Sprunghafte Entscheidungen in der Psychologie: Eine umfassende Betrachtung

Impulsivität und sprunghaftes Verhalten sind komplexe psychologische Phänomene, die sowohl im normalen menschlichen Verhalten als auch im Kontext verschiedener psychischer Störungen auftreten können. Unsere Persönlichkeit, geprägt von Eigenschaften wie Impulsivität, Vorsicht oder Egoismus, spielt eine wesentliche Rolle dabei, wie wir uns verhalten und Entscheidungen treffen.

Was ist Persönlichkeit?

Professor Dr. Sven Barnow, Leiter des Lehrstuhls Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, definiert Persönlichkeit als die Gesamtheit aller Eigenschaften, die wir aufweisen. Sie ist ein eher schwammiger Begriff, der jedoch unser Verhalten maßgeblich beeinflusst.

Persönlichkeitsstörungen: Wenn Eigenschaften zum Problem werden

Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften können zu massivem Leidensdruck führen und den Menschen im privaten und beruflichen Alltag stark beeinträchtigen. In solchen Fällen kann eine Persönlichkeitsstörung vorliegen. Es ist wichtig zu beachten, dass die Definition einer Persönlichkeitsstörung immer eine Wertung beinhaltet, da beurteilt wird, ob gewisse Charaktereigenschaften eines Menschen stark von der Norm abweichen und somit eine psychische Störung darstellen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Persönlichkeitsstörung ein tief verwurzeltes Verhaltensmuster, das sich in starren Reaktionen auf verschiedene Lebenslagen äußert. Diese starren Reaktionen bedeuten, dass ein Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung in seinem Verhalten wenig flexibel ist und in bestimmten Situationen immer wieder auf die gleiche Art und Weise reagiert, selbst wenn die Konsequenzen negativ sind. Es fehlt die Fähigkeit, aus Erfahrungen so zu lernen, dass diese zu einer Korrektur des Verhaltens führen.

Ein Beispiel hierfür ist eine Person mit einer selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung, die Kritik immer, egal ob sie konstruktiv gemeint ist oder nicht, als extrem bedrohlich ansieht und dementsprechend ängstlich reagiert.

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Die Vielfalt der Persönlichkeitsstörungen

So wie es verschiedene Persönlichkeiten gibt, lässt sich auch zwischen Persönlichkeitsstörungen unterscheiden. Zu den wichtigsten gehören:

  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Hier stehen Stimmungsschwankungen im Vordergrund. Betroffene können von einer Sekunde auf die andere scheinbar grundlos wütend sein. Die Beziehungen zu anderen Menschen sind intensiv aber instabil, und die Person empfindet große Angst, verlassen zu werden.
  • Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Impulsivität, Aggression, mangelndes Schuldbewusstsein, Gleichgültigkeit anderen gegenüber oder gesetzeswidriges Verhalten sind typisch. Eine gängige Denkweise ist: "Die anderen verdienen es nicht besser." Es gilt, zwischen dem impulsiven Typ und dem Psychopathen zu unterscheiden. Der erste ist durchaus einfühlsam, hat seine Gefühle aber nicht unter Kontrolle. Der Psychopath kann Gefühle anderer nur kognitiv wahrnehmen.
  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung hat ein riesiges Ego und denkt, die Welt muss sich um ihn drehen. Er hält sich für grandios, was sich in Fantasien oder im Verhalten äußert. Die eigenen Leistungen werden häufig überschätzt, und die Person erwartet, bewundert zu werden.
  • Schizotypische Persönlichkeitsstörung: In sozialen Situationen ist das Verhalten unpassend und exzentrisch, was Befremden bei anderen auslöst. Die Person wirkt merkwürdig und verhält sich eigen. Sie meidet enge Beziehungen und ist sehr zurückgezogen.
  • Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung: Betroffene haben Angst, zurückgewiesen und bloßgestellt zu werden. Insgesamt sind sie meist sehr besorgt und ängstlich. Sie halten sich oft für unfähig oder unattraktiv. Das Selbstwertgefühl ist insgesamt niedrig, was zu einer Angst vor intimen Beziehungen führt.
  • Abhängige Persönlichkeitsstörung: Entscheidungen trifft der Betroffene ungern. Er überlässt sie lieber anderen oder benötigt Ratschläge und Bestätigung durch andere. Ein Mensch mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung denkt, er kann nicht alleine im Leben zurechtkommen. Die Person hält sich für inkompetent und ist oft von Trennungsängsten geplagt. Sie neigt dazu, sich unterzuordnen.
  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Hier stehen Ordnungsliebe und wenig Flexibilität im Vordergrund. Die Person hat eine klare Vorstellung von Regeln für sich und andere. Sie wirkt irritiert, wenn Regeln nicht eingehalten werden und sie die Kontrolle über andere Menschen oder eine Situation verliert.

Die ersten drei genannten Störungen (Borderline, antisozial, narzisstisch) haben ein impulsives Verhalten gemeinsam, während die letzten drei (selbstunsicher, abhängig, zwanghaft) ein ängstliches oder furchtsames Verhalten zeigen.

Diagnose und Häufigkeit von Persönlichkeitsstörungen

Das fehlangepasste und unflexible Verhaltensmuster besteht seit der Kindheit oder frühen Jugend. Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung wird aber erst gestellt, wenn die Person 18 Jahre alt ist, da abzuwarten gilt, welche Entwicklung der Jugendliche nimmt. Eine zu frühe Diagnose wäre unangemessen.

Ein Facharzt für Psychiatrie oder ein ärztlicher beziehungsweise psychologischer Psychotherapeut sollte die Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Die Diagnose ist oft sehr umstritten, weshalb es so wichtig ist, dass sie von jemandem gestellt wird, der Experte auf dem Gebiet ist. Häufig wird die Diagnose klinisch gestellt, das heißt durch den ersten Eindruck. Der Einsatz von einem strukturierten klinischen Interview bei der Diagnose von Persönlichkeitsstörungen sei aber unerlässlich.

Persönlichkeitsstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. Man geht davon aus, dass bei rund zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Je nach Datenlagen variieren die Zahlen zwischen acht und zwölf Prozent in den Studien. Die Häufigkeit hängt auch vom Alter ab. Bei Achtzehnjährigen ist die Borderline-Störung mit bis zu 4 Prozent sehr häufig.

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Verlauf und Ursachen von Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörungen verlaufen nicht so stabil wie früher angenommen. Eine Studie, die Borderline-Patienten untersuchte, stellte fest, dass nach zehn Jahren nur noch 20 Prozent die Diagnosekriterien erfüllten. Allerdings bedeutet dies nicht, dass es den anderen 80 Prozent auch wirklich immer gut geht. Es bestehen oft nach vielen Jahren noch psychische Probleme, auch wenn im engeren Sinne die diagnostischen Kriterien nicht mehr erfüllt sind.

Es gibt keine klare Antwort darauf, wer eine Persönlichkeitsstörung entwickelt. Es gibt jedoch Risikofaktoren, die es wahrscheinlicher machen, eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln:

  • Genetische Aspekte: Wenn ein Elternteil mit einer impulsiven Persönlichkeitsstörung diagnostiziert ist, dann hat das Kind ein bis zu fünf mal erhöhtes Risiko auch eine zu entwickeln.
  • Neurobiologische Ansätze: Diese untersuchen mit Hilfe bildgebender Verfahren, ob strukturelle oder funktionelle Unterschiede im Gehirn das fehlangepasste Verhalten der Persönlichkeitsstörung erklären können. Beispielsweise hat man herausgefunden, dass die Amygdala bei Psychopathen weniger stark auf emotionale Reize reagiert, was die geringere emotionale Reagibilität dieser Personen erklären mag.
  • Psychologische Erklärungsansätze: Diese konzentrieren sich unter anderem auf Kindheitserfahrungen. Auch Temperamenteigenschaften spielen eine Rolle. Wenn jemand zum Beispiel von Natur aus ängstlich ist, hat er eine größere Wahrscheinlichkeit, eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung zu entwickeln, als jemand, der eher extrovertiert ist.

Therapie von Persönlichkeitsstörungen

Derzeit gilt die Psychotherapie als die am besten geeignete Behandlungsform für Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Es gibt keine Therapie mit Medikamenten speziell für Persönlichkeitsstörungen. Psychopharmaka können lediglich bestimmte Verhaltens- und Erlebensweisen, die in Form einer Persönlichkeitsstörung auftauchen, abschwächen oder verbessern. Wenn jemand impulsiv ist, dann gibt es bestimmte stimmungsstabilisierende Medikamente. Aber jemanden medikamentös einzudecken ohne Therapie bringt nichts. Für eine Krisenintervention können Medikamente hilfreich sein, aber längerfristig, als alleinige Maßnahme, nicht.

Für manche Persönlichkeitsstörungen gibt es spezielle Therapieformen, deren Wirksamkeit durch Studien nachgewiesen werden konnten. Für andere Persönlichkeitsstörungen gibt es keine nachgewiesen wirksamen Therapieformen, was aber nicht bedeutet, dass die Behandlung unwirksam ist. Hier werden die üblichen Verfahren, wie kognitive Verhaltenstherapie und psychodynamische Verfahren - unter anderem Tiefenpsychologie - angewendet, die auch Erfolge vorweisen können.

Generell spielt in der Psychotherapie die sogenannte "Psychoedukation" eine große Rolle. Der betroffene Mensch wird vom Therapeuten ausführlich über die Diagnose aufgeklärt. Dass die Person sich in der Erklärung des Krankheitsbildes wiedererkennt, hilft, denn dadurch merkt dieser Mensch, dass er mit jemanden spricht, der weiß, was in ihm vorgeht.

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Unterstützung durch Freunde und Familie

Freunde und Familie sollten nicht zum Co-Therapeut werden. Sätze wie: ‚Ich habe gelesen, dass…’ oder ‚ich mache auch eine Therapie und mein Therapeut meinte, dass…’ bringen nichts. Wichtig sei, den Menschen mit Persönlichkeitsstörung so zu nehmen wie er ist und erst einmal zu respektieren - wenn auch nicht gutzuheißen -, dass gewisse Verhaltensmuster typisch für die Störung sind. Ermutigung zur Psychotherapie und Unterstützung während der Therapie sind hingegen wirklich hilfreich.

Die Rolle von Impulsivität bei Entscheidungen

Impulsivität spielt eine zentrale Rolle bei Entscheidungsprozessen. Sie kann dazu führen, dass Entscheidungen schnell und ohne gründliche Überlegung getroffen werden. Dies kann sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben. Einerseits kann schnelles Handeln in bestimmten Situationen von Vorteil sein, andererseits kann es zu Fehlentscheidungen und unüberlegten Handlungen führen.

Neurobiologische Grundlagen der Impulsivität

Die Neurobiologie der Impulsivität ist komplex und umfasst verschiedene Hirnregionen und Neurotransmitter. Studien haben gezeigt, dass der präfrontale Kortex, insbesondere der orbitofrontale Kortex, eine wichtige Rolle bei der Impulskontrolle spielt. Eine verminderte Aktivität in diesen Regionen kann zu erhöhter Impulsivität führen. Auch Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin sind an der Regulation von Impulsivität beteiligt.

Genetische Einflüsse auf Impulsivität

Die Genetik spielt ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung von Impulsivität. Studien haben gezeigt, dass es eine Heritabilität von Impulsivität gibt, was bedeutet, dass genetische Faktoren einen Teil der Variabilität in impulsiven Verhaltensweisen erklären können. Bestimmte Gene, die an der Dopamin- und Serotonin-Signalübertragung beteiligt sind, wurden mit Impulsivität in Verbindung gebracht.

Impulsivität und psychische Störungen

Impulsivität ist ein Kernmerkmal verschiedener psychischer Störungen, darunter:

  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): Impulsivität ist eines der Hauptsymptome von ADHS und äußert sich in Form von unüberlegten Handlungen, Schwierigkeiten, Aufgaben zu beenden, und Ungeduld.
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Impulsivität ist ein zentrales Kriterium für die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und äußert sich in Form von selbstschädigendem Verhalten wie Drogenmissbrauch, riskantem Sexualverhalten und Essstörungen.
  • Substanzmissbrauch: Impulsivität kann das Risiko für Substanzmissbrauch erhöhen, da sie zu unüberlegten Entscheidungen und Schwierigkeiten bei der Kontrolle des Konsums führen kann.
  • Spielsucht: Impulsivität ist ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Spielsucht, da sie zu unkontrolliertem Spielen und hohen Verlusten führen kann.

Strategien zur Reduktion von Impulsivität

Es gibt verschiedene Strategien, die helfen können, Impulsivität zu reduzieren und impulsive Entscheidungen zu vermeiden:

  • Achtsamkeitstraining: Achtsamkeitstraining kann helfen, das Bewusstsein für impulsive Impulse zu schärfen und die Fähigkeit zu entwickeln, diese zu kontrollieren.
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): KVT kann helfen, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu identifizieren und zu verändern, die zu Impulsivität beitragen.
  • Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT): DBT ist eine spezielle Form der KVT, die entwickelt wurde, um Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und anderen Störungen, die durch hohe Impulsivität gekennzeichnet sind, zu helfen.
  • Medikamentöse Behandlung: In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung mit stimmungsstabilisierenden Medikamenten oder Antidepressiva helfen, Impulsivität zu reduzieren.

Entscheidungsfindung unter Druck: Der Einfluss von Beziehungen

Der Grad der Beziehung zu einer Person beeinflusst, ob wir sie für moralische Verstöße bestrafen oder sie beschützen. Studien zeigen, dass Menschen eher bereit sind, eine nahestehende als eine fremde Person zu schützen und für sie zu lügen. Dieser Unterschied verstärkt sich, wenn es um schwerere Verstöße geht.

Selbstdistanzierung als Gegenmaßnahme

Eine Selbstdistanzierungs-Haltung kann diesen Effekt verringern. Mit Hilfe dieser Technik wird eine psychologische Distanz zu sich selbst sowie zu der Beziehung mit einer nahestehenden Person erzeugt. Wenn Menschen bei ihrer Entscheidung die Perspektive einer dritten Person einnehmen, verringert sich die Tendenz, nahestehende Personen bei schweren moralischen Verstößen zu schützen.

In Situationen, in denen moralische Verstöße von nahestehenden Personen verschwiegen werden, kann Selbstdistanzierung dabei helfen, sich eher für deren Bestrafung zu entscheiden.

Die Dynamik von Entscheidungen in Organisationen

In vielen Unternehmen sind Entscheidungsprozesse oft langwierig und bürokratisch. Für jede Entscheidung, die mit einer Geldausgabe verbunden ist, braucht es oft die Unterschrift eines Vorgesetzten. Dies kann zu Ineffizienz und Frustration führen.

Die Bedeutung von Dezentralisierung

Die fachlichen Kompetenzen liegen heute vor allem bei den Spezialisten im Team. Wer die Tore schießt, sollte auch die dazu notwendigen Entscheidungen treffen. Bahnbrechende Innovationen kommen nun sprunghaft, am laufenden Band und wie aus dem Nichts. Vormarsch, Zukunftsfähigkeit, Kundenorientierung, individualisierte Dienstleistungen und hohes Tempo sind nur dort machbar, wo zwischen Entscheidung und Umsetzung möglichst wenig Zeit vergeht.

Mitarbeiterbeteiligung und Eigenverantwortung

Ein guter Mitarbeiter trifft in 70 Prozent aller Fälle dieselben Entscheidungen wie sein Chef. In 20 Prozent fällt er bessere Entscheidungen, weil er näher dran ist und von einer Sache mehr Ahnung hat. Fast alle operativen Fragestellungen kann ein Team besser und vor allem auch schneller beantworten als ein Manager weit weg vom Schuss. Die Möglichkeitsräume, in denen Mitarbeiter eigenverantwortlich handeln und entscheiden dürfen, müssen demnach vergrößert werden.

Viele Unternehmen sind jedoch von solchem Denken noch sehr weit entfernt. In einer volatilen Wirtschaftswelt, in der sich ständig alles bewegt, sind viel mehr Entscheidungen zu treffen als früher. So kommt eine derartige Flut von Entscheidungsvorgängen auf die Manager zu, dass man sie selbst bei größtem Arbeitseinsatz nicht bewältigen kann.

Hindernisse für effektive Entscheidungsfindung

  • In einem komplexen Umfeld, in dem die Parameter ständig wechseln, sind Entscheidungen zu treffen, deren Tragweite man nicht mehr abschätzen kann. Zudem dauert eine adäquate Informationsbeschaffung immer länger. à Ergo: Es werden falsche Entscheidungen getroffen.
  • Da, wo Entscheidungsstärke für eine Führungskraft maßgeblich ist, dürfen Entscheidungen, selbst wenn erforderlich, nicht ständig zurückgenommen oder überarbeitet werden, denn das würde als Schwäche ausgelegt.
  • Schlechte oder falsche Entscheidungen werden von den kundennahen Mitarbeitern als erstes bemerkt. Weil es aber hierarchische Abhängigkeiten und Interessenskonflikte gibt (Gehalt, Beförderung, Urlaubsantrag), gelangen solche Hinweise nicht nach Oben.
  • Neue Ideen, die der Markt dringend bräuchte, und die die Mitarbeiter ständig hätten, werden nicht nach oben getragen. Oder der Chef blockt sie ab, wobei er seine wahren Motive verschleiert.

Die Notwendigkeit von Innovation

Neue Ideen werden etwa so gefiltert: Die Budgetsituation lässt sie nicht zu, sie sind „zu groß“, sie „passen nicht“, sie könnten das Wohlwohlen der Führungscrew kosten, sie sind politisch nicht durchsetzbar, sie scheitern an Abteilungsgrenzen. In einer klassischen Abteilungsorganisation hat eine Führungskraft kaum Interesse daran, mehr als ihren eigenen Bereich zu optimieren. Denn sie hat bonifizierte Abteilungsziele, die eine Unterstützung anderer Bereiche unvorteilhaft machen.

Entscheidungsstau führt zu immer mehr operativem Gehetze. So bleiben, wenn man im Tagesgeschäft gefangen ist, strategische Aufgaben schnell auf der Strecke. Zudem brauchen Entscheidungen derart lange, dass sie bereits überholt sind, wenn sie endlich getroffen werden. Es spricht also viel gegen Entscheidungen von oben in operativen Belangen.

Die Komplexität der multiplen Persönlichkeit

Die dissoziative Identitätsstörung wirkt so unglaublich, dass manche immer noch an ihrer Existenz zweifeln. Langsam enthüllen Forscher jedoch, wie die innere Spaltung entsteht. Betroffene besitzen laut der aktuellen Version des Diagnostischen Manuals Psychischer Krankheiten (DSM-5) mindestens zwei, oft aber viel mehr Identitäten, zwischen denen sie meist unwillkürlich hin- und herwechseln. Dabei kommt es zu typischen Gedächtnislücken - denn die eine Innenperson, wie eine Teilpersönlichkeit auch genannt wird, kann sich nicht daran erinnern, was die andere getan hat. Viele Betroffene wissen bis zur Diagnose nicht einmal, dass sie sich ihren Körper mit anderen teilen.

Die Realität der Innenpersonen

Die verschiedenen Persönlichkeitsanteile sind dabei nicht bloß unterschiedliche Facetten eines Menschen, sondern jeweils komplexe, vielschichtige Charaktere. Jede Innenperson besitzt ein eigenes Alter und Geschlecht sowie besondere Vorlieben und Ansichten. Ein Wechsel ist für Außenstehende meist gut erkennbar: Es wirkt, als würde ein anderes Wesen die Kontrolle über den Körper übernehmen. Oft verändern sich Haltung und Mimik, eine feste und sonore Stimme kann plötzlich zu einem zarten Hauchen werden. Es gibt auch deutliche physische Effekte: Innenpersonen können etwa eigene Allergien haben. Einige sind blind oder gelähmt, während der Rest keine Behinderung hat. Die Pupillen mancher sind eher klein, die anderer weit gestellt. Betroffene und Therapeuten berichten sogar, sie hätten zuweilen den Eindruck, beim Wechsel ändere sich die Augenfarbe - etwa von einem tiefen Blau zu einem hellen Türkis.

Die Kontroverse um die Diagnose

Selbst Teile der Fachwelt sind bis heute skeptisch gegenüber der dissoziativen Identitätsstörung. Ihre These: Die Medien haben das Krankheitsbild erschaffen. Anhänger des »soziokognitiven Modells« vermuten: Therapeutinnen und Therapeuten, die von der Existenz der multiplen Persönlichkeiten überzeugt sind, suggerierten ihren Patienten falsche Erinnerungen und brächten sie dazu, die innere Spaltung zu spielen, bis sie selbst daran glaubten.

Neurowissenschaftliche Beweise

Dass die Patienten bloß verschiedene Rollen spielen, widerlegten etwa Forscher um die Neurowissenschaftlerin Simone Reinders vom King's College in London 2012. Sie verglichen die Hirnaktivität von 11 Menschen mit der Diagnose mit der von 18 nicht Betroffenen, die einen Persönlichkeitswechsel imitieren sollten. Selbst die Imaginativsten unter ihnen konnten nicht das charakteristische Aktivierungsmuster erzeugen, das bei den Patienten auftrat. Der Wechsel betrifft nämlich nicht nur das vordergründige Gebaren. Es werden unterschiedliche neuronale Netzwerke aktiv, das Gehirn verarbeitet Reize plötzlich anders, und Puls, Blutdruck und sogar die Sehschärfe verändern sich sprunghaft.

Die Ursachen der Störung

Eine dissoziative Identitätsstruktur geht aus seelischem Leid hervor, das Kindern bereits vor dem fünften Lebensjahr zugefügt wurde. Besonders schwer wiegen Erlebnisse, bei denen Bezugspersonen die Kleinen absichtlich verletzen. Solche frühkindlichen Misshandlungen haben eine ausgesprochene Zerstörungskraft. Typischerweise berichten Menschen mit multipler Persönlichkeit von sexuellem Missbrauch durch Familienmitglieder, einige sogar von Prostitution im Kindesalter.

Die Theorie der strukturellen Dissoziation

Die aktuell vielversprechendste Theorie zur Störung teilt die Innenpersonen in zwei Gruppen ein: die »anscheinend normalen« und die »emotionalen« Persönlichkeitsanteile. Erstere stemmen den Alltag. Sie haben keine Erinnerung an die Gräuel und können so funktionieren. Letztere sind hingegen die Träger des Traumas. In ihnen bricht sich das Erlebte Bahn, sobald es getriggert wird.

Die Aufspaltung ist so einerseits eine Störung in der Persönlichkeitsentwicklung, andererseits ein seelischer Schutzmechanismus.

Therapieansätze

Therapeuten müssen Betroffenen zunächst helfen, Brücken zwischen den einzelnen Innenpersonen zu bauen. Erst dann können sie nach und nach anfangen, zu kommunizieren und zu kooperieren.

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