Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Hunden. Sie kann in jedem Alter auftreten und wird oft als "Fallsucht" bezeichnet. Dabei handelt es sich um wiederholte Fehlfunktionen des Großhirns, bei denen das Gleichgewicht zwischen elektrischer Ladung und Entladung der Nervenzellen vorübergehend gestört ist. Infolgedessen geben ganze Neuronenverbände gleichzeitig unkontrolliert Stromstöße ab, was zu epileptischen Anfällen führt.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Ein epileptischer Anfall entsteht durch eine übermäßige Erregung von Nervenzellen im Gehirn. Diese übermäßige elektrische Aktivität kann sich unterschiedlich äußern und von milden, fokalen Anfällen bis hin zu schweren, generalisierten Anfällen reichen.
Ursachen von Epilepsie beim Hund
Es gibt verschiedene Ursachen für Epilepsie bei Hunden. Tierärzte unterscheiden grob zwischen primärer (idiopathischer) und sekundärer (struktureller oder metabolischer) Epilepsie.
Primäre (idiopathische) Epilepsie
Die primäre Epilepsie ist die häufigste Form der Epilepsie beim Hund. Die genaue Ursache ist bis heute ungeklärt. Wissenschaftler und Ärzte bezeichnen sie daher als idiopathisch, was "ohne bekannte Ursache" bedeutet. Das Gehirn der betroffenen Tiere weist keine anatomischen Veränderungen auf, und die Hunde zeigen zwischen den Anfällen keine klinischen Symptome. Bei einigen Rassen wurde jedoch eine genetische Veranlagung nachgewiesen.
Beispiel Rhodesian Ridgeback: Ein internationales Forscherteam identifizierte 2017 einen Gendefekt, der für eine bestimmte Epilepsieform verantwortlich ist, von der bis zu zwei Prozent dieser Rasse betroffen sind. Die Krankheit wird autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass die Nachkommen nur dann erkranken, wenn beide Elternteile den Gendefekt tragen.
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Strukturelle (sekundäre symptomatische) Epilepsie
Diese Form der Epilepsie wird durch andere Erkrankungen des Gehirns verursacht. Mögliche Ursachen sind:
- Hirntumore
- Schädeltrauma
- Hirnblutungen
- Gehirn(haut)entzündungen
Diese Art wird auch strukturelle Epilepsie genannt, da Veränderungen im Gehirn mittels Magnetresonanztomographie (MRT) sichtbar gemacht werden können.
Metabolische Epilepsie
Diese Form der Epilepsie wird durch metabolische (organische) Erkrankungen ausgelöst, wie z. B.:
- Gestörte Leberfunktion
- Unterzuckerung
- Veränderungen der Blutsalze (insbesondere des Kalziumspiegels)
Symptome von Epilepsie beim Hund
Epileptische Anfälle können sich unterschiedlich äußern. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist. Man unterscheidet zwischen partiellen (fokalen) und generalisierten Anfällen.
Partielle (fokale) Anfälle
Bei partiellen Anfällen ist nur ein bestimmter Teil des Gehirns betroffen. Die Symptome äußern sich daher nur an einzelnen Körperstellen. Betroffene Hunde zeigen beispielsweise:
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- Zucken der Lefzen
- Zucken einer Gliedmaße
- Zucken einzelner Muskeln
Oftmals werden partielle Anfälle von Tierbesitzern nicht als solche erkannt, insbesondere wenn sie ohne Bewusstseinstrübung ablaufen.
Generalisierte Anfälle
Bei generalisierten Anfällen sind von Anfang an beide Großhirnhälften beteiligt. Die Symptome breiten sich in der Folge über den gesamten Körper aus. Ein typischer generalisierter Anfall verläuft in mehreren Phasen:
Stadium eins (Vorwarnphase): Der Anfall kündigt sich durch leicht verändertes Verhalten an. Betroffene Hunde sind unruhig, lecken die Lippen, speicheln vermehrt oder urinieren.
Stadium zwei (Anfallsphase): Der eigentliche Anfall beginnt plötzlich mit einer Versteifung der Skelettmuskulatur. Der Hund fällt mit ausgestreckten Beinen um, ist nicht mehr ansprechbar und verliert das Bewusstsein. Es kommt zu krampfartigen Muskelzuckungen und Paddelbewegungen. Blase und Darm können sich entleeren. Einige Hunde speicheln stark oder winseln.
Stadium drei (Nachanfallsphase): Nach dem Anfall sind die meisten Hunde erschöpft und benommen. Einige erholen sich schnell, während andere noch Stunden später mit neurologischen Ausfällen zu kämpfen haben. Mögliche Symptome sind:
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- Drangwandern
- Sehstörungen
- Desorientierung
- Steifheit
- Wackeliger Gang
- Abnormer Hunger und Durst
Diagnose von Epilepsie beim Hund
Die Diagnose von Epilepsie erfolgt in der Regel im Ausschlussverfahren. Zunächst müssen andere mögliche Ursachen für die Krampfanfälle ausgeschlossen werden. Dazu gehören:
- Anamnese: Der Tierarzt befragt den Tierbesitzer ausführlich zu den Beobachtungen vor, während und nach den Anfällen. Ein Anfallstagebuch oder Videoaufnahmen können hilfreich sein.
- Klinische Untersuchung: Der Tierarzt untersucht den Hund gründlich, um neurologische Defizite festzustellen.
- Blutuntersuchung: Eine Blutuntersuchung dient dazu, organische Ursachen für die Anfälle auszuschließen (z. B. Leber- oder Nierenerkrankungen, Unterzuckerung, Elektrolytstörungen).
- Bildgebende Verfahren: Mittels Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) können strukturelle Veränderungen im Gehirn sichtbar gemacht werden (z. B. Tumore, Entzündungen).
- Liquoruntersuchung: In einigen Fällen kann eine Untersuchung des Gehirnwassers (Liquor) sinnvoll sein, um Entzündungen oder andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems nachzuweisen.
Erst wenn alle anderen Ursachen ausgeschlossen wurden, kann von einer primären (idiopathischen) Epilepsie ausgegangen werden.
Behandlung von Epilepsie beim Hund
Die Behandlung von Epilepsie richtet sich nach der Ursache der Erkrankung.
Strukturelle Epilepsie
Strukturelle Epilepsien werden primär durch die Behandlung der Grunderkrankung therapiert. Bei Infektionen, die zu Hirnhautentzündungen führen, hängt die Therapie von der Art der Infektion ab. Zusätzlich zur Behandlung der Grundursache werden bei struktureller Epilepsie auch Antiepileptika eingesetzt.
Idiopathische Epilepsie
Da idiopathische Epilepsie nicht heilbar ist, zielt die Behandlung darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und abzuschwächen. Dies geschieht in der Regel durch eine medikamentöse Dauertherapie mit Antiepileptika. Die Häufigkeit, Intensität und Dauer der Anfälle entscheiden darüber, ob und wie das Tier behandelt werden muss.
Wichtige Hinweise für Tierbesitzer:
- Die Halter müssen die Tabletten konsequent verabreichen.
- Es sollte ein Anfallstagebuch geführt werden, in dem die Häufigkeit, Dauer und Art der Anfälle dokumentiert werden.
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Tierarzt sind wichtig, um die Medikamentendosis anzupassen und mögliche Nebenwirkungen zu überwachen.
Bei optimaler Therapie können die meisten Hunde trotz Epilepsie ein gutes Leben führen und so alt wie gesunde Artgenossen werden. Es kann jedoch Monate dauern, bis die Antiepileptika richtig eingestellt sind.
Hirntumore beim Hund
Auch Hirntumore können Krampfanfälle verursachen und somit mit Epilepsie in Verbindung stehen. Hirntumore sind mit etwa 2-4,5 % der Hundepopulation gar nicht so selten und können theoretisch in jedem Alter auftreten.
Was sind Hirntumore?
Hirntumore im engeren Sinne gehen unmittelbar vom Nervengewebe des Gehirns aus. Im weiteren Sinne werden auch alle Tumoren innerhalb des Hirnschädels sowie des Rückenmarks und Wirbelkanals dazugezählt. Man unterscheidet zwischen:
- Meningiome: Tumoren, die von den Hirnhäuten ausgehen. Sie sind die häufigsten Hirntumoren beim Hund und gelten formal als gutartig, können aber durch ihr infiltratives Wachstum problematisch sein.
- Astrozytome und Gliome: Tumoren, die von den Gliazellen des kranialen Stützgewebes ausgehen. Sie sind die zweithäufigsten Hirntumoren beim Hund.
- Hypophysenadenome und -karzinome: Tumoren der Hirnanhangdrüse (Hypophyse).
- Andere Tumoren: Histiozytäre Sarkome, Lymphome und Plasmozytome sind ebenfalls im Gehirn möglich.
Generell unterscheidet man zwischen intraaxialen Raumforderungen (Tumoren, die direkt vom Hirngewebe ausgehen) und extraaxialen Raumforderungen (Tumoren, die nicht von Hirnzellen ausgehen).
Symptome von Hirntumoren beim Hund
Da Hirntumore von außen nicht sichtbar sind, entsteht der Verdacht immer durch klinische Auffälligkeiten. Mögliche Symptome sind:
- Krampfanfälle
- Antriebslosigkeit
- Unkoordinierte Bewegungen
- Gangstörungen
- Starren ins Leere
- Erblindung
- Deutlich vermehrte Wasseraufnahme
- Muskelschwund
Die Unterschiede in den klinischen Symptomen hängen vor allem von der Lokalisation des Tumors ab. So verursachen Tumoren im Bereich des Großhirns typischerweise epileptische Anfälle, während Tumore im Bereich des Hirnstamms oder des Kleinhirns mit Gangstörungen und unkoordinierten Bewegungen einhergehen können.
Diagnose von Hirntumoren beim Hund
Zur Diagnose von Hirntumoren werden in der Regel folgende Untersuchungsmethoden eingesetzt:
- Neurologische Untersuchung: Zur Eingrenzung der Diagnose.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) ist das Mittel der Wahl, um das Hirngewebe mit sehr gutem Kontrast darzustellen. Alternativ kann auch die Computertomographie (CT) eingesetzt werden.
- Biopsie: Eine definitive Diagnose durch eine Probeentnahme (Biopsie) wird heute in der Veterinärmedizin nur selten durchgeführt.
- Liquorpunktion: Manchmal ist die Punktion von Liquor (Gehirnwasser) hilfreich.
Behandlung von Hirntumoren beim Hund
Je nach Lokalisation können Hirntumoren operiert werden. Da die Mehrheit der Hirntumoren jedoch ein infiltratives Wachstum zeigt, kann der Tumor in vielen Fällen nicht vollständig entfernt werden. Alternativ oder ergänzend zur Operation kann eine Strahlentherapie durchgeführt werden. Diese ist heutzutage technisch in diesen Lokalisationen sehr gut und sicher durchführbar.
Prognose bei Hirntumoren beim Hund
Je früher ein Hirntumor diagnostiziert wird, desto besser sind die Chancen auf eine lange Tumorkontrolle. Mit einer Strahlentherapie ist eine durchschnittliche Tumorkontrolle von zwei Jahren bei sehr guter Lebensqualität möglich.
Genetische Defekte und Zuchtbedingte Gesundheitsprobleme
Neben Epilepsie und Hirntumoren können auch genetische Defekte und zuchtbedingte Gesundheitsprobleme zu neurologischen Problemen und Hirnschäden bei Hunden führen. Einige Beispiele sind:
- Brachyzephalie: Die Zucht auf einen verkürzten und abgerundeten Schädel (z. B. bei Möpsen, Bulldoggen) kann zu Atemwegsproblemen (brachyzephales obstruktives Atemwegssyndrom, BOAS) und anderen Gesundheitsproblemen führen.
- Merle-Faktor: Die Zucht auf die Merle-Färbung (z. B. bei Australian Shepherds, Collies) kann mit Augen- und Gehörfehlern sowie einer Neigung zu Epilepsie einhergehen.
- Syringomyelie und Chiari-Malformation: Die Zucht auf eine kleine Schädelgröße (z. B. beim Cavalier King Charles Spaniel) kann zu einem Platzmangel für das Gehirn führen, was zu diesen Anomalien führen kann.
Es ist wichtig, dass Züchter verantwortungsbewusst handeln und Inzucht vermeiden, um die Gesundheit der Hunde zu gewährleisten.
Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall
Der Anblick eines krampfenden Hundes ist beängstigend. Dennoch sollten Sie ruhig bleiben und folgende Maßnahmen ergreifen:
- Sorgen Sie für eine ruhige Umgebung. Dunkeln Sie den Raum ab, wenn möglich.
- Lassen Sie Ihren Hund Ihre Anwesenheit spüren.
- Versuchen Sie nicht, Ihrem Hund während des Anfalls Medikamente oral zu verabreichen. Er könnte Sie versehentlich beißen.
- Achten Sie darauf, dass sich der Hund nicht verletzen kann. Entfernen Sie Gegenstände in der Nähe.
- Messen Sie die Zeit, wie lange der Anfall dauert.
- Wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert oder sich die Anfälle schnell wiederholen, suchen Sie umgehend einen Tierarzt auf.
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