Voraussetzungen, um Pfarrer trotz Epilepsie zu werden: Ein umfassender Überblick

Die Frage, ob eine Person mit Epilepsie Pfarrer werden kann, ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dieser Artikel beleuchtet die Voraussetzungen für das Pfarramt im Allgemeinen und geht speziell auf die Auswirkungen von Epilepsie auf die Eignung ein. Dabei werden sowohl die theologischen und persönlichen Anforderungen als auch die rechtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt.

Das apostolische Priestertum als Grundlage

Das apostolische Priestertum bildet die Grundlage allen kirchlichen Lebens. Durch die Handauflegung (Cheirotonia) entsteht die dreistufige Hierarchie in der Kirche: Bischof, Priester und Diakon. Im Sakrament der Priesterweihe erhalten Priester und Bischöfe, ähnlich den Aposteln, die Vollmacht, Sünden zu vergeben oder die Vergebung zu versagen, zu predigen und die Wahrheit zu verkünden, die Menschen zu erretten, zu lehren und ihnen ein Vorbild zu sein. Priester sind geistige Zentren, um die sich die Gläubigen in gegenseitiger Liebe zum Ganzen der Kirche zusammenfinden, zur Liebe des Herrn. Da dieses Zusammenfinden durch die Heiligung in den Sakramenten geschieht, werden Priester auch als "Haushälter der Gottesgeheimnisse" bezeichnet. Der Bischof ist Spender aller Sakramente, während der Priester, mit Ausnahme der Priesterweihe, ebenfalls alle Sakramente spendet. In der Regel werden Bischöfe aus dem Mönchsstand gewählt.

Die Priesterschaft kennt zwei Lebenswege: den zölibatär lebenden und den verheiratet lebenden Priester. Die Entscheidung für einen dieser Wege muss vor der Diakonatsweihe getroffen werden. Nach den niederen Weihen zum Lektor und Hypodiakon folgt die erste der höheren Weihen, die Diakonatsweihe. Ein Diakon kann dieses Amt lebenslang ausüben, da dieses Sakrament nicht wiederholbar ist.

Theologische und persönliche Voraussetzungen

Unabhängig von gesundheitlichen Aspekten gibt es eine Reihe von grundlegenden Voraussetzungen für die Aufnahme in den Pfarrdienst:

  • Glaube und Lebensführung: Ein tief verwurzelter Glaube an Jesus Christus und die Bereitschaft, Nächstenliebe zu praktizieren, sind unerlässlich. Dies impliziert ein Leben, das den christlichen Werten entspricht.
  • Theologische Ausbildung: Ein abgeschlossenes Theologiestudium ist in der Regel erforderlich, um die notwendigen Kenntnisse in biblischer Theologie, systematischer Theologie, Kirchengeschichte und anderen relevanten Bereichen zu erwerben.
  • Persönliche Eignung: Pfarrer müssen über soziale Kompetenzen, Empathie, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit zur Seelsorge verfügen. Sie sollten in der Lage sein, Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu begleiten und zu unterstützen.
  • Geistliche Reife: Das Pfarramt erfordert eine gewisse geistliche Reife und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Pfarrer sollten sich ihrer eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein und bereit sein, an sich selbst zu arbeiten.

Epilepsie und Eignung für das Pfarramt

Die Frage, ob Epilepsie ein Hindernis für die Ausübung des Pfarramtes darstellt, muss differenziert betrachtet werden. Es gibt keine generelle Regelung, die Menschen mit Epilepsie von vornherein ausschließt. Vielmehr wird die Eignung im Einzelfall geprüft, wobei die Art und Schwere der Erkrankung, die Anfallshäufigkeit, die medikamentöse Einstellung und die individuellen Fähigkeiten und Einschränkungen berücksichtigt werden.

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Mögliche Bedenken und Herausforderungen

  • Unvorhersehbarkeit von Anfällen: Die Unvorhersehbarkeit von epileptischen Anfällen kann in bestimmten Situationen problematisch sein, insbesondere bei der Durchführung von Gottesdiensten, der Seelsorge oder der Leitung von Gruppen.
  • Körperliche und geistige Belastbarkeit: Das Pfarramt kann mit einem hohen Maß an Stress und Belastung verbunden sein. Es ist wichtig, dass Menschen mit Epilepsie ihre eigenen Grenzen kennen und auf ihre Gesundheit achten.
  • Medikamentöse Nebenwirkungen: Einige Antiepileptika können Nebenwirkungen verursachen, die die Leistungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen können.
  • Vorbildfunktion: Pfarrer haben eine Vorbildfunktion in der Gemeinde. Es ist wichtig, dass sie offen mit ihrer Erkrankung umgehen und zeigen, dass ein erfülltes Leben mit Epilepsie möglich ist.

Mögliche Lösungsansätze und Unterstützungsangebote

  • Offene Kommunikation: Ein offenes Gespräch mit der Kirchenleitung und der Gemeinde über die Erkrankung kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Unterstützung zu erhalten.
  • Individuelle Anpassungen: In Absprache mit der Kirchenleitung können individuelle Anpassungen vorgenommen werden, um die Arbeitsbedingungen an die Bedürfnisse des Pfarrers anzupassen. Dies kann beispielsweise eine flexible Arbeitszeitgestaltung oder die Übertragung bestimmter Aufgaben an andere Mitarbeiter umfassen.
  • Medizinische Betreuung: Eine engmaschige medizinische Betreuung durch einen Neurologen ist unerlässlich, um die Anfallskontrolle zu optimieren und mögliche Nebenwirkungen der Medikamente zu minimieren.
  • Seelsorgerische Unterstützung: Pfarrer, die mit Epilepsie leben, können von seelsorgerischer Unterstützung profitieren, um mit den Herausforderungen der Erkrankung umzugehen und ihre eigene Resilienz zu stärken.
  • Unterstützung durch Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Menschen mit Epilepsie in Selbsthilfegruppen kann wertvolle Informationen und emotionale Unterstützung bieten.

Rechtliche Aspekte und Wehrdienstbefreiung

In Deutschland sind ordinierte Geistliche evangelischen Bekenntnisses, Geistliche römisch-katholischen Bekenntnisses, die die Diakonatsweihe empfangen haben, und hauptamtlich tätige Geistliche anderer Bekenntnisse, deren Amt dem eines ordinierten Geistlichen evangelischen oder eines Geistlichen römisch-katholischen Bekenntnisses, der die Diakonatsweihe empfangen hat, entspricht, vom Wehrdienst befreit (§ 11 Wehrpflichtgesetz). Dies gilt unabhängig von einer Epilepsieerkrankung.

Diakon werden trotz Epilepsie

Die Ausbildung zum Diakon/zur Diakonin ist ein Weg, soziale Arbeit und christliche Werte zu verbinden. Die Qualifizierung findet in drei Bildungsbereichen statt:

  1. Studium Diakonik: An der Evangelischen Hochschule Nürnberg (EVHN) kann man Diakonik studieren.
  2. Ausbildung in einem sozialen Fachbereich: Während der Ausbildung wird eine Ausbildung in einem sozialen Fachbereich absolviert, z.B. ein weiteres Studium oder eine soziale Fachausbildung.
  3. Gemeinschaftliche Ausbildung der Rummelsberger Gemeinschaften: Diese Ausbildung ist der dritte Bildungsbereich in der Ausbildung zum Diakon/zur Diakonin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Es gibt verschiedene Modelle, die unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse berücksichtigen:

  • Modell 1: Fachausbildung (z.B. Erzieher/in, Heilerziehungspfleger/in, Pflegefachfrau/-mann) mit anschliessendem Studium Diakonik (Fachhochschulreife erforderlich).
  • Modell 2: Kombiniertes Studium Diakonik und Fachstudium (Soziale Arbeit oder Management in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft) an der EVHN.
  • Modell 3: Studium Diakonik und Studium im sozialen Beruf nacheinander.
  • Modell 4: Studium Diakonik im Anschluss an eine bereits abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium in einem staatlich anerkannten sozialen Beruf.

Die Frage, ob Epilepsie ein Hindernis für die Diakonenausbildung darstellt, wird ähnlich wie beim Pfarramt im Einzelfall geprüft. Wichtig sind eine offene Kommunikation, individuelle Anpassungen und eine gute medizinische Betreuung.

Beispiele aus der Praxis

Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, gegründet vor mehr als 150 Jahren als "Anstalt für epileptische Knaben", sind heute ein großes diakonisches Unternehmen, das sich in verschiedenen Arbeitsfeldern engagiert, darunter auch die Unterstützung von Menschen mit Epilepsie. Bethel bietet unterschiedliche ambulante Dienste, Wohnangebote, Werkstätten, Schulen und Ausbildungsstätten, Kliniken und Hospize.

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Die Stiftung Juliusspital in Würzburg, gegründet im Jahr 1576, engagiert sich ebenfalls für Menschen, die aufgrund von Krankheit, Armut oder Alter Hilfe benötigen. Neben der Seniorenpflege und Krankenversorgung bietet die Stiftung auch eine Epilepsieberatung an.

Diese Beispiele zeigen, dass es möglich ist, mit Epilepsie in der Kirche und Diakonie tätig zu sein und einen wertvollen Beitrag zu leisten.

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