Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch spontane, abnorme Entladungen von Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. In Deutschland leiden schätzungsweise 400.000 bis 800.000 Menschen an Epilepsie, mit etwa 30.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Während bei vielen Patienten die Anfälle medikamentös kontrolliert werden können, gibt es Fälle, in denen eine Operation in Betracht gezogen werden muss. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Epilepsie nach einer Hirnoperation.
Ursachen von Epilepsie
Epilepsie kann verschiedene Ursachen haben. Häufig ist sie genetisch bedingt (idiopathische Epilepsie). Andere Hirnerkrankungen, wie Hirntumoren, Entzündungen oder Hirnverletzungen, können jedoch ebenfalls ursächlich sein. Bei den operativ behandelbaren Epilepsien können einfach fokale und komplex fokale Anfälle auftreten.
Fokale Anfälle
Bei einem einfach fokalen Anfall bleibt das Bewusstsein erhalten, während ein komplex fokaler Anfall immer mit einer Bewusstseinsstörung einhergeht. Ein fokal eingeleiteter generalisierter Krampfanfall beginnt meist mit einem einfach oder komplex fokalen Anfall und führt zu plötzlicher Bewusstlosigkeit mit Versteifung und Zuckungen der Extremitäten.
Ursachen für fokale Anfälle
Ursachen für eine Epilepsie mit fokalem Anfallsursprung sind häufig eine Ammonshornsklerose (Veränderung im Hippocampus), Fehlbildungen (Dysplasien) oder auch Tumoren.
Epileptische Anfälle bei Hirntumorpatienten
Bei 60 Prozent der Patienten mit einem primären Hirntumor sind epileptische Anfälle das Erstsymptom der Erkrankung. Bei weiteren 10 bis 20 Prozent der Hirntumorpatienten treten im weiteren Verlauf der Erkrankung Anfälle auf. Bestimmte Hirntumoren sind häufiger mit Anfällen verbunden als andere. So sind mindestens 75 Prozent der Patienten mit Oligodendrogliomen und Gangliogliomen von epileptischen Anfällen betroffen, 60 bis 70 Prozent der Patienten mit differenzierten Astrozytomen, 15 bis 20 Prozent mit cerebralen Metastasen und 15 Prozent der Patienten mit primären ZNS-Lymphomen. Epileptische Anfälle bei Hirntumorpatienten sind generell fokale Anfälle, da sie von einem umschriebenen Herd (latinisch „focus“) ausgehen, dem Hirngewebe um den Tumor.
Lesen Sie auch: SHT und das Risiko von Epilepsie
Posttraumatische Epilepsie
Posttraumatische epileptische Anfälle gehören zu den häufigsten Komplikationen eines Schädel-Hirn-Traumas (SHT). Das SHT ist Folge jeglicher mechanischen Einwirkung auf das Gehirn bzw. die umgebenden knöchernen und Weichteilstrukturen.
Im direkten Anschluss an die erfolgte Gewalteinwirkung kommt es zu sekundären zerebralen Schädigungsprozessen, die wochen- bis monatelang, möglicherweise auch Jahre nach dem Ereignis anhalten können und als mitverantwortlich für das Auftreten einer posttraumatischen Epilepsie angesehen werden. Die Folge sind Änderungen in der Textur der zerebralen Netzwerke verbunden mit möglicher erhöhter kortikaler Hyperexzitabilität. Auf zellulärer Ebene kommt es ebenfalls zu einer Reihe von pathophysiologischen Reaktionsmechanismen.
Epileptische Anfälle als Folge eines SHT werden in 2 Kategorien - auf Basis der zeitlichen Beziehung zum Traumaereignis - eingeteilt: frühe und späte posttraumatische Anfälle. Die pathophysiologischen Mechanismen, die zum Auftreten der Früh- bzw. Spätanfälle führen, sind unterschiedlich. Der Begriff posttraumatische Epilepsie wird angewendet, wenn es zu ≥ 2 unprovozierten posttraumatischen Anfällen kommt. Die zeitliche Grenze zwischen Früh- und Spätanfällen liegt bei 7 Tagen.
Diagnostik vor einer Epilepsie-Operation
Vor einer Operation werden zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, um den Anfallsursprung zu bestimmen. Dazu gehören das Video-EEG-Monitoring mit Oberflächen- und Sphenoidalelektroden, die Kernspintomographie, eine Durchblutungsmessung im und nach einem Anfall (SPECT iktal und interiktal), neuropsychologische Untersuchungen und der Wada-Test.
Operative Behandlung von Epilepsie
Die operative Therapie der Epilepsie wird erwogen, wenn eine medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist. Voraussetzung für eine Operationsindikation ist neben der Pharmakoresistenz der Epilepsie die Identifizierung der Anfallsursprungszone (Fokus). Dieser wird nur dann operativ entfernt, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit eine postoperative Anfallsfreiheit ohne zusätzliche neurologische und psychische Defizite vorausgesagt werden kann.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Wann ist eine Operation möglich?
Immer wenn eine umschriebene Anfallsursprungszone lokalisiert werden kann und dieser nicht in funktionell wichtigen Hirnarealen liegt, ist eine Operation möglich. Die Operationen werden meist mit computergestützter Neuronavigation durchgeführt, um den operativen Zugang und das Resektionsausmaß genau planen zu können. Während der Operation wird die Resektion des erkrankten Gewebes mit Hilfe der Navigation kontrolliert. Nachdem das erkrankte Hirngewebe entfernt worden ist, werden von den Rändern der angrenzenden Hirnrinde die Potentiale (Elektrocortikographie) abgeleitet, um eventuell verbliebenes epileptogenes Gewebe zu erkennen und dann zu resezieren.
Arten von Operationen
Da häufig die inneren Schläfenlappenareale Ursprung der Epilepsie sind, werden der Mandelkern und der Hippocampus mit oder ohne die angrenzenden Schläfenlappenanteile entfernt (Amygdalohippocampektomie oder Corticoamygdalohippocampektomie). Ist ein Tumor Ursache der Epilepsie, wird initial meist nur der Tumor entfernt.
Vagusnervstimulation
Bei einigen Patienten beginnen die Anfälle an verschiedenen Orten, so dass die Anfallsursprungszone nicht entfernt werden kann. Bei diesen Patienten kann die Implantation eines Vagusstimulators vorgenommen werden. Dabei wird eine Elektrode um den linken Nervus vagus gewickelt und dieser dann über einen Impulsgeber stimuliert. Durch diese Technik lässt sich bei ca. 40 % der Patienten die Anfallshäufigkeit dauerhaft um 50 % senken.
Erfolgsaussichten
In Abhängigkeit von der Ursache der Epilepsie lässt sich durch einen epilepsiechirurgischen Eingriff in etwa 60 bis 80% der Fälle eine Anfallsfreiheit oder eine 90%ige Anfallsreduktion erreichen.
Fallbeispiele
Die folgenden Fallbeispiele veranschaulichen die operative Behandlung von Epilepsie:
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
- Fall 1: Eine 25-jährige Studentin erlitt erstmals einen generalisierten Krampfanfall. Im MRT zeigte sich ein kleines eingeblutetes Kavernom in der Postzentralregion rechts. Das Kavernom wurde mikrochirurgisch entfernt, und die Patientin ist postoperativ ohne Medikamente anfallsfrei.
- Fall 2: Eine 36-jährige Patientin litt seit ihrem 14. Lebensjahr unter komplex fokalen Anfällen aufgrund einer Ammonshornsklerose. Nach Amygdalohippocampektomie ist die Patientin anfallsfrei.
- Fall 3: Eine Patientin erlitt im 21. Lebensjahr erstmals einen generalisierten Krampfanfall. Das MRT zeigte einen kleinen Tumor im inneren Anteil des rechten Schläfenlappens. Nach Tumorentfernung ist die Patientin seit 2 Jahren anfallsfrei.
Langzeitergebnisse bei fokaler kortikaler Dysplasie
Bei der fokalen kortikalen Dysplasie (FCD) waren 12 Jahre nach der Operation ca. 60 % der Patienten anfallsfrei. Die neuropathologische Untersuchung der während der Operation entnommenen Biopsien (Gewebeprobe) zeigte in 92,3 % geschädigtes Gewebe. Am häufigsten ließ sich mit 36,4 % eine Hippocampussklerose nachweisen.
Medikamentöse Behandlung epileptischer Anfälle
Durch die Gabe von Antiepileptika wird das Wiederholungsrisiko für weitere Anfälle verringert. Häufig ist es jedoch ein langer Weg, bis der Betroffene das für ihn richtige Medikament in der optimalen Dosierung gefunden hat. Dieser Weg sollte gemeinsam mit einem erfahrenen Neurologen oder Epileptologen gegangen werden.
Maßnahmen bei einem epileptischen Anfall
Wenn man Zeuge eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt.
Verhalten bei leichten Anfällen
Bei kurzen Absencen oder Muskelzuckungen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen.
Verhalten bei Anfällen mit Bewusstseinsstörungen
Wenn Menschen mit einem epileptischen Anfall verwirrt wirken, ist es wichtig, sie vor Gefahren zu schützen (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie dabei mit der Person ruhig um und fassen Sie sie nicht hart an. Versuchen Sie dem oder der Betroffenen Halt und Nähe zu vermitteln.
Verhalten bei großen generalisierten Anfällen
Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie Folgendes tun: Wählen Sie immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe. Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen. Polstern Sie den Kopf des*r Betroffenen ab. Nehmen Sie seine/ihre Brille ab. Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern. Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an. Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.
Was man nicht tun sollte
Dieden Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken, der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt.
Leben mit Epilepsie
Epilepsie beeinflusst den Alltag: Beruf, Mobilität und soziale Aktivitäten. Wichtig ist es, Auslöser zu kennen und zu meiden. Fahreignung und Arbeitssicherheit müssen ärztlich geprüft werden. In der Regel ist nach einem ersten Anfall bereits die Fahreignung nicht mehr gegeben. Auch andere Tätigkeiten, bei denen das Auftreten eines Anfalls gefährlich wäre, müssen gemieden werden.