Epilepsie, Intelligenz und kognitive Fähigkeiten: Ein umfassender Überblick

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch abnorme elektrische Aktivität im Gehirn. Die Auswirkungen von Epilepsie auf die Intelligenz und die kognitiven Fähigkeiten sind komplex und vielfältig. Sie hängen von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art der Epilepsie, das Alter des Erkrankungsbeginns, die Anfallshäufigkeit, die angewendeten Medikamente und das Vorliegen anderer neurologischer oder entwicklungsbedingter Probleme.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Ein epileptischer Anfall ist ein plötzliches, unkontrolliertes Ereignis, das durch eine vorübergehende Störung der elektrischen Aktivität des Gehirns verursacht wird. Es gibt viele verschiedene Arten von Epilepsie, die sich in ihren Ursachen, Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten unterscheiden.

Rolando-Epilepsie: Eine häufige Form im Kindesalter

Die Rolando-Epilepsie, auch bekannt als "gutartige/selbst-limitierende Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes" (BECTS), ist eine der häufigsten Epilepsieformen bei Kindern. Sie tritt vor allem zwischen dem dritten und dreizehnten Lebensjahr auf, selten bis zum achtzehnten Lebensjahr. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Erwachsene haben die Rolando-Epilepsie in der Regel nicht mehr.

Symptome der Rolando-Epilepsie

Betroffene Kinder haben leichte, kurze epileptische Anfälle, meist aus dem Schlaf heraus, einseitig in Gesicht und Mund. Typisch sind Muskelkrämpfe im Gesicht, insbesondere im Bereich des Mundes, sowie Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle. Während und kurz nach dem Anfall kann die Fähigkeit zu sprechen beeinträchtigt sein (Anarthrie oder Dysarthrie), und es kann zu vermehrtem Speichelfluss kommen. In manchen Fällen kann sich der Anfall auf den ganzen Körper ausbreiten (generalisierter Anfall).

Diagnose der Rolando-Epilepsie

Die Diagnose der Rolando-Epilepsie basiert auf der Anamnese (Schilderung der Anfälle) und der Messung der Hirnströme (EEG). Im EEG zeigt sich ein typisches Muster mit sogenannten Rolando-Fokus und Sharp-Waves (spitze Wellen) im zentrotemporalen Bereich.

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Verlauf und Prognose der Rolando-Epilepsie

Die Rolando-Epilepsie gilt als gutartige Epilepsieform. Die Anfälle sind meist selten und enden mit dem Erwachsenenalter von selbst. In der Regel sind keine schweren Komplikationen bekannt.

Behandlung der Rolando-Epilepsie

Manchmal ist keine medikamentöse Behandlung erforderlich. Ansonsten werden Antiepileptika wie Sultiam eingesetzt. Ergotherapie und Logopädie können bei Teilleistungsstörungen hilfreich sein.

Auswirkungen von Epilepsie auf Intelligenz und Kognition

Die Auswirkungen von Epilepsie auf die Intelligenz und die kognitiven Fähigkeiten sind vielfältig und hängen von verschiedenen Faktoren ab:

  • Art der Epilepsie: Strukturelle Epilepsien, z. B. durch ausgedehnte angeborene Fehlbildungen bedingte Epilepsien, sind im Vergleich zu selbstlimitierenden Epilepsien mit schwächeren kognitiven Leistungen assoziiert.
  • Beginn der Epilepsie: Ein früher Epilepsiebeginn ist wesentlich mit kognitiven Einschränkungen verbunden.
  • Verlauf der Epilepsie: Ein chronischer, therapieschwieriger Verlauf ist ebenfalls mit kognitiven Einschränkungen verbunden.
  • Medikamentöse Behandlung: Die Studienlage zu negativen Effekten der pharmakotherapeutischen Behandlung verweist konsistent auf die gravierenden Auswirkungen einer Polytherapie auf die Kognition.
  • Anfallshäufigkeit: Wiederkehrende epileptische Anfälle können die Verarbeitung von Reizen im Gehirn verlangsamen und den Intelligenzquotienten negativ beeinflussen.

Auch wenn die Mehrzahl der pädiatrischen Epilepsiepatienten eine normale kognitive Entwicklung zeigt, liegen die Intelligenzleistungen der Patienten im Mittel unter denen von gesunden Kontrollen. Darüber hinaus finden sich auch hinsichtlich spezifischer kognitiver Funktionen Besonderheiten: Einerseits erreichen Patienten mit Epilepsie bereits früher als gesunde Kontrollen ein Maximum ihrer Lern- und Gedächtnisleistungen und zeigen früher Hinweise auf altersübliche Verluste. Andererseits können Kinder/Jugendliche nach temporaler Epilepsiechirurgie postoperative Verluste besser kompensieren als Erwachsene. Im Hinblick auf die für Lernprozesse besonders wichtigen Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen erweist sich der „drug load“ bei einer Polytherapie als besonders ungünstiger Faktor.

Kognitive Funktionen und Epilepsie

Epilepsien im Kindesalter können die ordnungsgemäße Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen. Daher raten Ärzte Rolando-Epileptikern zu einer neuropsychologischen Überwachung. Dabei testet man mehrfach bestimmte Hirnfunktionen des Kindes, wie:

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  • Wahrnehmung
  • Konzentration
  • Aufmerksamkeit
  • Lernen
  • Gedächtnis
  • Sprachliche Fähigkeiten
  • Verhalten

Soziale Kognition und Epilepsie

Bei Patienten mit fokaler Epilepsie können Strukturen im Gehirn betroffen sein, die für die soziale Kognition wichtig sind. Diese Strukturen können auch durch einen epilepsiechirurgischen Eingriff, durch andere neurologische oder durch psychosomatische Erkrankungen in ihrer Funktion gestört werden. Die soziale Kognition ist bei Patient(inn)en mit fokaler Epilepsie bislang noch nicht ausreichend erforscht. Da sie in engem Zusammenhang mit sozialen Interaktionen des täglichen Lebens steht ist ihre genaue Erforschung von hoher Relevanz.

Zur sozialen Kognition gehören sowohl die Emotionserkennung als auch die Fähigkeit sich in andere hinein zu versetzen. Sozial-kognitive Defizite können für die Patienten mit starken Beeinträchtigungen in alltäglichen sozialen Interaktionen verbunden sein.

Zur Erfassung der sozial-kognitiven Fähigkeiten werden verschiedene Tests durchgeführt. Beispielsweise müssen die Versuchspersonen emotionale Ausdrücke in Gesichtern bewerten, wobei gleichzeitig die Augenbewegungen bei Betrachtung der Gesichter gemessen werden. In einer weiteren Aufgabe wird ein Film gezeigt, der an mehreren Stellen durch Fragen zum Geschehen unterbrochen wird. Die letzte Aufgabe zur sozialen Kognition beinhaltet das Erkennen von Emotionen beim Anhören gesprochener Sätze. Zudem werden Tests zur Überprüfung weiterer kognitiver Funktionen, welche die soziale Kognition beeinflussen können (kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit, Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität, Sprache) sowie Testverfahren zur Erfassung der allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit durchgeführt.

Epilepsie und geistige Behinderung

Menschen mit geistiger Behinderung erkranken im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger an Epilepsie. Mit zunehmender Ausprägung der geistigen Behinderung und zusätzlicher motorischer Störung steigt die Prävalenz weiter an, sodass bei etwa der Hälfte aller Menschen mit geistiger Behinderung und „Cerebralparese“ eine Epilepsie zu finden ist.

Die Behandlung von an Epilepsie erkrankten Menschen mit geistiger Behinderung folgt grundsätzlich den gleichen Prinzipien wie bei nichtbehinderten Menschen. Trotzdem bringt die Therapie von Menschen mit geistiger Behinderung einige Besonderheiten mit sich, auf die es zu achten gilt. Dabei gilt, dass Menschen mit Intelligenzminderung Antiepileptika anders, manchmal auch schlechter vertragen.

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Therapie und Kognition

Krampfanfälle beseitigen ist sicher das erste Ziel bei der Behandlung von Epilepsien. Aber ebenso wichtig für die Lebensqualität von Patienten ist es, ihre intellektuelle Fähigkeit positiv zu beeinflussen bzw. zu erhalten. Denn wiederkehrende epileptische Anfälle verlangsamen die Verarbeitung von Reizen im Gehirn und beeinflussen negativ den Intelligenzquotient der Patienten.

Einige Antiepileptika können die kognitiven Fähigkeiten verbessern, während andere sie beeinträchtigen können. Es ist wichtig, dass Ärzte und Patienten eng zusammenarbeiten, um das am besten geeignete Medikament zu finden, das die Anfälle kontrolliert und gleichzeitig die kognitiven Auswirkungen minimiert.

Medikamentöse Therapie

Bei der Substanzauswahl ist zu bedenken, dass einige Antiepileptika bei Patienten mit geistiger Behinderung erfahrungsgemäß ein erhöhtes Risiko insbesondere psychiatrischer Nebenwirkungen bergen, wobei diese häufiger in Kombinationstherapie zu beobachten sind und selbstverständlich keine Kontraindikation darstellen, sondern zu vermehrter Aufmerksamkeit beim Einsatz der jeweiligen Substanz Anlass geben sollten. Keine antiepileptische Substanz sollte prinzipiell ausgeschlossen werden.

Lamotrigin scheint gelegentlich eher positive Begleiterscheinungen (z.B. vermehrte Wachheit, Stimmungsstabilisierung, Antriebsvermehrung) zu zeigen, und zwar auch unabhängig vom Effekt gegen die Anfälle. Levetiracetam ist zwar pharmakologisch günstig und effektiv, aber eben oft mit Verhaltensstörungen assoziiert bei Menschen, nicht nur bei solchen, die schon vor der Gabe von Levetiracetam verhaltensauffällig waren. Topiramat ist sehr effektiv, die kognitiven Einschränkungen aber sind in der Gruppe von Menschen mit Behinderung schwerer erfassbar und nur über gute Fremdbeobachtung klärbar. Pregabalin hat in dieser Gruppe von Patienten keine besondere Stellung.

Nichtmedikamentöse Maßnahmen

Zur Behandlung der Epilepsie gehören auch und gerade bei geistig behinderten Patienten nichtmedikamentöse Maßnahmen, (z.B. Tagesstrukturierung, Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus) sowie Maßnahmen, die anfallsbedingten Schaden verhüten sollen. Dies betrifft besonders den Umgang mit Sturzgefahr im Rahmen von Anfällen.

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