Neuroborreliose: Ursachen, Symptome, Diagnose und Therapie der ZNS-Entzündung durch Borreliose

Die Neuroborreliose ist eine spezielle Verlaufsform der Lyme-Borreliose, bei der sich die Borrelien-Bakterien im Körper ausbreiten und das zentrale Nervensystem (ZNS), also Gehirn und Nervenbahnen, befallen. Diese Entzündung des ZNS kann schwerwiegende Folgen haben, ist aber bei rechtzeitiger Diagnose gut behandelbar.

Was ist Neuroborreliose?

Die Neuroborreliose ist eine seltene Form der Lyme-Borreliose, die bei etwa drei von 100 Borreliose-Erkrankten auftritt. Auslöser sind Bakterien, sogenannte Borrelien (Borrelia burgdorferi). Die Lyme-Borreliose ist eine entzündliche Multisystem-Erkrankung, die sich an unterschiedlichen Organen bemerkbar machen kann - insbesondere an der Haut, den Gelenken, am Nervensystem und am Herzen. Ist das Nervensystem - zentrales Nervensystem (ZNS) und Gehirn - von Borrelien befallen, spricht man von einer Neuroborreliose.

Ursachen der Neuroborreliose

Übertragung durch Zeckenstiche

Borrelien gelangen über den Stich einer Zecke in den Körper. Eine Ansteckung oder Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Die Erreger der Borreliose sind weltweit verbreitet. In Europa und Asien kommen verschiedene Arten vor, in den USA nur eine, was die unterschiedlichen Manifestationen der Infektionen in diesen Regionen erklärt. Überträger der Erreger sind Zecken. Anders als bei Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) können diese nicht nur in bestimmten Risikogebieten, sondern in ganz Deutschland mit Borrelien infiziert sein - allerdings in einem regional unterschiedlichen Ausmaß. Je nach Region tragen zwischen 6 und 50 Prozent der Tiere die Erreger - im Mittel sind es in Deutschland etwa 20 Prozent.

Risikofaktoren

Neuroborreliose tritt gehäuft im Juli und August auf. Risikopersonen sind Menschen, die sich beruflich (z.B. Förster, Forstarbeiter, Gärtner) oder in ihrer Freizeit oft im Garten oder in der Natur aufhalten.

Erreger

Die Lyme-Borreliose wird durch gut bewegliche, gramnegative Schraubenbakterien (Spirochäten) aus dem „B. burgdorferi s. l.“-Komplex verursacht. B. steht dabei für Borrelia und s. l. für sensu lato (im weiteren Sinn). In Europa sind das mindestens fünf verschiedene Arten: B. burgdorferi s. s. (sensu stricto = im engeren Sinn), B. afzelii, B. garinii, B. bavariensis und B. spielmanii. Die Humanpathogenität von B. bissettiae und B. lusitaniae ist noch nicht abschließend geklärt. Als Überträger auf den Menschen fungieren Schildzecken aus dem Ixodes-ricinus- und -persulcatus-Komplex, in Europa ganz überwiegend I. ricinus, auch als gemeiner Holzbock bekannt. In Deutschland sind etwa 10%-30% der Holzböcke Träger von Borrelien, in Abhängigkeit von deren Entwicklungsstadium etwa 1% der Larven, 10% der Nymphen und 20% der adulten Zecken.

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Symptome der Neuroborreliose

Die Symptome der Neuroborreliose können vielfältig sein und hängen vom Stadium der Erkrankung ab. Es lassen sich frühe und späte Symptome unterscheiden.

Frühe Neuroborreliose

Die frühe Neuroborreliose manifestiert sich meist wenige Wochen bis Monate nach dem Zeckenstich. Typische Symptome sind:

  • Brennende Nervenschmerzen
  • Gesichtslähmungen (Fazialisparese)
  • Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit (Hinweis auf Hirnhautentzündung)
  • Nichteitrige Hirnhautentzündung (Meningitis) mit starken Kopfschmerzen und hohem Fieber (besonders bei Kindern)

Die Erkrankung beginnt dann gleich mit starken Schmerzen der entzündeten Nervenwurzeln. Diese haben einen meist brennenden, bohrenden Charakter und sprechen schlecht auf Schmerzmittel an. Bei etwa drei Viertel der Betroffenen können später neurologische Ausfälle, vor allem der Hirnnerven folgen. Alle Hirnnerven, außer dem Riechnerv, können betroffen sein. Häufig kommt es zu einer einseitigen, zum Teil auch zu einer beidseitigen Lähmung des Gesichtsnervs. Diese Facialisparese ist bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen.

Späte Neuroborreliose

Die späte Neuroborreliose tritt meist Monate oder Jahre nach der Infektion auf. Zu den Symptomen gehören:

  • Nervenschäden
  • Auffällige Gangstörung ("spastisch-ataktisch")
  • Probleme beim Wasserlassen
  • Taubheitsgefühl auf der Haut
  • Enzephalomyelitis (neurologische Ausfälle, schleichende Verschlechterung des Zustandes)
  • Enzephalopathie (Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Zephalgie, Tinnitus)
  • Schlafstörungen, Depression, Reizbarkeit, chronische Müdigkeit
  • Chronische Radikuloneuropathie

Weitere Symptome

Allgemeine Symptome, wie Fieber, können ein Hinweis auf Borreliose sein. Folgende Symptome können ebenfalls auftreten:

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  • Grippegefühl
  • Müdigkeit
  • Myalgie (Muskelschmerzen)
  • Arthralgie (Gelenkschmerzen)
  • Leichtes Fieber
  • Lymphknotenschwellung
  • Rückenschmerzen
  • Appetitlosigkeit

Diagnose der Neuroborreliose

Die Diagnose der Neuroborreliose basiert auf mehreren Säulen:

Anamnese und klinische Untersuchung

Wichtig sind die Anamnese (Vorliegen eines Zeckenstichs, Aufenthalt in Risikogebieten) und die klinische Untersuchung auf typische Symptome.

Labortests

Zur Abklärung des Verdachts kann der Arzt verschiedene Labortests durchführen.

  • Nachweis von Borrelien-Antikörpern: Im Blut und der Gehirn-/Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) werden spezifische Antikörper gegen Borrelien-Bakterien untersucht. Die Ergebnisse solcher Tests lassen sich aber nicht immer eindeutig interpretieren, da auch nach einer ausgeheilten Infektion noch Antikörper nachweisbar sind.
  • Nachweis entzündlicher Liquor-Veränderungen: Im Nervenwasser werden entzündliche Veränderungen wie eine erhöhte Anzahl an weißen Blutkörperchen und eine Erhöhung des Gesamteiweißes nachgewiesen.
  • Direkter Erreger-Nachweis: In speziell dafür geschulten Laboratorien kann versucht werden, den Erreger direkt im Nervenwasser nachzuweisen (Kultur oder PCR). Dies gelingt aber nur in relativ wenigen Fällen und ist sehr zeitaufwendig.
  • CXCL13-Messung: Die Messung des CXCL13-Spiegels im Nervenwasser kann in Einzelfällen die Neuroborreliose-Diagnose unterstützen. Bei fast allen Patienten mit akuter Neuroborreliose steigt der CXCL13-Spiegel im Nervenwasser deutlich an.
  • Weitere Blutuntersuchungen: Routinemäßig werden gängige Blutparameter wie die Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit (BSG), die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und das C-reaktive Protein (CRP) bestimmt, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.

Weitere Untersuchungen

In bestimmten Fällen führt der Arzt noch weitere Untersuchungen durch, wie z.B. eine Magnetresonanztomografie (MRT), um Entzündungen von Hirngefäßen oder andere Veränderungen im Gehirn sichtbar zu machen.

Wichtige Hinweise zur Diagnostik

  • Ein positiver Antikörpertest bedeutet nicht zwangsläufig eine akute Erkrankung.
  • Ein negativer Antikörpertest schließt eine frühe Neuroborreliose nicht aus.
  • Die Diagnose sollte immer in Zusammenschau aller Befunde gestellt werden.

Therapie der Neuroborreliose

Die Neuroborreliose wird mit Antibiotika behandelt. Zur Verfügung stehen folgende Antibiotika:

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  • Doxycyclin (als Tablette)
  • Ceftriaxon (als Infusion)
  • Cefotaxim (als Infusion)
  • Penicillin G (als Infusion)

Welches Antibiotikum der Arzt im Einzelfall auswählt, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab. Eine Rolle spielt unter anderem das Alter des Patienten, Allergien oder eine Schwangerschaft. So dürfen beispielsweise schwangere Frauen und Kinder unter neun Jahren nicht mit Doxycyclin behandelt werden.

Dauer der Antibiotikatherapie

Die Dauer der Antibiotikatherapie richtet sich danach, ob eine frühe oder späte Neuroborreliose vorliegt:

  • Bei früher Neuroborreliose werden die Antibiotika im Regelfall über 14 Tage gegeben.
  • Bei später Neuroborreliose meist 14 bis 21 Tage lang.

Bei Patienten, die sechs Monate nach der Antibiotika-Therapie immer noch beeinträchtigende Beschwerden haben, untersuchen Ärzte erneut eine Probe der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit. Wenn die Anzahl der weißen Blutkörperchen immer noch erhöht ist und es keine andere Erklärung als die Neuroborreliose dafür gibt, wiederholen sie die Antibiotikatherapie.

Wichtige Hinweise zur Antibiotikatherapie

  • Bei einer Behandlung mit Doxycyclin ist es wichtig, die Patienten darüber zu informieren, dass der Verzehr von Milchprodukten, die gleichzeitige Einnahme von Magnesium oder Medikamenten zur Neutralisierung der Magensäure die Wirksamkeit des Antibiotikums einschränkt.
  • Eine längere Antibiotika-Gabe ist aus Sicht der Experten in der Regel nicht sinnvoll.

Naturheilkundliche Verfahren

Naturheilkundliche Verfahren können unterstützend zur Antibiotikatherapie eingesetzt werden, um das Immunsystem zu stärken und die Regeneration des Körpers zu fördern. Beispiele hierfür sind Darmvitamine, Aminosäuren und Spurenelemente.

Heilungschancen und Spätfolgen

Ist Neuroborreliose heilbar?

Die Neuroborreliose ist heilbar. Nur wenige Patienten berichten noch Jahre nach der Therapie von bestehenden Symptomen. Diese sind jedoch nur mild und beeinträchtigen in der Regel den Alltag nicht. Laut einer dänischen Studie hat eine ausgeheilte Neuroborreliose keine nachteiligen Auswirkungen auf die Lebenserwartung.

Post-Lyme-Disease-Syndrom (PLDS)

Bestehen nach einer behandelten Neuroborreliose auch Monate und Jahre Beschwerden, sprechen Ärzte von einem "Post-Lyme-Disease-Syndrome" oder "Post Treatment Lyme Disease Syndrome" (PTLDS), manchmal auch "(Post-)Lyme-Enzephalopathie" oder unspezifisch "Chronische Lyme-Borreliose". Dabei werden unspezifische chronische Beschwerden wie anhaltende Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwäche in Verbindung mit einer früheren Borreliose-Infektion gebracht - ohne dass sich ein entzündlich-infektiöser Prozess labordiagnostisch nachweisen lässt. Deshalb sollte man hier zuerst an andere Krankheitsbilder denken wie zum Beispiel an eine andere chronische Infektion, eine Autoimmunerkrankung oder eine Depression. Eine Antibiotika-Therapie ist bei einem Post-Borreliose-Syndrom nicht sinnvoll.

Schwierigkeiten im Spätstadium

Schwieriger ist die Situation im Spätstadium, das heißt, wenn mehrere Monate seit dem Zeckenstich vergangen sind. Zu den Schmerzen können dann Nervenschäden hinzugekommen sein. Dies kann zu einer auffälligen („spastisch-ataktischen“) Gangstörung oder zu Problemen beim Wasserlassen führen. Auch ein Taubheitsgefühl auf der Haut gehört zu den Spätschäden, die sich nach einer Antibiotika-Behandlung nicht immer zurückbilden. Eine längere Antibiotika-Gabe ist aus Sicht der Experten in der Regel nicht sinnvoll. In vorliegenden Studien seien keine Hinweise auf ein Versagen der Medikamente gefunden worden, erklären die Neurologen. Falls die Patienten weiterhin Beschwerden haben, könnte dies Folge der Gewebezerstörung durch die Bakterien sein.

Prävention

Da es keine Impfung gegen Borreliose gibt, ist der beste Schutz die Vermeidung von Zeckenstichen.

Maßnahmen zur Zeckenabwehr

  • Tragen Sie bei Aufenthalten in risikoreichen Außenbereichen lange, glatte und helle Kleidung sowie geschlossene Schuhe.
  • Suchen Sie sich und Ihre Kinder nach einem Aufenthalt im Freien gründlich auf Zecken ab.
  • Verwenden Sie Zeckenabwehrmittel (Repellents).

Richtiges Entfernen von Zecken

  • Entfernen Sie Zecken so schnell wie möglich, entweder mit einer speziellen Pinzette oder mit den Fingern.
  • Quetschen Sie die Zecke nicht, da sie dabei ihren Magen-Darm-Inhalt in die Haut erbricht.
  • Reinigen Sie die Einstichstelle nach Entfernung der Zecke mit einem Desinfektionsmittel.

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