Einführung
Lernen sollte eine inspirierende und freudvolle Erfahrung sein, doch oft wird es mit trockenen Fakten und anstrengenden Nächten vor Prüfungen assoziiert. Die Idee des gehirngerechten Lernens zielt darauf ab, diesen natürlichen Lernprozess zu optimieren, indem sie die Funktionsweise unseres Gehirns berücksichtigt. Vera F. Birkenbihl prägte den Begriff des „gehirngerechten Lernens“, der eine einfache, aber effektive Lösung bietet: Wenn wir die natürliche Arbeitsweise unseres Gehirns beim Lernen berücksichtigen, können wir seine Denk- und Gedächtnisleistung optimal nutzen. Dies fördert positive Emotionen, die von Natur aus mit dem Lernprozess verbunden sind und ihn beschleunigen.
Was bedeutet gehirngerechtes Lernen?
Gehirngerechtes Lernen bedeutet, Lernmethoden und -strategien anzuwenden, die mit der natürlichen Funktionsweise des Gehirns übereinstimmen. Es geht darum, das Gehirn so einzusetzen, wie es am besten arbeitet, um Fortschritte zu erzielen und dabei Freude zu haben. Dies beinhaltet, die Bedürfnisse, Strukturen und Informationsverarbeitungsmechanismen des Gehirns bestmöglich zu bedienen.
Zentrale Bereiche des gehirngerechten Lernens
- Serielle Verarbeitung von Informationen: Das Gehirn verarbeitet Informationen am besten Schritt für Schritt.
- Begrenzte Aufnahme von Reizen: Das Gehirn kann nur eine begrenzte Anzahl von Reizen gleichzeitig verarbeiten (etwa 3-5).
- Priming und Bahnungsphänomene: Vorwissen und Erfahrungen beeinflussen, wie neue Informationen aufgenommen werden.
- Innere Haltung: Die eigene Einstellung zum Lernstoff beeinflusst den Lernerfolg.
Die Biologie des Lernens: Warum macht Lernen glücklich?
Hirnforscher haben herausgefunden, dass jeder Erkenntnisgewinn unser Glückszentrum aktiviert und Dopamin ausschüttet. Dieser Mechanismus ist von der Natur vorgesehen, um Neugier und Wissensdurst zu fördern, was evolutionär wichtig ist, um unser Überleben zu sichern und uns an komplexe Umgebungen anzupassen.
Fünf Tipps für gehirngerechtes Lernen
Um neues Wissen leichter und schneller zu erwerben, können folgende Tipps helfen:
1. Schaffe eine geordnete und angenehme Arbeitsatmosphäre
Das Gehirn scannt die Umgebung ständig nach neuen Reizen. Um Ablenkungen zu minimieren, sollten Störquellen wie Handys oder unordentlicher Papierkram beseitigt werden. Eine angenehme Arbeitsatmosphäre, die positive Assoziationen weckt, kann den Lernerfolg zusätzlich fördern. Ob dies in einer Bibliothek oder in den eigenen vier Wänden ist, hängt von den persönlichen Bedürfnissen ab.
Lesen Sie auch: "Die Nerven verlieren" auf Englisch: Ein detaillierter Blick
2. Achte auf deinen individuellen Biorhythmus
Jeder Mensch hat eine individuelle Leistungskurve. Es ist hilfreich, den eigenen Biorhythmus zu kennen und Lernaktivitäten zeitlich und inhaltlich danach zu organisieren. Es gibt im Allgemeinen fünf Phasen, die man im Laufe eines Tages durchläuft: eine anfängliche Anlaufphase mit anschließendem Hoch, nach dem es zu einem Einbruch der Leistungsfähigkeit kommt - auch bekannt als „Mittagstief“. Dann steigt die Kurve wieder an und sinkt am Ende stark ab. Wichtige oder schwierige Aufgaben sollten während eines Leistungshochs erledigt werden, während Zeiten des Tiefs für organisatorische Aufgaben genutzt werden können.
3. Mache es dir einfach und lerne mit allen Sinnen
Komplexe Informationen sollten in kleinere, strukturierte Schritte heruntergebrochen werden, um dem Gehirn die Verarbeitung zu erleichtern. Die Einbeziehung mehrerer Sinne in den Lernprozess kann das Gedächtnis verbessern, da das Gehirn Informationen leichter mit verschiedenen Sinneswahrnehmungen verknüpfen kann.
4. Setze auf Wiederholungen
Wiederholungen sind entscheidend, um neues Wissen im Gedächtnis zu behalten. Studien zeigen, dass ein großer Teil des Gelernten schnell vergessen wird, wenn es nicht wiederholt wird. Barbara Schubert empfiehlt, den Lernstoff in regelmäßigen Abständen zu wiederholen:
- Erste Wiederholung: 20 Minuten nach der Lerneinheit
- Zweite Wiederholung: Nach einem Tag
- Dritte Wiederholung: Innerhalb der kommenden Woche
- Vierte Wiederholung: Nach spätestens einem Monat
5. Lerne im Schlaf
Der Schlaf ist eine wichtige Phase, um Lerninhalte zu festigen. Nach einer intensiven Lernphase kann ein kurzer Power-Nap oder das Wiederholen des Lernstoffs kurz vor dem Schlafengehen helfen, das Gelernte vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu übertragen.
Gehirngerechte Methoden und Übungen
Es gibt verschiedene Methoden und Übungen, die das gehirngerechte Lernen unterstützen:
Lesen Sie auch: Alles über Ganglien: Ein umfassender Leitfaden
ABC-Liste
Bei dieser Übung wird zu einem Thema eine Liste von Begriffen erstellt, die mit den Buchstaben des Alphabets beginnen. Dies fördert das assoziative Denken und verdeutlicht das bereits vorhandene Wissen zu einem Thema. Die ABC-Liste kann individuell oder in Gruppenarbeit erstellt und anschließend kategorisiert werden.
KaWa (Kreative Ausbeute von Wort-Assoziationen)
Ein KaWa ist eine Art Mini-ABC-Liste, bei der mit den Buchstaben eines Schlüsselworts oder Merksatzes gearbeitet wird. Diese Methode fördert die Kreativität und hilft, Assoziationen zu einem bestimmten Thema zu sammeln.
Kategorisieren
Das Kategorisieren von Begriffen, Gegenständen oder Bildern hilft, Wissen zu strukturieren und gedankliche Schubladen zu bilden. Diese Übung kann in verschiedenen Fächern angewendet werden, um Fachbegriffe zu ordnen und Zusammenhänge zu erkennen.
Chorsprechen
Das gemeinsame Sprechen von Texten, insbesondere in Fremdsprachen, kann das Selbstvertrauen stärken und sofortiges Feedback zur Aussprache geben. Diese Übung nutzt die Spiegelneuronen im Gehirn, die auf harmonische Situationen reagieren und das Imitieren von Verhalten fördern.
Stopp-Spiel
Bei diesem Spiel liest eine Person einen Satz vor und stoppt mittendrin. Die andere Person vervollständigt den Satz aus dem Gedächtnis. Diese Übung fördert das freie Sprechen und die aktive Teilnahme am Lernprozess.
Lesen Sie auch: Alles über den Nerv: Eine Analyse
Rollenspiele
Rollenspiele sind gehirngerecht, da sie gemeinsames Erleben, Imitation und Bewegung beinhalten. Sie ermöglichen es, Lektionstexte aktiv anzuwenden und fördern das Verständnis für den Lernstoff.
Memory
Memory ist eine gute Ergänzung, um Vokabeln in der Form zu verankern, wie sie im Text vorkommen. Es hilft, die Grundformen aus der Vokabelliste einzuprägen und mit der deutschen Bedeutung zu verbinden.
Eselsbrücken
Eselsbrücken sind Merksätze, die helfen, sich Dinge im Zusammenhang besser zu merken. Je alberner, ausgefallener oder witziger die Eselsbrücke ist, desto leichter kann man sie sich merken.
Gehirngerechte Kommunikation
Gehirngerechte Kommunikation ist nicht nur für das Lernen wichtig, sondern auch für Führung und Zusammenarbeit. Sie beinhaltet, Informationen so zu vermitteln, dass sie vom Gehirn leicht verarbeitet und verstanden werden können.
Prinzipien der gehirngerechten Kommunikation
- Struktur: Informationen sollten klar und strukturiert präsentiert werden.
- Fragen: Fragen regen zum Nachdenken an und fördern das Verständnis.
- Warum, Was, Wie, Wozu: Diese Fragen sollten beantwortet werden, um den Sinn und Zweck von Informationen zu verdeutlichen.
- Deduktives Lernen: Vom Allgemeinen zum Besonderen vorgehen.
- Gute Bilder und Geschichten: Visualisierungen und Geschichten helfen, Informationen einprägsamer zu machen.
- Eindeutigkeit: Aussagen sollten klar und unmissverständlich sein.
- Feedback: Angebote und Methoden zum Feedback sind wichtig, um das Verständnis zu überprüfen.
Gehirngerechte Führung
Führungskräfte können die Prinzipien des gehirngerechten Lernens und der Kommunikation nutzen, um eine positive und produktive Arbeitsumgebung zu schaffen:
- Positive Emotionen: Erzeuge einen Hormon-Cocktail aus Endorphin und Oxytocin, der Bindung stärkt und Motivation fördert.
- Single-Tasking: Konzentriere dich auf das Wesentliche und vermeide Multitasking, um Überforderung zu vermeiden.
- Storytelling: Nutze Geschichten und Visualisierungen, um Botschaften einprägsamer zu machen.
- Positive Formulierungen: Vermeide Negationen und formuliere Botschaften positiv.
- Emotionale Kommunikation: Setze auf eine Kommunikation, die positive Gefühle transportiert und positive Assoziationen weckt.
Gehirngerechte Arbeit
Gehirngerechte Arbeit berücksichtigt die natürlichen Rhythmen und Bedürfnisse des Gehirns, um Gesundheit, Produktivität und Wohlbefinden zu steigern:
- Singletasking: Konzentration auf eine Aufgabe zur Zeit.
- Ultradiane Rhythmen: Beachtung der natürlichen Rhythmen des Körpers bei der Arbeitsgestaltung.
- Ruhezeiten: Integration von Ruhezeiten zur Erhaltung der Lern- und Konzentrationsfähigkeit.
- Multisensorische Prinzipien: Nutzung verschiedener Sinne zur Steigerung der geistigen Flexibilität.
- Stimmungsbildende Elemente: Schaffung einer angenehmen Arbeitsumgebung für Wohlbefinden und Kreativität.
Die Bedeutung einer positiven Fehlerkultur
Eine positive Fehlerkultur ist entscheidend, um kreative Prozesse zu fördern. Mitarbeiter sollten ermutigt werden, Risiken einzugehen und aus Fehlern zu lernen, ohne Angst vor negativen Konsequenzen zu haben.