Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die sowohl bei Menschen als auch bei Hunden auftreten kann. Bei Hunden manifestiert sie sich durch wiederholte Fehlfunktionen des Großhirns, bei denen das Gleichgewicht zwischen elektrischer Ladung und Entladung der Nervenzellen vorübergehend gestört ist. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Epilepsie, insbesondere Cluster-Anfälle, ihre Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, die durch eine dauerhafte Veranlagung zu epileptischen Anfällen gekennzeichnet ist. Ein epileptischer Anfall entsteht, wenn sich Gruppen von Nervenzellen im Gehirn übermäßig und/oder abnormal entladen. Dies kann zu vorübergehenden Symptomen wie Krämpfen, Zuckungen und anderen Verhaltensauffälligkeiten führen. Definitionsgemäß liegt bei einem Hund Epilepsie vor, wenn beispielsweise mindestens zwei epileptische Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden auftreten.
Cluster-Anfälle
Cluster-Anfälle sind definiert als zwei oder mehr Anfälle, die innerhalb eines Zeitraums von 24 Stunden auftreten. Diese Art von Anfällen kann besonders besorgniserregend sein, da sie auf eine schwerere Form der Epilepsie hindeuten oder das Risiko eines Status epilepticus erhöhen können.
Status epilepticus
Als Status epilepticus bezeichnet man einen Anfall, der länger als 5 Minuten andauert oder zwei oder mehrere Anfälle hintereinander, bei denen der Hund in der Zeit zwischen den Anfällen nicht wieder zu Bewusstsein kommt. Dies ist ein medizinischer Notfall, der sofortige tierärztliche Behandlung erfordert.
Ursachen von Epilepsie
Die Ursachen von Epilepsie sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:
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Idiopathische Epilepsie
Die idiopathische Epilepsie ist die häufigste Form der Epilepsie bei Hunden, bei der die Ursache unbekannt ist. Betroffene Tiere sind beim ersten Anfall zwischen 1 und 5 Jahren alt, und die Anfälle treten zunächst in großen zeitlichen Abständen auf. Bei einigen Rassen wurde bereits eine genetische Disposition nachgewiesen, wie beispielsweise beim Rhodesian Ridgeback, bei dem ein Gendefekt identifiziert wurde, der für eine bestimmte Epilepsieform verantwortlich ist.
Strukturelle (sekundäre symptomatische) Epilepsie
Diese Form der Epilepsie wird durch andere Erkrankungen des Gehirns ausgelöst, wie z.B. Hirntumore, Schädeltraumata, Hirnblutungen oder Gehirn(haut)entzündungen. Im MRT können Veränderungen im Gehirn sichtbar sein.
Metabolische Epilepsie
Metabolische (organische) Erkrankungen wie eine gestörte Leberfunktion, Unterzuckerung oder Veränderungen der Blutsalze, insbesondere des Calciumspiegels, können das Anfallsrisiko erhöhen.
Akut symptomatische Anfälle (ASA)
Unter akut symptomatischen Anfällen (ASA) versteht man epileptische Anfälle, die zeitnah zu einem auslösenden Ereignis auftreten. Die Ursachen der ASA sind mannigfaltig und reichen von vaskulären Ereignissen über Infektionen bis zu metabolisch/toxischen Ursachen.
Elektrolytentgleisungen
Akut auftretende und schwere Elektrolytentgleisungen können ASA zugrunde liegen. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat für die unterschiedlichen Elektrolytstörungen Grenzwerte angegeben.
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Hyponatriämie
Eine Vielzahl von internistischen Erkrankungen und Störungen führt zu einer Hyponatriämie. Die häufigsten Ursachen sind dabei eine Verdünnungshyponatriämie oder eine übermäßige Wasseraufnahme. Beghi et al. definierten einen Natriumwert < 115 mg/dl als Grenzwert, ab dem sich das Risiko für ASA deutlich erhöht.
Hypernatriämie
Neurologische Komplikationen treten meist nur dann auf, wenn der Natriumwert innerhalb von wenigen Stunden sehr rasch ansteigt. Auch eine zu rasche Korrektur der Hypernatriämie kann durch ein dadurch entstehendes Hirnödem in bis zu 40 % der Patienten zu ASA führen. Ein Natriumwert > 170 mg/dl wird als schwere Hypernatriämie bezeichnet.
Hypokalziämie
Die klassischen klinischen Manifestationen der Hypokalziämie sind Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle. Eine der wohl häufigsten Ursachen der Hypokalziämie ist der Hypoparathyreoidismus, welcher idiopathisch, postoperativ nach Thyreoidektomie oder sekundär im Rahmen eines Nierenversagens auftreten kann.
Magnesiummangel
Bilateral tonisch klonische Anfälle im Sinne eines ASA können im Rahmen eines ausgeprägten Magnesiummangels entstehen. Der Magnesiummangel entsteht meist durch Diarrhö, Missbrauch von Abführmittel oder durch Medikamente wie Thiaziddiuretika und Cyclosporine.
Diabetes mellitus (DM)
Ein Diabetes mellitus (DM), unabhängig ob Typ I oder II, ist mit dem Auftreten von epileptischen Anfällen und mit Epilepsien assoziiert. Hyperglykämien führen immer wieder zu akut symptomatischen Anfällen. Eine nennenswerte Sonderform ist hierbei sicher die nichtketotische Hyperglykämie, die sich meist als fokal motorische Anfälle manifestiert. Hypoglykämien sind v. a. bei Neugeborenen und Kindern mit ASA verbunden, wobei hier die Gefahr der Entwicklung einer Epilepsie aufgrund von rezidivierenden neonatalen Hypoglykämien im Vordergrund steht.
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Schilddrüsenerkrankungen
Schilddrüsenhormone können die Erregungsbereitschaft im Gehirn steigern. Vor allem im Rahmen von thyreotoxischen Zuständen können in seltenen Fällen ASA auftreten. Deutlich höher liegt das Risiko bei der sog. „steroid responsive encephalopathy associated with autoimmune thyroiditis (SREAT)“, welche in 40 % der Fälle mit ASA einhergeht. Eine Hypothyreose führt nur bei langfristiger, unbehandelter Unterfunktion oder im Rahmen eines Myxödemkomas zu ASAs.
Leberfunktionsstörungen
Akute wie chronische Leberfunktionsstörungen führen oft zu weiteren neurologischen Komplikationen. Allen voran ist hierbei die hepatische Enzephalopathie zu nennen, die einen direkten Einfluss auf das Zerebrum hat. In fulminanten Fällen können Patienten im Rahmen der hepatischen Enzephalopathie akut symptomatische Anfälle, ein Koma und in schweren Fällen auch ein klinisch relevantes Hirnödem entwickeln.
Nierenerkrankungen
In der Literatur findet sich kein Hinweis, dass Nierenfunktionseinschränkungen oder Niereninsuffizienzen direkt mit dem Auftreten von ASA zusammenhängen. Allerdings kann eine fortgeschrittene chronische Niereninsuffizienz zu einem „posterioren reversiblen Enzephalopathiesyndrom“ (PRES) führen oder dessen Entstehung zumindest begünstigen.
Systemischer Lupus erythematodes (SLE)
ASA treten bei systemischen Lupus erythematodes (SLE) meist im Rahmen einer systemischen Exazerbation auf.
Entzündliche Darmerkrankungen
Im Rahmen entzündlicher Darmerkrankungen wie der Colitis ulcerosa und des Morbus Crohn können unterschiedliche neurologische Symptome entstehen, die sowohl das periphere als auch das zentrale Nervensystem beeinflussen. ASA werden nur selten und auch nur indirekt durch chronisch entzündliche Darmerkrankungen ausgelöst.
Alkohol
Sowohl eine akute Alkoholintoxikation als auch der Alkoholentzug führen zu akut symptomatischen Anfällen. Alkoholassoziierte Anfälle sind für fast jede dritte anfallsbedingte Krankenhausvorstellung verantwortlich.
Drogen
Eine Vielzahl von meist illegalen Drogen können auch in niedrigen Dosen akut symptomatische Anfälle auslösen. Bei narkotisierenden Substanzen wie Benzodiazepinen, synthetischen Cannabinoiden, γ‑Hydroxy-Butansäure (GHB) oder Opiaten treten diese eher im Entzug auf. Andere Substanzen wie Benzoylecgoninmethylester (Kokain), dessen Konsumform Crack, Methamphetamine, Phenylcyclohexylpiperidin und andere synthetische Stimulanzien haben ein hohes Risiko der Provokation von ASA während des Gebrauchs.
Medikamente
Es sind 1,4-14 % der ASA medikamentös-toxischer Genese. Umgekehrt gehen 1,3-5,2 % aller Vergiftungen mit epileptischen Anfällen einher. Neuroleptika und antipsychotische Medikamente sind mit einem vermehrten Auftreten von epileptischen Anfällen verknüpft.
Diagnose von Epilepsie
Die Diagnose der Epilepsie erfolgt in der Regel nach dem Ausschlussverfahren. Der Tierarzt sammelt zunächst wichtige Hinweise über das Krankheitsgeschehen durch eine ausführliche Besitzerbefragung (Anamnese). Details wie eine vorherige Medikamentenverabreichung, die Aufnahme von giftigen Substanzen oder eine familiäre Disposition beschleunigen die Diagnosestellung.
Neurologische Untersuchung
Der Tierarzt führt eine neurologische Untersuchung durch, um mögliche Ursachen für die Anfälle zu identifizieren.
Bildgebende Verfahren
Durch bildgebende Verfahren wie MRT oder CT ist die Veterinärmedizin in der Lage, strukturelle Hirnveränderungen wie z.B. Tumoren zu identifizieren.
Blut- und Urinuntersuchungen
Mit Blut- und Urinproben werden beispielsweise bestimmte Organfunktionen überprüft.
Elektroenzephalografie (EEG)
Die Elektroenzephalografie (EEG) misst die elektrische Aktivität des Gehirns und kann abnorme Muster, die auf eine Epilepsieform hinweisen, erkennen.
Behandlung von Epilepsie
Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Schwere der Anfälle zu reduzieren. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache der Epilepsie.
Behandlung der Grunderkrankung
Bei strukturellen Epilepsien wird die Grunderkrankung behandelt. Bei Infektionen, die zu Hirnhautentzündungen führen, hängt die Therapie von der Art der Infektion ab.
Antiepileptika
Zusätzlich zur Behandlung der Grundursache werden bei struktureller Epilepsie auch Antiepileptika eingesetzt. Bei einer idiopathischen Epilepsie entscheiden die Häufigkeit, Intensität und Dauer der Anfälle darüber, ob und wie das Tier behandelt werden muss. Da genetische Epilepsien nicht heilbar sind, kann nur im Rahmen einer medikamentösen Dauertherapie versucht werden, die Anfälle zu kontrollieren und abzuschwächen.
Management während eines Anfalls
Sollte ihr Hund deutliche Anzeichen eines bevorstehenden Anfalls zeigen, können Sie ihn in eine Umgebung mit möglichst geringem Verletzungsrisiko bringen und ggf. für Ruhe im Raum sorgen. Bitte versuchen Sie nicht, die Zunge ihres Hundes aus dem Maul zu ziehen. Dokumentieren Sie den Anfall möglichst genau. Ein Video oder eine genaue Beschreibung enthält für den Tierarzt oft wertvolle Informationen. Vor allem die Dauer des Anfalls sollten Sie notieren. Wenn es sich nicht um einen Status epilepticus handelt, versuchen Sie bitte nicht, während des Anfalls schnell mit ihrem Liebling zum Tierarzt zu fahren.
Ketogene Diät
Bei Kindern spielt die sogenannte ketogene Diät eine Rolle - eine Ernährungsweise mit viel Fett und wenig Protein. Studiendaten zeigen aber, dass bestimmte Fettsäuren antiepileptische Eigenschaften bei Hunden haben.
Verhalten bei einem epileptischen Anfall
Wenn man Zeug*in eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab.
Leichte epileptische Anfälle mit wenigen Symptomen
Bei kurzen Absencen oder Muskelzuckungen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen.
Anfälle mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen
Wenn Menschen mit einem epileptischen Anfall verwirrt wirken, ist es wichtig, sie vor Gefahren zu schützen (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie dabei mit der Person ruhig um und fassen Sie sie nicht hart an. Hektik, Zwang oder Gewalt können zu starken Gegenreaktionen führen. Versuchen Sie dem oder der Betroffenen Halt und Nähe zu vermitteln.
Große generalisierte epileptische Anfälle
Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie Folgendes tun:
- Wählen Sie immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe.
- Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen.
- Polstern Sie den Kopf des*r Betroffenen ab.
- Nehmen Sie seine/ihre Brille ab.
- Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern.
- Bitten Sie Menschen, die in der Situation nicht helfen können, weiterzugehen.
- Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an.
- Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.
Was Sie in keinem Fall tun sollten
- Dieden Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken
- Der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt
Leben mit Epilepsie
Mit der richtigen Therapie, viel Fürsorge und Geduld sowie einer engen Zusammenarbeit mit Ihrer Tierarztpraxis ist die Epilepsie beim Hund gut in den Griff zu bekommen. Bei optimaler Therapie können die meisten Hunde trotz Epilepsie ein gutes Leben führen und so alt wie gesunde Artgenossen werden. Manche Patienten sind bereits seit vielen Jahren in Behandlung. Allerdings kann es Monate dauern, bis die Antiepileptika richtig eingestellt sind.
Vorbeugende Maßnahmen
Epilepsie beim Hund können Sie leider nicht durch vorbeugende Maßnahmen verhindern. Ein geregelter Lebensrhythmus ohne Schlafmangel wird empfohlen. Auch mögliche Auslöser von Anfällen (z. B. Flackerlicht) sollten vermieden werden. Die regelmäßige Einnahme der verschriebenen Medikamente ist wichtig, um Anfällen vorzubeugen.