Die Rolle des limbischen Systems bei Entscheidungen: Intuition und Emotion im Entscheidungsprozess

In einer Welt, die von Rationalität geprägt ist, wird unsere Intuition oft vernachlässigt. Wir hören nicht auf unser "Bauchgefühl", obwohl es sowohl im Alltag als auch im Berufsleben ein wertvoller Kompass sein kann, der uns vor Risiken warnt und uns zu den richtigen Entscheidungen führt. Die Intuition ist eine einzigartige Fähigkeit, die unsere Wahrnehmung und Entscheidungsfindung beeinflusst. Sie kann in den unterschiedlichsten Situationen zum Einsatz kommen und uns dabei helfen, subtile Signale und Informationen unbewusst als Muster wiederzuerkennen und mit unserer Erfahrung abzugleichen. Das „Bauchgefühl“ ist demnach nichts anderes als eine „Erinnerung“ an eine frühere emotionale Erfahrung in einer vergleichbaren Situation.

Intuition vs. bewusste Entscheidungsfindung

Intuition ist ein Gefühl, das häufig auch als ein "Bauchgefühl" beschrieben wird, das uns eine Bewertung signalisiert, ohne rationale und bewusste Kriterien zu verwenden. Intuition ermöglicht uns, auf unbewusste Prozesse zuzugreifen, um auf Basis unserer Erfahrungen eine Einschätzung von Situationen vorzunehmen (Jacob, 2023). Im Gegensatz dazu beinhaltet das bewusste Treffen von Entscheidungen einen reflektierten Prozess, bei dem Fakten, Informationen und rationale Überlegungen eine zentrale Rolle spielen. Bei bewussten Entscheidungen wird versucht, durch Abwägen von Vor- und Nachteilen, Analysieren von Daten und gezieltem Denken zu einer gut durchdachten Wahl zu gelangen.

Der Fall Phineas Gage: Die Verbindung von Emotion und Entscheidung

Im Jahr 1848 ereignete sich ein schwerer Unfall, bei dem Phineas Gage, ein Eisenbahnvorarbeiter, bei einer Sprengung eine Eisenstange durch den Kopf getrieben wurde. Obwohl er den Unfall überlebte und scheinbar keine körperlichen Beeinträchtigungen hatte, veränderte sich sein Verhalten drastisch. Er traf fortan schlechte Entscheidungen und schien die emotionalen Konsequenzen seines Handelns nicht mehr zu verstehen.

Damasio (2004) beschrieb in seinem Buch ‚Descartes’ Irrtum‘, dass alle Erfahrungen, die Menschen während ihres Lebens machen, in einem emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert werden. In einer Entscheidungssituation werden die passenden und unbewusst gespeicherten Erfahrungen blitzschnell abgerufen. Die neue Erfahrung löst somit eine automatische Bewertung in Form von Körpersignalen aus, die sich in diffusen Körperwahrnehmungen, sogenannter somatischer Marker, zeigen (Damasio, 1994). Bei guten Erfahrungen zeigt sich zum Beispiel ein positives Gefühl im Bauch, während bei schlechten Erfahrungen die Person zum Beispiel ein unangenehmes Ziehen im Bauch verspürt.

Stell dir vor, du stehst vor einer wichtigen Entscheidung: die Wahl deines Studienschwerpunkts. Während du über die verschiedenen Optionen nachdenkst, spürst du vielleicht ein leichtes Kribbeln der Vorfreude bei der Vorstellung eines bestimmten Fachgebiets oder eine unterschwellige Unruhe und Verspannung der Nackenmuskulatur bei der Betrachtung anderer Möglichkeiten.

Lesen Sie auch: Entscheidungsfindung: Ein Blick ins Gehirn

Patienten mit Schädigungen im präfrontalen Kortex können die Signale ihres Körpers nicht mehr vollständig nutzen. Amygdala, ein Hirnareal, das zum sogenannten limbischen System gezählt wird, spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewertung von emotionalen Reizen, insbesondere bei der Erkennung von potenziellen Gefahren und steuert unbewusste körperliche Reaktionen. Amygdala ist somit z. B. Angst selbst.

Das limbische System: Zentrum der Emotionen und Intuition

Das limbische System ist ein entwicklungsgeschichtlich alter Bereich des Gehirns, der sich zwischen dem Neocortex (Teil der Großhirnrinde) und dem Hirnstamm befindet. Es ist das Zentrum aller Emotionen, kontrolliert unsere Äußerungen von Wut, Angst und Freude und hat Einfluss auf das Sexualverhalten, auf vegetative Funktionen des Organismus und auf das Gedächtnis und die Merkfähigkeit.

Das limbische System reguliert das Affekt- und Triebverhalten gegenüber der Umwelt. Alle eingehenden sensorischen Informationen werden im limbischen System koordiniert und finden hier ihre emotionale Antwort. Besonders eng ist zum Beispiel der Geruchssinn mit dem limbischen System verknüpft. Auch überlebenswichtige vegetative Funktionen wie Atmung, Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Motivation werden durch unser limbisches System gesteuert.Lernvorgänge sind nur möglich, wenn den Inhalten, die gespeichert werden sollen, auch Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Um Wissen über Ereignisse im richtigen Kontext abspeichern und auch wieder abrufen zu können, sich zu erinnern (Langzeitgedächtnis), über früher Erlebtes berichten zu können und die Fähigkeit, sich in einer neuen Umgebung zurecht zu finden, sich orientieren zu können - alle diese Funktionen sind nur über unser Limbische System möglich.

Das limbische System besteht aus verschiedenen Hirnarealen, die eng miteinander verbunden sind:

  • Hippocampus: Spielt eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung und der räumlichen Orientierung.
  • Amygdala (Mandelkern): Bewertet Gedächtnisspuren mit Emotionen und ist entscheidend für die Verarbeitung von Angst und anderen Emotionen.
  • Gyrus cinguli: Wird bei Emotions- und Motivkonflikten aktiviert.
  • Insula: Verarbeitet interne Signale wie Hunger, Durst, Schmerz und emotionale Zustände und ermöglicht es, diese zu erkennen. Sie ist auch für die Interozeption bekannt.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Intuition

In einer Studie von Volz und Von Cramon (2006) wurde die neuronale Grundlage intuitiver Denkprozesse im Kontext der Wahrnehmungserkundung untersucht. Die Teilnehmerinnen erhielten kurze fragmentierte Strichzeichnungen von alltäglichen Objekten und sollten entscheiden, ob die Zeichnungen zusammenhängend waren oder nicht. Da die Aufgabe schwierig war, wurden die Teilnehmerinnen ermutigt, ihre Entscheidungen aufgrund einer "ersten Vermutung" zu treffen. Die Ergebnisse zeigten, dass intuitive Prozesse mit der Wahrnehmung von Kohärenz in Bezug auf Muster, Bedeutung oder Struktur verbunden sind. Diese Wahrnehmung äußert sich in einem emotionalen Empfinden oder "Bauchgefühl", das anschließend zukünftiges Verhalten lenkt.

Lesen Sie auch: Gehirnaktivität und Verhalten

Intuition im Geschäftskontext

In geschäftlichen Kontexten können formale Techniken der rationalen Entscheidungsfindung manchmal schwer oder unmöglich anwendbar sein (Bowman & Ambrosini, 2000). Intuition ermöglicht es Führungskräften, schnelle und intuitive Entscheidungen auf der Grundlage von Erfahrung zu treffen. Es bietet eine Art von Weisheit, die über rein rationale Überlegungen hinausgeht und hilft, Chancen zu erkennen und Risiken zu vermeiden. Die Verbindung von Intuition und Erfahrung ermöglicht eine ganzheitliche Herangehensweise an die Ideenentwicklung, bei der verborgene Zusammenhänge erkannt und innovative Lösungen gefunden werden können.

Das Bauchgefühl kann eine gründliche Analyse und Planung nicht ersetzen, sondern sollte vielmehr als ergänzende Ressource genutzt werden. Es dient dazu, Entscheidungen zu unterstützen und zusätzliche Einsichten zu gewinnen.

Emotionen und finanzielle Entscheidungen

Die Verbindung zwischen Emotionen und finanzieller Entscheidungsfindung wurde bereits in den 90er Jahren hergestellt. Patienten mit Schädigungen im präfrontalen Kortex, so wie Phineas Gage, trafen schlechtere finanzielle Entscheidungen. Interessanterweise wiesen diese Patient*innen keine emotionale Antizipation der Risiken auf, im Gegensatz zu gesunden Kontrollpersonen.

Mehrere Studien zeigen den Zusammenhang von Emotionen bei der Entscheidungsfindung und der Performance von Tradern an Finanzmärkten. Bei diesem Berufsfeld ist es relevant, schnell Entscheidungen zu treffen, ob beispielsweise eine Aktie ver- und gekauft werden soll. Eine rationale Analyse der eigenen Emotionen im Rahmen des Entscheidungsprozesses würde zu lange dauern. Jedoch kann die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen einen schnellen ersten Hinweis für die richtige Entscheidung liefern. Insula die Ursache oder die Folge der Fähigkeit zur Herzschlagwahrnehmung ist. Insula im Gehirn genutzt werden kann, um vorherzusagen, wer rechtzeitig aus einer Preisblase aussteigt. Insula, während des Auftretens der Preisblase, konnten sich rechtzeitig zurückziehen und schnitten somit deutlich besser ab als diejenigen mit geringerer Aktivierung.

Wann sollte man der Intuition vertrauen?

Intuition basiert auf einem reichen Hintergrund an gesammeltem Wissen und bewussten Erfahrungen, wodurch in der eigentlichen Entscheidungssituation weniger bewusstes Nachdenken erforderlich ist. Der Erfolg intuitiver Entscheidungen hängt daher stark von der vorhandenen Erfahrung ab. Wenn eine Person genügend Erfahrung in einer bestimmten Situation hat, kann das Bauchgefühl auf einer soliden Grundlage von vorherigen erfolgreichen Entscheidungen beruhen. Expertise des Entscheidungsträgers ab. Expertise in ihren Bereichen aufbauen. Damit nimmt der erfolgreiche Einsatz von Intuition im Laufe der Zeit zu, wenn der Mitarbeitende mehr arbeitsrelevante Erfahrung macht und domänenspezifisches Wissen erwirbt.

Lesen Sie auch: Mehr über die Psychologie hinter sprunghaften Entscheidungen

In einer Studie wurde der Frage nachgegangen, wann sich erfahrene Führungskräfte einer Bank des Financial Times Stock Exchange 100 Index auf ihr Bauchgefühl verlassen. Die Neigung der Teilnehmenden, sich auf Intuition zu verlassen, hing nicht nur von der Art der Aufgabe (z. B. Faktoren (z. B. Erfahrung und Selbstvertrauen der Teilnehmenden) ab, sondern auch von organisatorischen Kontextfaktoren (z. B. Beschränkungen und Konventionen, Verantwortlichkeit und Hierarchie, Teamdynamik und Organisationskultur; (Hensman & Sadler-Smith, 2011).

Intuitive Einschätzungen ohne ausreichende Erfahrung können jedoch weniger zuverlässig sein, da sie möglicherweise auf unvollständigen Informationen oder nicht repräsentativen Beispielen beruhen. Der Feuerwehrmann am Anfang des Artikels kann, aufgrund seiner langjährigen Erfahrung, die Einschätzung der brennenden Haussituation auf intuitive Weise meistern. Die Druckwelle und der rapide Anstieg der Hitze sind vertraute Vorboten einer möglichen Explosion, Erfahrungen aus früheren Einsätzen helfen ihm, diese Signale zu erkennen. Die Risse in den Wänden signalisieren eine instabile Gebäudestruktur, während das schrille Zischen ihn unmittelbar an den Klang erinnert, den Gas unter Druck erzeugt.

Die Balance zwischen Intuition und Rationalität

Intuition stellt eine wertvolle Quelle der Erkenntnis dar, die es uns ermöglicht, schnelle Bewertungen vorzunehmen und danach zu handeln. Es erfordert eine feinfühlige Kunst, die Balance zwischen Vernunft und Intellekt einerseits und dem Vertrauen in die eigene Intuition andererseits zu finden. Unser bewusstes Denken ist nur ein Teil unserer geistigen Leistungsfähigkeit, während das unbewusste Denken ebenfalls einen wesentlichen Anteil an der Wahrnehmung, Steuerung und Entscheidungsfindung hat. Häufig tendieren wir dazu, uns stärker auf die rationale Seite zu verlassen, womöglich aufgrund kultureller Einflüsse, die den Intellekt über die Emotionen stellen. Setzte dich bewusst mit deinen Emotionen auseinander. Sei dir aber auch deinem eigenen Wissensstand und deinen Grenzen in der Praxis bewusst.

Das limbische System und seine Auswirkungen auf unser Handeln

Das limbische System hat einen enormen Einfluss auf unser Denken, Fühlen, Handeln und letztendlich auf unsere Entscheidungen. Unser Gehirn verfügt über zwei Systeme: das implizite und das explizite System. Vereinfacht dargestellt ist das explizite System das bewusste Denken, Entscheiden, Handeln. Das implizite System ist gewissermaßen der Autopilot, der es dem Menschen ermöglicht, mit einer unglaublichen Anzahl von Anforderungen zurechtzukommen. Zum Vergleich: Das explizite System ist in der Lage, 40 bis 60 Bits pro Sekunde zu verarbeiten, das implizite hingegen verarbeitet 10.000.000 Bits pro Sekunde.

Emotionale Führung: Das limbische System als Schlüssel zum Erfolg

Das limbische System bewertet Situationen emotional, lange bevor das rationale Denken einsetzt. Es ist der Sitz von Motivation, Vertrauen und sozialen Reaktionen und steuert nach den Erkenntnissen von Gerhard Roth Verhalten auf vier Ebenen: von Grundbedürfnissen über Emotionen bis hin zu sozialem Miteinander und kognitiver Verarbeitung. Für Führungskräfte heißt das: Veränderung und Motivation beginnen immer auf der emotionalen Ebene. Erst wenn Vertrauen, Anerkennung und Sinn vermittelt werden, können rationale Argumente ihre Wirkung entfalten.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Entscheidungen manchmal, aus dem Bauch heraus besser funktionieren als sorgfältig durchdachte Strategien? Oft ist es nicht die reine Logik, die den Ausschlag gibt, sondern ein unbewusster Prozess, der bereits vorher läuft. Die Erklärung liegt in einem Teil unseres Gehirns, der uns im Alltag kaum bewusst wird: dem limbischen System. Es ist der Sitz von Emotionen, Motivation und Trieben und damit ein entscheidender Motor menschlichen Verhaltens. Bevor unser rationales Denken aktiviert wird, hat das limbische System die Situation längst emotional bewertet.

Gerhard Roth weist darauf hin, dass das limbische System eine Art Filterfunktion besitzt: Erst wenn die emotionale Ebene ein Signal der Sicherheit oder Relevanz gibt, kann der Neocortex seine ganze Leistung entfalten (Roth, 2004; Pessoa et al., 2018). Anders gesagt: Ohne emotionale „Freigabe“ bleibt die rationale Argumentation oft wirkungslos.

tags: #entscheidungen #limbisches #system