dass EBV MS triggern kann, insbesondere wenn man als Jugendliche/Erwachsene Mononukleose hatte. Da EBV nur Menschen infizieren kann und MS es auch nur beim Menschen gibt, wird an einer Impfung gegen EBV gearbeitet.

Forschungsergebnisse und Studien

Eine Studie aus Japan deutet darauf hin, dass Fusobakterien bei der Entstehung von Endometriose eine Rolle spielen könnten. Bei Frauen mit Endometriose wurden in der Gebärmutterschleimhaut häufiger Fusobakterien gefunden als bei gesunden Frauen. Zudem verschlimmerten sich bei Mäusen, denen diese Bakterien injiziert wurden, die für Endometriose typischen Gewebeveränderungen. Eine Antibiotikabehandlung konnte diese Veränderungen jedoch wieder zurückbilden. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Ergebnisse noch nicht als endgültig angesehen werden und weitere Forschung erforderlich ist, um den Zusammenhang zwischen Fusobakterien und Endometriose vollständig zu klären.

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Eine Metaanalyse über 13 randomisiert-kontrollierte Studien mit 589 Patientinnen zeigte, dass antioxidative Vitamine Schmerzen bei Endometriose reduzieren können. Eine weitere Studie mit 239 Patientinnen zeigte, dass stärkere zentrale Sensitivierung, also gesteigerte Schmerzempfindlichkeit und -wahrnehmung infolge chronischer Endometrioseschmerzen, vor einer operativen Behandlung der Endometriose mit weniger gut reduzierten Schmerzen nach der Operation assoziiert war.

Ein systematischer Review berichtete 62 Studien mit 78 Patientinnen mit Endometriose im Skelettmuskelsystem. Zu Erstvorstellungen in der Gynäkologie kam es nur bei jeder 3. Patientin.

Was bedeutet das für Betroffene?

Auch wenn es keine direkten Beweise für einen Zusammenhang zwischen Endometriose und MS gibt, sollten Frauen mit Endometriose aufmerksam auf ihren Körper achten und bei Auftreten von Symptomen, die auf MS hindeuten könnten (wie z.B. Schwindel, Benommenheit, Kribbeln, Taubheit, Sehschwäche), einen Arzt aufsuchen. Es ist wichtig, die Symptome frühzeitig abzuklären, um eine mögliche MS-Erkrankung rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

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