Die Frage, ob unser Gehirn wirklich unsere Entscheidungen trifft oder ob wir einen freien Willen besitzen, ist ein uraltes philosophisches Problem, das in den letzten Jahrzehnten durch die Fortschritte in der Hirnforschung neue Nahrung erhalten hat. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass neuronale Prozesse unseren bewussten Entscheidungen vorausgehen, was die Frage aufwirft, ob unser Gefühl der Willensfreiheit eine Illusion ist. Dieser Artikel untersucht die komplexen Aspekte dieser Debatte, indem er wissenschaftliche Erkenntnisse, philosophische Überlegungen und die Implikationen für unser Verständnis von Selbstbestimmung und Verantwortung beleuchtet.
Neurobiologische Grundlagen der Entscheidungsfindung
Die Rolle des Gehirns bei der emotionalen Bewertung von Erfahrungen
Eine aktuelle "Gehirn-Studie" des kalifornischen "Salk Institute for Biological Studies" hat ein Molekül identifiziert, das für die Verknüpfung von Emotionen mit Erinnerungen verantwortlich ist. Die Studie mit dem Titel "Neurotensin orchestrates valence assignment in the amygdala" zeigt, wie die Einstufung von positiven und negativen Erinnerungen (emotionale Valenz) mit dem Gedächtnis zusammenhängt. Die Forscher fanden heraus, dass der Neurotransmitter Neurotensin maßgeblich dafür verantwortlich ist, ob ein Geruch, ein Geschmack oder ein Geräusch als gut oder schlecht eingestuft und dann auch so gesichert wird.
Unbewusste Prozesse im Gehirn
John-Dylan Haynes vom Bernstein-Zentrum für Computational Neuroscience in Berlin betont, dass viele Prozesse im Gehirn unbewusst ablaufen. Er argumentiert, dass wir mit alltäglichen Aufgaben der Sinneswahrnehmung und Bewegungskoordination völlig überfordert wären, wenn unser Bewusstsein alle Entscheidungen kritisch analysieren müsste.
Experimentelle Evidenz für vorbewusste Entscheidungen
Haynes und sein Team führten ein Experiment durch, bei dem Freiwillige spontan Entscheidungsaufgaben lösen mussten, während ihre Hirnaktivitäten mit einem Magnetresonanztomografen (MRT) analysiert wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass bereits sieben Sekunden vor der bewussten Entscheidung aus der Aktivität des frontopolaren Kortex vorhergesagt werden konnte, welche Hand der Proband betätigen würde. Die Häufigkeit richtiger Prognosen lag deutlich über dem Zufall, was darauf hindeutet, dass die Entscheidung schon zu einem gewissen Grad unbewusst angebahnt, aber noch nicht endgültig gefallen war.
Die Libet-Experimente und die Debatte um den freien Willen
Das Bereitschaftspotenzial
Schon vor über 20 Jahren gelang es dem amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet, ein Gehirnsignal, das so genannte "Bereitschaftspotenzial" zu messen, das einer bewussten Entscheidung um einige hundert Millisekunden vorausgeht. Libets Experimente lösten eine heftige Debatte um die Willensfreiheit aus.
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Determinismus vs. freier Wille
Wenn Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen, so argumentierten einige Wissenschaftler, ist der freie Wille eine Illusion - das Gehirn entscheidet, nicht das "Ich". Andere hingegen bezweifelten die Aussagekraft der Daten, vor allem wegen der kurzen Zeitspanne zwischen Bereitschaftspotenzial und bewusster Entscheidung.
Haynes' Erweiterung der Libet-Experimente
Haynes und seine Kollegen konnten diese Zweifel an Libets Experimenten aus dem Weg räumen, indem sie die Vorbereitung der Entscheidung über weit längere Zeiträume beobachteten. Sie betonen jedoch, dass sie darin noch keinen endgültigen Beweis gegen die Existenz eines freien Willens sehen.
Wahrnehmung und Bewusstsein
Selektive Wahrnehmung
Wahrnehmung ist immer selektiv: Das Gehirn entscheidet ständig, welche Informationen wichtig genug sind, um ins Bewusstsein vorgelassen zu werden. Ein internationales Forschungsteam hat nun untersucht, welche Gehirnaktivitäten mit Änderungen in der subjektiven Wahrnehmung einhergehen, und dabei charakteristische Muster von Gehirnwellen im präfrontalen Cortex gefunden.
Binokulare Rivalität
Ein gutes Beispiel dafür ist das Phänomen der binokularen Rivalität: Wenn dem rechten Auge ein Apfel und gleichzeitig dem linken Auge eine Rose gezeigt wird, können wir niemals beide Objekte gleichzeitig wahrnehmen. Vielmehr sehen wir manchmal bewusst die Rose, dann wieder den Apfel. Die Wahrnehmung wechselt spontan, ohne Einfluss äußerer Reize, vom einen zum anderen Objekt.
Gehirnwellen und Bewusstsein
Max-Planck-Forscher haben herausgefunden, dass sich die Wechsel in der Wahrnehmung anhand der Gehirnwellen im präfrontalen Cortex vorhersagen lassen. Sie fanden typische Muster, wie sich die Aktivität im Bereich von niedrigfrequenten und Betawellen unmittelbar vor einem Wahrnehmungswechsel ändert.
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Die Globale Arbeitsraumtheorie
Theofanis Panagiotaropoulos nennt die neuen Ergebnisse eine „Verfeinerung der Globalen Arbeitsraumtheorie“, einer Bewusstseinstheorie, die dem präfrontalen Cortex eine zentrale Rolle zuschreibt.
Die Rolle des Gehirns bei Entscheidungen
Voraussage von Entscheidungen durch Hirnaktivität
Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hat gezeigt, dass mithilfe der Kernspintomographie (MRT) Gehirnaktivitäten untersucht werden können, die einer bewussten Entscheidung vorausgehen. So konnten die Forscher voraussagen, welche Wahl ein Proband treffen würde, Sekunden bevor er bewusst entschieden hatte.
Der frontopolare Cortex als Entscheidungszentrum
Die Forscher schlossen aus der Aktivität im frontopolaren Cortex und etwas zeitversetzt auch in einer Region im Scheitellappens, wie die Entscheidung ausfallen würde. Auch wenn die Wissenschaftler nicht mit absoluter Sicherheit voraussagen konnten, welche Wahl die Testpersonen treffen würden, so lag die Trefferquote mit 60 Prozent deutlich über dem Zufall.
Unbewusste Vorbereitung von Entscheidungen
Für die Wissenschaftler ist das ein Hinweis darauf, dass sich die Entscheidung zwar schon zu einem gewissen Grad unbewusst anbahnte, aber noch nicht endgültig gefallen war. Sie sehen darin jedoch keinen endgültigen Beweis gegen die Existenz eines freien Willens.
Skepsis gegenüber dem freien Willen
Die Experimente von Benjamin Libet
Schon vor mehr als 20 Jahren startete der Neuropsychologe Benjamin Libet von der Universität von Kalifornien in San Diego eine Serie von Experimenten, die die herkömmliche Vorstellung von Wille und Handlung auf den Kopf stellten. Libets Experimente lösten anschließend eine heftige Debatte um die Willensfreiheit aus.
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Die Illusion des freien Willens?
Wenn nun aber Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen, wäre der freie Wille eine Illusion - das Gehirn entschiede.
Gedächtnis und Identität
Das Gedächtnis als roter Faden der Existenz
Der Psychiater und Neurowissenschaftler Andreas Papassotiropoulos bezeichnet unser Gedächtnis als "roten Faden unserer Existenz". Wenn Ereignisse oder Informationen auf das Gehirn wirken, werden Nervenzellen aktiviert, die über Synapsen und Botenstoffe miteinander kommunizieren. Es entsteht eine Gedächtnisspur, ein sogenanntes Engramm. Dieses ist die physiologische Grundlage dafür, dass Erinnerungen später wieder abgerufen werden können.
Die Auswirkungen von Gedächtnisstörungen
Was passiert, wenn unser Gedächtnis nachlässt oder gestört wird, hat auf dramatische Weise Nicole Adam erfahren. Mit Ende 40 verliert sie durch mehrere Hirnschläge ihre Erinnerungen. "Ich bin noch auf der Suche nach mir selbst", beschreibt sie ihr Leben mit Gedächtnisstörung.
Explizites und implizites Gedächtnis
Wissenschaftler unterscheiden zwischen explizitem und implizitem Gedächtnis. Das explizite Gedächtnis, auch Wissensgedächtnis genannt, speichert Wissen, das wir bewusst erlernen und erfahren. Das implizite Gedächtnis speichert Erfahrungen und Fähigkeiten, die unbewusst abgerufen werden können, so etwa motorische Fähigkeiten.
Die Plastizität des Gehirns
Unser Gedächtnis ist ein für viele Lebensfunktionen verantwortliches unsichtbares Netzwerk im Gehirn, dass erhalten und verbessert werden kann - selbst nach einer schweren Erkrankung wie einem Schlaganfall. "Das Gehirn ist wie ein Muskel. Wenn du ihn nicht benutzt, dann wird er abgebaut."
Genetische Faktoren und Gedächtnis
Nach Angaben von Neurowissenschaftler Papassotiropoulos entscheiden zu 50 Prozent individuelle genetische Faktoren darüber, "wie gut oder schlecht das individuelle Gedächtnis ist". Sprich: Zur Hälfte bekommt man ein gutes oder weniger gutes Gedächtnis in die Wiege gelegt.
Neuronale Netzwerke und Entscheidungsfindung
Das Zusammenspiel vieler Faktoren
Entscheidungen in der Gesellschaft oder Natur ergeben sich meist durch ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren. Es ist oft ein Rätsel, welcher Faktor am Ende wie viel Einfluss auf das Ergebnis hatte. Für Hirnforscher stellt sich ein ähnliches Problem, da Entscheidungen immer auf der Aktivität vieler Nervenzellen beruhen.
Die Rolle einzelner Neuronen
Eine Forschergruppe um Matthias Bethge hat nun eine mathematische Formel entwickelt, mit der sich berechnen lässt, wie sehr ein einzelnes sensorisches Neuron in diesem Entscheidungsprozess beteiligt ist. Mithilfe der Formel lässt sich nun in Experimenten genau untersuchen, welche Nervenzellen letztendlich an Entscheidungen beteiligt sind, und ob es nur einige wenige, hoch informative, oder eher viele sensorische Neurone sind, die schließlich zur Handlungsentscheidung führen.
Die Bedeutung des Unbewussten
Das Ich als Illusion?
John-Dylan Haynes argumentiert, dass "das Ich eine Instanz ist, die hartnäckig ihren Produzenten leugnet". Er erklärt, dass alles, was aus dem Unbewussten in das Bewusstsein eindringt, vom Bewusstsein an und in sich erlebt und sich nur selbst zugeschrieben werden kann. So kommt es, dass dieses Ich all die Wünsche, die aus dem Unbewussten kommen, die Handlungsentwürfe, die auch aus dem Unbewussten kommen, sich selbst zuschreibt. "Das sind Illusionen, aber es sind sehr nützliche Illusionen. Wenn man diesen Apparat zerstört, kann der Mensch nicht mehr in komplexen Situationen handeln."
Vorbereitung von Handlungen im Gehirn
Philip Hübl betont, dass das Bereitschaftspotential im Hirn, das 300 Millisekunden vor dem Drücken eines Knopfes aufgebaut wird, mit freiem Willen nichts zu tun hat. "Willensfreiheit heißt doch: Ich entscheide mich jetzt, eine bestimmte Sache zu machen. Das können Sie doch nur dann entscheiden, wenn Sie auch wissen, dass Sie es hinkriegen."
Kritik an den Libet-Experimenten
John-Dylan Haynes äußert Kritik an den Libet-Versuchen und betont, dass die Hirnaktivität 200-300 Millisekunden vor der bewussten Entscheidung auftritt. Er fragt sich, ob diese Zeitspanne nicht zu kurz ist und ob es sich möglicherweise um einen Messfehler handelt. Er kritisiert auch, dass sich die Probanden nur für die Bewegung der Hand entscheiden konnten und ihnen keine Alternativen für Handlungen zur Verfügung standen.
Selbstbestimmte Entscheidungen
Selbst getaktete Entscheidungen
John-Dylan Haynes betont, dass die Entscheidungen, die er untersucht hat, alles selbst getaktete Entscheidungen sind, bei denen die Person sich selber aussuchen kann, wann sie die Entscheidung fällen möchte. "Das ist vielleicht eher zu vergleichen mit einer Entscheidung, wo man nicht auf eine äußere Frage reagiert, sondern eine Entscheidung zum Beispiel: Wo gehe ich studieren? Was für einen Job werde ich machen? Das sind auch selbst getaktete Entscheidungen. Da muss man nicht schnell reagieren, sondern hat Zeit, die Entscheidung im eigenen Tempo aufzubauen."
Das Duell zwischen Bewusstsein und Unbewusstem
John-Dylan Haynes beschreibt ein Experiment, bei dem Probanden in einem Duell gegen eine Maschine antreten mussten. Die Maschine versuchte, die unbewusste Entscheidung des Probanden, einen Knopf zu treten, vorherzusagen und dann ein Licht auf rot zu schalten, damit er den Durchgang verliert.
Die Möglichkeit, Entscheidungen abzubrechen
Die Ergebnisse des Experiments zeigten, dass die Probanden, nachdem das Gehirn die vorbereitende Aktivität getroffen hat, die Bewegung noch anhalten können. "Sie können also die Entscheidung noch abbrechen. Das widerspricht der Interpretation des Libet-Experimentes, nach dem dieser Prozess wie so eine Dominokette ist, wo man nicht mehr eingreifen kann. Stattdessen sieht es eher so aus, dass wir diesen Prozess anhalten können. Wir haben also noch bis zu einem ganz späten Zeitpunkt Kontrolle darüber."
Die Grenzen des Determinismus
Die Rolle des Zufalls
John-Dylan Haynes betont, dass die Entscheidung zwar nicht vollständig vorhersagbar ist, weil noch ein Rest Zufall eine Rolle spielt, aber dieser Zufall ist keiner, über den der Proband eine Kontrolle hat. "Es ist nicht so, dass man darin seinen Willen ausdrücken kann."
Die Möglichkeit, Absichten abzubrechen
Auch diese Entscheidung, eine getroffene Absicht abzubrechen, hat ihre Mechanismen im Gehirn. "Wir können also nachvollziehen, nicht nur, wie die Entscheidung ursprünglich im Gehirn zustande kommt, sondern wir können auch die Mechanismen sehen, wie diese Person die Entscheidung wieder anhält."
Die Frage nach dem Determinismus
Markus Gabriel argumentiert, dass gar nicht klar ist, ob sich der Determinismus überhaupt formulieren lässt.
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