Epileptische Anfälle sind eine neurologische Erkrankung, die durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn gekennzeichnet ist. Diese Entladungen können zu Krampfanfällen, Bewusstseinsverlust oder anderen neurologischen Symptomen führen. Die Ursachen für epileptische Anfälle sind vielfältig und reichen von genetischen Faktoren über Hirnschäden bis hin zu Stoffwechselstörungen. Ein eingeklemmter Nerv kann in einigen Fällen auch eine Rolle bei der Auslösung von Anfällen spielen, obwohl dies eher selten vorkommt.
Formen epileptischer Anfälle
Epileptische Anfälle können in verschiedenen Formen auftreten, die sich in ihren Symptomen und ihrem Verlauf unterscheiden. Mediziner unterscheiden hauptsächlich zwischen fokalen und generalisierten Anfällen.
Fokale Anfälle
Ein fokaler Anfall tritt in einem umschriebenen Teil des Gehirns auf. Die Symptome hängen von der Funktion des entsprechenden Hirnbereichs ab.
Motorische Symptome
Bei einem fokalen Anfall treten beispielsweise oft motorische Symptome auf, also solche, welche die Bewegung (Motorik) betreffen. So zuckt zum Beispiel plötzlich ein Arm (klonischer Anfall) oder verkrampft beziehungsweise versteift sich (tonischer Anfall). Bei manchen Patienten lässt plötzlich die Muskelspannung in einer Körperregion nach (atonischer Anfall), etwa im Bereich der Nackenmuskulatur. Dann sinkt das Kinn abrupt zur Brust, oder der Kopf fällt zur Seite.
Sensorische Symptome
Ein fokaler Anfall beginnt aber auch manchmal mit sensorischen Symptomen. Das sind Symptome, die Sinneseindrücke betreffen. Viele Patienten verspüren etwa Missempfindungen wie zum Beispiel ein Kribbeln, Brennen, Kälte- oder Wärmegefühl in einem Körperteil. Auch Halluzinationen sind möglich: Der Patient nimmt etwa vermeintliche Geräusche, Stimme, Gerüche oder Geschmäcker wahr. Auch optische Halluzinationen kommen vor. Die Patienten "sehen" dann Lichtblitze oder auch ganze Szenen. Manchmal geht der fokale Anfall mit Schwindel oder Angstgefühlen einher.
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Einfacher oder komplexer fokaler Anfall
Bleibt der Patient während des fokalen Epilepsie-Anfalls bei vollem Bewusstsein, handelt es sich um einen sogenannten einfachen fokalen Anfall. Dagegen wird ein komplexer fokaler Anfall von einer mehr oder weniger ausgeprägten Bewusstseinsstörung begleitet. Die Betroffenen sind zum Beispiel benommen, wirken abwesend oder verwirrt. Auf Störung von außen reagieren sie oftmals unwillig oder sogar aggressiv. Ansonsten treten im Prinzip die gleichen Symptome auf wie bei einem einfachen fokalen Anfall.
Automatismen
Bei einem komplexen fokalen Anfall zeigen die Patienten typischerweise sogenannte Automatismen. Das sind unbewusste (automatisch ablaufende) und oft rhythmische Bewegungsabläufe wie zum Beispiel:
- Kaubewegungen
- Schmatzen
- Rhythmisches Öffnen und Schließen der Fäuste
- Scharren mit den Füßen
- Nesteln oder Zupfen der Kleidung
Solche Automatismen treten zum Teil auch bei einfachen fokalen Anfällen auf. Besonders typisch sind sie aber für komplexe fokale Anfälle. Die Dauer von komplexen fokalen Anfällen erstreckt sich in der Regel über einige Minuten bis zu einer Viertelstunde. Der Patient erinnert sich anschließend an den Anfall selbst nicht mehr (Gedächtnislücke).
Übergang von fokal zu generalisiert
Ein fokaler Anfall generalisiert sich manchmal im weiteren Verlauf, das heißt: Das "Gewitter im Kopf", das zuerst nur ein begrenztes Hirnareal betrifft, greift auf das gesamte Gehirn über. Das wird von Medizinern als sekundär generalisierter Anfall bezeichnet.
Generalisierte Anfälle
Bei generalisierten Epilepsie-Anfällen feuern praktisch alle Nervenzellen im Gehirn kurzzeitig synchron: Sie entladen sich exzessiv. Das bedeutet nicht, dass ein generalisierter Anfall zwangsläufig schwerer ausfällt als ein fokaler. Allerdings werden generalisierte Anfälle häufiger von Bewusstlosigkeit begleitet.
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Motorische Anfallsformen
Generalisierte Krampfanfälle äußern sich in unterschiedlicher Form. Oft treten motorische Attacken unterschiedlicher Art auf. Dazu zählen zum Beispiel tonische, klonische und atonische Anfälle, wie sie auch bei fokaler Epilepsie möglich sind. Bei der generalisierten Krankheitsform sind sie allerdings ausgedehnter. So verkrampfen und versteifen sich etwa bei einem generalisierten tonischen Anfall potenziell alle Gliedmaßen. Das Bewusstsein des Patienten ist dabei oft - aber nicht zwingend - getrübt. Bei einem atonischen Anfall lässt plötzlich allgemein die Muskelspannung nach, etwa in den Beinen. Passiert das während des Gehens, knicken womöglich die Beine abrupt ein - der Patient stürzt. Bei einem ausgedehnten klonischen Anfall fangen große Muskelgruppen (etwa in Armen oder Beinen) plötzlich an, langsam zu zucken. Während des Anfalls sind die Betroffenen meist bewusstlos. Dagegen kommt es bei einem myoklonischen Anfall zu plötzlichen, schnellen Zuckungen einzelner Muskelgruppen. Der Patient bleibt dabei meist bei Bewusstsein.
Grand-Mal-Anfall
Die bekannteste Anfallsform ist der sogenannte generalisierte tonisch-klonische Krampfanfall ("Grand Mal" = "großer Anfall"). Er verläuft in zwei typischen Phasen:
Tonische Phase: In der tonischen Phase ist der ganze Körper steif, die Arme und Beine sind meist gestreckt. Der Patient befindet sich in tiefer Bewusstlosigkeit. Die Atmung fällt kurzzeitig aus. Gemeinsam mit der erhöhten Muskelspannung führt dies eventuell zu einem Sauerstoffmangel. Das erkennt man an einer leicht bläulichen Verfärbung von Haut und Schleimhäuten (zum Beispiel Lippen). Mediziner nennen dies Zyanose.
Klonische Phase: Nach zehn bis 30 Sekunden folgt die klonische Phase mit unkontrollierten Zuckungen in Armen und Beinen. Das ist die Phase, in der Patienten sich manchmal auf die Zunge beißen. Gelegentlich geht unwillkürlich Harn und (seltener) Stuhl ab. Die klonische Phase dauert im Allgemeinen nur wenige Minuten an.
Nach dem Grand-Mal-Anfall kommen die Patienten wieder zu Bewusstsein, aber nur kurz: Sie fallen bald in einen tiefen Schlaf, aus dem sie sich kaum wecken lassen. Nach dem Aufwachen erinnern sie sich an den epileptischen Anfall selbst nicht mehr, tragen aber meist einen Muskelkater davon.
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Absencen (Petit Mal)
Einige Epilepsie-Patienten erleben auch generalisierte Anfälle in ihrer mildesten Ausprägung - als sogenannte Absence. Darunter versteht man eine abrupte, sekundenlange Bewusstseinsstörung: Das Bewusstsein macht gewissermaßen kurz Pause, sodass der Betroffene seiner Umgebung keinerlei Aufmerksamkeit schenkt. Dabei verliert er jedoch nicht das Bewusstsein. Eine Absence wird auch als "Petit Mal" ("kleiner Anfall") bezeichnet. Mediziner unterscheiden verschiedene Arten von Absencen. Da gibt es zum einen die typischen Absencen: Der Patient hält plötzlich unwillkürlich in seiner Aktivität (essen, gehen, spielen et cetera) inne. Sein Blick wird starr und leer, das Gesicht wirkt ausdruckslos. Nach einigen Sekunden setzt er seine Aktivität wieder fort, als wäre nichts gewesen. Viele Patienten wissen selbst gar nicht, dass sie gerade einen Absence-Anfall hatten. Eine solche einfache typische Absence geht manchmal mit Begleiterscheinungen einher. Dazu gehören zum Beispiel leichte, beidseitige Muskelzuckungen, etwa im Gesicht oder in den Armen. Manchmal wird aufgrund plötzlicher Muskelanspannung der Kopf nach hinten gezogen und der Blick nach oben gerichtet (Sternguckerzeichen). In solchen Fällen spricht man von komplexer typischer Absence. Andere Epilepsie-Patienten zeigen eine sogenannte atypische Absence. Die Begleiterscheinungen sind hier noch viel deutlicher als bei einer komplexen typischen Absence. Der Anfall beginnt und endet aber nicht so abrupt. Außerdem treten atypische Absencen eventuell immer häufiger hintereinander auf. Das geht manchmal so weit, dass schließlich ein Absence-Anfall in den nächsten übergeht. Dann sprechen Mediziner vom Absence-Status. Er ist gefährlich und erfordert unbedingt eine Behandlung.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen für epileptische Anfälle sind vielfältig. In vielen Fällen ist der neurologischen Erkrankung jedoch kein erkennbarer Auslöser zuzuschreiben. Ein Anfall kann bei Epileptikern durch unterschiedliche Auslöser (Trigger) hervorgerufen werden: Bei einigen spielen flackerndes Licht, Videospiele oder laute Geräusche eine Rolle. Darüber hinaus sind auch die körperliche Verfassung (zum Beispiel Schlafmangel, hormonelle Schwankungen) und der Gemütszustand (wie Ärger, Angst) für die Entstehung eines Anfalls verantwortlich. Ein Krampfanfall kann ebenfalls durch Stress hervorgerufen werden.
Einige der häufigsten Ursachen und Risikofaktoren für Epilepsie sind:
- Genetische Veranlagung: In manchen Familien tritt Epilepsie über mehrere Generationen hinweg auf. Das kann ein Hinweis auf eine genetische Veranlagung für die Erkrankung sein. Wenn bei Epilepsien ein Nachweis einer genetischen Ursache gelingt, so kann man teilweise mehr über den Verlauf der Erkrankung vorhersagen. Bei einigen Veränderungen handelt es sich eher um günstige Verläufe. Bei anderen Mutationen weiß man, dass die Verläufe schwerer sind.
- Hirnschäden: Zugrunde liegt den meisten Betroffenen eine Schädigung des Gehirns, zum Beispiel durch einen Schlaganfall, durch Infektionen des Zentralnervensystems, Stoffwechselstörungen oder einen Hirntumor. Auch Hirnverletzungen durch einen Unfall können Epilepsie hervorrufen. Bei Kindern ist sie oft die Folge eines Sauerstoffmangels während der Geburt oder einer Fehlentwicklung des Gehirns.
- Strukturell-metabolische Epilepsie: Ergab die Untersuchung des Patienten eine medizinische Ursache für die Erkrankung sprechen Ärzte nach neuer Klassifikation von einer strukturell-metabolischen Epilepsie.
Zusammenhang zwischen Genen und Epilepsie
Wenn es zu einem epileptischen Anfall kommt, sind auch Gene und deren Regulation beteiligt. Gene sind Blaupausen der DNA. Von ihnen werden bei der Transkription Abschriften erstellt, die an unterschiedliche Orte in den Nervenzellen gelangen und deren Funktion beeinflussen. Wie die Wissenschaftler der Universität Bonn bereits vor einigen Jahren zeigen konnten, regelt der Transkriptionsfaktor Early growth response 1 (Egr1) die Calciumkanäle in den Nervenzellen hoch. Calcium kann dann vermehrt in die Poren der Nervenzellenkanäle einströmen. Dadurch beginnen diese, im Gleichtakt zu feuern - ein epileptischer Anfall beginnt.
Neue Erkenntnisse aus Bonn
„Allerdings ist das Geschehen deutlich komplexer, wie wir nun herausgefunden haben“, sagt Dr. Karen M. J. van Loo, Nachwuchsgruppenleiterin am UKB. „Es sind weitere Faktoren beteiligt.“ Wie bei einer Rasterfahndung suchte die Wissenschaftlerin mit ihren UKB-Kollegen Prof. Dr. Dirk Dietrich von der Neurochirurgie und Prof. Dr. Anschließend beobachteten die Forscher an menschlichem Gewebe, das bei der operativen Entfernung von Epilepsieherden aus den Gehirnen von Patienten gewonnen wurde, und Mäusen das Zusammenspiel der epilepsieauslösenden Faktoren. Im Wesentlichen geht es um die Dreiecksbeziehung aus dem bereits bekannten Transkriptionsfaktor Egr1 sowie den spezialisierten Calciumkanal-Poren Cav3.2 und α2δ4 (alpha2delta4). Van Loo: „Vor allem die Rolle von α2δ4 wurde bislang deutlich unterschätzt.“ Die Wissenschaftler sorgten bei den Mäusen durch eine Hochregulierung des Transkriptionsfaktors dafür, dass deren Nervenzellen im Gehirn deutlich mehr α2δ4 produzierten. „Je mehr α2δ4 vorhanden war, desto stärker war die Anfallsneigung“, fasst Prof. Dr. Susanne Schoch-McGovern vom Institut für Neuropathologie des Universitätsklinikums Bonn die Ergebnisse zusammen. Dieser Zusammenhang bestätigte sich auch bei den Untersuchungen mit menschlichem Hirngewebe. Die Nervenzellen im Gehirn schützen sich normalerweise durch einen stabilen Rhythmus vor einem epileptischen Anfall. „Das lässt sich mit dem Antiblockiersystem beim Auto vergleichen, das ebenfalls vor einem Überreagieren schützt“, sagt Becker. Wird α2δ4 hochreguliert, fällt dadurch in dem Nervenzellennetzwerk im übertragenen Sinn das Antiblockiersystem aus und das Gaspedal wird dabei voll durchgetreten: Der gewohnte Nervenzellenrhythmus gerät aus dem Takt und beschleunigt, ein epileptischer Anfall bahnt sich an. „Vielmehr ist das ganze Netzwerk zu betrachten.“ Die Wissenschaftler sehen die Calciumkanalporen α2δ4 und Cav3.2 in Kombination mit dem Transkriptionsfaktor Egr1 als einen vielversprechenden therapeutischen Ansatzpunkt, um möglicherweise den Ausbruch von Epilepsien zu hemmen.
Diagnostik
Für eine erfolgreiche Behandlung ist eine eindeutige Diagnose Voraussetzung. Um herauszufinden, ob der Anfall einer Epilepsie oder einer anderen Erkrankung zuzuordnen ist, sollte ein Neurologe (Facharzt für Erkrankungen des Nervensystems) aufgesucht werden. Eine behandlungsbedürftige Epilepsie liegt dann vor, wenn dem ersten Anfall weitere folgen oder ein erhöhtes Risiko hierfür gegeben ist. Eine Beschreibung der Anfälle sowohl durch den Betroffenen selbst als auch durch Angehörige (Fremdbeschreibung) sind für die Diagnostik von enormer Bedeutung. Hilfreich können in diesem Zusammenhang auch Videoaufzeichnungen des epileptischen Anfalls oder die Beobachtung in einer spezialisierten Klinik sein.
Die wichtigsten diagnostischen Verfahren sind:
- Elektroenzephalographie (EEG): Mithilfe der Elektroenzephalographie (EEG) wird die elektrische Gehirnaktivität aufgezeichnet. Bestimmte Muster lassen auf eine erhöhte Anfallsneigung schließen. Allerdings genügt das EEG allein nicht, um eine Epilepsie zu diagnostizieren.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Die Magnetresonanztomographie (MRT) - auch Kernspintomogramm genannt - macht hirnorganische Veränderungen sichtbar, die wiederum Hinweise auf die Ursache geben können.
- Liquoruntersuchung: In einigen Fällen untersucht der Arzt zudem das Hirnwasser (Liquor), beispielsweise, wenn der Verdacht auf eine Hirn- oder Hirnhautentzündung vorliegt.
- Blutuntersuchung: Eine Blutuntersuchung dient dem Ausschluss anderer Erkrankungen, die Krampfanfälle auslösen könnten. Einige Stunden nach einem Anfall ist typischerweise das am Muskelstoffwechsel beteiligte Enzym Kreatinkinase erhöht.
Therapie
So vielseitig sich die Erkrankung selbst zeigt, so unterschiedlich sind auch die Möglichkeiten der Therapie. Am Beginn der Behandlung steht meist ein medikamentöser Ansatz, der bei optimaler Einstellung bei bis zu 70 Prozent aller Betroffenen zu einer Anfallsfreiheit führt. Patient und behandelnder Arzt wägen gemeinsam Nutzen und Risiken der Medikamente - sogenannte Antiepileptika - ab. Es sind Mittel auf dem Markt, die bei vielen Epilepsieformen wirksam sind. Bei der Epilepsie-Behandlung ist es möglich, nur ein Medikament (Monotherapie) oder mehrere als Kombinationstherapie zu verabreichen. Die Dosierung erfolgt individuell und startet meist niedrig. In den meisten Fällen sind Antiepileptika gut verträglich. Dennoch sind Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen, Müdigkeit, Schwindel oder verlangsamtes Denken nicht auszuschließen. Zeigt die medikamentöse Behandlung Erfolg, sollten Patienten trotz Anfallsfreiheit regelmäßig einen Arzt zur Kontrolle aufsuchen.
Weitere Therapieoptionen sind:
- Epilepsiechirurgie: Die Behandlungsmethode kommt ausschließlich für die fokale Epilepsie infrage und auch nur, wenn sich feststellen lässt, welcher Bereich im Gehirn für die Anfälle verantwortlich ist. Dann ist es unter Umständen möglich, diesen chirurgisch zu entfernen (resektive Operation). Weitere Punkte, der vor der Entscheidung für eine Epilepsiechirurgie beachtet werden müssen, sind inakzeptable Nachteile: Die Operation darf keine ernste Beeinträchtigung bestimmter Hirnfunktionen nach sich ziehen. Ob ein operativer Eingriff infrage kommt, muss daher immer individuell entschieden werden. In seltenen Fällen kann bei schweren Epilepsien noch eine andere Operation durchgeführt werden, nämlich die sogenannte Balkendurchtrennung (Kallosotomie). Der Eingriff wird beispielsweise in Erwägung gezogen, wenn der Betroffene häufig schwere Sturzanfälle hat. Durch die Trennung des Balkens (Corpus callosum) im Gehirn, der die linke und rechte Gehirnhälfte verbindet, kann die Häufigkeit der Sturzanfälle verringert werden. Allerdings sind im Anschluss kognitive Beeinträchtigungen nicht auszuschließen.
- Neurostimulation: Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreicht, gibt es alternativ die Möglichkeit der Neurostimulation. Hierbei werden bestimmte Gehirnstrukturen oder solche, die dort hinführen (zum Beispiel der Vagus-Nerv) mit niedriger Stromstärke stimuliert. Allerdings wird mit dieser Methode keine Anfallsfreiheit erreicht. Die Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) ist die am weitesten verbreitete Methode. Dem Patienten wird eine Art Schrittmacher unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut gepflanzt und mittels Kabel (ebenfalls unter der Haut) mit dem linken Vagusnerv am Hals verbunden. Bei der transkutanen Vagus-Nerv-Stimulation erfolgt eine Reizung des Vagus-Nervs in der Ohrmuschel. Hierfür ist keine Operation notwendig. Eine andere Möglichkeit stellt die transkranielle Magnetstimulation dar. Bei dieser wirken Magnetfelder auf das Gehirn, wodurch die übererregten Gehirnstrukturen erreicht werden sollen. Für die tiefe Hirnstimulation werden dem Patienten kleine Elektroden in bestimmte Gehirnstrukturen implantiert. Mithilfe von elektrischen Impulsen stimulieren sie das Nervengewebe.
- Ketogene Diät: Bei der ketogenen Diät handelt es sich um eine Art Low Carb Ernährung, die sich auf die Zufuhr von vielen gesunden Fetten und wenig Kohlenhydraten fokussiert. Dem Körper wird so beigebracht, seine Energie nicht aus Kohlenhydraten, sondern aus den zugeführten Fetten zu gewinnen. Im Zusammenhang mit Epilepsien wird vermutet, dass dem Gehirn durch den veränderten Stoffwechsel mehr Energie zur Verfügung steht, die es zum Stabilisieren der hirnelektrischen Aktivitäten verwendet.
- Anfallsselbstkontrolle: Voraussetzung für das Erlernen der Anfallsselbstkontrolle ist die Bereitschaft, sich intensiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen. Im Vordergrund steht dahingehend die Frage, was den eigenen Anfall begünstigt. Das können bestimmte Zeiten, Orte, Tätigkeiten oder auch Situationen sein. Darauf aufbauend können Betroffene Strategien entwickeln, die dabei helfen sollen, Anfälle zu verhindern. Denn wer weiß, welche Faktoren (beispielsweise Alkoholgenuss) einen Anfall begünstigen, muss diese nicht zwingend meiden. Effektiver ist es, einen positiven Umgang mit diesen zu finden. Ein weiterer Aspekt der Anfallsselbstkontrolle ist es, Warnzeichen eines epileptischen Anfalls zu erkennen und zu versuchen, diesen abzuwehren. Das kann über das Entwickeln und Einüben bestimmter Verhaltensweisen geschehen: Macht sich ein Anfall beispielsweise über ein Kribbeln in der Hand bemerkbar, wird diese zur Faust geballt. So ist es möglich, die für die Motorik verantwortlichen Gehirnzellen anderweitig zu beschäftigen. Auf diese Weise sollen sie daran gehindert werden, dem Kribbeln nachzugeben.
- Alternative Methoden: Ergänzend zur Behandlung mit Medikamenten haben Patienten die Möglichkeit, auf alternative Methoden zurückzugreifen. Für die alternativen Behandlungsansätze liegt derzeit kein Wirkungsnachweis vor. Dennoch berichten einige Menschen mit Epilepsie, dass ihnen Akupressur und Co. helfen.
Epilepsie und eingeklemmter Nerv
Ein eingeklemmter Nerv entsteht, wenn ein Nerv durch umliegendes Gewebe, wie Knochen, Knorpel, Muskeln oder Sehnen, komprimiert wird. Diese Kompression kann zu Schmerzen, Taubheit, Kribbeln oder Schwäche in dem Bereich führen, der von dem betroffenen Nerv versorgt wird. In seltenen Fällen kann ein eingeklemmter Nerv auch epileptische Anfälle auslösen. Dies ist jedoch eher ungewöhnlich und tritt hauptsächlich dann auf, wenn der eingeklemmte Nerv eine direkte Verbindung zum Gehirn hat oder eine Kaskade von Ereignissen auslöst, die letztendlich zu einer erhöhten neuronalen Erregbarkeit führen.
Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall
Bei den Erste-Hilfe-Maßnahmen geht es vor allem darum, anfallsbedingte Verletzungen zu vermeiden. Falls der Betroffene Gegenstände in der Hand hält, sollten Sie diese an sich nehmen. Während eines Anfalls sollten Sie auf keinen Fall versuchen, den Kiefer des Patienten gewaltsam zu öffnen und ihm Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben, damit er sich nicht auf die Zunge beißt. Hier sind schwere Verletzungen möglich.
Was ist bei einem epileptischen Anfall zu tun? Wer einen epileptischen Anfall beobachtet, sollte zunächst ruhig bleiben und gefährliche Gegenstände aus der Umgebung des Betroffenen entfernen. Halten Sie den Betroffenen nicht fest. Wichtig ist, den Kopf zu schützen und ihn nach dem Anfall in die stabile Seitenlage zu bringen.
Leben mit Epilepsie
Mit einer optimalen medikamentösen Therapie werden bis zu 70 Prozent der Patienten anfallsfrei. In vielen Fällen muss die Behandlung lebenslang erfolgen, weil nach dem Absetzen sonst erneut Anfälle auftreten. Deshalb spielen bei der Auswahl der Arzneimittel nicht nur die Wirksamkeit, sondern auch die Verträglichkeit und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eine Rolle. Viele klassische Antiepileptika, wie Carbamazepin und Phenytoin, werden durch Leberenzyme abgebaut und verstärken deren Aktivität. Dadurch beschleunigen sie auch die Verstoffwechslung anderer Medikamente - beispielsweise der Antibabypille, von Phenprocoumon (Marcumar®), einigen Antidepressiva, Steroiden, Zytostatika und Immunsuppressiva. Das kann unter Umständen die Wirkung lebenswichtiger Arzneistoffe erheblich einschränken. Häufig bewirkt die Enzyminduktion auch einen Vitaminmangel, vor allem am »Knochenvitamin« D. Viele Epilepsiemedikamente sind auch als Generika erhältlich. Allerdings kann deren Bioverfügbarkeit gegenüber dem Originalpräparat um bis zu 25 Prozent nach oben und 20 Prozent nach unten abweichen. Daher empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie allen Ärzten, durch das »Aut-idem-Kreuz« einen Austausch der Präparate zu verhindern. Keinesfalls dürfe man aus Kostengründen die Anfallsfreiheit und die wieder gewonnenen Vorteile - wie die Fahrtauglichkeit - eines Patienten gefährden, betonen die Autoren der geltenden Leitlinien.
Die Lebenserwartung von Menschen mit Epilepsie ist grundsätzlich nicht herabgesetzt. Ein epileptischer Anfall kann dann lebensgefährdend sein, wenn der Betroffene beispielsweise infolge eines Anfalls einen Autounfall verursacht und sich schwerwiegende Verletzungen zuzieht. Den meisten beruflichen Tätigkeiten können Epileptiker ohne Einschränkungen nachgehen. Es gibt jedoch bestimmte Berufsgruppen, die Betroffenen nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, beispielsweise Pilot oder Busfahrer. Die berufliche Eignung ist immer auf den Einzelfall zu beziehen, sprich, es müssen Faktoren wie die Art der Anfälle, deren Häufigkeit sowie Schweregrad bei der Berufswahl berücksichtigt werden.
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