Die Entstehung von Schemata im Gehirn: Piagets Theorie und Beispiele

Einführung

Die Frage, wie unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt strukturiert sind, beschäftigt Wissenschaftler seit langem. Eine bahnbrechende Theorie zur Erklärung dieser Prozesse stammt von dem Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget. Seine Theorie der kognitiven Entwicklung beschreibt, wie sich Schemata, also grundlegende Denkmuster, im Gehirn entwickeln und wie diese unsere Interaktion mit der Umwelt prägen. Dieser Artikel beleuchtet Piagets Theorie der Schemabildung, gibt Beispiele und diskutiert die Bedeutung dieser Theorie für unser Verständnis der menschlichen Kognition.

Was sind Schemata?

Schemata sind kognitive Strukturen, die uns helfen, Informationen zu organisieren und zu interpretieren. Sie sind wie mentale Rahmen, die unser Wissen über die Welt strukturieren und uns ermöglichen, neue Informationen schnell und effizient zu verarbeiten. Ein Schema kann sich auf ein einzelnes Objekt, eine Person, eine Situation oder ein Konzept beziehen.

Beispiel: Das "Hund"-Schema

Ein einfaches Beispiel für ein Schema ist das "Hund"-Schema. Dieses Schema umfasst unser Wissen über Hunde, wie sie aussehen, welche Geräusche sie machen, wie sie sich verhalten und so weiter. Wenn wir einen Hund sehen, aktivieren wir unser "Hund"-Schema, um das Tier zu identifizieren und zu verstehen.

Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung

Piaget ging davon aus, dass Wissen konstruiert wird - die kindliche Intelligenz entwickelt sich aus einer aktiven Auseinandersetzung mit der Welt und strukturiert sich mehrmals tiefgreifend um. Bis heute beeinflussen Piagets Erkenntnisse Psychologie, Pädagogik und Neurowissenschaften.

Die Rolle von Adaption: Assimilation und Akkommodation

Piaget beschreibt die Tendenz zur Adaption, also die Anpassung an die Umwelt, als treibende Kraft und zentrale Voraussetzung für die Entwicklung. Zu diesem Bereich hat Piaget zwei zusammenhängende Prozesse definiert: Assimilation und Akkommodation.

Lesen Sie auch: Nervenzelle Ruhepotential verstehen

  • Assimilation: Die Assimilation ist ein Begriff aus der Lernpsychologie und kann auch mit Angleichung übersetzt werden. Darunter versteht man die Verallgemeinerung einer Wahrnehmung und die Zuordnung zu sogenannten Wahrnehmungsschemata. Die Assimilation dient dazu, ein inneres Gleichgewicht des Menschen herzustellen. Die Herstellung des Gleichgewichts nennt sich Äquilibration.

    • Beispiel Assimilation: Eine Mutter geht mit ihrem Kleinkind spazieren. Ihnen begegnet ein kleiner brauner Hund mit Schlappohren. Das Kind ist neugierig und die Mutter sagt, dass das Tier ein Hund ist. Das Kind merkt sich dies. Es entsteht ein Wahrnehmungsschema. Wenn das Kind jetzt wieder einem kleinen braunen Hund mit Schlappohren sieht, dann weiß es, dass es ein Hund ist. Auch wenn es nicht derselbe Hund ist. In dem Wahrnehmungsschemata des Kindes haben Hunde Schlappohren und sind braun und klein.
  • Akkommodation: Die Akkomodation ist ebenfalls ein Begriff aus der Lernpsychologie. Dieser Begriff kann mit Anpassung übersetzt werden. Anpassung, weil das Individuum sein bisheriges verinnerlichtes Wahrnehmungsschemata an die Umwelt anpasst. Neben einer Anpassung kann auch die Neuschaffung eines Schemata vorkommen. Die Akkomodation dient ebenfalls der Herstellung des inneren Gleichgewichts, also der Äquilibration.

    • Beispiel Akkomodation: Das Kleinkind begegnet jetzt dem großen schwarzen Hund. Die Mutter sagt dem Kind wieder, dass das Tier ein Hund sei. Das Kind ist zuerst verwirrt, weil es doch gelernt hat, dass ein Hund klein und braun ist und Schlappohren besitzt. Es entsteht ein Ungleichgewicht und Widerspruch im Denkprozess des Kindes. Das Kind muss das bisherige Wahrnehmungsschemata anpassen. Hunde können also klein und braun mit Schlappohren sein, aber auch groß und schwarz. So differenziert sich die Wahrnehmung des Kindes immer weiter aus. Das Kind lernt beispielsweise, dass es verschiedene Rassen gibt, welche aber alle als Hunde bezeichnet werden. Zwischen einem Mops und einem Bernhardiner besteht ein großer unterschied, aber es sind dennoch beides Hunde. Wenn sich das Kind noch weiter mit dem Thema beschäftigt, findet eine immer differenziertere Sicht auf die Thematik statt. Zum Beispiel, dass auch Wölfe und Füchse zu Hunden zählen. So wurde aus dem anfänglichen kleinen braunen Hund mit Schlappohren ein ausdifferenziertes Schemata.

Tendenz zur Organisation und Äquilibration

Mit der Organisation ist die Integration eigener Prozesse in zusammenhängende Systeme gemeint. Der zentrale Begriff im Bereich der Organisation ist die vorhin schon mehrfach angesprochene Äquilibration. Laut Piaget ist jeder Mensch dazu bestrebt durch Adaption einen Gleichgewichtszustand herzustellen. Der Mensch möchte in Harmonie leben, mit sich selbst und mit der Umwelt. Der Mensch versucht, ihm widersprüchliche und leistungsintensive kognitive Strukturen zu minimieren, um zu immer leistungsfähigeren und stabileren Strukturen zu gelangen. Es soll das Ungleichgewicht zwischen den inneren Prozessen und der Umwelt kommen. Kommt es zu einem Ungleichgewicht, einem inneren Konflikt, dann ist der Mensch bestrebt, wieder ein dynamisches Gleichgewicht herzustellen. Die Äquilibration wird von Piaget als treibende Kraft der Entwicklung angesehen, dadurch, dass das Ungleichgewicht aufgehoben wird, kommt es zu Fortschritten und neuen Stadien innerhalb der Entwicklung. Um das zu verdeutlichen, zwei Beispiele. Ein Säugling kommt zur Emotionsregulierung und Nahrungsaufnahme an die Brust der Mutter, dies ernährt ihn, aber das Saugen beruhigt den Säugling auch. Später, wenn die Mutter nicht mehr stillt, dann erhält das Kind zur Emotionsregulierung einen Schnuller. Dieser hilft dem Kind, die innere Anspannung und den Konflikt zu bewältigen. Wenn auch dieser Schnuller nicht mehr passend ist, wird etwas Neues gesucht.

Die Stufen der kognitiven Entwicklung

Piaget identifizierte vier universelle Stufen („stufenmodell von piaget“), in denen sich das Denken eines Kindes fundamental wandelt. Jede Phase bringt neue Fähigkeiten und einen neuen Blick auf die Welt mit sich. Diese Stufen sind: sensomotorische, präoperationale, konkret-operationale und formal-operationale Phase.

  1. Sensomotorische Phase (0-2 Jahre): In dieser ersten Phase erforscht das Kind die Welt mit seinen Sinnen und Bewegungen. Typisch sind Reflexhandlungen, erste Greifversuche, Zielgerichtetheit und ein grundlegendes Verständnis von Objektpermanenz - die Erkenntnis, dass Dinge weiter existieren, auch wenn sie nicht sichtbar sind.

    Lesen Sie auch: Die wissenschaftliche Grundlage der Wahrnehmung

    • Beispiel: Der berühmte Versuch, wenn ein Spielzeug unter einer Decke verschwindet - Babys vor ca. 8 Monaten noch nicht danach suchen, danach aber schon.
  2. Präoperationale Phase (2-7 Jahre): Hier lernen Kinder, Symbole und Sprache zu nutzen. Ihr Denken ist jedoch noch stark von Egozentrismus, magischem Denken und Zentrierung geprägt. Sie glauben etwa, der Mond verfolge sie oder unbelebte Dinge hätten Gefühle (Animismus).

  3. Konkret-operationale Phase (7-12 Jahre): Das Denken wird logischer, bleibt aber an konkrete Situationen gebunden. Kinder lernen, mehrere Aspekte gleichzeitig zu berücksichtigen (Dezentrierung), verstehen Prinzipien wie Invarianz, Seriation (Reihenfolgen bilden) und Klasseninklusion (Ober- und Unterkategorien).

  4. Formal-operationale Phase (ab 12 Jahren): Jugendliche lösen den Sprung zur Abstraktion: Sie können hypothetisch und systematisch denken, Alternativen durchspielen, mit "Was wäre wenn?"-Fragen experimentieren und sich in komplexe Problemlagen analytisch einarbeiten.

Jede Stufe ist wie ein "Level-Up" im eigenen Denken. Überspringen kann man sie nicht, das Tempo variiert jedoch individuell und kulturell.

Schemata in den verschiedenen Phasen

In jeder Phase der kognitiven Entwicklung entwickeln Kinder spezifische Schemata, die ihnen helfen, die Welt zu verstehen.

Lesen Sie auch: Entstehung von Alzheimer-Plaques

  • Sensomotorische Phase: In dieser Phase entwickeln Kinder Schemata für grundlegende Handlungen wie Saugen, Greifen und Schütteln. Sie lernen auch, dass Objekte weiterhin existieren, auch wenn sie nicht sichtbar sind (Objektpermanenz).
  • Präoperationale Phase: Kinder in dieser Phase entwickeln Schemata für Symbole und Sprache. Sie können sich Objekte und Ereignisse vorstellen, auch wenn sie nicht direkt vorhanden sind. Ihr Denken ist jedoch noch stark von Egozentrismus geprägt.
  • Konkret-operationale Phase: In dieser Phase entwickeln Kinder Schemata für logisches Denken. Sie können Probleme lösen, indem sie konkrete Objekte und Situationen manipulieren. Sie verstehen auch Konzepte wie Konservierung und Reversibilität.
  • Formal-operationale Phase: Jugendliche in dieser Phase entwickeln Schemata für abstraktes Denken. Sie können über hypothetische Situationen nachdenken und komplexe Probleme lösen.

Beispiele für Schemabildung im Alltag

Schemata sind allgegenwärtig in unserem täglichen Leben. Hier sind einige Beispiele, wie Schemata unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflussen:

  • Restaurantbesuch: Wir haben ein Schema für Restaurantbesuche, das uns sagt, wie wir uns in einem Restaurant verhalten sollen. Wir wissen, dass wir uns an einen Tisch setzen, eine Speisekarte auswählen, eine Bestellung aufgeben, essen und bezahlen müssen.
  • Autofahren: Wir haben ein Schema für das Autofahren, das uns sagt, wie wir ein Auto starten, lenken, bremsen und parken müssen. Dieses Schema ermöglicht es uns, das Auto automatisch zu fahren, ohne über jeden einzelnen Schritt nachdenken zu müssen.
  • Soziale Interaktionen: Wir haben Schemata für soziale Interaktionen, die uns sagen, wie wir uns in verschiedenen sozialen Situationen verhalten sollen. Wir wissen, dass wir in einem formellen Rahmen anders sprechen und uns anders verhalten müssen als in einem informellen Rahmen.

Kritik an Piagets Theorie

Kein Modell bleibt ohne Kritik - auch das "stufenmodell piaget" wurde weiterentwickelt und hinterfragt.

  • Kulturelle und individuelle Unterschiede: Piaget sah die Stufen als universal an, doch neue Studien weisen auf große Unterschiede im Entwicklungstempo und in der Reihenfolge hin - je nach Kultur und familiärem Hintergrund.
  • Fähigkeiten früher als angenommen: Forschung zeigt heute, dass Kinder in einigen Bereichen (z.B. Objektpermanenz oder sozialem Verstehen) schon früher Kompetenzen besitzen, als Piaget annahm.
  • Zu wenig Kontext und Austausch: Piaget stellt das Kind als "kleiner Wissenschaftler" dar, aber unterschätzt möglicherweise die Rolle von Interaktion, Sprache oder emotionaler Bindung bei der Entwicklung. Hier bieten lerntheoretische Ansätze (z.B. Vygotsky) wichtige Ergänzungen.

Bedeutung von Piagets Theorie für die Pädagogik

Gleichwohl bleibt Piagets "kognitive Entwicklung" ein Meilenstein. Warum ist das "stufenmodell von piaget" heute noch so relevant - und wie kann es unser Bildungssystem bereichern? Praktisch bedeutet das: Lehrkräfte und Eltern sollten Kinder und Jugendliche nicht überfordern, indem sie Denkaufgaben anbieten, denen die nötige Denkstruktur noch fehlt. Stattdessen fördert eine individuelle, entwicklungsangemessene Begleitung die Neugier und das selbstständige Erkunden. Ebenso hat Piagets Modell die Sichtweise auf Inklusion, Frühförderung und Diagnostik geprägt. Es hilft, typische Denk- und Lernfehler besser zu verstehen, Entwicklungsschritte einzuordnen und gezielt zu fördern.

tags: #entstehung #von #schemata #im #gehirn #piaget