Das Leben mit einer Spastik, insbesondere in der Hand, kann mit erheblichen Einschränkungen verbunden sein. Viele alltägliche Aufgaben, die einst selbstverständlich waren, werden mühsam oder gar unmöglich. Die gute Nachricht ist, dass Betroffene nicht allein gelassen werden und es zahlreiche Hilfsmittel und Therapieansätze gibt, um die Lebensqualität zu verbessern und die Selbstständigkeit zu fördern.
Was ist Spastik?
Spastik ist eineForm von erhöhter Muskelspannung, die oft nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose, Zerebralparese oder anderen neurologischen Erkrankungen auftritt. Sie resultiert aus einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS) oder des Gehirns. Betroffene haben Schwierigkeiten, ihre Muskeln richtig anzusteuern, was zu einer dauerhaften Anspannung oder erhöhten Muskeleigenreflexen führen kann.
Auswirkungen der Spastik auf den Alltag
Die Auswirkungen einer Spastik sind vielfältig und individuell. Sie können von leichten Behinderungen bei alltäglichen Abläufen bis hin zu schweren Einschränkungen im Privat- und Berufsleben reichen. Betroffene benötigen möglicherweise Hilfe bei Tätigkeiten, die sie früher selbstständig ausführen konnten, wie z.B. Körperpflege, Zubereitung von Mahlzeiten oder Ankleiden. Auch die Ausübung des Berufs kann erschwert oder unmöglich sein.
Unterstützungsmöglichkeiten bei Spastik
Glücklicherweise gibt es zahlreiche Möglichkeiten, um mit einer Spastik umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
Medizinische und therapeutische Unterstützung
- Spezialisierte Ärzte: Neurologen und andere Fachärzte können die Spastik diagnostizieren und einen individuellen Behandlungsplan erstellen.
- Physiotherapeuten: Physiotherapie hilft, die Beweglichkeit zu verbessern, Muskeln zu stärken und Fehlhaltungen zu korrigieren.
- Ergotherapeuten: Ergotherapie unterstützt Betroffene dabei, alltägliche Aufgaben trotz der Spastik wieder selbstständig auszuführen. Sie passen Hilfsmittel an, trainieren Bewegungsabläufe und geben Tipps zur Gestaltung des Wohnumfelds.
- Caremanager: Diese Fachkräfte unterstützen Betroffene emotional, körperlich und organisatorisch im Berufs- und Privatleben. Sie helfen beim beruflichen Wiedereinstieg, kommunizieren mit Arbeitgebern, Arbeitsamt und Versicherungen und begleiten Betroffene bei Bedarf an den Arbeitsplatz.
Hilfsmittel für den Alltag
Um die Herausforderungen des Alltags besser zu meistern, stehen für viele Bereiche des täglichen Lebens spezielle Hilfsmittel zur Verfügung. Diese können Betroffenen wieder zu mehr Selbstständigkeit verhelfen und die Teilnahme am Familien- und Sozialleben erleichtern. Viele dieser Hilfsmittel sind darauf ausgerichtet, mit nur einer Hand verwendet zu werden und Tätigkeiten zu ermöglichen, die sonst nur mit zwei Händen möglich sind.
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Kochen und Essen
- Brotschneidebrett: Fixiert das Brot durch eine spezielle Halterung, sodass es nicht verrutschen kann und das Schneiden mit einer Hand ermöglicht wird.
- Tellerranderhöhung: Wird einfach an einem Teller befestigt und hilft, Essen mit nur einer Hand auf Löffel oder Gabel zu befördern. Alternativ kann ein tiefer Teller mit einem Gegenstand wie einer Gabel erhöht werden.
- Einhand-Deckelabschrauber: Bietet durch die vergrößerte Oberfläche mehr Grifffläche und erleichtert das Öffnen von Flaschen, auch bei geringer Fingerfertigkeit.
- Schneidebretter mit Gemüsehalter: Werden mittels Saugnapf oder Schraubzwinge am Küchenarbeitsplatz befestigt. Kleine Metallspitzen ermöglichen es, Gemüse einfach darauf zu befestigen, wodurch das Schälen oder Schneiden auch mit einer Hand gelingt.
- Einhänderbrett: Hat spezielle Leisten, mit denen es am Tischrand eingehakt werden kann. Auf diese Weise kann es z. B. beim Brotschmieren nicht verrutschen.
- Spezial-Besteck: Lässt sich hinter dem Griff beliebig verbiegen und entlastet so die Hand beim Essen.
Körperhygiene und Ankleiden
- Bürsten und Badeschwämme: Am Schwamm befestigte Halterungen oder Verlängerungsarme ermöglichen es, weit entfernte Körperregionen wie Beine oder gar den Rücken mit einer Hand einzuschäumen.
- Knöpfhilfe: Vereinfacht das Zu- und Aufknöpfen sowie die Handhabung von Reißverschlüssen, auch mit einer Hand oder stark eingeschränkter Fingerfertigkeit.
- Schuhlöffel: Ein langer Schuhlöffel ermöglicht das Schuhanziehen bei eingeschränkter Mobilität.
Greifen und Aufschließen
- Greifhilfen: Verschiedene Spastik-Hilfsmittel für die Hand können das Greifen nach Gegenständen auf dem Boden oder das Türaufschließen erleichtern.
Kommunikation
- Großtastentelefon: Große Tasten erleichtern die Handhabung des Telefons und ermöglichen die einhändige Bedienung.
- Mausersatzgeräte: Beispielsweise können Tastenmäuse die Bedienung des Computers erleichtern und die handelsübliche Maus ersetzen. Sie ermöglichen die Bedienung mit nur einem Finger und vermeiden so ungewolltes Tastendrücken.
Orthesen
Orthesen können dazu beitragen, bestimmte Körperregionen zu unterstützen und Bewegungen kontrollierter auszuführen. Sie werden industriell oder von einem Orthopädietechniker auf ärztliche Verordnung angefertigt. Es gibt verschiedene Arten von Orthesen, die je nach Bedarf eingesetzt werden können.
- Dynamische Lagerungsschienen: Diese Schienen, wie z.B. die SaeboStretch®, können Symptome bei erhöhtem Muskeltonus lindern, indem sie Hand und Finger strecken. Steigert sich die Muskelspannung kurzzeitig, gibt die dynamische Orthese kurzzeitig nach und streckt erneut Hand und Finger, wenn die Spannung nachlässt.
- Funktionelle Handschienen: Diese Schienen, wie z.B. SaeboFlex®, führen jeden Finger individuell, lenken die Bewegung und unterstützen die Streckung, auch bei stärkerer Spannung der Fingerbeuger. Ihre Federzüge an jedem Finger können individuell eingestellt werden.
- Orthesen mit funktioneller Elektrostimulation: Diese relativ neuen Orthesen kommen für Schlaganfall-Betroffene infrage, bei denen eine neutrale Stellung des Handgelenks möglich ist. Mit dem Kopf kann die Funktion gesteuert werden, etwa das Öffnen und Schließen der Hand. Damit werden unter anderem die Bänder aktiviert, der Blutfluss verbessert und ein Teil der früheren Handfunktion wiederhergestellt.
Übungen für zu Hause
Um die Beweglichkeit zu verbessern oder eine akute Spastik zu lösen, können verschiedene Übungen auch zu Hause durchgeführt werden. Regelmäßiges Üben kann die Beweglichkeit der spastischen Körperregion verbessern und die Beschwerden der Betroffenen lindern. Zudem wird die Wahrnehmung gestärkt und der Blick für den eigenen Körper geschult. Dabei sollte auch immer auf ausreichend Ruhepausen für den Körper geachtet werden.
Die Verbesserung der Bewegungsabläufe erfolgt insbesondere im Rahmen der Physiotherapie und wird von einem spezialisierten Therapeuten begleitet.
Therapeutische Bewegungsgeräte
Therapeutische Bewegungsgeräte sind Teil des Hilfsmittelverzeichnisses und werden Menschen mit Physiotherapie oder Ergotherapie zum ergänzenden Training für das häusliche Umfeld verordnet. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für das Hilfsmittel, wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht. Es gibt verschiedene Arten von therapeutischen Bewegungsgeräten, wie z.B.:
- Fremdkraftbetriebene Kniebewegungsschienen: Setzen die passive Gelenkbewegung des Beins per Schalter in Gang.
- Fremdkraftbetriebene Beintrainer: Bewegen die Beine passiv durch einen Motor und sprechen sowohl die Sprunggelenke, als auch die Knie- und Hüftgelenke an.
- Fremdkraftbetriebene Schulterbewegungsschienen: Verfügen über eine Steuerelektronik, eine Motoreinheit und Lagerungselemente für den Oberarm, Unterarm und die Hand und ermöglichen eine individuelle Anpassung.
- Fremdkraftbetriebene Armtrainer: Bewegen Schultergelenke, Armgelenke und Handgelenke passiv durch einen Motor.
- Fremdkraftbetriebene Kombinationstrainer für Arme und Beine: Ermöglichen das gleichzeitige oder unabhängige Training von Armen und Beinen.
Rechtliche und finanzielle Unterstützung
- Schwerbehindertenausweis: Ist das tägliche Leben durch eine spastische Lähmung dauerhaft eingeschränkt, kann diese als Schwerbehinderung gelten, wenn der Grad der Behinderung (GDB) auf einer Skala von 20 bis 100 bei mindestens 50 liegt. Mit dem Erhalt eines Schwerbehindertenausweises stehen den Betroffenen auch Nachteilsausgleiche zu, wie z.B. Vergünstigungen bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Eintrittspreisen.
- Rente: Sollte der Beruf nicht wieder aufgenommen werden können, steht Betroffenen eine Rente zu. Dabei wird je nach Grad der Arbeitsunfähigkeit entschieden, ob eine Zeitrente oder eine lebenslange Rente ausgezahlt wird. Die Entscheidung wird allein von der Agentur für Arbeit getroffen.
- Kostenübernahme durch Krankenkasse: Je nach Krankenkasse werden bestimmte Leistungen in der Therapie einer Spastik übernommen. Verschiedene Orthesen werden beispielsweise mit der Verschreibung vom Arzt von der Krankenkasse erstattet. Es lohnt sich aber auch für andere Leistungen bei der Krankenkasse nachzufragen, wie z.B. Physiotherapie sowie die medikamentöse Behandlung.
Selbsthilfe und Austausch
- Betroffenen Communities: Der Austausch mit anderen Betroffenen, die mit Spastik leben, kann sehr hilfreich sein. Hier können Erfahrungen ausgetauscht, Tipps gegeben und emotionale Unterstützung gefunden werden.
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