Stell dir deinen Körper als ein ausgeklügeltes Netzwerk vor, in dem alle Systeme miteinander kommunizieren. In diesem komplexen Zusammenspiel spielt das enterische Nervensystem (ENS), oft als "Bauchhirn" bezeichnet, eine zentrale Rolle. Es ist Teil des vegetativen Nervensystems und steuert die Motorik und sekretorischen Prozesse im Verdauungstrakt. Mit mehr Nervenzellen als das Rückenmark steht es in ständigem Informationsfluss mit dem Gehirn und wird daher auch als "zweites Gehirn" bezeichnet.
Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Kommunikationsstrecke
Die Darm-Hirn-Achse ist eine bidirektionale Kommunikationsstrecke zwischen deinem Magen-Darm-Trakt und deinem zentralen Nervensystem (also Gehirn und Rückenmark). Diese Kommunikation ist nicht nur rein nervlicher Natur, sondern beinhaltet auch hormonelle und immunologische Signale. All das bedeutet, dass dein Darm mit deinem Gehirn „spricht“ - und umgekehrt.
Das enterische Nervensystem (ENS): Das "Bauchhirn"
Vielleicht hast du schon einmal den Begriff „Bauchhirn“ gehört. Damit ist das sogenannte enterische Nervensystem (ENS) gemeint, das im Darm sitzt. Es besteht aus einem dichten Netz von Neuronen, das in Sachen Komplexität mit dem Gehirn selbst vergleichbar ist. Das ENS ist für die Steuerung der Verdauung zuständig und kann viele Prozesse sogar unabhängig vom Gehirn regeln. Dennoch tauscht es ständig Signale mit dem zentralen Nervensystem aus. Das enterische Nervensystem ist neben Sympathikus und Parasympathikus ein Teil des vegetativen Nervensystems. Dieses wird auch autonomes Nervensystem genannt. Das vegetative Nervensystem ist für Abläufe im Körper verantwortlich, welche Du nicht willkürlich steuern kannst. Im Gegensatz hierzu kannst Du durch Dein somatisches Nervensystem gezielte Bewegungen ausführen. Auf das ENS trifft diese Bezeichnung besonders gut zu, denn es kann größtenteils unabhängig vom übrigen Nervensystem - eben autonom - arbeiten. Sympathikus und Parasympathikus können dennoch Einfluss auf die Prozesse nehmen.
Das Darmmikrobiom: Ein Schlüsselspieler in der Darm-Hirn-Achse
Neben dem ENS spielt das Darmmikrobiom - also die Gemeinschaft der im Darm lebenden Mikroorganismen - eine Schlüsselrolle in der Darm-Hirn-Achse. Bakterien, Viren und Pilze, die in deinem Darm wohnen, sind für weitaus mehr zuständig als nur die Verdauung von Nahrung. Sie produzieren Vitamine, unterstützen dein Immunsystem und bilden Botenstoffe, die direkt oder indirekt dein Gehirn erreichen können. Wenn es deinem Mikrobiom gut geht, profitiert in der Regel dein gesamter Organismus. Die Darmflora geht komplexe Wechselbeziehungen mit uns als menschlichem Wirt ein, bei der jeder von dem anderen profitiert. Die kleinen Helfer übernehmen viele lebenswichtige Aufgaben für uns, u. a. bei der Verdauung. Unterschätzt wird, dass das Darmmikrobiom auch ein wichtiger Informationsträger und eine zentrale Komponente des Bauchhirns ist. Die Nerven des Bauchhirns ertasten ständig die im Darminneren aktuell ansässigen Bakterien und erfassen die Substanzen, die diese bilden oder freisetzen. Zahlreiche dieser Substanzen (z. B.
Die Bedeutung der Darmgesundheit für das geistige Befinden
Vielleicht fragst du dich: „Warum sollte ich mich damit beschäftigen? Mein Darm arbeitet doch sowieso einfach vor sich hin.“ Die Antwort lautet: Weil deine Darmgesundheit viel enger mit deinem geistigen Befinden verknüpft ist, als man lange angenommen hat. Die Darm-Hirn-Achse wirkt sich unmittelbar auf deine Emotionen, dein Stresslevel und sogar auf die Entstehung verschiedener Erkrankungen aus.
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Einfluss auf Emotionen und Stimmung
Hast du schon bemerkt, dass ein unwohles Bauchgefühl oft mit schlechter Laune oder sogar Ängsten einhergeht? Forscher haben herausgefunden, dass Darmbakterien wichtige Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin beeinflussen können. Serotonin, auch als „Glückshormon“ bekannt, ist maßgeblich an deiner Stimmung beteiligt. Ein gesunder Darm kann also dazu beitragen, dass du dich zufriedener und ausgeglichener fühlst. Die Gesundheit des Darms hat somit auch einen direkten Einfluss auf die Psyche, da Nährstoffe und Mikroorganismen im Darm Emotionen und kognitive Fähigkeiten beeinflussen können. Interessanterweise werden etwa 90 Prozent des körpereigenen Serotonins im Darm produziert, nicht im Gehirn. Ein Mangel an Serotonin kann zu depressiver Verstimmung, Schlafproblemen und einem generellen Ungleichgewicht führen.
Stress und Darmgesundheit: Ein Teufelskreis
Auch dein Stresslevel hängt eng mit deiner Darmgesundheit zusammen. Bei Stress schüttet dein Körper Cortisol aus, was nicht nur das Immunsystem belastet, sondern auch dein Mikrobiom verändern kann. Eine gute Kommunikation zwischen den Organen ist entscheidend für die Stressresistenz und Stimmung. Gerade in herausfordernden Phasen (z. B. vor Prüfungen oder in hektischen Zeiten im Job) kann ein bereits empfindlicher Darm noch stärker „aus dem Takt geraten“. Dies wiederum kann dein Stresslevel weiter nach oben treiben - ein Teufelskreis. Wenn du hingegen auf eine gesunde Darmflora achtest, profitierst du von einer stärkeren Widerstandskraft gegenüber Stress. Außerdem ist dein Schlaf oft erholsamer, wenn Darm und Gehirn im Einklang stehen. Ein gesunder Schlaf ist die Basis für mentale und körperliche Regeneration, sodass du tagsüber mehr Energie und Gelassenheit hast.
Die Rolle des Darms für das Immunsystem
Wusstest du, dass rund 70 Prozent deines Immunsystems im Darm sitzen? Das macht deutlich, wie wichtig eine ausgewogene Darmflora für deine Abwehrkräfte ist. Gerät dein Darmmikrobiom ins Ungleichgewicht - zum Beispiel durch eine einseitige Ernährung, Medikamente oder chronischen Stress - kann das Immunsystem dauerhaft gereizt werden. Dieses Ungleichgewicht begünstigt entzündliche Prozesse im Körper, die wiederum einen Einfluss auf dein Gehirn haben können.
Kommunikationswege zwischen Darm und Gehirn
Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn ist vielfältig und komplex. Sie umfasst verschiedene Wege, über die Informationen ausgetauscht werden.
Der Vagusnerv: Die direkte Verbindung
Der Vagusnerv ist der wichtigste Nerv, der den Darm direkt mit dem Gehirn verbindet. Der Darm spielt als lebenswichtiges Organ in der Darm-Hirn-Achse eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden und die Gesundheit. Er übermittelt Signale über die Darmbewegungen, Füllzustände oder auch Schmerzempfindungen an das Gehirn. Umgekehrt sendet das Gehirn Signale an den Darm, um Verdauungsprozesse zu steuern. Unser Bauchhirn und unser Kopfhirn sind im ständigen Austausch miteinander. Hauptverantwortlich dafür ist der Vagusnerv. Wenn wir emotional gestresst sind, werden Hormone ausgeschüttet, die unseren Darmschleim verändern und zu einer Fehlsteuerung der glatten Muskulatur im Darm führen.
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Hormone als Botenstoffe
Auch Hormone tragen zur Kommunikation bei. Bestimmte Darmzellen produzieren Botenstoffe wie Ghrelin oder Leptin, die deinem Gehirn Rückmeldung über Hunger- oder Sättigungszustände geben. Gleichzeitig werden Stresshormone oder Botenstoffe wie Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) über das zentrale Nervensystem ausgeschüttet, was wiederum den Darm beeinflusst.
Das Immunsystem als Vermittler
Wie bereits erwähnt, spielt auch das Immunsystem eine große Rolle. Darmbakterien können Teile deines Immunsystems aktivieren oder hemmen. Die kausalen Zusammenhänge zwischen dem Mikrobiom und verschiedenen Erkrankungen, insbesondere neurologischen und psychischen Störungen, sind komplex und erfordern interdisziplinäre Forschung, um ein besseres Verständnis dieser dynamischen Wechselwirkungen zu erlangen. Gelangen gewisse Stoffe über die Darmbarriere in den Blutkreislauf, können sie bis ins Gehirn vordringen.
Störungen der Darm-Hirn-Achse
Manchmal läuft diese feine Kommunikation nicht reibungslos. Eine gestörte Darm-Hirn-Achse kann sich auf vielfältige Art äußern. Veränderungen in der Funktion eines dieser Organe können erhebliche Auswirkungen auf das andere haben, da sowohl der Darm als auch das Gehirn lebenswichtige Organe sind, die über die Darm-Hirn-Achse intensiv kommunizieren und miteinander verbunden sind. Manche Menschen bemerken mehr Verdauungsprobleme wie Blähungen, Völlegefühl oder Durchfall, andere klagen über Gereiztheit, Unruhe und Stimmungsschwankungen. Auch Symptome wie Abgeschlagenheit oder Konzentrationsstörungen werden häufig berichtet.
Strategien für eine harmonische Darm-Hirn-Kooperation
Glücklicherweise hast du es zu einem großen Teil selbst in der Hand, ob dein Darm und dein Gehirn harmonisch miteinander kooperieren.
Probiotika und Präbiotika: Nahrung für den Darm
Eine bewährte Strategie ist der regelmäßige Verzehr von probiotischen und präbiotischen Lebensmitteln.
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- Probiotika: Das sind Lebensmittel, die lebende Mikroorganismen (meist Bakterien) enthalten, die deine Darmflora unterstützen. Dazu gehören fermentierte Produkte wie Joghurt, Kefir, Sauerkraut oder Kombucha.
- Präbiotika: Das sind Ballaststoffe, die als „Nahrung“ für deine Darmbakterien dienen. Zu finden sind sie unter anderem in Haferflocken, Leinsamen, Zwiebeln, Lauch, Knoblauch oder Chicorée.
Versuche, diese Produkte regelmäßig in deinen Speiseplan zu integrieren.
Stressmanagement: Entspannung für Darm und Gehirn
Weil Stress eine der Hauptursachen für eine gestörte Darm-Hirn-Achse ist, lohnt es sich, Entspannungstechniken in deinen Alltag einzubauen. Meditation, Yoga, autogenes Training oder einfach ein ausgedehnter Spaziergang in der Natur wirken oft Wunder. Schon wenige Minuten pro Tag können helfen, dein Stresslevel zu senken und damit auch deinen Darm zu entlasten. Der Vagusnerv lässt sich durch Atemübungen und Achtsamkeitspraktiken aktivieren, was deine Herzfrequenzvariabilität erhöht und dich insgesamt resilienter gegenüber Stress macht.
Schlaf: Regeneration für den gesamten Körper
Schlaf ist weit mehr als „Nichtstun“. In der Nacht finden zahlreiche Reparatur- und Regenerationsprozesse in deinem Körper statt, die auch deinem Verdauungstrakt nutzen. Versuche, jede Nacht auf sieben bis acht Stunden Schlaf zu kommen. Eine regelmäßige Schlafroutine - also möglichst immer zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen - kann dir dabei helfen, Deinen Biorhythmus zu stabilisieren.
Bewegung: Aktivität für den Darm
Zu einer gesunden Lebensführung gehört neben ausgewogener Ernährung und Entspannung auch ausreichend Bewegung. Bereits 30 Minuten moderate Aktivität am Tag (wie zügiges Spazierengehen, Radfahren oder Schwimmen) können deine Darmaktivität und damit die Mikrobiom-Gesundheit fördern. Wenn du rauchst, bedenke, dass Nikotin und andere Schadstoffe deinen Darm reizen und das Milieu negativ beeinflussen können.
Neurotransmitter und ihre Bedeutung für die Darm-Hirn-Achse
Wie bereits erwähnt, sind manche Darmbakterien in der Lage, Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin oder GABA herzustellen.
Serotonin: Das "Glückshormon" aus dem Darm
Wenn man Serotonin hört, denkt man meist an Glück und Zufriedenheit. Etwa 90 Prozent des Serotonins in deinem Körper werden jedoch im Darm gebildet, was einmal mehr die Relevanz der Darmgesundheit unterstreicht. Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass Veränderungen im Mikrobiom und eine gestörte Darm-Hirn-Kommunikation eine große Rolle spielen. Experten wie Prof. Holzer untersuchen die Bedeutung der Darm-Hirn-Achse für das Reizdarmsyndrom und betonen die Auswirkungen von Stress auf beide Organe. Ein Mangel an Serotonin kann zu depressiver Verstimmung, Schlafproblemen und einem generellen Ungleichgewicht führen.
Dopamin: Für Antrieb und Motivation
Dopamin ist der Neurotransmitter, der für Antrieb, Motivation und Belohnungsempfinden zuständig ist. Wenn du dich nach einer getanen Aufgabe gut fühlst, ist meistens Dopamin im Spiel. Bestimmte Darmbakterien können auch an der Dopaminproduktion beteiligt sein.
GABA: Für Ruhe und Entspannung
GABA (Gamma-Aminobuttersäure) ist ein hemmender Neurotransmitter, der uns hilft, Stress und innere Unruhe zu dämpfen. Ein Mangel an GABA wird mit Angstzuständen und Schlafproblemen in Verbindung gebracht. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte probiotische Stämme die GABA-Konzentration beeinflussen können. Das zeigt, wie direkt unsere Darmbewohner auf unsere Emotionen einwirken können.
Erkrankungen im Zusammenhang mit der Darm-Hirn-Achse
Die Darm-Hirn-Achse spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung oder dem Verlauf verschiedener Krankheiten.
Reizdarmsyndrom: Ein Zusammenspiel von Darm und Psyche
Das Reizdarmsyndrom ist gekennzeichnet durch chronische Verdauungsbeschwerden wie Durchfall, Verstopfung, Blähungen oder Schmerzen. Viele Betroffene berichten zudem von Angstgefühlen, Depressionen oder allgemeiner Erschöpfung. Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass Veränderungen im Mikrobiom und eine gestörte Darm-Hirn-Kommunikation eine große Rolle spielen. Eine Therapie, die sich auch auf die Darmflora konzentriert (z. B.
Depression: Mehr als nur eine Erkrankung des Gehirns
Lange Zeit wurde Depression ausschließlich als hirnzentrierte Erkrankung betrachtet. Mittlerweile ist klar, dass das Darmmikrobiom und Entzündungsprozesse erheblich zur Entwicklung dieser Krankheit beitragen können. Eine gestörte Darm-Hirn-Achse kann dazu führen, dass weniger Serotonin und andere positive Botenstoffe verfügbar sind.
Neurodegenerative Erkrankungen: Der Darm als möglicher Ausgangspunkt
Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer werden oft mit Entzündungsprozessen im Gehirn in Verbindung gebracht. Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass auch das Darmmikrobiom bei der Entstehung solcher Erkrankungen eine Rolle spielen kann, etwa durch chronische systemische Entzündungen oder durch die Bildung bestimmter proteinartiger Ablagerungen, die vom Darm ins Gehirn gelangen können.
Das enterische Nervensystem im Detail
Das enterische Nervensystem (ENS) ist ein komplexes Netzwerk von Nervenzellen, das den gesamten Verdauungstrakt durchzieht. Es steuert die Verdauungsprozesse weitgehend autonom, kann aber auch vom Gehirn beeinflusst werden.
Aufbau des enterischen Nervensystems
Der Wirkungsbereich des ENS umfasst beinahe den gesamten Verdauungstrakt (= Gastrointestinaltrakt oder Magen-Darm-Trakt), also von der Speiseröhre bis zum Mastdarm. Um zu verstehen, wo dort die entsprechenden Nerven zu finden sind, solltest Du Dich zunächst mit dem Wandaufbau dieser Organe vertraut machen. Dieser ist in allen Bereichen grundsätzlich sehr ähnlich und lässt sich in folgende Schichten gliedern (von innen nach außen):
- Mukosa (= Schleimhaut), mit den Schichten:
- Epithel
- Lamina propria
- Muscularis mucosae (die zur Schleimhaut gehörende Muskelschicht)
- Submukosa (Bindegewebe, das auch Blut- und Lymphgefäße führt)
- Muskularis, eine Muskelschicht aus zwei Bestandteilen:
- Ringmuskelschicht
- Längsmuskelschicht
- Serosa oder Adventitia (je nachdem wo sich das Organ befindet)
Im ENS gibt es zwei große Plexus (= Nervengeflechte), die an verschiedenen Stellen in dieser Schichtung zu finden sind:
- der Plexus submucosus („Meissner-Plexus“) in der Submukosa
- der Plexus myentericus („Auerbach-Plexus“) zwischen Ring- und Längsmuskelschicht in der Muskularis
Zelltypen im enterischen Nervensystem
Im enterischen Nervensystem sind afferente Neuronen, Interneurone (für Verschaltungen zwischen verschiedenen Neuronen zuständig) und Motoneurone (kontrollieren Bewegungen) zu finden. In zwei entgegengesetzte Richtungen verlaufen Interneuronketten, an denen sogenannte IPANs wirken (das steht für "intrinsische primär afferente Nervenzellen"). Diese IPANs haben die Fähigkeit, bestimmte Parameter aus dem Magen-Darm-Trakt zu erfassen. Ihre Signale werden an den Interneuronen verrechnet, wodurch es zur Signalweiterleitung kommen kann. Nach Signaleingang können Interneurone erregende oder hemmende Motoneurone in der Ring- und Längsmuskelschicht aktivieren. So kann schließlich z.B. auch die Darmbewegung (= Peristaltik) entstehen. Zusätzlich solltest du als Bestandteil des ENS auch die interstitiellen Zellen von Cajal (= Cajal’sche Zellen) kennen. Sie stehen mit Muskelzellen in Verbindung und können autonom eine Art rhythmische Kontraktion auslösen, fast wie ein Schrittmacher.
Aufgaben des enterischen Nervensystems
Das enterische Nervensystem steuert auf verschiedensten Wegen den Verdauungsvorgang. Es hat wesentlichen Einfluss auf die Darmmotilität bzw. Peristaltik (also die Bewegungen, die den Darminhalt transportieren und mischen), Absorption, Sekretion, Blutfluss und immunologische Funktionen. Man kann sagen, dass der Plexus submucosus vor allem sekretorische Aufgaben übernimmt, während der Plexus myentericus im Wesentlichen für die Peristaltik verantwortlich ist. Vollständig trennen kann man ihre Aufgabenbereiche jedoch nicht.
Das enterische Nervensystem verarbeitet eine Vielzahl von Signalen und reagiert entsprechend darauf. Er aktiviert Dehnungsrezeptoren, was über das Interneuronen-Netzwerk zur Entspannung der Ringmuskulatur ein paar Zentimeter weiter vorn führt. Dort kontrahiert jedoch die Längsmuskulatur. Hinter dem Bolus kontrahiert die Ringmuskulatur. Dies verhindert, dass der Mageninhalt wieder zum Mund hin - also oral - gedrückt wird. Es entsteht eine „Peristaltikwelle“ in aboraler (= vom Mund weg) Richtung, die sich immer weiter fortsetzt. Diese "Welle" der Peristaltik wird auch propulsive Peristaltik genannt, was die fortschreitende Bewegung beschreibt.
Steuerung und Kommunikationswege des ENS
Wie bereits beschrieben, arbeitet das enterische Nervensystem größtenteils autonom. Dennoch können Parasympathikus und Sympathikus als Modulatoren wirken. Dieser Einfluss ist am Anfang und am Ende des Magen-Darm-Trakts (also bei Nahrungsaufnahme und Defäkation), sowie in spezifischen Situationen verstärkt zu beobachten. Grundsätzlich kannst Du Dir merken, dass der Parasympathikus die Verdauung anregt (Prinzip „Rest and Digest“), während der Sympathikus die Funktionen - abgesehen von der Kontraktion der Schließmuskeln - herunterfährt (Prinzip „Fight or Flight“). Stell Dir vor, Du musst vor einer Gefahr oder Bedrohung davonlaufen. Dein Sympathikus wird aktiviert. Dein Körper muss deine Muskeln gut mit Blut versorgen, damit Du dich in Sicherheit bringen kannst. In einer solchen Gefahrensituation ist keine Zeit, um Energie an die Verdauung zu verschwenden. Die kann später ablaufen, wenn du in Sicherheit bist und die nötigen Ressourcen zur Verfügung stehen. Unter den zugehörigen Nerven besonders hervorzuheben ist der Nervus vagus (Hirnnerv X), als größter Nerv des Parasympathikus. Über den Neurotransmitter Acetylcholin wird die glatte Muskulatur aktiviert, was Peristaltik und Drüsensekretion verstärkt. Der Sympathikus hingegen bewirkt über Noradrenalin eine Verminderung der Peristaltik und einen Verschluss der Schließmuskeln. Zugleich wird die Durchblutung, sowie die Sekretion von Verdauungsenzymen durch seinen Einfluss reduziert. Sympathische und parasympathische Fasern bilden auch die Strecke zwischen enterischem Nervensystem und Gehirn. Dabei laufen deutlich mehr Informationen vom ENS zum Gehirn als andersherum. Somit passt die Bezeichnung als zweites Gehirn durchaus sehr gut.
Störungen des enterischen Nervensystems
Sicher hast Du Dir schon gedacht, dass eine gut abgestimmte Funktion des ENS sehr wichtig für unseren Körper ist. Gibt es Probleme, können sich Störungen und sogar Krankheiten ergeben. Bekannte Beispiele sind Probleme wie Reizmagen oder Reizdarm. Diese basieren wahrscheinlich auf Fehlregulierungen des ENS, oft auch ausgelöst durch Stress oder besondere Belastungen. Sie gehen zum Beispiel mit Magenschmerzen, Durchfall oder Übelkeit einher und können daher sehr unangenehm für die Betroffenen sein. Sowohl Änderungen des Lebensstils - falls Stress oder falsche Ernährung zur Symptomatik beigetragen haben - als auch beruhigende Medikamente können zur Linderung beitragen. Auch bei psychischen Erkrankungen wird dem ENS nach heutigem Wissensstand eine große Rolle zugesprochen. Das liegt daran, dass der rege Informationsfluss des ENS zum Gehirn natürlich auch einen Einfluss auf dessen Signalweiterleitung und Hormonhaushalt hat. Patient*innen wird häufig zu einer angepassten Ernährung geraten, um die Krankheitssymptome zu mildern oder gar die Krankheit zu bekämpfen. Genauso gibt es aber auch angeborene Störungen wie den "Morbus Hirschsprung". Hier fehlen der Darmwand die Ganglienzellen, was zur dauerhaften Verengung eines bestimmten Darmabschnitts führt. Der Bolus kann nicht weiter passieren und staut sich auf. Der Abschnitt vor der Störung wird immer größer. Dies ist sehr gefährlich und sollte operiert werden.
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