Ergotherapie Weiterbildung bei Multipler Sklerose: Inhalte und Perspektiven

Einführung

Multiple Sklerose (MS) ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem (ZNS) betrifft und sich bei jedem Patienten anders äußert. Aufgrund dieser Vielfalt an Symptomen und Verläufen ist eine spezialisierte und interdisziplinäre Betreuung von MS-Patienten unerlässlich. Ergotherapeuten spielen dabei eine entscheidende Rolle, um die Lebensqualität und die Teilhabe am Alltag zu verbessern. Um den besonderen Anforderungen gerecht zu werden, gibt es spezifische Weiterbildungen für Ergotherapeuten, die sich auf die Behandlung von MS-Patienten konzentrieren.

Interdisziplinäre Fachfortbildung zum MS-Therapeuten

Der Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bietet seit dem Jahr 2023 eine unabhängige, berufsbegleitende interdisziplinäre Fachfortbildung zum anerkannten MS-Therapeuten an. Diese Fortbildung richtet sich an Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten. Ziel ist es, eine moderne und ganzheitlich orientierte Herangehensweise im multidisziplinären Reha-Team zu fördern. Die Inhalte der Fortbildung orientieren sich an den DGN-Leitlinien zu Diagnostik und Therapie und werden unter der Mitarbeit von namhaften Experten wie Prof. Dr. med. Christian Dettmers und Prof. Dr. med. Peter Flachenecker entwickelt.

Ziele der Ergotherapie bei MS

Ergotherapeutische Interventionen zielen darauf ab, die funktionalen Fähigkeiten, die soziale Teilhabe und die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Menschen mit MS zu verbessern. Da MS sich sehr unterschiedlich manifestieren kann, ist eine individuelle und symptomorientierte Befundung und Behandlung unerlässlich.

Evidenzbasierte Therapieansätze in der Neurorehabilitation

In der Neurorehabilitation findet ein Paradigmenwechsel hin zu neuen, evidenzbasierten Methoden statt. Diese Ansätze berücksichtigen die Fähigkeit des ZNS, sich an Umweltreize anzupassen und somit positive Krankheitsverläufe zu ermöglichen. Auch bei Patienten mit ungünstigeren Verläufen können im interdisziplinären Team Möglichkeiten für eine gute Lebensqualität erarbeitet werden.

Inhalte der Ergotherapie Weiterbildung

Die Weiterbildung für Ergotherapeuten im Bereich MS umfasst ein breites Spektrum an Themen und Inhalten, um eine umfassende und kompetente Behandlung von MS-Patienten zu gewährleisten.

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Theoretische Grundlagen

  • Pathophysiologie von MS: Verständnis der Krankheitsmechanismen und -prozesse im ZNS.
  • Verlauf und Prognosen: Kenntnisse über verschiedene Verlaufsformen und deren Auswirkungen auf die Therapie.
  • Medikamente: Überblick über die medikamentöse Behandlung von MS und deren Einfluss auf die ergotherapeutische Intervention.
  • Diagnostik: Verständnis der diagnostischen Verfahren und deren Bedeutung für die Therapieplanung.

Symptomorientierte Befundung und Behandlung

  • Spezifische Gangrehabilitation: Gezielte Übungen und Techniken zur Verbesserung der Gehfähigkeit.
  • Therapeutisches Vorgehen unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse in der Neurorehabilitation: Anwendung evidenzbasierter Therapieansätze.
  • Umgang mit Fatigue: Strategien zum Energie- und Fatigue-Management.
  • Kognitives Training: Übungen zur Verbesserung der kognitiven Funktionen.
  • Training von Betätigungsfertigkeiten: Förderung der Selbstständigkeit im Alltag.
  • Motorische Rehabilitation: Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und Koordination.
  • Wahrnehmungstraining: Förderung der sensorischen Integration und Wahrnehmungsverarbeitung.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

  • Interdisziplinäre Schnittstellen: Zusammenarbeit mit anderen Therapeuten, Ärzten und Angehörigen.
  • Therapie, Sport, Selbsthilfe: Integration verschiedener Therapieansätze und Selbsthilfestrategien.
  • Individuelle Therapiekonzepte: Entwicklung von langfristigen, auf die Bedürfnisse des Patienten zugeschnittenen Therapieplänen.

Praktische Anwendung

  • Hilfsmittelversorgung: Anpassung und Training im Umgang mit Hilfsmitteln.
  • Umweltanpassung: Anpassung des Wohnraums und des Arbeitsplatzes an die Bedürfnisse des Patienten.
  • Therapeutisches Klettern: Einsatz von Klettern als therapeutische Maßnahme.
  • Hippotherapie: Nutzung des Pferdes als therapeutisches Medium.

Spezifische ergotherapeutische Interventionen

Ergotherapeuten setzen eine Vielzahl von spezifischen Interventionen ein, um die individuellen Bedürfnisse von MS-Patienten zu erfüllen.

Training persönlicher ADL (Activities of Daily Living)

Das Training persönlicher ADL umfasst Aktivitäten wie Anziehen, Körperpflege, Essen und Trinken. Ziel ist es, die Selbstständigkeit des Patienten in diesen Bereichen zu erhalten oder wiederherzustellen.

  • Anziehtraining: Erlernen von Techniken und Einsatz von Hilfsmitteln, um das An- und Ausziehen zu erleichtern.
  • Lagerung und Transfer: Optimierung der Lagerung im Bett oder Rollstuhl, um Druckstellen zu vermeiden und die Körperhaltung zu verbessern. Training von Transfertechniken, um den Wechsel zwischen verschiedenen Positionen zu erleichtern.
  • LiN (Life Needs): Ein Konzept, das die individuellen Bedürfnisse des Patienten in den Mittelpunkt stellt und darauf abzielt, die Lebensqualität zu verbessern.

Training instrumenteller ADL (IADL)

Das Training instrumenteller ADL umfasst komplexere Aktivitäten wie Haushaltsführung, Einkaufen, Kochen, Schreiben und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Ziel ist es, die Selbstständigkeit des Patienten in diesen Bereichen zu fördern.

  • Haushaltstraining: Erlernen von Techniken und Einsatz von Hilfsmitteln, um die Haushaltsführung zu erleichtern.
  • Schreibtraining: Verbesserung der Schreibfähigkeit durch gezielte Übungen und den Einsatz von Hilfsmitteln.
  • AOT (Alltagsorientierte Therapie): Ein Therapieansatz, der sich auf die Bewältigung von Alltagssituationen konzentriert.

Training im Bereich Spiel, Freizeit und Erholung

Das Training im Bereich Spiel, Freizeit und Erholung zielt darauf ab, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern und ihm die Möglichkeit zu geben, seinen Interessen und Hobbys nachzugehen.

  • Entspannungstechniken: Erlernen von Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training, um Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
  • Feldenkrais: Eine Methode, die durch sanfte Bewegungen und Körperwahrnehmung die Beweglichkeit und Koordination verbessert.

(Senso-)Motorisches Training und Therapie

Das (senso-)motorische Training und die Therapie zielen darauf ab, die motorischen Fähigkeiten, die Koordination und die sensorische Integration zu verbessern.

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  • Motorische Rehabilitation: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit.
  • Training prozessbezogener Fertigkeiten: Verbesserung der kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis.
  • Kognitives Training: Übungen zur Verbesserung der kognitiven Funktionen.
  • HoDT (Handlungsorientierte Diagnostik und Therapie): Ein Therapieansatz, der sich auf die Verbesserung der Handlungsfähigkeit konzentriert.

Training von sozialen, Kommunikations- und Interaktionsfertigkeiten

Das Training von sozialen, Kommunikations- und Interaktionsfertigkeiten zielt darauf ab, die sozialen Kompetenzen des Patienten zu verbessern und ihm die Möglichkeit zu geben, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Wahrnehmungs-/Sensibilitätstraining

Das Wahrnehmungs-/Sensibilitätstraining zielt darauf ab, die sensorische Integration und Wahrnehmungsverarbeitung zu verbessern.

  • SI (Sensorische Integration): Ein Therapieansatz, der sich auf die Verbesserung der sensorischen Integration konzentriert.
  • Basale Stimulation: Eine Methode, die durch gezielte Reize die Wahrnehmung und Kommunikation fördert.
  • Affolter: Ein Therapieansatz, der sich auf die Verbesserung der Wahrnehmung und Handlungsplanung konzentriert.
  • Perfetti: Ein Therapieansatz, der sich auf die Verbesserung der Bewegungskontrolle und Koordination konzentriert.
  • Achtsamkeit: Übungen zur Förderung der Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung.

Bedeutung der Ergotherapie bei MS

Die Ergotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von MS-Patienten. Durch die individuelle und symptomorientierte Befundung und Behandlung können Ergotherapeuten dazu beitragen, die Lebensqualität und die Teilhabe am Alltag zu verbessern. Die spezifischen Weiterbildungen für Ergotherapeuten im Bereich MS gewährleisten, dass die Therapeuten über das notwendige Wissen und die Fähigkeiten verfügen, um MS-Patienten optimal zu betreuen.

Paradigmenwechsel in der Neurorehabilitation

Ein wichtiger Aspekt der modernen Ergotherapie bei MS ist der Paradigmenwechsel in der Neurorehabilitation. Dieser beinhaltet die Abkehr von traditionellen, defizitorientierten Ansätzen hin zu neuen, evidenzbasierten Methoden, die die Ressourcen und Fähigkeiten des Patienten in den Mittelpunkt stellen.

Neue evidenzbasierte Therapieansätze

Die neuen Therapieansätze basieren auf den Erkenntnissen der Neuroplastizität, der Fähigkeit des Gehirns, sich an Veränderungen anzupassen und neue Verbindungen zu knüpfen. Durch gezieltes Training und Stimulation können neue neuronale Netzwerke aufgebaut und dieFunktionen verbessert werden.

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Therapeutisches Vorgehen unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse

Das therapeutische Vorgehen berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse und Ziele des Patienten. Es werden spezifische Übungen und Techniken eingesetzt, um die motorischen, sensorischen, kognitiven und psychosozialen Funktionen zu verbessern.

Die Rolle der Angehörigen

Die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle bei der Betreuung von MS-Patienten. Sie sind oft die ersten Ansprechpartner und unterstützen den Patienten im Alltag. Ergotherapeuten arbeiten eng mit den Angehörigen zusammen, um sie über die Erkrankung, die Therapie und die Möglichkeiten der Unterstützung zu informieren.

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