Einführung
Die Neurologie, die Lehre von den Erkrankungen des Nervensystems, hat sich in Deutschland über die Jahrhunderte hinweg stetig weiterentwickelt. Von den ersten Versuchen, Geisteskranke unterzubringen, bis hin zu den modernen bildgebenden Verfahren und Therapien, die heute zur Verfügung stehen, hat die Neurologie einen langen Weg zurückgelegt. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Etappen und Persönlichkeiten in der Geschichte der Neurologie in Deutschland.
Anfänge der Psychiatrie und Neurologie in Preußen
Die Anfänge der Neurologie in Deutschland sind eng mit der Behandlung von Geisteskranken verbunden. In Preußen wurde die Unterbringung von Geisteskranken erst durch ein Reglement von 1702 für "irre und tolle Leute" und eine Kabinettsorder Friedrichs I. von 1709 geregelt. Berlins erste eigene "Irrenanstalt" entstand aus der Hinterlassenschaft eines Geisteskranken, der 1718 ohne Erben verstarb.
Die Charité als Zentrum der frühen Psychiatrie
Im Jahr 1798 brannte die Irrenanstalt in der Krausenstraße vollständig aus, woraufhin ein Teil der Kranken in die Charité verlegt werden musste. Im Flügel der "Alten Charité" (erbaut von 1785-1800) entstand die größte Abteilung für "Irre und Wahnwitzige" im deutschen Raum. Ernst Horn (1774-1848) wurde 1808 von der Charité-Verwaltung als erster Professor für Psychiatrie in Deutschland berufen.
Ernst Horn und die Behandlungsmethoden
Obwohl Horn, wie später Griesinger, der Ansicht war, dass Geisteskrankheiten körperliche Leiden sind, wurde er als Verfechter und Entwickler von aktiven Zwangsmaßnahmen bekannt. Drehstuhl, Drehbrett, Tretmühle sowie die langfristige Isolation waren grausame Therapieversuche. Exerzierübungen mit Holzgewehren und minutiös geplante Tagesabläufe sollten durch Disziplin und Strenge dem inneren und äußeren Chaos entgegenwirken. Die Kranken wurden wieder nach Geschlechtern eingeteilt, die "Irrenabteilung" von der Station der Geschlechtskranken getrennt und die ruhigen und unruhigen "Irren" separat untergebracht. Von 1818 bis 1828 leiteten Neumann und ab 1828 Carl Ideler unter weitgehender Übernahme der Behandlungsprinzipien die "Irren-, Deliranten-, Krampfabteilung" der Charité.
Die Entstehung der Neurologie als eigenständige Disziplin
Eine logische Konsequenz war daher, nach charakteristischen Veränderungen im Gehirn zu suchen. Heinrich-Moritz Romberg (1795-1873), Leiter der Medizinischen Poliklinik der Charité, begründete durch die Herausgabe des ersten "Lehrbuch der Nerven-Krankheiten des Menschen" (1840) eine Neugestaltung der Medizin, in der der Neurologie neben der Inneren Medizin und Psychiatrie ein eigener Platz zugewiesen wurde.
Lesen Sie auch: Die Phasen der Gehirnentwicklung im Kindesalter
Wilhelm Griesinger und die Verbindung von Psychiatrie und Neurologie
Wilhelm Griesinger (1817-1868) leitete zwischen 1865 und 1868 als erster Direktor die kombinierte neurologische und psychiatrische Abteilung und formulierte das Dogma: "Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten". Er konzipierte in Berlin eine neue Form der "Irrenanstalt", die mehr einem Krankenhaus als einem Gefängnis glich.
Carl Westphal und die Etablierung der Nervenheilkunde
Sein Schüler und Nachfolger Carl Westphal (1833-1890) war als erster ordentlicher Professor für Neurologie/Psychiatrie (1874) für die Einführung der Nervenheilkunde zum Lehrfach verantwortlich. Sein Name ist unter anderem mit der Entdeckung und Beschreibung des Kniesehnenreflexes, des Edinger-Westphal-Kernes, der Pseudosklerose (Morbus Wilson) und der Forschungen zu Erkrankungen des Rückenmarks verbunden.
Kontroversen und die Suche nach Eigenständigkeit
Nachdem Romberg wenige Jahre zuvor die Umrisse einer unabhängigen Neurologie skizziert hatte, versuchte Griesinger, die Neurologie in die Psychiatrie einzuführen. Die Zugehörigkeit der Neurologie zur Psychiatrie oder Inneren Medizin bzw. deren Eigenständigkeit war in den folgenden Jahrzehnten ein heftig und kontrovers diskutiertes Thema der deutschen Universitätspolitik.
Wernicke und Oppenheim: Pioniere der Neuropathologie
Carl Wernicke (1848-1905) und Hermann Oppenheim (1858-1919) sind die bekanntesten Mitarbeiter Westphals und Vertreter einer neuen Generation von auch neuropathologisch arbeitenden Neurologen, die sich der Korrelation morphologischer Veränderungen im Nervensystem mit klinischen Symptomen widmeten. Carl Wernicke war nur kurze Zeit als Assistenzarzt in der Charité tätig und musste nach einem Streit mit der Direktion die Klinik verlassen. Er ist ein Vertreter der Lokalisationslehre und sein Name ist untrennbar mit der Sprachforschung verbunden (Wernicke-Aphasie). Hugo Liepmann hat als Wernicke-Schüler das Krankheitsbild der Apraxie beschreiben und habilitierte 1901 an der Charité.
Hermann Oppenheim und sein Lehrbuch
Westphals Oberarzt Hermann Oppenheim schuf mit seinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten ein Standardwerk der modernen Neurologie. Oppenheim hoffte als kommissarischer Leiter der Klinik auf die Berufung als Westphals Nachfolger. Allerdings hatte Oppenheim durch seine Theorie zur traumatischen Neurose stark polarisiert und wurde wohl auch aufgrund seiner jüdischen Herkunft in seiner weiteren Karriere behindert, sodass er sich entschloss, 1891 eine eigene und sehr erfolgreiche Poliklinik zu gründen.
Lesen Sie auch: Die Bedeutung der Gehirnentwicklung im Kindesalter
Friedrich Jolly und der Bau einer eigenen Klinik
Aus Straßburg wurde der ebenfalls neurologisch orientierte Ordinarius Friedrich Jolly an die Charité berufen. Dieser erreichte nun endlich den Bau einer eigenen Psychiatrischen- und Nervenklinik, die nach den Plänen von Griesinger aus einem neurologischen und einem psychiatrischen Teil bestehen sollte. Das Gebäude zeichnete sich schon damals durch seine großzügige Architektur aus und ist auf dem Campus als "Alte Nervenklinik" bekannt und nach wie vor Zentrum der neurologischen und psychiatrischen Aktivitäten in der Charité. Jolly, dessen wissenschaftliche Akzente auf dem Gebiet der Neurologie und Neuropsychologie lagen, verstarb 1904 als das Gebäude gerade bezogen wurde.
Theodor Ziehen und Karl Bonhoeffer
Theodor Ziehen leitete die Klinik nur bis 1912, nahm dann einen Lehrstuhl für Philosophie an und wurde von Karl Bonhoeffer abgelöst. Der Wernicke-Schüler Bonhoeffer (1868-1948) hat sich als Kliniker mit psychiatrischer Orientierung durch die Darstellung der Alkoholpsychosen und symptomatischen Psychosen einen internationalen Ruf erworben.
Die Zeit des Nationalsozialismus und ihre Auswirkungen
Karl Bonhoeffer selbst hat zwar einerseits Widerstand gegen das Euthanasieprogramm gebilligt und war dagegen eingestellt, andererseits gab es eine aktive Beteiligung an den Sterilisationsprogrammen der Nationalsozialisten. Im Exodus ab 1933 mussten eine Reihe bedeutender jüdischer Wissenschaftler, Neurologen und Psychiater wie z.B. Paul Schuster, Franz Kramer, Erwin Straus, Arthur Kronfeld, Kurt Goldstein, Robert Hirschfeld, Max Bielschowski die Berliner Universität verlassen und emigrierten zumeist in die USA, nach England und Kanada.
Max de Crinis und die "Aktion Gnadentod"
Nach Karl Bonhoeffers Emeritierung 1938 wurde ein Mitglied der NSDAP und der SS, Max de Crinis (1889-1945), neuer Leiter der Klinik. De Crinis war einflussreichster Nationalsozialist im Establishment der deutschen Psychiatrie und ein Protagonist der "Aktion Gnadentod". Dieses Programm hatte zum Ziel, geistig Behinderte umzubringen, und es wird vermutet, dass De Crinis die Worte in Hitlers Ermächtigungsschreiben vom 1. September 1939 zur Euthanasieaktion formuliert hat.
Nachkriegszeit und die weitere Entwicklung
Mit Karl Leonhard wurde dann 1957 ein Psychiater und Neurologe berufen, der besonders durch die bislang differenzierteste Klassifikation der endogenen Psychosen nach nosologischen Kriterien für internationales Renommé sorgte. Darüber hinaus hat Leonhard ein vielfältiges Werk zu unterschiedlichen psychologischen, psychotherapeuthischen und biopsychologischen Themen verfasst und eine Klassifikation des menschlichen Ausdrucks hinterlassen, die Mienen, Gesten und Phone nach inhaltlichen Kriterien ordnet.
Lesen Sie auch: Entwicklung des Kleinhirns
Karl Seidel und die Modernisierung der Nervenklinik
Nach Leonhard übernahm der spätere Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik beim Zentralkomitee der SED, Karl Seidel von 1970 - 1978 die Leitung der Nervenklinik. Er trat wenig als Kliniker oder Wissenschaftler in Erscheinung, nutzte jedoch geschickt seine politischen Verbindungen, um eine weitere Modernisierung der Nervenklinik zu bewirken. Es entstand so die erste Abteilung für Computertomographie innerhalb der Neurologie in der DDR.
Neuroradiologie und Spezialisierung
Bereits 1927 gab es eine neuroradiologische Abteilung, in der Myelographien und Ventrikulographien durchgeführt wurden. Ab 1962 leitete Dagobert Müller, seit 1972 Rüdiger Lehmann die neuroradiologische Abteilung. Unter Planitzer wurde das erste Computertomographiegerät der DDR betrieben. Es kam zu einer weiteren Spezialisierung der Neurologie/Psychiatrie in Fachabteilungen für Gerichtspsychiatrie, Neuropathophysiologie, Kinderneuropsychiatrie und Arbeitsgruppen zur Neuroanatomie, Elektroenzephalographie, Elektromyographie sowie der Psycho- und Physiotherapie.
Heinz A.F. Schulze und die Aufteilung in Fachabteilungen
Mit Heinz A.F. Schulze folgte 1978 ein Schüler von Karl Leonhard und Oskar Vogt, der bis 1987 der Klinik als Direktor vorstand, während die einzelnen Abteilungen durch eigene Leiter fachlich vertreten wurden. Ab 1989 wurden dann selbstständige Lehrstühle für Neurologie, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie eingerichtet.
Die Neurologie an der Charité nach der Wiedervereinigung
Der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie Klaus-Jürgen Neumärker war dann zunächst Direktor und Nachfolger von Heinz A.F. Schulze, während die Neurologie bis 1992 von Hans Kölmel und die Psychiatrie bis 2002 von Ralf Uebelhack kommissarisch geleitet wurden. Die Neurologische Klinik der Charité wurde seit 1993 von Karl Max Einhäupl geleitet.
Die Entwicklung an der Freien Universität Berlin
Der Lehrstuhl für Neurologie war 1973 am Universitätsklinikum Charlottenburg der FU begründet worden und wurde bis 1988 von Dieter Janz geleitet, der als Epileptologe vor allem generalisierte Epilepsien bearbeitete. Von 1989 bis 1992 führte Dieter Schmidt, ebenfalls ein Epileptologe, die Abteilung. Zwischen 1992 und 1995 übernahm der Basalganglien-Experte Werner Poewe die kommissarische Leitung der Klinik, bevor er das Ordinariat in Innsbruck übernahm. Die Klinik und Poliklinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie der Freien Universität Berlin war 1969 am Universitätsklinikum Steglitz (ab 1994: UKBF) unter Leitung von Hans Schliack eröffnet worden, der 1972 dort auch die erste ordentliche Professur für Neurologie als eigenständiges Fach an den Berliner Universitäten übernahm. Nachdem Hans Schliack 1977 einem Ruf an die Medizinische Hochschule Hannover folgte, wurde die Klinik kommissarisch zunächst von Roland Schiffter geleitet.
Peter Marx und die neurovaskuläre Ausrichtung
Mit der Besetzung des Lehrstuhls für Neurologie durch Peter Marx begann die langfristige inhaltliche Prägung der Neurologie am UKBF mit neurovaskulärer Ausrichtung, die u.a. 1996 zur Gründung einer der ersten zertifizierten Stroke Units in Deutschland führte. Nach Emeritierung von Peter Marx wurden die Neurologischen Kliniken aller drei Standorte durch den verbleibenden Lehrstuhl für Neurologie von Karl Max Einhäupl zusammengeführt.
Aktuelle Entwicklungen und Forschungsschwerpunkte
Die klinische Leitung der Neurologie am CBF übernahm Arno Villringer, der bis zu seiner Berufung als Direktor am Leipziger MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften das Berliner Neuroimaging Center sowie die Excellence Graduate School Mind and Brain initiierte. In enger Verzahnung mit der Neurologischen Klinik widmet sich die Abteilung unter der Leitung von Ulrich Dirnagl insbesondere der Schlaganfallforschung, der Erforschung der Mechanismen der Regulation der Hirndurchblutung sowie der Etablierung und Validierung von funktionellen und molekularen hirnbildgebenden Verfahren. Als weitere Forschungsschwerpunkte etablierte die Arbeitsgruppe Neurophysik unter Leitung von Gabriel Curio, die neuromagnetische Messtechnik, das Berliner EEG-basierte Brain-Computer Interface sowie die Koordination der Charité-Projekte im Bernstein Center for Computational Neuroscience Berlin. In der ersten Runde der Exzellenzinitiative wurde die Graduiertenschule "Mind and Brain" bewilligt; sie wird von Arno Villinger und Michael Pauen geleitet. Seit dem 1. September 2008 nimmt Karl Max Einhäupl das Amt des Vorstandsvorsitzenden der Charité wahr. Die Klinik hat insgesamt über 160 Betten (einschließlich einer eigenen neurologischen Intensivstation und drei Stroke Units). Klinisch wird das gesamte Spektrum neurologischer Erkrankungen abgedeckt und in den Hochschulambulanzen werden jährlich über 16.000 Patienten versorgt.
Neurologie nach 1945
Die Neurologie im deutschen Sprachraum nach 1945 ist von einem vielschichtigen Verselbständigungsprozess, einer starken Technisierung der Diagnostik und zuletzt enorm erweiterten Therapiemöglichkeiten gekennzeichnet. Vertreter der deutschen Neurologie und ihre Institutionen haben in ihren Bemühungen um eine Verselbstständigung und Konturierung des Fachs mit Hilfe von Festschriften, (auto-) biographischen Beiträgen, Gedenkritualen und Erinnerungsorten ein fachkulturelles Gedächtnis etabliert. Die Entwicklung der deutschen Neurologie nach 1945 zu einem eigenständigen Fach geht grundlegend über eine Spezialisierung aus der Inneren und der Psychiatrie hinaus. Die Analyse der Institutionalisierung erfolgt anhand der klassischen Indikatoren für eine Fachverselbständigung. Neurologische Krankheitsentitäten wurden in der Nachkriegszeit in einem teilweise noch andauernden Aushandlungsprozess (neu) definiert. Die Entwicklung in Deutschland folgte dabei vor allem internationalen Vorbildern (WHO-Konsensuskonferenzen etc.). Beispielhaft werden die Definitionsprozesse die häufigsten neurologischen Erkrankungen nachgezeichnet. Die Weiterentwicklung neurophysiologischer und bildgebender Verfahren beeinflusste die diagnostischen Fortschritte neurologischer Diagnostik in besonderem Maße. Im Mittelpunkt stehen daher in diesem Konext die Technik und ihre Affordanz. Krankheitsbezogen werden beispielhaft diagnostischen Verfahren untersucht. Die Weiterentwicklung neurophysiologischer und bildgebender Verfahren beeinflusste die diagnostischen Fortschritte neurologischer Diagnostik in besonderem Maße. Übergreifend werden intellektuelle und soziale Netzwerke (u.a. „Schulen") in der deutschen Neurologie nach 1945 (re-)konstruieret. Hierbei wird angeschlossen an früheren Überlegungen zu Kontinuitäten und Brüchen. Dazu gehört auch die nicht problemlose „Re-Internationalisierung" der deutschen Neurologie.
Die Entwicklung aus der Sicht eines Zeitzeugen
Die noch immer beschleunigte Entwicklung der Neurologie in Deutschland wird nachfolgend durch einen Zeitzeugen beschrieben, der von 1965 bis 2005 im Fach gearbeitet hat. Naturgemäß betreffen die persönlichen Erfahrungen des Autors damit nur diese 40 Jahre. So kommt die ruhmreiche Vorgeschichte, die Zeit bis 1933 zu kurz, die Zeit in der die Väter unserer Neurologie weltweit führend waren. Diese Führung wurde durch den Antisemitismus in der Ära des Nationalsozialismus und die Folgen des Zweiten Weltkrieges verloren. Nachdem die deutschen Neurologen nach diesem Krieg zunächst weitgehend isoliert waren und ihnen die Teilnahme an internationalen Kongressen verwehrt war, wurde der Anschluss erst allmählich in den Jahren nach 1960 zurückgewonnen. In diesem kurzen Text wird keineswegs Vollständigkeit angestrebt, sondern eigener Subjektivität und dem Bestreben nach Kürze Raum gegeben. Es wird versucht mitzuteilen, was rückblickend wesentlich erscheint. Die Datierung der Fortschritte auf dem Weg war teilweise mühsam. Den Lesern wird Gelegenheit gegeben, die Überraschung des Autors zu teilen, darüber wie karg das neurologische Wissen und die diagnostischen Methoden vor 50 Jahren noch waren, wie rasch die nachfolgende Entwicklung verlief, wie schnell selbstverständlich wurde, was vor 20 Jahren noch keiner ahnte, wie sehr wir uns trotz des Fortschritts zu Teilen jeweils nur auf dem neuesten Stand des Irrtums befanden und wahrscheinlich auch heute befinden. Und vor allem, wie ohnmächtig und durchgehend ungeprüft die therapeutischen Bemühungen damals noch waren. Nur aus dem Vergleich von damals, vor 50 Jahren, und heute lässt sich der Fortschritt ermessen. Eine Projektion aufgrund dieser Erfahrung in die Zukunft wird nicht gewagt.
Neurologie im Gesundheitswesen der DDR
Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ist eine Tendenz der Verselbständigung der Neurologie als eigenständige medizinische Fachrichtung erkennbar. Doch diese medizinisch-wissenschaftliche Abgrenzung ging nach 1945 in Deutschland nicht immer mit einer entsprechenden institutionellen Autonomie einher. Erst in den 1950er- und 60er-Jahren zeichnete sich ein Trend zur klinischen Separierung ab, in dessen Folge an den Universitäten eigenständige Lehrstühle für Neurologie entstanden, die meisten davon in der BRD, nur wenige in der DDR. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass solche Ausdifferenzierungen in Abhängigkeit unterschiedlicher Akteure auf diversen institutionellen Ebenen von Ort zu Ort starke Differenzen aufweisen. Die Entwicklung der Neurologie im geteilten Deutschland verlief nach 1945 somit äußerst divergent: Während sich in der BRD spätestens ab Anfang der 1960er-Jahre klare Autonomiebestrebungen und eine zunehmende Abgrenzung gegenüber der Psychiatrie zeigen, blieben in der DDR beide Fächer, nicht zuletzt aus ideologischen Gründen, eng miteinander verbunden. Bisher ist aber nur wenig über die Entwicklung der Neurologie in der DDR bekannt. Eine systematische Aufarbeitung des Themas muss unter Berücksichtigung der Rolle der Neurologie innerhalb des sozialistischen Gesundheitswesens erfolgen und dabei vergleichende Aspekte einbeziehen. In dem Forschungsprojekt wurden die dafür notwendigen Voraussetzungen erarbeitet, die für eine gezielte Archivarbeit, die interviewbezogene Arbeit mit Zeitzeugen sowie die Analyse der Primärliteratur in einschlägigen Fachpublikationen erforderlich sind.
Fortschritte in der Diagnostik und Therapie
Bildgebende Verfahren
Mit den heutigen bildgebenden Verfahren wie der Computertomographie (CT), der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) und der erweiterten Darstellung der Hals- und Gehirngefäße mittels Ultraschalles und Angiographie können wir uns nicht nur das Gehirngewebe, sondern auch die Blutgefäße im Detail anschauen. Das ist wichtig, um die Größe des Schlaganfalls zu bestimmen und die Ursache zu finden.
Schlaganfalltherapie
1996 wurde zunächst in den USA und dann alsbald auch bei uns die sogenannte systemische Thrombolyse eingeführt. Hierbei handelt es sich um ein Medikament, das über die Vene gegeben werden kann, um Blutgerinnsel aufzulösen. Ein weiterer großer Fortschritt in der Therapie ist die mechanische Thrombektomie, die seit 2008 zur Verfügung steht. Sie kommt bei bestimmten Formen des ischämischen Schlaganfalls zum Einsatz, zum Beispiel wenn ein großes Hirngefäß verstopft ist. Hierbei wird unter Röntgenkontrolle ein sehr dünner Katheter über die Leiste durch die Halsschlagader bis zum Blutgerinnsel vorgeschoben. Ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Therapie des Schlaganfalls war die Einführung von Schlaganfall-Spezialstationen, den „Stroke Units“, im Jahr 1990 in Deutschland. Dieser rasante Fortschritt bei den Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Sterblichkeitsrate nach einem Schlaganfall in den letzten 30 Jahren deutlich zurückgegangen ist. Inzwischen gibt es in Krankentransportwagen integrierte Mobile Stroke Units.
Parkinson-Therapie
In den 1960er Jahren wurde dann die Therapie der Parkinson-Krankheit erstmals durch Einführung von einer Hochdosis L-Dopa durch George Cotzias revolutioniert. Die zweite Revolution nach der Entdeckung von L-Dopa kam per Zufall. 1987 entdeckte der französische Physiker und Neurochirurg Alim-Louis Benabid, dass sich durch eine Stimulation tiefer Hirnareale im Hochfrequenzbereich bei 100 Hz der Parkinsontremor nachließ. Bei der sogenannten Tiefen Hirnstimulation (THS) werden zwei Elektroden in das Gehirn eingesetzt, die über sehr feine unter der Haut liegende Kabel mit einem Hirnschrittmacher verbunden sind. Diese ist meist unter der Haut am Schlüsselbein eingesetzt. Dank der elektrischen Impulse, die vom Arzt optimal eingestellt werden können, lassen sich die allgemeine Beweglichkeit und das Zittern gut behandeln.
Spinale Muskelatrophie
Einen Durchbruch einer bislang kaum behandelbaren Erkrankung hat es erst in jüngster Zeit bei der Behandlung der spinalen Muskelatrophie gegeben. Bei der spinalen Muskelatrophie kommt es zu einem zunehmenden Verlust bestimmter Zellen, den „motorischen Vorderhornzellen oder auch alpha-Motoneuronen“ im Rückenmark. Durch diesen Verlust können die Signale vom Gehirn und zu ihnen, sowie von ihnen zu den Muskeln nicht mehr weitergeleitet werden. Die Folge ist Muskelschwund (Muskelatrophie). In der Mehrzahl der Fälle erkranken Betroffene im Kindesalter und im weiteren natürlichen Verlauf führt die Erkrankung zu einem frühen Tod oder zu schwerwiegenden motorischen Behinderungen. Auch wenn das klinische Bild sehr vielfältig und unterschiedlich sein kann, liegt die Ursache an einer genetischen Veränderung (Mutation). Dies kann mittels eines Bluttests festgestellt werden. Bei einem Defekt im SMN1-Gen (engl. Wie funktioniert das? Antisense-Oligonukleotide (ASOs) dienen einer Art von Gen-Stummschaltungs-Behandlung, in der speziell entworfene DNA-Moleküle genutzt werden, um ein „Gen auszuschalten“. Bei Patienten mit einer spinalen Muskelatrophie besteht ein Mangel an einem bestimmten Eiweiß, dem SMN-Protein. Dieser Mangel führt vorwiegend zu einem Absterben (Degeneration) von motorischen Vorderhornzellen. Dadurch wird der Verlust von Nervenzellen reduziert und die Symptome der Erkrankung können verbessert werden. So konnten in der ENDEAR-Studie 51 Prozent der Kinder mit dem SMA-Typ 1 motorische Meilensteine erreichen, die im natürlichen Verlauf (also ohne Therapie) nicht zu erwarten gewesen wären.
Die Rolle der Neuropathologie
Die Neuropathologie - als Zweig der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie - hat sich weltweit weitgehend unabhängig vom Mutterfach entwickelt. Die aufblühende Neurochirurgie, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, trug ebenfalls zur Entwicklung bei. Die Psychiatrie, besonders in der Person von Emil Kraepelin und der Gründung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München Anfang des 20. Jahrhunderts, lieferte wichtige Impulse. Diese Entwicklung verlief mit regionalen Unterschieden in der Schwerpunktsetzung in den verschiedenen Ländern Europas und Amerikas. In Deutschland kamen die stärksten Impulse aus der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie, wo die Psychiater und Neuropathologen Alois Alzheimer, Franz Nissl und Walther Spielmeyer wirkten. Aus dieser "Münchner Schule" gingen viele Anregungen für die Neuropathologie, aber auch für die gesamten Neurowissenschaften aus. Ein zweiter Strang, der vor allem in der Neurochirurgie und Neurologie fruchtbar wurde, verbindet sich mit den Namen Wilhelm Tönnis und Klaus Joachim Zülch. Beide Entwicklungslinien wurden auch als "Neuropathologie fürs Grobe und fürs Feine" bezeichnet. Die weitere Entwicklung der deutschsprachigen Neuropathologie zeichnet sich durch eine enge Verflechtung dieses Faches mit den neurologisch-klinischen Fächern aus.
Die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie
Vom 06. - 08.10.1950 wurde in Frankfurt am Main die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie gegründet. Zu dieser Gründungsversammlung, die damals unter dem Namen "Vereinigung Deutscher Neuropathologen" firmierte, haben sich 37 Herren (!) eingefunden. Die Jahrestagungen bis 1956 waren in der Regel Veranstaltungen mit oder ohne begrenzte Thematik und nur wenigen, bis 16 Vorträgen. In der Mitgliederversammlung anlässlich der 6. Tagung 1956 in Bonn wurde Gerd Peters, damals der einzige Inhaber eines Lehrstuhls für Neuropathologie in Bonn als Vorsitzender und Hans Jacob, damals noch in Hamburg, als Schriftführer in ihren Ämtern bestätigt. Anschließend wurde die Satzung der Vereinigung beschlossen. Aus dem Jahre 1956 stammt auch die Erweiterung des Personenkreises auf die Neuroanatomen. Die Vereinigung hieß dann offiziell "Vereinigung Deutscher Neuropathologen und Neuroanatomen e. V.". Am 19. Juni 1956 wurde die Vereinigung ins Vereinsregister in Hamburg eingetragen. Die folgenden Jahrestagungen der Gesellschaft standen teilweise unter Leitthemen, die die wissenschaftlichen Schwerpunkte der Zeitläufe repräsentieren. 1990 wurden die Mitglieder der "Gesellschaft für Neuropathologie" aus der ehemaligen DDR in die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie e.V.
tags: #entwicklung #der #neurologie