Critical-Illness-Myopathie (CIM) und Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP) sind erworbene Muskelschwächen als Folge einer kritischen Erkrankung, die zu verlängerter Beatmungsnotwendigkeit und erhöhter Komorbidität führen können. Diese Muskelschwäche kann nach dem Krankenhausaufenthalt jahrelang bestehen bleiben, was die Wiedereingliederung in den Alltag erschwert und die Lebensqualität mindert. Derzeit gibt es keine spezifischen Behandlungsoptionen, um die Entwicklung von CIM oder CIP zu verhindern.
Was sind Critical Illness Myopathie (CIM) und Critical Illness Polyneuropathy (CIP)?
Critical Illness Myopathy (CIM) und/oder Critical Illness Polyneuropathy (CIP) sind durch eine Muskelschwäche bis hin zur vollständigen Parese gekennzeichnet, die infolge einer kritischen Erkrankung erworben wurde. Die Critical-Illness-Myopathie wird auch als "Thick Filament Myopathy", akute Quadriplegische Myopathie oder "Acute Myopathy with Myosin Loss" bezeichnet. Eigene elektrophysiologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass an der Entwicklung einer Parese in aller Regel eine CIM beteiligt ist, die schon früh während der ersten Tage einer kritischen Erkrankung auftritt.
Auswirkungen von CIM und CIP
Die genannten Krankheitsbilder können zu einer Verlängerung der Beatmungspflichtigkeit und einer erhöhten Komorbidität führen. Nach Verlassen des Krankenhauses kann diese Muskelschwäche noch bis zu Jahren andauern und hierdurch die Wiedereingliederung ins normale Leben erschweren. Es kommt zu Einbußen der Lebensqualität.
Aktuelle Behandlungsmöglichkeiten und Forschung
Derzeit gibt es keine spezifischen Behandlungsoptionen, um die Entwicklung einer CIM oder CIP zu verhindern. Die Arbeitsgruppe CIM/CIP untersucht die Entwicklung einer Critical-Illness Myopathie (CIM) in der Frühphase der kritischen Erkrankung bei Intensivpatienten mit schwerer Sepsis und Multiorganversagen. Schwerpunkte sind hierbei die Charakterisierung des Glukosestoffwechsels im Skelettmuskel in vitro und in vivo sowie die Untersuchung der Regulation des Proteinmetabolismus im Skelettmuskel während der Frühphase der systemischen Inflammation und deren Bedeutung für die Entwicklung einer CIM. Darüber hinaus sollen molekulare Marker und elektrophysiologische Prädiktoren einer CIM und CIP, welche die bettseitige Diagnose der CIM/CIP während der Frühphase der systemischen Inflammation erlauben, untersucht werden.
Die Rolle der Ergotherapie bei CIM/CIP
Die Ergotherapie ist eine Gesundheitsbehandlung durch aktive Betätigung des Patienten. Sie verfolgt einen ganzheitlichen und patientenzentrierten Ansatz. Das bedeutet, dass nicht primär die medizinische Diagnose die übergeordneten Therapieziele bestimmt, sondern, wenn immer möglich, der eigene Therapiewunsch des Patienten im Vordergrund stehen soll und muss. Die Ergotherapie zählt zu den nichtärztlichen medizinischen Heilberufen. Sie wird bei Bedarf vom Arzt verordnet und von den jeweiligen Kostenträgern (Krankenkassen, Unfallversicherern etc.) erstattet.
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Ziele der Ergotherapie
Oberstes Behandlungsziel ist stets die optimale Wiedererlangung oder den Erhalt einer aktiven Handlungsfähigkeit und somit die größtmögliche Selbständigkeit der Patienten in ihrem individuellen Umfeld.
Behandlungsmethoden in der Ergotherapie
In der Ergotherapie stehen verschiedenste Behandlungsmethoden zur Verfügung, die bedarfsgerecht jederzeit miteinander kombiniert werden können. Nach Überweisung des Facharztes erstellt der Ergotherapeut einen individuellen Therapieplan, der sich aus abgestimmten Therapiemethoden zusammensetzt. Patienten erhalten durch das kompetente Fachpersonal eine intensive Beratung und Informationen zu den einzelnen Behandlungselementen - gerne auch persönlich im Vorfeld. Auf Wunsch werden Patienten auch gerne gemeinsam mit ihren Angehörigen beraten.
Ergotherapeutische Interventionen bei verschiedenen Krankheitsbildern
Orthopädische und unfallchirurgische Krankheitsbilder
Auch bei orthopädischen und unfallchirurgischen Krankheitsbildern stehen in der Ergotherapie vielfältige Behandlungsmöglichkeiten für jede Krankheitsphase - von akut bis chronisch - zur Verfügung. Das Ziel ist immer die effiziente und möglichst beschwerdefreie Einsatzfähigkeit der betroffenen Körperpartien.
Zu den spezifischen Behandlungen gehören:
- Passive oder assistive Frühmobilisation gemäß den Vorgaben des Operateurs nach chirurgischen Eingriffen an den oberen Extremitäten (Schulter, Ellenbogen, Hand)
- Narben- und Schmerzbehandlung
- Erweiterung des Bewegungsausmaßes mittels verschiedener Mobilisationstechniken
- Aktives Training von Feinmotorik, Koordination, Flexibilität, Kraft und Ausdauer
- Funktionelles Schultertraining
Insbesondere der Behandlung der Schulter als hochkomplexem dreidimensionalen Gelenk - und dem damit einhergehenden deutlich erhöhten Risiko für Verschleiß oder Verletzungen - kommt in der Ergotherapie eine besondere Bedeutung zu. Hier ist das Vermeiden von Fehlbelastungen und das Training von physiologischen Bewegungsabläufen besonders wichtig.
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Altersmedizin (Geriatrie)
Die Altersmedizin (Geriatrie) ist durch das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Erkrankungen (Co- oder Multimorbidität) und die mögliche Gebrechlichkeit (Frailty-Syndrom) im höheren Lebensalter geprägt. Insofern muss jede therapeutische Intervention vor dem Hintergrund der Begleiterkrankungen individuell abgestimmt werden.
Hier kommen in angepasster Form zum Einsatz:
- Neurologische Behandlung (Schlaganfall, Morbus Parkinson etc.)
- Orthopädisch-unfallchirurgische Behandlung (nach Sturzereignissen, Endoprothetik etc.)
- Sturzprophylaxe und Balancetraining (bei Gangunsicherheit verschiedenster Ursache)
- Wohnraumanpassung, Hilfsmittelerprobung, Angehörigenberatung (v. a. bei Patienten mit dementieller Entwicklung)
- Multimodale aktivierende Demenztherapie
Neurologische Krankheitsbilder
Die Ergotherapie kann grundsätzlich bei allen neurologischen Krankheitsbildern zum Einsatz kommen. Die häufigsten Erkrankungen sind hier der Schlaganfall, der Morbus Parkinson und die Multiple Sklerose. Es gibt aber auch umfassende Erfahrung mit selteneren Krankheitsbildern wie den verschiedenen Neuropathien (PNP, Guillain-Barré-Syndrom, Critical-Illness-Polyneuropathie etc.), peripheren Nervenverletzungen, Multisystematrophie, frühkindlichem Hirnschaden u. v. m.
Zusätzlich zu den traditionellen Therapieverfahren auf neurophysiologischer Basis wie der Behandlung nach Bobath oder dem PNF-Konzept treten, speziell bei der Rehabilitation nach einem Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, zunehmend neuere Behandlungsverfahren in den Vordergrund.
Während die traditionellen Therapiemethoden klassische „hands-on“-Behandlungen sind (d. h. der Therapeut führt, unterstützt, „modelliert“ den Patienten), liegt bei den sogenannten „hands-off“-Behandlungen der Schwerpunkt auf der Eigenaktivität der Patienten ohne ständige Unterstützung durch den Therapeuten.
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Die Patienten erhalten eine ihrem Leistungsniveau angepasste Therapieaufgabe, der Therapeut zeigt und erklärt die Aufgabe und gibt gezieltes Feedback.
Constraint-Induced-Movement Therapie
Constraint-Induced-Movement bedeutet übersetzt: “die erzwungene Bewegung“. Bei dieser Therapieform wird den Patienten - natürlich mit deren Einverständnis - die nicht betroffene Hand für die Therapiedauer mit einer Bandage oder einem dicken Handschuh immobilisiert. Dadurch ist der Patient gezwungen, die ihm gestellten Aufgaben durch den Einsatz der betroffenen Hand zu bewältigen. Voraussetzungen hierfür sind minimale erhaltene Basisfunktionen in Schulter, Arm und Hand und vor allem eine hohe Eigenmotivation der Patienten.
Spiegeltherapie
Der Patient wird so vor einen Spiegel positioniert, dass er nur seine nicht betroffene Extremität (Hand oder Fuß) im Spiegel sieht. Die dadurch entstehende Illusion setzt über die sogenannten „Spiegelneurone“ im Gehirn einen umfangreichen neuronalen Schaltkreis in Gang, wodurch eine Verbesserung der Körperwahrnehmung, eine Schmerzreduktion und eine Bewegungsanbahnung angestrebt werden. Diese Therapieform kommt vor allem beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS), beim Neglect-Syndrom (Vernachlässigung einer Körperhälfte nach Hirnschädigung) und bei peripheren Nervenverletzungen zum Einsatz.
Arm-Fähigkeitstraining
Eine leichte bis mittelschwere Armlähmung mit verlangsamten oder mühsamen Bewegungsabläufen sorgt im Alltag oft für Probleme. Dies hat häufig zur Folge, dass der betroffene Arm weniger eingesetzt wird, als es möglich wäre. Durch diesen reduzierten Gebrauch gehen aber mit der Zeit auch weitere Funktionen verloren. Das Arm-Fähigkeitstraining ist ein spezifischer Behandlungsansatz für genau diese Patientengruppe. Es beübt gezielt effiziente Bewegungsabläufe im Zusammenspiel von Schulter, Arm und Hand.
LSVT-BIG®
Das LSVT-BIG® ist eine parkinsonspezifische Bewegungstherapie. Sie entstand aus dem logopädischen Behandlungskonzept „Lee-Silverman-Voice-Training“ (LSVT-LOUD®) zur Behandlung von Sprech- und Stimmstörungen bei der Parkinsonerkrankung. BIG ist ein intensives und hochfrequentes Therapieangebot welches sich über vier Wochen erstreckt und nur von zertifizierten Therapeuten ausgeführt werden darf. Pro Woche erhalten die Patienten vier einstündige Therapieeinheiten.
Im Verlauf des Morbus Parkinson kommt es bei allen Patienten zu immer kleiner werdenden Bewegungen und verlangsamten Reaktionen. Der Bewegungsradius der Extremitäten und des Rumpfes wird geringer und der Gang zusehends kleinschrittiger. Dies stellt im Alltag früher oder später eine hohe Belastung und ein erhebliches Sturzrisiko dar.
Die Therapieinhalte des LSVT-BIG® setzen sich aus bestimmten „Pflichtübungen“ - von denen jede einzelne auf ein spezielles Problem bei M. Parkinson abzielt - und mehreren, individuell mit dem Patienten ausgewählten, alltagsnahen Übungen zusammen.
Funktionelles Gehtraining
Der Verlust der sicheren Gehfähigkeit und die Angst vor einem Sturz stellen für viele Patienten in der Neurologie oder Geriatrie die größte Einschränkung im täglichen Leben dar. Im funktionellen Gehtraining wird das Gehen in der Ebene, auf dem Laufband oder auch unter erschwerten Bedingungen (Ablenkung, Hindernisse, Richtungswechsel etc.) gezielt beübt.
Ataxiebehandlung
Menschen, die an einer Ataxie leiden haben eine Störung der Bewegungskoordination und des Gleichgewichts. Die häufigsten Ursachen für eine Ataxie sind Schlaganfälle im Bereich des Kleinhirns oder die Multiple Sklerose, sie kann aber auch genetisch bedingt (Erbkrankheit) auftreten. Die Ataxie ist durch fahrige unkontrollierte Bewegungen und ein schwankendes, oft breitspuriges, Gangbild gekennzeichnet. Darüber hinaus ist auch immer die Rumpfstabilität in irgendeiner Form beeinträchtigt.
Grundlagen des motorischen Lernens
Die Therapieerfolge aller zuvor erwähnten Behandlungsmethoden basieren auf den Grundlagen des motorischen Lernens. Diese Therapieverfahren sind wissenschaftlich umfassend erforscht („evidenzbasiert“) und werden in den Leitlinien der Fachgesellschaften berücksichtigt.
Hausbesuche in der Ergotherapie
Die Ergotherapie kann in der gewohnten Umgebung des Patienten stattfinden - egal ob Zuhause oder im Pflegeheim. Es gibt viele Gründe, weshalb Patienten eine Ergotherapiepraxis nicht persönlich aufsuchen können, sei es aufgrund einer Verletzung oder eines Aufenthalts in einem Heim. Um die Wirkung der therapeutischen Behandlung nicht bereits durch einen zu anstrengenden Anfahrtsweg zu Nichte zu machen, verordnet der Arzt bei Bedarf Hausbesuche.
Ergotherapie bei Post-COVID-Syndrom
Im Rahmen von SARS-CoV-2-Virus Infektionen wurden diverse neurologische Begleiterkrankungen beobachtet, so z. B. Hirnhaut- und Gehirnentzündungen, Schlaganfälle, seltener auch Hirnblutungen, epileptische Anfälle, Nerven- und Muskelentzündungen. Darüber hinaus kann es nach intensivmedizinischen Behandlungen zu einem Post-Intensive Care Syndrom (PICS) kommen, welches zu deutlichen Einbußen in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und Teilhabe führen kann. Das Syndrom zeichnet sich u. a. durch Lähmungen und kognitive Störungen aus, wobei die Lähmungen meist durch eine motorisch und axonal betonte Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP) und eine Critical-Illness-Myopathie (CIM) bedingt sind und häufig als Mischbild vorliegen.
Als Long-COVID wird das Fortbestehen von Symptomen bezeichnet, die 4 bis 12 Wochen nach der SARS-CoV-2-Infektion noch bestehen. Darüber hinaus weiter bestehende Symptome bezeichnet man als Post-COVID-Syndrom. Alle Patienten mit sensorischen, sensomotorischen, kognitiven und/oder emotionalen Post-COVD 19-Veränderungen sind einer adäquaten neurologischen Evaluation und neurorehabilitativen Versorgung zuzuführen.
Bezüglich der Behandlung von Symptomkomplexen kann im Falle einer geringen Belastbarkeit zu Anfang der Therapie eine niedrige Therapiefrequenz sinnvoll sein, um körperlicher Überbeanspruchung und der damit möglicherweise einhergehenden Symptomverschlechterung (PEM) vorzubeugen. Patienten, die unter dem Post-COVID-Syndrom leiden, erhalten ein maßgeschneidertes Behandlungskonzept. Nicht nur die Symptome werden behandelt, sondern auch Pacing-Strategien miteinbezogen. Ziel ist es, die Patientinnen und Patienten im Umgang mit ihrer Erkrankung zu schulen, ihnen Anleitung zum Pacing und Selbstmanagement zu bieten und ihre soziale Teilhabe zu unterstützen.
Frührehabilitation bei peripheren Nervenschädigungen
Neben dem zentralen Nervensystem (ZNS, Gehirn und Rückenmark) gibt es das periphere Nervensystem (PNS, die Nerven außerhalb des Schädels und des Wirbelkanals). Im Folgenden werden der Prozess der Frührehabilitation bei ausgeprägten akuten Schädigungen des peripheren Nervensystems erläutert. Diese Schädigungen können nach einer Langzeit-Intensivbehandlung schwerer Erkrankungen auftreten, als Guillain-Barré-Syndrom (GBS) oder Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP). Die Frührehabilitation soll die motorischen und sensorischen Funktionen bei den Betroffenen wiederherstellen.
Ziele der Frührehabilitation
Ziel ist es, die Selbstständigkeit der Patient:innen zu erhöhen und langfristige Behinderungen zu minimieren. Vor allem soll die Frührehabilitation Sekundärkomplikationen vermeiden wie Muskelschwund (Muskelatrophie), Gelenkversteifungen und Druckgeschwüre. Des Weiteren arbeiten die Teams daran, die Muskelfunktion wiederherzustellen und die Mobilität sowie die sensorischen Fähigkeiten zu fördern. Die Verbesserung der Atemfunktion und die Vermeidung von die Atmung betreffenden Komplikationen (respiratorische Komplikationen) sind ebenso zentral. Das gilt insbesondere für Patient:innen, die eine mechanische Beatmung benötigen oder benötigt haben.
Therapieansätze in der Frührehabilitation
- Physiotherapie: Sie beinhaltet passive und aktive Bewegungsübungen zur Förderung der Muskelkraft und Gelenkbeweglichkeit.
- Dysphagietherapie: Speziell ausgebildete Logopäd:innen und Ergotherapeut:innen behandeln die oftmals erheblich beeinträchtigte Schluckfunktion.
- Ergotherapie: Ergotherapeut:innen verbessern die Feinmotorik und die Fähigkeit zur Durchführung von Alltagsaktivitäten bei ihren Patient:innen.
- Logopädie: Neben der Behandlung von Schluckstörungen kümmern sich Logopäd:innen auch um die Beeinträchtigungen der Sprachfunktionen.
Herausforderungen und Lösungsansätze in der Frührehabilitation
Eine der größten Herausforderungen in der Frührehabilitation ist die große Variabilität der Erkrankungsverläufe. Jede Patientin und jeder Patient reagiert anders auf die Therapie. Die interdisziplinär arbeitenden Teams passen den Rehabilitationsplans deshalb kontinuierlich an. Die Patient:innen können oft nur eingeschränkt kommunizieren. Das ist eine Herausforderung, denn die Teams möchten zum einen sicherstellen, dass ihre Patient:innen die Therapien verstehen, zum anderen wollen sie auch auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen. Die psychische Belastung durch die Erkrankung selbst und durch die leider langwierige Rehabilitation kann zu Motivationsproblemen führen.
Ablauf der Frührehabilitation
Die Frührehabilitation beginnt bereits auf der Intensivstation oder in der Akutklinik. In dieser Phase steht die medizinische Stabilisierung der Patient:innen im Vordergrund. Die Ärzt:innen stellen die Vitalfunktionen sicher durch Beatmung und Kreislaufunterstützung. Bei Aufnahme in die Frührehabilitation sind viele der Patient:innen noch maschinell beatmet. Das erste Therapieziel besteht dann in der Entwöhnung vom Beatmungsgerät.
Sobald die Patient:innen stabilisiert sind, erfolgt eine umfassende diagnostische Bewertung, um das Ausmaß der Nervenschädigung zu bestimmen. Dazu gehören neurologische Untersuchungen, elektrophysiologische Tests und gegebenenfalls Bildgebungsverfahren. In der dritten Phase wird die Intensität der Rehabilitationsmaßnahmen gesteigert. Die Physiotherapie umfasst nun aktive und passive Bewegungsübungen, um die Muskelkraft zu erhalten und Versteifungen (Kontraktur) vorzubeugen. Ergotherapeutische Maßnahmen zielen darauf ab, die Feinmotorik und die Fähigkeit zur Durchführung von Alltagsaktivitäten zu verbessern.
Nach der Akutphase werden die Patient:innen häufig in besondere Rehabilitationseinrichtungen verlegt. Hier stehen ihnen Teams aus Ärzt:innen, Therapeut:innen und Pflegekräften zur Seite, die auf die Behandlung von Nervenschädigungen spezialisiert sind. Nach dem Aufenthalt in der Rehabilitationseinrichtung folgt die ambulante Weiterbehandlung. Die Patient:innen erhalten einen detaillierten Therapieplan, der Übungen für zu Hause, regelmäßige ambulante Therapiesitzungen und gegebenenfalls die Anpassung von Hilfsmitteln umfasst. Die Langzeitbetreuung ist darauf ausgerichtet, die Patient:innen bei der Wiedereingliederung in ihr soziales und berufliches Leben zu unterstützen.
Bedeutung der Frührehabilitation
Die Frührehabilitation bei ausgeprägten akuten Schädigungen des peripheren Nervensystems wie dem Guillain-Barré-Syndrom oder der Critical-Illness-Polyneuropathie entscheidet über den Genesungsprozess der Patient:innen. Die Vernachlässigung der Frührehabilitation kann die Entwicklung von Sekundärkomplikationen begünstigen. Dazu zählen Muskelschwund (Muskelatrophien) durch die Inaktivität, Gelenkversteifungen und Druckgeschwüre, die durch eine lange Bettlägerigkeit entstehen können. Ohne ausreichende Rehabilitationsbehandlung können Patient:innen Frustration und Depressionen entwickeln, weil sie keine Fortschritte sehen oder mit den langfristigen Folgen ihrer Erkrankung konfrontiert werden.
Um diese negativen Konsequenzen zu vermeiden, sollte eine umfassende Frührehabilitation so früh wie möglich nach der Diagnosestellung beginnen. Nur ein interdisziplinäres Team aus Ärzt:innen, Therapeut:innen und Pflegekräften, das auf die Behandlung von Schädigungen des peripheren Nervensystems spezialisiert ist, kann die bestmögliche Genesung der Patient:innen gewährleisten.
Nachsorge und Weiterbehandlung
Nach einer erfolgreichen Frührehabilitation festigen eine kontinuierliche Nachsorge und die Weiterbehandlung die erzielten Fortschritte und bauen sie weiter aus. Nach Abschluss der Frührehabilitation können Patient:innen in der Regel eine Verbesserung ihrer motorischen Fähigkeiten und eine gewisse Rückkehr der sensorischen Funktionen erwarten. Die Nachsorge beinhaltet regelmäßige Kontrolluntersuchungen durch die behandelnden Ärzt:innen. Die Teams überwachen den Rehabilitationsverlauf und passen den Therapieplan bei Bedarf an. Langfristig zielt die Nachsorge darauf ab, die erzielten Verbesserungen zu erhalten und den Patient:innen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
Forschung zu Rehabilitation bei CIM/CIP
Eine Cochrane-Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 untersuchte, ob die Rehabilitation von Aktivitätseinschränkungen die Erholung von Menschen mit CIM/CIP unterstützt. Die Autoren führten eine umfangreiche Suche in der medizinischen Literatur nach randomisierten kontrollierten Studien über körperliche Rehabilitation bei CIM oder CIP durch, fanden jedoch keine Studien, die die strengen Einschlusskriterien erfüllten. Zum damaligen Zeitpunkt gab es keine randomisierten kontrollierten Studien, die untersuchten, ob die Rehabilitation von Aktivitätseinschränkungen bei CIM/CIP die Aufgaben des täglichen Lebens verbessert. Die Autoren schlussfolgerten, dass qualitativ hochwertige Studien benötigt werden, um die Effekte der Rehabilitation bei CIM/CIP schätzen zu können.
Glukose-Stoffwechsel im Blut und im Muskelgewebe bei kritisch Kranken
Während der akuten Phase einer kritischen Erkrankung kann sich eine Insulin-Resistenz entwickeln, so dass Glukose hauptsächlich von Zellen aufgenommen wird, welche Insulin-unabhängig transportieren. Eine Unterversorgung der Muskulatur mit Glukose als Stoffwechselsubstrat sowie Störungen im Insulinsignalweg könnten zur Entwicklung einer CIM beitragen. Im Rahmen der klinischen Studie "Der Skelettmuskelstoffwechsel und die Critical-Illness-Myopathie während des frühen Verlaufs systemischer Entzündung" wird der Zusammenhang zwischen der Entwicklung einer CIM und einer gestörten Insulinsensitivität untersucht. Diese wird systemisch und mit Hilfe der Mikrodialyse in Muskel- und Fettgewebe während eines hyperinsulinergen, euglykämen Insulin-Clamp-Versuchs untersucht. Hierbei wird eine auf die Körperoberfläche des Patienten errechnete Insulindosis verabreicht und Glukoseinfusionslösung titriert, um den Blutzuckerspiegel im Normbereich zu halten. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf das Ausmaß von Insulinsensitivität und Glukosemetabolismus zu. Dazu werden verschiedene biochemische Marker des Insulinsignalwegs aus Muskelgewebeproben untersucht. Der Ernährungszustand sowie Kraftgrade und Ermüdbarkeit der Muskulatur der Patienten werden mit der Bioimpedanzanalyse, wiederholten elektrophysiologischen Untersuchungen und regelmäßigen klinisch neurologischen Untersuchungen überwacht. Bekannte Risikofaktoren einer CIM, die Ernährungstherapie, Vitalparameter sowie Flüssigkeitsbilanzierung werden erfasst.
Elektrophysiologische Untersuchungen zur frühzeitigen Diagnose
Pathophysiologisch ist die CIM charakterisiert durch eine Störung der Membranerregbarkeit. Als Ursache hierfür fand man im Sepsis Tiermodell an Ratten und in Muskelzelllinien perfundiert mit Lipopolysacchariden mittels Patch-Clamp-Untersuchungen eine Dysfunktion der Inaktivierung spannungsabhängiger Na-Kanäle. Eine Bestätigung dieser Hypothese in vivo steht noch aus. Die Membranerregbarkeit erregbarer Zellen ist elektrophysiologisch charakterisiert durch Schwellenpotentiale, Membranzeitkonstante und Refraktärzyklus. Diese spezifischen Messwerte (Qtrac) wurden am humanen Nerven erstmals in vivo präzise gemessen. Für die CIP konnte anhand dieser Messwerte eine Reduktion der Membranerregbarkeit am Axon nachgewiesen werden. In Kooperation soll jetzt eine neue elektrophysiologische Bedside-Methode zum Nachweis der Membranerregbarkeit am Muskel entwickelt werden. Hiermit soll versucht werden, die pathophysiologischen Zusammenhänge im frühen Zeitverlauf einer CIM und/oder CIP weiter zu klären.
Histologische und Molekularbiologische Aufarbeitung von Muskelgewebe
In Gewebsschnitten können nach speziellen Färbungen quantitativ die nekrotischen Fasern erfasst, die Typ II-Zellatrophie und die Regeneration der Muskelzellen bestimmt werden. Parallel wird mittels rt-PCR die Menge an MuRF und Atrogin-1 im Muskelgewebe bestimmt. Diese Ubiquitin-Ligasen vermitteln Proteinzerfall mittels des Ubiquitin-Proteasomen-Pfads und führen so zu Muskelschwund. Zu diesen Ergebnissen werden die klinisch untersuchte Muskelschwäche, die Daten der elektrophysiologischen Untersuchung und laborchemische Entzündungszeichen in Korrelation gesetzt.
Ernährungszustand kritisch Kranker
Mit der Messung von Körpergewicht, Hautfaltendicke und Bioelektrischer-Impedanz-Analyse im Vergleich mit der zugeführten Ernährung wird versucht, Rückschlüsse auf den Stoffwechsel des Patienten zu ziehen. Die Methode der Bioelektrischen-Impedanz-Analyse beinhaltet das Messen von Widerständen im Körper bei Anlage eines Stromfeldes zwischen Klebeelektroden. Hieraus können Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Körpergewebes (Eiweiß, Fett und Wasser) gezogen werden. In der Diätberatung ist dies ein etabliertes Verfahren. Es soll untersucht werden, ob diese Methode auch bei kritisch kranken Patienten auf der Intensivstation Rückschlüsse auf den Stoffwechsel und die Ernährungssituation zulässt.
Atemmechanik und Muskelkraft
Die Parese der Atem- und der Atemhilfsmuskulatur und konsekutiv die erschwerte Entwöhnung von der maschinellen Beatmung stellt eine besonders schwerwiegende Folge von CIP/CIM dar. Im Sinne einer schnellen Entwöhnung vom Respirator wird heute eine frühzeitige vom Beatmungsgerät assistierte Eigenatmung, idealerweise kombiniert mit einer Kontaktfähigkeit des Patienten, angestrebt. Die frühzeitige Entwöhnung und Extubation ist bei Patienten mit CIP/CIM aufgrund der Parese der Atemmuskulatur häufig nicht möglich. In diesem Projekt wird die Zwerchfellkraft ermittelt und der Einfluss verschiedener Spontanatmungsverfahren auf Atemarbeit, Patienten-Ventilatorinteraktion und Energiestoffwechsel bei Patienten mit CIP/CIM untersucht.
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