Ein epileptischer Anfall kann für Betroffene und Zeugen beängstigend sein. Es ist wichtig zu verstehen, was während eines solchen Anfalls passiert, welche Gefahren bestehen und wie man als Helfer richtig reagiert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über epileptische Anfälle, insbesondere im Hinblick auf das Risiko von Zungenverletzungen, und gibt praktische Ratschläge für die Erste Hilfe.
Was ist ein epileptischer Anfall?
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle sind Funktionsstörungen des Gehirns, die durch eine vorübergehende, gleichzeitige Entladung größerer Verbände von Nervenzellen verursacht werden. Diese unkontrollierte elektrische Aktivität beeinträchtigt die normale Kommunikation der Nervenzellen und kann zu Störungen der Sprache, Bewegung oder des Bewusstseins führen.
Etwa 10% der Menschen erleben im Laufe ihres Lebens einen epileptischen Anfall. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie an Epilepsie leiden, da Anfälle auch durch andere Faktoren wie Fieberkrämpfe bei Kindern, Schlafentzug oder Alkoholkonsum ausgelöst werden können. Von Epilepsie spricht man erst, wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle aufgetreten sind oder ein hohes Risiko für weitere Anfälle besteht, beispielsweise aufgrund von Auffälligkeiten im EEG oder MRT.
Ursachen und Auslöser
Epileptische Anfälle können in jedem Alter auftreten und verschiedene Ursachen haben. Dazu gehören:
- Genetische Veranlagung: Eine familiäre Veranlagung kann die Wahrscheinlichkeit für epileptische Anfälle erhöhen.
- Hirnschäden: Verletzungen des Gehirns, wie Schlaganfälle, Tumore oder Schädel-Hirn-Traumata, können Narben hinterlassen, die zu Instabilität in den Gehirnzellen führen.
- Andere Erkrankungen: Stoffwechselstörungen, Infektionen des Gehirns oder Entwicklungsstörungen können ebenfalls epileptische Anfälle auslösen.
- Auslöser: Bestimmte Faktoren können die Anfallswahrscheinlichkeit erhöhen, wie Schlafentzug, unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, Alkoholkonsum, Flackerlicht oder Fieber.
Formen epileptischer Anfälle
Epileptische Anfälle lassen sich grob in zwei Haupttypen unterteilen: fokale und generalisierte Anfälle.
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Fokale Anfälle
Fokale Anfälle gehen von einem bestimmten Bereich im Gehirn aus. Die Symptome hängen davon ab, welche Hirnregion betroffen ist.
- Motorische Symptome: Zuckungen, Verkrampfungen oder Versteifungen einzelner Körperteile (z.B. Arm, Bein, Gesicht). In seltenen Fällen kommt es zum plötzlichen Nachlassen der Muskelspannung in einer Körperregion.
- Sensorische Symptome: Missempfindungen wie Kribbeln, Brennen, Kälte- oder Wärmegefühle. Auch Halluzinationen sind möglich (Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, optische Wahrnehmungen).
- Psychische Symptome: Angstgefühle oder Schwindel.
- Einfache fokale Anfälle: Der Patient ist bei vollem Bewusstsein.
- Komplexe fokale Anfälle: Das Bewusstsein ist beeinträchtigt. Der Patient wirkt benommen, abwesend oder verwirrt. Typisch sind Automatismen (unbewusste, rhythmische Bewegungen wie Kauen, Schmatzen, Nesteln an der Kleidung, Scharren mit den Füßen).
Ein fokaler Anfall kann sich zu einem generalisierten Anfall ausweiten, wenn sich die elektrische Aktivität auf das gesamte Gehirn ausbreitet (sekundär generalisierter Anfall).
Generalisierte Anfälle
Generalisierte Anfälle betreffen von Anfang an das gesamte Gehirn.
- Tonisch-klonische Anfälle (Grand Mal): Die bekannteste Anfallsform. Sie verläuft in zwei Phasen:
- Tonische Phase: Der Körper versteift sich, der Patient verliert das Bewusstsein und die Atmung kann kurzzeitig aussetzen. Es kann zu einer bläulichen Verfärbung der Haut und Schleimhäute (Zyanose) kommen.
- Klonische Phase: Unkontrollierte Zuckungen in Armen und Beinen. Es kann zum Zungenbiss und unwillkürlichem Harn- oder Stuhlabgang kommen.
- Absencen (Petit Mal): Kurze Bewusstseinsstörungen, bei denen der Patient für einige Sekunden abwesend wirkt und ins Leere blickt. Er unterbricht seine Tätigkeit und setzt sie anschließend fort, ohne sich an den Anfall zu erinnern.
- Myoklonische Anfälle: Plötzliche, kurze Zuckungen einzelner Muskelgruppen. Der Patient bleibt meist bei Bewusstsein.
- Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust der Muskelspannung, der zu Stürzen führen kann.
Zungenverletzungen bei epileptischen Anfällen
Ein häufiges Problem bei tonisch-klonischen Anfällen ist die Gefahr von Zungenverletzungen. Während der krampfartigen Muskelkontraktionen kann es vorkommen, dass sich der Patient auf die Zunge beißt.
Warum kommt es zu Zungenverletzungen?
Die Ursache für Zungenverletzungen liegt in der unkontrollierten Muskelaktivität während des Anfalls. Die Kiefermuskeln können sich so stark zusammenziehen, dass die Zunge zwischen die Zähne gerät und verletzt wird.
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Was tun bei einem Zungenbiss?
- Während des Anfalls: Versuchen Sie nicht, den Mund des Patienten zu öffnen oder Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben. Dies kann zu weiteren Verletzungen der Zunge oder der Zähne führen.
- Nach dem Anfall: Überprüfen Sie die Zunge auf Verletzungen. Kleine Bisswunden bluten meist nur kurz und heilen von selbst. Bei stärkeren Blutungen sollte ein Arzt aufgesucht werden.
Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall
Es ist wichtig, bei einem epileptischen Anfall ruhig zu bleiben und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen.
Allgemeine Maßnahmen
- Ruhe bewahren: Ein epileptischer Anfall sieht oft beängstigend aus, ist aber in den meisten Fällen harmlos und dauert nur wenige Minuten.
- Schutz vor Verletzungen: Sorgen Sie für eine sichere Umgebung. Entfernen Sie Gegenstände, an denen sich der Patient verletzen könnte. Legen Sie etwas Weiches unter den Kopf (z.B. eine Jacke oder ein Kissen).
- Nicht festhalten: Versuchen Sie nicht, den Patienten festzuhalten oder die krampfartigen Bewegungen zu unterdrücken.
- Nichts in den Mund schieben: Versuchen Sie nicht, den Mund zu öffnen oder Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben.
- Atemwege freihalten: Lockern Sie beengende Kleidung am Hals. Drehen Sie den Kopf des Patienten zur Seite, um zu verhindern, dass er an Erbrochenem oder Speichel erstickt.
- Beobachten und dokumentieren: Achten Sie auf den Verlauf und die Dauer des Anfalls. Notieren Sie sich die Symptome und den Ablauf (z.B. welche Körperteile zucken, ob es eine Aura gab). Eine Videoaufnahme mit dem Handy kann für den Arzt hilfreich sein.
- Nach dem Anfall: Bleiben Sie beim Patienten, bis er wieder vollständig orientiert ist. Beruhigen Sie ihn und bieten Sie ihm Hilfe an. Bringen Sie ihn in die stabile Seitenlage, wenn er bewusstlos ist oder einschläft.
Wann muss ein Notarzt gerufen werden?
In den meisten Fällen ist ein Notarzt nicht erforderlich. Rufen Sie jedoch unter der Nummer 112 einen Notarzt, wenn:
- Der Anfall länger als fünf Minuten dauert (Status epilepticus).
- Es folgen mehrere Anfälle hintereinander, ohne dass der Patient zwischendurch das Bewusstsein wiedererlangt.
- Es kommt zu Atemproblemen.
- Es liegen schwere Verletzungen vor.
- Es handelt sich um den ersten epileptischen Anfall des Betroffenen.
- Der Patient kommt nach dem Anfall nicht wieder zu Bewusstsein.
Notfallmedikamente
Einige Epilepsie-Patienten haben ein Notfallmedikament (z.B. Diazepam Rectiolen oder bukkales Midazolam) bei sich, das im Falle eines Anfalls verabreicht werden kann. Die Anwendung sollte jedoch nur erfolgen, wenn Sie darin geschult sind und die Anweisung eines Arztes vorliegt.
Leben mit Epilepsie
Für Menschen mit Epilepsie ist es wichtig, sich gut über ihre Erkrankung zu informieren und Strategien zu entwickeln, um Anfälle zu vermeiden und im Notfall richtig zu reagieren.
Notfallausweis
Es wird empfohlen, einen Notfallausweis mit sich zu führen, auf dem Informationen über die Epilepsie, die eingenommenen Medikamente und Kontaktpersonen vermerkt sind.
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Anfallskalender
Das Führen eines Anfallskalenders kann helfen, Auslöser zu identifizieren und die Wirksamkeit der Behandlung zu überwachen.
Medikamentöse Therapie
Die meisten Epilepsie-Patienten benötigen eine medikamentöse Therapie, um die Anfälle zu kontrollieren. Es ist wichtig, die Medikamente regelmäßig und gemäß den Anweisungen des Arztes einzunehmen.
Vermeidung von Auslösern
Identifizieren und vermeiden Sie mögliche Auslöser für Anfälle (z.B. Schlafentzug, Alkoholkonsum, Stress).
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