Die Familie Cooperberg, eine jüdische Familie aus der oberen Mittelschicht, sieht sich mit dem bevorstehenden Tod ihres Patriarchen konfrontiert. Während der Vater, der überraschend an Krebs erkrankt ist, sich einer Operation unterzieht, versammeln sich seine erwachsenen Kinder im Krankenhaus, um auf Neuigkeiten zu warten. Diese erzwungene Nähe bringt eine Vielzahl von Problemen, Neurosen und unausgesprochenen Konflikten ans Licht, die das Fundament ihrer Beziehungen erschüttern. Der Film "You Can Thank Me Later - Schmerzhafte Wahrheiten", der im Deutschen oft unter dem Titel "Vier Neurosen und ein Todesfall" firmiert, ist ein klaustrophobisches Psychodrama, das die Dynamik einer dysfunktionalen Familie seziert.
Die Ausgangssituation: Ein Familiennotfall
Die Nachricht von der notwendigen Krebsoperation des Familienvaters trifft die Cooperbergs unerwartet. Die gebieterische Mutter, Shirley (gespielt von Ellen Burstyn), ruft ihre Kinder zusammen: Edward (Mark Blum), ein erfolgreicher, aber untreuer Theaterproduzent und der erklärte Lieblingssohn; Eli (Ted Levine), ein gescheiterter Poet und ewiger Verlierer; und Susan (Amanda Plummer), eine exzentrische Künstlerin, die finanziell von ihren Eltern abhängig ist. Das Wiedersehen findet im sterilen Ambiente des Krankenhauses statt, einem Ort, der die familiären Spannungen noch verstärkt.
Die Charaktere: Ein Kaleidoskop der Neurosen
Jedes Mitglied der Familie Cooperberg trägt seine eigenen Lasten und Neurosen mit sich herum.
Edward: Der erfolgreiche Theaterproduzent scheint nach außen hin alles erreicht zu haben, doch er ist ein notorischer Schürzenjäger, der seine Ehe aufs Spiel setzt. Er blickt auf seine Geschwister herab und versucht, die Kontrolle über die Situation zu behalten. Edward ist der Inbegriff des Mannes, der seinen Erfolg zur Schau stellt, um seine inneren Unsicherheiten zu kompensieren.
Eli: Der gescheiterte Poet ist das schwarze Schaf der Familie. Seit zehn Jahren von seiner Frau Diane (Mary McDonnell) geschieden, führt er eine bizarre sexuelle Beziehung mit ihr, die sich auf öffentliche Toiletten beschränkt. Eli ist ein zynischer Beobachter, der die Fassade der Familie durchschaut, aber nicht in der Lage ist, sich aus seinem eigenen Elend zu befreien.
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Susan: Die jüngste Tochter ist eine überdrehte Künstlerin, die abstrakte Bilder malt und von der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern abhängig ist. Sie kämpft verzweifelt um die Anerkennung ihrer Mutter und fühlt sich von ihren Brüdern übergangen. Susan ist der Inbegriff des Nesthäkchens, das nie erwachsen geworden ist und nach Liebe und Aufmerksamkeit sucht.
Shirley: Die Matriarchin der Familie ist eine gebieterische und kontrollierende Frau, die ihre Kinder manipuliert und gegeneinander ausspielt. Sie klammert sich an die Traditionen und Werte ihrer jüdischen Herkunft, während sie gleichzeitig ihre eigenen Bedürfnisse über die ihrer Kinder stellt.
Die Dynamik: Ein Minenfeld aus Konflikten
Die angespannte Atmosphäre im Krankenhauszimmer wird durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Konflikte der Familienmitglieder zusätzlich angeheizt. Alte Wunden werden aufgerissen, unausgesprochene Vorwürfe kommen ans Licht, und der Konkurrenzkampf um die Gunst der Mutter und die Nachfolge im väterlichen Geschäft beginnt, noch bevor der Vater gestorben ist. Die Geschwister können einander nicht ausstehen, und so prallen in der angespannten Situation Ängste und gepflegte Stadtneurosen ungemindert aufeinander. Die Dialoge sind scharfzüngig und voller Sarkasmus, die Beziehungen von Misstrauen und Eifersucht geprägt.
Das Symbol: Der Fernseher und der Holocaust
Ein rätselhaftes Detail in dem Film ist der Fernseher im Krankenzimmer, der zunächst nur einen Kanal empfängt: eine endlose Dokumentation über den Holocaust. Dieses Bild dient als Metapher für die traumatische Vergangenheit des jüdischen Volkes und die damit verbundene Angst vor Verfolgung und Auslöschung. Der Holocaust symbolisiert auch die tiefen Wunden und das unausgesprochene Leid, das in der Familie Cooperberg schlummert. Erst als die Nachricht vom Tod des Vaters eintrifft, empfängt der Fernseher alle Programme, Sport, Krimis, Shows, Werbung. Dies könnte interpretiert werden als eine Befreiung von der Last der Vergangenheit und eine Öffnung für die Vielfalt des Lebens, die jedoch auch mit Oberflächlichkeit und Konsum verbunden ist.
Die Analyse: Eine Couch für die Familie
Im Zentrum des Psychodramas steht eine ganz normal verrückte Familie, deren Mitglieder zwischendurch auf der obligaten Couch des Analytikers über Glaubensfragen, Moralvorstellungen, Stadtneurosen und sexuelle Übersprungshandlungen plaudern. Diese Therapiesitzungen bieten Einblicke in die inneren Konflikte und Ängste der Charaktere, aber sie lösen die Probleme nicht. Stattdessen dienen sie oft als Ventil für Frustrationen und Aggressionen.
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Der Todesfall: Ein Katalysator für Veränderungen?
Der Tod des Vaters markiert einen Wendepunkt in der Geschichte. Er zwingt die Familienmitglieder, sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit und den ungelösten Konflikten der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ob der Todesfall jedoch zu einer echten Katharsis und Veränderung führt, bleibt offen. Es ist wahrscheinlich, dass die Cooperbergs nach dem Begräbnis in ihre alten Muster zurückfallen werden, gefangen in ihren Neurosen und Unfähigkeiten, echte Beziehungen einzugehen.
Die Besetzung: Ein Garant für Qualität
Zu dem exzellenten Darstellerensemble gehören Ellen Burstyn („Der Exorzist“), Ted Levine („Das Schweigen der Lämmer“), Amanda Plummer („Pulp Fiction“), Mark Blum („Crocodile Dundee - Ein Krokodil zum Küssen“) und Geneviève Bujold („Die Unzertrennlichen“). Ihre überzeugenden Leistungen verleihen den komplexen Charakteren Tiefe und Glaubwürdigkeit.
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