Entzündungshemmende Ernährung bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Leitfaden

In einer Welt, in der chronische Entzündungen und gesundheitliche Herausforderungen weit verbreitet sind, gewinnt die entzündungshemmende Ernährung zunehmend an Bedeutung. Diese Ernährungsweise, die auf der Auswahl von Lebensmitteln basiert, die Entzündungen im Körper reduzieren können, wird als Schlüssel zu einem gesunden Lebensstil betrachtet. Insbesondere bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS), bei denen Entzündungsschübe eine zentrale Rolle spielen, kann eine gezielte Ernährung einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.

Entzündungen und Multiple Sklerose: Ein komplexes Zusammenspiel

Entzündungen sind eine natürliche Reaktion des Körpers auf schädliche Reize oder Verletzungen. Sie dienen dem Schutz und der Reparatur von Gewebe. Bei Multipler Sklerose spielen Entzündungen jedoch eine entscheidende Rolle im Krankheitsgeschehen. MS ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem fälschlicherweise gesundes Nervengewebe angreift. Dieser Immunangriff, der durch Entzündungen gekennzeichnet ist, führt zu Narben oder Läsionen im Gehirn und Rückenmark. Diese Läsionen und die Schädigung der Myelinscheiden, die die Nervenfasern umgeben, sind charakteristisch für MS und können dauerhafte Schäden verursachen, die die Funktion beeinträchtigen. Die Behandlung von MS zielt daher oft darauf ab, Entzündungen zu reduzieren oder zu kontrollieren, um Schübe zu verhindern oder zu mildern und die Progression der Erkrankung zu verlangsamen.

Die antientzündliche Ernährung: Ein vielversprechender Ansatz

Die antientzündliche Ernährung ist eine Ernährungsweise, die darauf abzielt, Entzündungen im Körper zu reduzieren und damit die Gesundheit zu fördern. Sie basiert auf der Auswahl von Lebensmitteln mit entzündungshemmenden Eigenschaften und der Begrenzung von Lebensmitteln, die Entzündungen fördern können. Viele Menschen mit entzündlichen Erkrankungen berichten von einer Verringerung ihrer Symptome, wenn sie eine antientzündliche Ernährung einhalten, insbesondere über einen längeren Zeitraum.

Grundprinzipien der antientzündlichen Ernährung

  • Reich an Omega-3-Fettsäuren: Antientzündliche Ernährung betont Lebensmittel, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, wie Fisch (vor allem Lachs, Makrele, Sardinen), Leinsamen und Walnüsse. Omega-3-Fettsäuren haben nachgewiesene entzündungshemmende Eigenschaften.
  • Viel frisches Obst und Gemüse: Eine große Vielfalt an Obst und Gemüse ist ein Schlüsselmerkmal. Diese Lebensmittel sind reich an Antioxidantien und Phytonährstoffen, die Entzündungen bekämpfen können.
  • Fettarme Proteine: Mageres Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte (wie Bohnen und Linsen) und pflanzliche Proteine (wie Tofu) sind bevorzugte Proteinquellen.
  • Wasser: Ausreichende Hydratation mit Wasser wird oft betont, da Dehydratation Entzündungen verstärken kann.

Proinflammatorische Lebensmittel: Was vermieden werden sollte

Proinflammatorische Lebensmittel sind Nahrungsmittel, die Entzündungsreaktionen im Körper fördern und begünstigen können. Dazu gehören:

  • Gesättigte Fette: Diese finden sich vor allem in tierischen Produkten wie Fleisch, Butter und Vollmilch.
  • Transfette: Transfette sind künstlich gehärtete Fette, die in vielen verarbeiteten Lebensmitteln wie Pommes frites, Gebäck und Backwaren, Margarine und Fast Food vorkommen.
  • Raffinierte Kohlenhydrate: Diese finden sich in Lebensmitteln wie Weißbrot, Reis und Nudeln aus weißem Mehl.
  • Lebensmittel mit einem hohen Omega-6-Fettsäuren-Gehalt: Ein Ungleichgewicht zwischen Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren in der Ernährung kann Entzündungen fördern.

Die Darm-Hirn-Achse: Eine Schlüsselverbindung bei MS

In den letzten Jahren hat die Forschung verstärkt die Rolle der Darm-Hirn-Achse untersucht. Die Darm-Hirn-Achse ermöglicht es dem Darm, über Nervenbahnen, das Immunsystem und hormonelle Signale mit dem Gehirn zu kommunizieren. Ein wichtiger Faktor in dieser Verbindung ist das Mikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen im menschlichen Darm, das maßgeblich durch die Ernährung beeinflusst wird.

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Das Mikrobiom und seine Bedeutung für MS

Ein gesundes Mikrobiom, das eine ausgewogene Anzahl nützlicher und schützender Mikroben enthält, kann dabei helfen, das Immunsystem zu regulieren und Entzündungen zu kontrollieren. Bei MS-Patienten ist das Mikrobiom jedoch häufig gestört, was zu einer übermäßigen Aktivierung des Immunsystems führen kann. Dies verstärkt die Entzündungsprozesse im Zentralnervensystem und trägt zur Schädigung der Nervenzellen bei. Studien haben gezeigt, dass MS-Patienten im Vergleich zu gesunden Menschen eine veränderte Mikrobiota aufweisen, wobei entzündungshemmende Bakterien wie Lactobacillus und Bifidobacterium weniger häufig vorkommen. Diese Ungleichgewichte, auch als Dysbiose bezeichnet, können die Immunantwort des Körpers fehlregulieren und so die Entzündungen im Körper fördern.

Ernährung und die Regulierung der Darm-Hirn-Achse

Die Ernährung hat einen enormen Einfluss auf das Mikrobiom und somit auf die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Bestimmte Nahrungsmittel und Nährstoffe können entzündungsfördernde Prozesse verstärken, während andere entzündungshemmende Effekte haben. Für MS-Patienten bedeutet das, dass eine gezielte Ernährung das Mikrobiom stabilisieren und die Krankheitsaktivität möglicherweise verringern kann.

Spezifische Ernährungsempfehlungen für MS-Patienten

Neben den allgemeinen Prinzipien der antientzündlichen Ernährung gibt es spezifische Empfehlungen, die für MS-Patienten von besonderem Interesse sein können.

Vitamin D: Ein wichtiger Faktor für das Immunsystem

Vitamin D spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Immunsystems und ist für MS-Patienten besonders wichtig. Ein Mangel an Vitamin D wurde mit einem erhöhten Risiko für MS sowie schwereren Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht. Der Körper kann Vitamin D unter Einfluss von UV-Licht selbst erzeugen. Bereits täglich 10 Minuten in der Sonne reichen aus, um genügend Vitamin D zu produzieren.

Prä- und Probiotika: Unterstützung der Darmgesundheit

Präbiotika und Probiotika spielen eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Mikrobioms und der Darm-Hirn-Achse. Präbiotika, die in Ballaststoffen enthalten sind, fördern das Wachstum nützlicher Darmbakterien, während Probiotika, lebende Mikroorganismen wie Lactobacillus oder Bifidobacterium, das Mikrobiom unterstützen können. Probiotische Lebensmittel sind Joghurt, Kefir, Sauerkraut und Kimchi. Sie können helfen, das Mikrobiom zu stabilisieren und entzündungshemmende Effekte zu erzielen. Präbiotische Lebensmittel sind Knoblauch, Zwiebeln, Spargel und Hafer. Sie fördern das Wachstum der nützlichen Bakterien im Darm.

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Weitere Ernährungskonzepte und Diäten

Es gibt verschiedene Ernährungskonzepte und Diäten, die für MS-Patienten in Frage kommen können:

  • Die Paleo-Diät: Die Paleo-Diät setzt auf unverarbeitete Nahrungsmittel wie Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Nüsse und Samen und vermeidet Getreide, Hülsenfrüchte und Milchprodukte. Diese Diät hat sich als entzündungshemmend erwiesen und unterstützt ein gesundes Mikrobiom.
  • Die ketogene Diät: Die ketogene Diät, die einen hohen Fettanteil und eine sehr reduzierte Zufuhr von Kohlenhydraten beinhaltet, könnte die Energieversorgung der Nervenzellen verbessern und Entzündungen im Körper verringern. Studien haben gezeigt, dass sich die körperlichen Behinderungen und die Müdigkeit von MS-Patienten verringerten, während ihre Gehgeschwindigkeit, Stimmung und Lebensqualität sich verbesserten. Die Blutwerte der Patienten wiesen mehr entzündungshemmende und weniger entzündungsfördernde Substanzen auf.
  • Das Wahls-Protokoll: Dieses Ernährungsprogramm wurde von der Ärztin Dr. Terry Wahls entwickelt, die selbst an MS leidet. Es basiert auf einer nährstoffreichen Ernährung, die insbesondere Omega-3-reiche Lebensmittel und viel Gemüse umfasst. Das Wahls-Protokoll hat sich als hilfreich für die Verbesserung der MS-Symptome erwiesen.
  • Mediterrane Ernährung: Eine gute Orientierung für gesunde und entzündungshemmende Lebensmittel bietet die mediterrane Ernährungsweise.

Nahrungsergänzungsmittel: Sinnvoll oder überflüssig?

Für die entzündungshemmende Ernährung bei Multipler Sklerose sind die Antioxidantien Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E und β-Karotin ebenso wie die Spurenelemente Kupfer, Selen und Zink von besonderer Bedeutung. Die Antioxidantien Vitamin A (oder β-Karotin), Vitamin C und Vitamin E werden bei einer ausgewogenen Ernährung in ausreichender Menge zugeführt. Ihr Bedarf an diesen Vitaminen kann bei einem MS-Schub jedoch erhöht sein. Die Spurenelemente Selen, Zink und Kupfer sind Bestandteil antioxidativ wirksamer, entzündungshemmender Enzyme. Sie kommen in unserem Körper in sehr geringen Mengen vor. Nahrungsergänzungsmittel sind in der Regel nicht nötig. Die Einnahme dieser Präparate sollte daher immer nur in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Eine Überversorgung kann in einigen Fällen sogar schaden.

Gluten und Milchprodukte: IndividuelleUnverträglichkeiten berücksichtigen

Forschende haben Hinweise darauf, dass Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) häufiger zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen wie etwa MS auftritt. Einzelnen Betroffenen kann ein Glutenverzicht Linderung verschaffen, dasselbe gilt für einen Verzicht auf Milchprodukte: Forschende haben gezeigt, dass Casein (Kuhmilcheiweiß) in Mäusen eine Autoimmunreaktion triggern kann, die die Nervenzellen schädigt. Bei der Umstellung auf eine entzündungshemmende Ernährung und insbesondere beim Weglassen/Wiedereinführen von Gluten und Casein sollten MS-Betroffene am besten Ernährungs- und Symptomtagebuch führen.

Praktische Tipps für die Umsetzung einer entzündungshemmenden Ernährung

  • Essen Sie abwechslungsreich und bewusst: Pflanzliche Lebensmittel, Obst und Gemüse werden den tierischen Produkten gegenüber bevorzugt, bei Getreideprodukten zudem die Vollkornvariante.
  • Ernähren Sie sich ballaststoffreich: Greifen Sie bei Broten und Brötchen eher nach der Vollkornvariante.
  • Achten Sie auf Zucker: So versteckt sich z. B. in vielen Fertigprodukten ein hoher Zuckeranteil! Besser ist es, wenn Sie Ihre Mahlzeiten frisch und selbst zubereiten. Damit haben Sie eine Kontrolle über den Zuckergehalt. Gleiches gilt für versteckte Salze.
  • Trinken Sie reichlich Wasser: Nehmen Sie sich Zeit, wenn Sie etwas essen, und kauen Sie gründlich.
  • Gönnen Sie sich hin und wieder auch etwas Besonderes: Ob Kuchen, Pizza oder Wein. Im Rahmen eines gemütlichen Abendessens oder eines festlichen Anlasses müssen Sie nicht vollständig darauf verzichten. Versuchen Sie jedoch, von einem regelmäßigen oder intensiven Genuss alkoholischer Getränke abzusehen.
  • Vermeiden Sie Margarine: Margarine ist pflanzlich, Butter ist tierisch. In tierischen Produkten steckt die Arachidonsäure, die ein Vorbote für entzündungsfördernde Botenstoffe ist.
  • Berücksichtigen Sie Ihre individuellen Bedürfnisse und Vorlieben: Einige Menschen können Nahrungsmittelintoleranzen oder Allergien haben, die berücksichtigt werden müssen.

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