Eine Sehnerventzündung, auch Optikusneuritis oder Neuritis nervi optici genannt, ist eine entzündliche Erkrankung des Sehnervs, der eine zentrale Rolle bei der Weiterleitung visueller Informationen vom Auge zum Gehirn spielt. Diese Entzündung kann zu einer Beeinträchtigung des Sehvermögens führen, die meist nur vorübergehend ist, aber dennoch ernst genommen werden sollte. Besonders junge Erwachsene sind häufig betroffen, wobei Frauen deutlich häufiger erkranken als Männer.
Was ist eine Sehnerventzündung?
Der Sehnerv ist der erste Abschnitt der Sehbahn und verbindet im hinteren Bereich des Augapfels die Netzhaut (Retina) mit dem Gehirn. Er erfüllt eine zentrale Aufgabe beim Prozess des Sehens, indem er die von den Sinneszellen des Auges in Nervensignale umgewandelten Lichtstrahlen an das Gehirn weiterleitet, wo diese zu Bildern verarbeitet werden. Eine Entzündung dieses Nervs kann die Sehfähigkeit erheblich beeinträchtigen.
Ursachen einer Sehnerventzündung
Im Gegensatz zu anderen Entzündungen im Bereich des Auges, wie beispielsweise Bindehautentzündung oder Hornhautentzündung, wird eine Sehnerventzündung nicht durch Bakterien oder Viren ausgelöst. Stattdessen handelt es sich um eine Reaktion des Immunsystems, bei der körpereigene Abwehrzellen in einer Autoimmunreaktion die Fasern des Sehnervs angreifen und die Entzündung auslösen.
Eine Sehnerventzündung tritt häufig im Zusammenhang mit einer systemischen Autoimmunerkrankung auf, die mehrere Organe und Bereiche des Körpers betrifft. Ein Beispiel hierfür ist der systemische Lupus erythematodes. Sehr viel häufiger steht eine Sehnerventzündung jedoch im Zusammenhang mit Multipler Sklerose (MS).
Optikusneuritis und Multiple Sklerose
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die sehr unterschiedliche Symptome hervorrufen kann. Die Beziehung zwischen Sehnerventzündung und MS ist sehr eng: Etwa die Hälfte aller MS-Betroffenen hatte zuvor eine Sehnerventzündung, und bei etwa 15 bis 20 Prozent der MS-Patienten markiert eine Sehnerventzündung den ersten MS-Schub.
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Die Wahrscheinlichkeit, zehn Jahre nach einer Sehnerventzündung an MS zu erkranken, liegt bei etwa 40 Prozent und 40 Jahre nach der Entzündung bei etwa 60 Prozent. Das Risiko ist abhängig davon, ob es zum Zeitpunkt der ersten Sehnerventzündung bereits weitere Auffälligkeiten gibt, die in Richtung einer MS hindeuten.
Atypische Optikusneuritis
Neben der typischen, MS-assoziierten oder idiopathischen Optikusneuritis gibt es auch atypische Formen, die durch andere Ursachen bedingt sein können. Dazu gehören:
- Autoimmunerkrankungen: Neuromyelitis-optica-Spektrum-Störungen (NMOSD), Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD), Chronisch rezidivierende Immunoptikusneuropathie (CRION), Sarkoidose, Systemischer Lupus erythematodes (SLE).
- Infektionen: Lyme-Borreliose, Syphilis, Neuroretinitis, Akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM), Meningitis, Tuberkulose, Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), lokale Ausbreitung einer Sinusitis, Retinitis und Uveitis.
- Postinfektiös bzw. postvakzinal.
- Seltene Ursachen: Diabetes, perniziöse Anämie, Arteriitis temporalis, Insektenstiche, Traumata, Tumormetastasen im Sehnerv, Strahlentherapie im Schädelbasisbereich, Noxen wie Blei, Thallium, Methanol, Nikotin und Arsen, Arzneimittel, insbesondere Ethambutol und Tamoxifen.
Risikofaktoren
Einige Risikofaktoren sind mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Optikusneuritis verbunden:
- Geschlecht: Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
- Alter: Junge Erwachsene sind häufiger betroffen.
- Rauchen.
- Bestimmte Infektionen: Eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus oder Mycoplasma pneumoniae.
- Autoimmunerkrankungen.
- Familienanamnese: Eine positive Familienanamnese von Optikusneuritis oder Multipler Sklerose.
- Bestimmte HLA-Polymorphismen.
Symptome einer Sehnerventzündung
Die Symptome einer Sehnerventzündung können plötzlich auftreten und variieren in ihrer Ausprägung. Meist ist nur ein Auge betroffen (einseitig). Zu den typischen Symptomen gehören:
- Verschlechtertes Sehvermögen: Oft innerhalb kurzer Zeit. Das Sehen kann unscharf oder nebelartig erscheinen.
- Schmerzen: Vor allem bei Augenbewegungen. Diese Schmerzen treten meist plötzlich auf.
- Veränderte Farbwahrnehmung: Farben werden als schmutzig und blass wahrgenommen, besonders bei der Farbe Rot.
- Kontrastarmut: Betroffene beschreiben ihren Seheindruck als kontrastarm und dunkler.
- Dunkle Flecken oder Schatten im Sichtfeld.
Die Sehverschlechterung erreicht innerhalb von ein bis zwei Wochen ihren Tiefpunkt, danach bessert sich das Sehvermögen wieder. Mehr als die Hälfte der Menschen mit einer Sehnerventzündung erreicht auch ohne Behandlung nach zwei Monaten wieder eine normale Sehschärfe, nach einem halben Jahr sind es fast alle.
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Atypische Symptome
Abweichende Beschwerden der beschriebenen Klinik können auf eine atypische Form hinweisen. Postinfektiöse oder postvakzinale Sehnervenentzündungen treten vor allem bei Kindern auf. Das gilt auch für eine Optikusneuritis im Rahmen einer akuten disseminierten Enzephalomyelitis (ADEM). Im Gegensatz zur typischen Form sind häufiger beide Augen betroffen. Gleiches gilt für die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Störungen (NMOSD).
Im Gegensatz zur typischen Form verschwinden atypische Optikusneuritiden oft nicht spontan und können nach Absetzen von Glukokortikoiden erneut auftreten, insbesondere bei der NMOSD und der chronisch rezidivierenden Immunoptikusneuropathie (CRION).
Diagnose einer Sehnerventzündung
Wenn Sie unter Augenschmerzen leiden und/oder eine Sehverschlechterung bemerken, sollten Sie zügig eine augenärztliche Praxis aufsuchen. Ein Augenarzt wird insbesondere dann eine Sehnerventzündung vermuten, wenn Sie sowohl Schmerzen als auch eine Sehverschlechterung haben.
Untersuchungen beim Augenarzt
- Anamnese: Der Arzt wird Sie ausführlich zu Ihrer Krankheitsgeschichte befragen.
- Bestimmung der Sehschärfe: Mithilfe einer Buchstaben- oder Zahlentafel wird Ihre Sehschärfe bestimmt.
- Test der Pupillenreaktion: Der Arzt leuchtet abwechselnd mit einer kleinen Lampe in Ihre Augen und beobachtet die Reaktion Ihrer Pupillen. Bei einer Sehnerventzündung liegt häufig ein relativer afferenter Pupillendefekt (RAPD) vor.
- Prüfung der Augenbeweglichkeit: Der Arzt überprüft die Beweglichkeit Ihrer Augen und fragt, ob die Augenbewegungen Ihnen Schmerzen bereiten oder Sie Doppelbilder sehen.
- Bestimmung des Gesichtsfeldes: Mit einem Perimeter wird Ihr Gesichtsfeld getestet.
- Untersuchung des Augenhintergrundes (Funduskopie): Der Arzt beurteilt die Netzhaut und achtet auf Veränderungen der Blutgefäße und der Papille.
- Prüfung der Farbwahrnehmung: Ihre Farbwahrnehmung wird getestet, insbesondere die Farbsättigung für Rot.
- Test der Sehnervleitung (Visuell Evozierte Potentiale, VEP): Die Leitungsgeschwindigkeit des Sehnervs wird überprüft.
Weiterführende Diagnostik
Bei der Diagnose einer Sehnerventzündung ist die Frage nach der Ursache sehr wichtig. Es besteht ein enger Zusammenhang mit der MS. Ihr Augenarzt wird Sie daher an eine Facharztpraxis für Neurologie (Nervenheilkunde) überweisen. Dort wird untersucht, ob der Entzündung des Sehnervs eine MS zugrunde liegt oder ein erhöhtes MS-Risiko besteht.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Sie kann die Entzündung des Sehnervs direkt sichtbar machen, sondern auch typische Veränderungen im Gehirn, die auf eine bestehende MS oder ein erhöhtes MS-Risiko hinweisen.
- Liquoruntersuchung (Lumbalpunktion): Eine Probe der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) wird entnommen und auf Entzündungszeichen hin untersucht, die für eine MS sprechen können.
- Blutuntersuchungen: Bei einer atypischen Sehnerventzündung können andere Krankheiten ursächlich sein. Deshalb wird häufig Blut abgenommen, um es auf verschiedene Krankheitserreger oder Antikörper hin zu untersuchen.
Behandlung einer Sehnerventzündung
Die Schmerzen im Auge und die Sehverschlechterung bessern sich in der Regel auch ohne Behandlung, was ja gerade ein Merkmal der Sehnerventzündung ist. Es gibt Medikamente, die die Erholung des Sehvermögens beschleunigen oder das Rückfallrisiko verringern können.
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Medikamentöse Therapie
- Kortisontherapie: Häufig wird eine kurzzeitige hochdosierte Kortisontherapie angewendet, um die Entzündung zu reduzieren und die Erholung des Sehvermögens zu beschleunigen.
- Behandlung der Grunderkrankung: Tritt eine Sehnerventzündung im Rahmen eines MS-Schubs auf, folgt die Behandlung den Richtlinien der MS-Therapie. Hier stehen Arzneimittel zur Verfügung, die beispielsweise Veränderungen im Gehirn begrenzen, die Zahl der MS-Schübe reduzieren und damit den Krankheitsverlauf verlangsamen können.
- Immunsuppressiva: In einigen Fällen können andere immunsuppressive Medikamente verschrieben werden, um das Immunsystem zu unterdrücken und die Entzündung zu kontrollieren.
- Plasmapherese: In schweren Fällen kann eine Plasmapherese in Betracht gezogen werden. Dabei wird Blutplasma aus dem Körper entfernt, gereinigt und dann wieder in den Körper zurückgeführt.
Selbsthilfe
- Schonung: Schonen Sie sich während der akuten Entzündung.
- Vermeidung von Hitze: Vermeiden Sie Hitze, etwa Saunabesuche.
- Vorsicht im Straßenverkehr: Warten Sie mit dem Autofahren oder gefährlichen Arbeiten, bis die Entzündung ausgeheilt ist.
Prognose
Weil eine Sehschwäche nur in seltenen Fällen dauerhaft bestehen bleibt, ist die Prognose für die Sehnerventzündung selbst gut. Das Sehvermögen kehrt fast immer nach ein paar Tagen oder Wochen zurück. In manchen Fällen dauert es allerdings Monate, bevor alle Symptome verschwunden sind.
Innerhalb von 5 Jahren kommt es bei insgesamt 30 % der Patient*innen zu einem Rückfall. Dieser kann am zuerst betroffenen, aber auch am anderen Auge auftreten.
Eine grundsätzlich andere Frage sind die Behandlung einer möglichen MS beziehungsweise Vorsorgemaßnahmen. Tritt eine Sehnerventzündung im Rahmen eines MS-Schubs auf, folgt die Behandlung den Richtlinien der MS-Therapie.
Zehn Jahre nach dem ersten Auftreten einer Sehnervenentzündung liegt die Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken, bei etwa 40 %. 40 Jahre nach einer Sehnervenentzündung beträgt die Wahrscheinlichkeit für MS bereits etwa 60 %. Bei Kindern ist die Prognose besser als bei Erwachsenen.
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