Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, abnorme elektrische Aktivität im Gehirn. Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten und sich auf unterschiedliche Weise äußern.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene chronische Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Bei Epilepsie sind entweder einzelne Hirnbereiche oder das gesamte Gehirn übermäßig aktiv. Diese Überaktivität führt dazu, dass zu viele Signale abgegeben werden, was epileptische Anfälle auslösen kann. Von Epilepsie spricht man, wenn mindestens zwei epileptische Anfälle ohne erkennbaren Auslöser aufgetreten sind, die mehr als 24 Stunden auseinander liegen, oder wenn nach einem ersten Anfall ohne bekannten Auslöser ein hohes Risiko für weitere Anfälle besteht.
Ursachen von Epilepsie
Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und oft nicht eindeutig feststellbar. In vielen Fällen spielen genetische Faktoren eine Rolle. Es gibt genetische Veränderungen, die dazu führen, dass Nervenzellen im Gehirn grundsätzlich eher dazu neigen, sich spontan synchron zu entladen.
Weitere mögliche Ursachen und Risikofaktoren sind:
- Strukturelle Veränderungen des Gehirns: Verletzungen, Entzündungen der Hirnhaut oder des Gehirns, Schlaganfälle, Hirntumoren, Missbildungen des Gehirns oder Narbenbildung nach Operationen können epileptische Anfälle auslösen.
- Genetische Ursachen: In den letzten Jahren wurden mehrere hundert Gene und Gen-Veränderungen identifiziert, die vermutlich oder sicher eine Epilepsie (mit)verursachen.
- Infektiöse Ursachen: Infektionen des Gehirns, wie Hirnhautentzündung (Meningitis) oder Gehirnentzündung (Enzephalitis), können Epilepsie verursachen.
- Metabolische Ursachen: Stoffwechselstörungen, wie beispielsweise Störungen des Aminosäurestoffwechsels, können ebenfalls zu epileptischen Anfällen führen.
- Immunologische Ursachen: Autoimmunerkrankungen, die das Gehirn betreffen, können eine immunologische Epilepsie verursachen.
In einigen Fällen bleibt die Ursache der Epilepsie unklar.
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Symptome von Epilepsie
Epileptische Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns von der Überaktivität betroffen ist.
Es gibt zwei Haupttypen von Anfällen:
- Fokale Anfälle: Diese Anfälle beginnen in einem bestimmten Bereich des Gehirns. Die Symptome können je nach betroffenem Bereich variieren. Mögliche Symptome sind:
- Muskelzuckungen oder -krämpfe in einem Arm oder Bein
- Kribbeln oder Taubheitsgefühle
- Sehstörungen oder Halluzinationen
- Sprachstörungen
- Bewusstseinsveränderungen oder -verlust
- Automatismen (unwillkürliche Bewegungen wie Schmatzen oder Nesteln)
- Generalisierte Anfälle: Diese Anfälle betreffen das gesamte Gehirn. Es gibt verschiedene Arten von generalisierten Anfällen, darunter:
- Absencen: Kurze Bewusstseinsaussetzer, die oft unbemerkt bleiben.
- Myoklonische Anfälle: Plötzliche, kurze Muskelzuckungen.
- Klonische Anfälle: Rhythmische Muskelzuckungen.
- Tonische Anfälle: Anspannung der Muskeln, die zu Versteifung führt.
- Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust der Muskelspannung, der zu Stürzen führen kann.
- Tonisch-klonische Anfälle (Grand Mal): Der Betroffene verliert das Bewusstsein, verkrampft sich und zeigt rhythmische Zuckungen des ganzen Körpers.
Einige Menschen erleben vor einem Anfall eine sogenannte Aura. Die Aura kann sich in Form von Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen oder Schwindelgefühlen äußern.
Anfallsformen und „Nachanfallsphase“
Epileptische Anfälle können im Gehirn herdförmig entstehen (fokale Anfälle). Manchmal sieht man dem Betroffenen gar nicht an, dass er einen Anfall hat. Er berichtet nur eine Wahrnehmung, wie zum Beispiel das Sehen von Blitzen in einer Hälfte des Gesichtsfeldes, Höreindrücke oder Kribbeln und Taubheitsgefühle im Bereich einer Extremität.
Aber: Die genannten Symptome auch von anderen Ursachen stammen können (z.B. Blitze in einer Gesichtsfeldhälfte bei Netzhautrissen oder -ablösung, ungewöhnliche Geräusche durch Tinnitus oder Migräne, Kribbeln/Taubheit durch periphere Nervenschäden).
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Manche Eindrücke sind auch komplexer, wie Angstgefühle oder ein Déjà-vu, bei dem der Patient glaubt, etwas gerade Erlebtes habe er schon einmal erlebt. Dieses Phänomen kommt aber vereinzelt auch bei Gesunden vor. Es können auch motorische Elemente auftreten. Der Betroffene zeigt dann zum Beispiel Zuckungen der Hand, des Armes oder des Beines. Anfälle des Schläfenlappens im Gehirn gehen häufig mit Bewusstseinseinschränkungen einher. Der Patient kaut, schmatzt und macht unbewusste wiederholte Handbewegungen.
Generalisierte Anfälle betreffen beide Hirnhälften. Eventuell kommt es nur zu einem kurzen Aussetzer, der 10-20 Sekunden dauert. Begleitend kann der Betroffene blinzeln, die Augen nach oben bewegen oder den Kopf leicht nach hinten neigen (Petit Mal). Bei einem großen generalisierten Anfall (Grand Mal) verkrampft sich der Patient zunächst (tonische Phase). Gewöhnlich setzt dann nach 30-60 Sekunden eine Phase des Zuckens des ganzen Körpers ein (klonische Phase). Insbesondere beim großen epileptischen Anfall ist der Betroffene tief bewusstlos. Seine Atmung ist eingeschränkt und sein Gesicht kann sich blau verfärben.
Fokale Anfälle können in generalisierte Anfälle übergehen. Daneben gibt es noch weitere Anfallsformen. So können Zuckungen unregelmäßig am ganzen Körper auftreten oder komplexe Handlungen, wie Weglaufen oder bizarre Bewegungen beobachtet werden.
Es gibt auch Anfälle, in denen der Betroffene die Muskelspannung verliert und zusammensackt. Solche Anfälle werden als atonische Anfälle bezeichnet. Sie sind leicht zu verwechseln mit einer Ohnmacht (Synkope), einem kurzzeitigen Kreislaufzusammenbruch. Hier muss besonders genau unterschieden werden.
Auf der anderen Seite gibt es Anfälle, bei denen der Betroffene völlig versteift hinstürzt. Dies ist für ihn gefährlich und führt auch teilweise zu schweren Kopfverletzungen.
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Phänomene nach dem Anfall
Es gibt unterschiedliche Phänomene nach einem Anfall. Experten nennen dies die „postiktuale“ Phase. Nach einem großen tonisch-klonischen Anfall schläft der Betroffene in der Regel längere Zeit. Anschließend ist er abgeschlagen und hat häufig spätestens am nächsten Tag einen Muskelkater. Hat er Schmerzen im Bereich des Rückens, muss kontrolliert werden, ob er sich womöglich einen Wirbelkörper gebrochen hat. Das kann vorkommen, weil enorme Muskelkräfte bei einem epileptischen Anfall dieser Art auftreten. Daher auch der Muskelkater.
Nach einem herdförmigen Anfall kann der Betroffene unter Umständen noch längere Zeit verwirrt, sprachgestört oder an der Extremität, an der der Anfall abgelaufen ist, gelähmt sein. Bei jungen Menschen dauert diese Phase meist nur wenige Minuten. Bei älteren Menschen dauert sie unter Umständen 24 Stunden und länger und kann mit einem Schlaganfall verwechselt werden. In der Phase nach dem Anfall sind manche Menschen auch für mehrere Tage depressiv. Auch „psychose-ähnliche“ Symptome, wie bei Patienten mit Schizophrenie, können in seltenen Fällen auftreten.
Diagnose von Epilepsie
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer sorgfältigen Anamnese (Krankengeschichte) und neurologischen Untersuchung. Wichtig ist eine genaue Beschreibung der Anfälle, idealerweise durch eine Begleitperson, die den Anfall beobachtet hat.
Zusätzliche diagnostische Verfahren sind:
- Elektroenzephalogramm (EEG): Das EEG misst die elektrische Aktivität des Gehirns. Bestimmte Muster im EEG können auf eine erhöhte Anfallsbereitschaft hinweisen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Das MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte Bilder des Gehirns liefert. Es kann helfen, strukturelle Ursachen der Epilepsie, wie Tumore oder Narben, zu identifizieren.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, Stoffwechselstörungen oder andere Erkrankungen als Ursache der Anfälle auszuschließen.
- Lumbalpunktion: Falls sinnvoll, wird das Hirnwasser (Liquor) durch eine Spritze im Bereich der Lendenwirbelsäule entnommen und untersucht (Lumbalpunktion). Sollte eine Entzündung (Enzephalitis/Meningitis) vorliegen, muss sie rasch behandelt werden, um Folgeschäden zu vermeiden.
EEG und MRT sind nach einem epileptischen Anfall wichtige Entscheidungshilfen, ob zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer Therapie begonnen werden soll. Sind beide Untersuchungen unauffällig, sollte in der Regel ein zweiter Anfall abgewartet werden.
Eine wichtige Ausnahme: Bei klinischem Verdacht auf eine Hirnhautentzündung, also eine Meningitis (z. B. Fieber, Kopfschmerzen, Nackensteife nach Anfall) sollte man nicht abwarten, sondern zur Sicherheit eine Lumbalpunktion durchführen. Betroffene sollten sich dazu aber individuell von ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten beraten lassen.
Behandlung von Epilepsie
Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Die wichtigsten Behandlungsoptionen sind:
- Medikamentöse Therapie: Antiepileptika sind Medikamente, die die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn reduzieren und so Anfälle verhindern können. Es gibt verschiedene Arten von Antiepileptika, die jeweils unterschiedliche Wirkmechanismen haben. Die Wahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Epilepsie, dem Alter des Patienten und anderen individuellen Faktoren ab.
- Chirurgische Therapie: Bei manchen Patienten, bei denen die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Ziel der Operation ist es, den Bereich des Gehirns zu entfernen, der die Anfälle auslöst.
- Vagusnervstimulation (VNS): Bei der VNS wird ein kleines Gerät unter die Haut im Brustbereich implantiert, das elektrische Impulse an den Vagusnerv sendet. Der Vagusnerv ist ein wichtiger Nerv, der das Gehirn mit anderen Organen verbindet. Die VNS kann helfen, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren.
- Ketogene Diät: Eine ketogene Diät ist eine sehr fettreiche und kohlenhydratarme Diät. Sie kann bei manchen Kindern mit Epilepsie helfen, die Anfälle zu kontrollieren.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, mit den psychischen Belastungen der Epilepsie umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
Therapie mit Medikamenten
Medikamente greifen nicht in die Ursache der Epilepsie ein. Sie können aber die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn so beeinflussen, dass Anfälle seltener auftreten oder ganz verhindert werden. Die meisten Betroffenen benötigen nur ein Medikament (Monotherapie). Wenn dies nicht ausreicht, kann eine Kombination von zwei oder mehr Medikamenten erforderlich sein (Kombinationstherapie).
Wann ist eine Operation sinnvoll?
Eine Operation kann bei Epilepsie sinnvoll sein, wenn Medikamente die Anfälle nicht ausreichend kontrollieren können (therapieresistente Epilepsie) und wenn der Bereich des Gehirns, der die Anfälle auslöst, klar identifiziert werden kann und gefahrlos entfernt werden kann.
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Bei einem epileptischen Anfall ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen.
Folgende Maßnahmen sind hilfreich:
- Sorgen Sie für eine freie Atemwege. Lockern Sie beengende Kleidung am Hals.
- Entfernen Sie gefährliche Gegenstände aus der Umgebung.
- Polstern Sie den Kopf des Betroffenen ab.
- Versuchen Sie nicht, den Betroffenen festzuhalten oder ihm etwas in den Mund zu schieben.
- Beobachten Sie den Anfall genau und notieren Sie die Dauer und die Symptome.
- Rufen Sie den Notruf (112), wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, wenn mehrere Anfälle kurz hintereinander auftreten oder wenn sich der Betroffene verletzt hat.
Was sollten Menschen mit Epilepsie beachten?
Menschen mit Epilepsie sollten einige Dinge beachten, um das Risiko von Anfällen zu reduzieren und ihre Lebensqualität zu verbessern:
- Nehmen Sie Ihre Medikamente regelmäßig und wie verordnet ein.
- Vermeiden Sie Auslöser, die bei Ihnen Anfälle provozieren können (z. B. Schlafmangel, Alkohol, Stress).
- Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Bedenken und Fragen.
- Treten Sie einer Selbsthilfegruppe bei, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.
- Informieren Sie Ihre Familie, Freunde und Kollegen über Ihre Erkrankung und was sie im Falle eines Anfalls tun können.
- Klären Sie mit Ihrem Arzt, ob Sie Auto fahren dürfen.
Leben mit Epilepsie
Epilepsie kann das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinflussen. Die Angst vor Anfällen, die Einschränkungen im Alltag und die möglichen Nebenwirkungen der Medikamente können zu psychischen Belastungen führen. Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn man mit der Erkrankung nicht alleine zurechtkommt.
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