Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Obwohl Epilepsie in jedem Alter auftreten kann, betrifft sie auch junge Erwachsene und kann erhebliche Auswirkungen auf ihr Leben haben. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Diagnose und Behandlung von Epilepsie bei jungen Erwachsenen.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Epileptische Anfälle sind kurzzeitige Funktionsstörungen des Gehirns, die durch eine übermäßige Aktivität von Nervenzellen verursacht werden. Diese Anfälle können sich auf unterschiedliche Weise äußern, von kurzen Zuckungen bis hin zu schweren Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust.
Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) definiert Epilepsie als das Auftreten von mindestens zwei unprovozierten Anfällen im Abstand von mehr als 24 Stunden oder das Vorliegen eines einzigen unprovozierten Anfalls mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle in den nächsten 10 Jahren.
Ursachen von Epilepsie bei jungen Erwachsenen
Die Ursachen von Epilepsie bei jungen Erwachsenen sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:
Genetische Ursachen
Obwohl Epilepsie im Allgemeinen nicht als reine Erbkrankheit gilt, spielen genetische Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Erkrankung. Die Veranlagung, eine Epilepsie zu entwickeln, kann vererbt werden. Genetische Epilepsien können durch Mutationen in einzelnen Genen (monogenetische Epilepsien) oder durch das Zusammenwirken mehrerer Gene (polygenetische Epilepsien) verursacht werden.
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- Monogenetische Epilepsien: Diese Form der Epilepsie wird durch eine Mutation in einem einzigen Gen verursacht, das für die Funktion des Gehirns wichtig ist. Es sind über 500 Gene bekannt, deren Mutation zu Epilepsie führen kann. Die meisten monogenetischen Epilepsien sind nicht ererbt, sondern beruhen auf spontanen Mutationen.
- Polygenetische Epilepsien: Bei dieser Form der Epilepsie sind nicht einzelne Gene krankhaft verändert, sondern eine kritische Anzahl von Genen zeigt minimale Varianten ihrer Aktivität. Jede dieser Varianten ist für sich genommen normal, aber die Kombination dieser Veränderungen führt zur Erkrankung. Polygenetische Epilepsien lassen sich heutzutage noch nicht im Labor diagnostizieren.
Strukturelle Ursachen
Strukturelle Veränderungen im Gehirn können ebenfalls Epilepsie verursachen. Diese Veränderungen können durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter:
- Schlaganfälle: Ein Schlaganfall kann zu einer Schädigung des Gehirngewebes führen, die die Entstehung von Epilepsie begünstigt.
- Gehirntumore: Tumore im Gehirn können Druck auf das umliegende Gewebe ausüben und die normale Funktion der Nervenzellen stören, was zu Anfällen führen kann.
- Schädel-Hirn-Traumata: Verletzungen des Gehirns, die durch Unfälle oder andere traumatische Ereignisse verursacht werden, können Narbenbildung und andere strukturelle Veränderungen verursachen, die Epilepsie begünstigen.
- Fokale kortikale Dysplasien (FCD): Dies sind umschriebene Fehlanlagen der Hirnrinde, die eine häufige Ursache schwer behandelbarer fokaler Epilepsien im Kindesalter darstellen.
Infektiöse Ursachen
Infektionen des Gehirns können ebenfalls Epilepsie verursachen. Einige Beispiele für Infektionen, die mit Epilepsie in Verbindung gebracht werden, sind:
- Enzephalitis: Eine Entzündung des Gehirns, die durch Viren, Bakterien oder andere Erreger verursacht werden kann.
- Meningitis: Eine Entzündung der Hirnhäute, die ebenfalls durch verschiedene Erreger verursacht werden kann.
- Borreliose: Eine bakterielle Infektion, die durch Zecken übertragen wird und das Gehirn beeinträchtigen kann.
Metabolische Ursachen
Stoffwechselstörungen können ebenfalls Epilepsie verursachen. Einige Beispiele für Stoffwechselstörungen, die mit Epilepsie in Verbindung gebracht werden, sind:
- Phenylketonurie (PKU): Eine angeborene, erbliche Erkrankung des Eiweißstoffwechsels, die den Abbau der Aminosäure Phenylalanin verhindert.
- Andere seltene Stoffwechselerkrankungen: Es gibt eine Reihe anderer seltener Stoffwechselerkrankungen, die das Gehirn beeinträchtigen und zu Epilepsie führen können.
Immunologische Ursachen
In seltenen Fällen kann Epilepsie durch Entzündungsvorgänge im Gehirn verursacht werden, bei denen das Immunsystem das Hirngewebe angreift. Diese Entzündungen können durch Autoimmunerkrankungen oder andere immunologische Faktoren verursacht werden.
Kryptogene Ursachen
Bei einigen Menschen mit Epilepsie kann keine eindeutige Ursache für die Erkrankung gefunden werden. Diese Fälle werden als kryptogene Epilepsien bezeichnet. In einigen Fällen kann die Ursache später identifiziert werden, während sie in anderen Fällen unbekannt bleibt.
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Diagnose von Epilepsie bei jungen Erwachsenen
Die Diagnose von Epilepsie basiert in der Regel auf einer Kombination aus Anamnese, neurologischer Untersuchung und verschiedenen diagnostischen Tests.
Anamnese
Eine detaillierte Anamnese ist wichtig, um Informationen über die Anfallshäufigkeit, -dauer, -charakteristik und mögliche Auslöser zu sammeln. Es ist auch wichtig, die Familienanamnese und Vorerkrankungen zu berücksichtigen. Da häufig Teile des Anfalls oder der ganze Anfall nicht bewusst miterlebt werden, ist eine möglichst gute Fremdbeschreibung - z.B. durch Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen - unverzichtbar. Hilfreich kann auch die Aufzeichnung einer kurzen Videosequenz mit dem Handy sein.
Neurologische Untersuchung
Eine neurologische Untersuchung kann helfen, neurologische Defizite oder andere Anzeichen von Hirnschäden zu identifizieren.
Elektroenzephalogramm (EEG)
Das EEG ist ein nicht-invasiver Test, der die elektrische Aktivität des Gehirns misst. Es kann helfen, abnorme Muster zu erkennen, die auf eine Epilepsie hindeuten. Eine Langzeit-Video-EEG-Ableitung, bei der die EEG-Überwachung videoüberwacht in speziell ausgerüsteten Patientenzimmern erfolgt, kann ebenfalls durchgeführt werden.
Magnetresonanztomographie (MRT)
Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte Bilder des Gehirns liefert. Es kann helfen, strukturelle Veränderungen im Gehirn zu identifizieren, die Epilepsie verursachen könnten, wie z. B. Tumore, Narben oder Fehlbildungen.
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Computertomographie (CT)
Die CT ist ein weiteres bildgebendes Verfahren, das Querschnittsbilder des Gehirns erstellt. Sie kann nützlich sein, um akute Blutungen oder andere Notfälle zu erkennen.
Bluttests
Bluttests können durchgeführt werden, um Stoffwechselstörungen, Infektionen oder andere medizinische Bedingungen auszuschließen, die Anfälle verursachen könnten.
Genetische Tests
In einigen Fällen können genetische Tests durchgeführt werden, um genetische Mutationen zu identifizieren, die mit Epilepsie in Verbindung stehen.
Behandlung von Epilepsie bei jungen Erwachsenen
Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen:
Medikamentöse Therapie
Antiepileptika (AEDs) sind die häufigste Form der Behandlung von Epilepsie. Diese Medikamente wirken, indem sie die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn verringern und die Ausbreitung epileptischer Aktivität verhindern. Es gibt viele verschiedene Arten von AEDs, und die Wahl des Medikaments hängt von der Art der Anfälle, dem Alter des Patienten, anderen medizinischen Bedingungen und möglichen Nebenwirkungen ab.
Epilepsiechirurgie
Bei manchen Menschen mit Epilepsie, die auf Medikamente nicht ausreichend ansprechen (therapieresistente Epilepsie), kann eine Operation eine Option sein. Die Epilepsiechirurgie zielt darauf ab, den Bereich des Gehirns zu entfernen oder zu isolieren, der für die Anfälle verantwortlich ist.
- Resektive Chirurgie: Bei diesem Verfahren wird der anfallsauslösende Bereich des Gehirns entfernt.
- Neurostimulation: Dieses Verfahren beinhaltet die Implantation von Geräten, die elektrische Impulse an bestimmte Bereiche des Gehirns senden, um die Anfallsfrequenz zu reduzieren. Zu den Neurostimulationsverfahren gehören die Vagusnervstimulation (VNS), die Tiefe Hirnstimulation (DBS) und die transkranielle Magnetstimulation (TMS).
Ketogene Diät
Die ketogene Diät ist eine fettreiche, kohlenhydratarme Diät, die in einigen Fällen zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden kann, insbesondere bei Kindern, die auf Medikamente nicht ansprechen. Die Diät verändert den Stoffwechsel des Körpers und führt zu einer Produktion von Ketonkörpern, die eine antikonvulsive Wirkung haben können.
Verhaltensänderungen und Selbstmanagement
Neben medizinischen Behandlungen können bestimmte Verhaltensänderungen und Selbstmanagementstrategien dazu beitragen, Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität zu verbessern:
- Ausreichend Schlaf: Schlafmangel ist ein häufiger Auslöser für Anfälle. Es ist wichtig, ausreichend Schlaf zu bekommen und einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus einzuhalten.
- Stressbewältigung: Stress kann ebenfalls Anfälle auslösen. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Atemübungen können helfen, Stress abzubauen.
- Vermeidung von Auslösern: Einige Menschen mit Epilepsie stellen fest, dass bestimmte Faktoren wie Alkohol, Drogen, Flackerlicht oder bestimmte Lebensmittel Anfälle auslösen können. Es ist wichtig, diese Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Unregelmäßige Mahlzeiten und Unterzuckerung können ebenfalls Anfälle auslösen. Es ist wichtig, regelmäßige Mahlzeiten einzunehmen und den Blutzuckerspiegel stabil zu halten.
- Flüssigkeitszufuhr: Dehydrierung kann ebenfalls Anfälle auslösen. Es ist wichtig, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, insbesondere bei sportlicher Betätigung.
Psychologische Unterstützung
Epilepsie kann erhebliche psychische Auswirkungen haben, darunter Angst, Depression und soziale Stigmatisierung. Psychologische Unterstützung, wie z. B. eine Therapie oder Selbsthilfegruppen, kann Betroffenen helfen, mit diesen Herausforderungen umzugehen und ihre Lebensqualität zu verbessern.
Leben mit Epilepsie als junger Erwachsener
Epilepsie kann das Leben junger Erwachsener in vielerlei Hinsicht beeinflussen, darunter:
- Bildung und Beruf: Epilepsie kann die schulische und berufliche Laufbahn beeinträchtigen. Anfälle können zu Lernschwierigkeiten, Konzentrationsproblemen und Fehlzeiten führen. Es ist wichtig, die Schule oder den Arbeitgeber über die Erkrankung zu informieren und gegebenenfalls Anpassungen zu beantragen.
- Soziale Beziehungen: Epilepsie kann soziale Beziehungen beeinträchtigen. Die Angst vor Anfällen in der Öffentlichkeit kann zu sozialer Isolation und Stigmatisierung führen. Es ist wichtig, sich mit Freunden, Familie und Selbsthilfegruppen auszutauschen, um Unterstützung und Verständnis zu erhalten.
- Fahreignung: Menschen mit Epilepsie müssen in der Regel bestimmte Anforderungen erfüllen, um ein Kraftfahrzeug führen zu dürfen. Diese Anforderungen variieren je nach Land und Bundesland. Es ist wichtig, sich bei einem Arzt oder einer Führerscheinstelle über die geltenden Bestimmungen zu informieren.
- Schwangerschaft: Frauen mit Epilepsie können schwanger werden, aber es ist wichtig, die Schwangerschaft sorgfältig zu planen und mit einem Arzt zu besprechen. Einige AEDs können schädlich für das ungeborene Kind sein, und es ist wichtig, die Medikation während der Schwangerschaft anzupassen.
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