Einleitung
Der Ellenbogen ist ein komplexes Gelenk, das aus dem Oberarmknochen (Humerus) und den beiden Unterarmknochen Elle (Ulna) und Speiche (Radius) besteht. Zahlreiche Muskeln, Nerven und Gefäße verlaufen über das Ellenbogengelenk und können verletzt werden oder erkranken. Schmerzen im Ellenbogen können vielfältige Ursachen haben, von akuten Verletzungen bis hin zu chronischen Überlastungssyndromen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene Ellenbogenbeschwerden, ihre Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze, wobei insbesondere auf den sogenannten Tennisellenbogen, das Kubitaltunnelsyndrom sowie weitere Schmerzursachen eingegangen wird.
Der laterale Ellenbogenschmerz: Mehr als nur ein "Tennisellenbogen"
Der Begriff "Tennisellenbogen" ist weit verbreitet, doch oft irreführend. Aktuelle Erkenntnisse, insbesondere durch den zunehmenden Einsatz der Ellenbogenarthroskopie, legen nahe, dass es sich häufiger um einen "lateralen Ellenbogenschmerz" handelt, der verschiedene Ursachen haben kann.
Differenzierte Diagnose des lateralen Ellenbogenschmerzes
Die Bezeichnung "Epicondylitis" suggeriert einen entzündlichen Prozess, der jedoch oft nicht vorliegt. Stattdessen können artikuläre Schäden wie radiohumerale Knorpelschäden, synovitische Veränderungen oder Pathologien der Plica dorsoradialis die Ursache sein. Auch eine klinisch maskierte posterolaterale Rotationsinstabilität kann als Begleitursache identifiziert werden.
Anatomische Zusammenhänge und ihre Bedeutung
Der laterale Seitenbandkomplex (LCL-Komplex), bestehend aus dem radialen Seitenband (RCL) und dem Lig. collaterale laterale ulnare (LUCL), stabilisiert das Ellenbogengelenk gegen Varusstress und posterolaterale rotatorische Subluxation. Dieser Komplex liegt unter den Extensoren und dem M. anconaeus. Die Extensoren unterstützen als aktive Stabilisatoren die passive Stabilität des Bandapparats. Die enge anatomische Verbindung zwischen Extensoren, Ligamenten und Kapsel erklärt, warum intraartikuläre Pathologien wie freie Gelenkkörper, Chondromalazien oder Synovialitis die Extensoren triggern können.
Ätiologie des lateralen Ellenbogenschmerzes
Neben allgemeinen Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und Alter spielen repetitive Fehl- oder Überlastungen eine entscheidende Rolle. Dynamische Stabilisatoren können durch Tätigkeiten mit Werkzeugen oder Sportgeräten überlastet werden, insbesondere bei hypermobilen oder instabilen Gelenken. Es stellt sich die Frage, ob der Extensorenschaden eine Folge einer vorbestehenden Insuffizienz des lateralen Seitenbandkomplexes ist oder umgekehrt. Wahrscheinlich ist es ein synergistischer Effekt, der die häufige Koexistenz von Extensorendefekten und Seitenbandinsuffizienz erklärt.
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Erstbehandlung des lateralen Ellenbogenschmerzes
Die Erstbehandlung umfasst eine gezielte Anamnese, klinische Untersuchung und Beurteilung des Patientenprofils. Dabei werden Alter, Geschlecht, Händigkeit, Beschwerdedauer, konservative Maßnahmen (Schonung, Ruhigstellung, NSAR, Physiotherapie, Infiltrationen, Stoßwellentherapie usw.) erfasst. Die klinische Untersuchung beinhaltet die Beurteilung des Bewegungsumfangs, Abtastung anatomischer Landmarken und Stabilitätstests. Die Untersuchung auf posterolaterale Rotationsinstabilität kann schwierig sein, aber der Pinzettengriff wird als sensiblerer Test empfohlen.
Sofern noch keine adäquate konservative Therapie durchgeführt wurde, wird manuelle Therapie in Kombination mit Elektrotherapie sowie die Anleitung zur exzentrischen Kräftigungs- und Dehnübung der Extensoren und Flexoren empfohlen. Wichtig ist die Aufklärung der Patienten über die zu erwartende Krankheitsdauer von mindestens 6-9 Monaten und die Bedeutung moderater Aktivität. Kortisoninjektionen sollten nur begrenzt eingesetzt werden, da sie die Extensorensehne und den lateralen Seitenbandapparat schädigen können.
Das Kubitaltunnelsyndrom: Kompression des Nervus ulnaris
Das Kubitaltunnelsyndrom (KUTS), auch Sulcus ulnaris-Syndrom (SUS) genannt, ist eine Kompression des Nervus ulnaris im Ellenbogengelenksbereich. Es ist das zweithäufigste Engpasssyndrom nach dem Karpaltunnelsyndrom.
Beschwerdesymptomatik des Kubitaltunnelsyndroms
Typische Symptome sind Kribbelparästhesien, Taubheitsgefühl und Schmerzen im Bereich des Klein- und Ringfingers sowie Kraftminderung in der Hand. In späten Stadien kann es zur Ausbildung einer "Krallenhand" und Atrophie des ersten Zwischenfingerraums kommen.
Ursachen des Kubitaltunnelsyndroms
Man unterscheidet zwischen einem primären/idiopathischen und einem sekundären Kubitaltunnelsyndrom. Das idiopathische Syndrom entsteht durch eine Verengung des Kubitaltunnels aus unbekannten Gründen. Risikofaktoren sind Diabetes mellitus, Übergewicht, rheumatische Erkrankungen und vorausgegangene Verletzungen. Das sekundäre Syndrom wird durch Veränderungen des Knochengewebes und des Bandapparats infolge einer Verletzung verursacht.
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Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten
Die Diagnose basiert auf der Beschwerdeschilderung des Patienten und wird durch elektrophysiologische Untersuchungen (ENG/EMG) und Nervensonographie bestätigt. Eine konservative Therapie ist nur bei leichten Formen des Syndroms zu empfehlen, z.B. bei Kribbeln und gelegentlichem Taubheitsgefühl. In diesen Fällen ist eine nächtliche Ruhigstellung mit einer Ellenbogengelenksschiene empfehlenswert. Bei ausgeprägter Taubheit oder Schwäche ist eine operative Dekompression des Nervus ulnaris indiziert. Es gibt zwei Methoden: die alleinige Dekompression (offen oder endoskopisch) und die subkutane/submuskuläre Vorverlagerung des Nervus ulnaris.
Nachsorge nach operativer Behandlung
Nach der Operation sollte der Arm geschont und vorsichtig bewegt werden. Schwere Arbeiten sollten für 2-4 Wochen unterlassen werden. Zur Schonung des Ellennerven sollte eine starke Beugung des Ellenbogens über einen längeren Zeitraum vermieden werden.
Weitere Ursachen für Ellenbogenschmerzen
Neben dem Tennisellenbogen und dem Kubitaltunnelsyndrom gibt es zahlreiche weitere Ursachen für Ellenbogenschmerzen:
Akute Ursachen
- Traumen und Verletzungen: Frakturen nach Stürzen oder Prellungen können starke Schmerzen und Funktionseinschränkungen verursachen.
- Luxation: Das Ellenbogengelenk kann nach einer falschen Bewegung oder einem Unfall aus der Gelenkpfanne rutschen.
Chronische Ursachen
- Arthrose im Ellenbogengelenk (Cubitalarthrose): Ein degenerativer Verschleiß des Knorpels kann zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen.
- Rheumatoide Arthritis: Diese Autoimmunerkrankung kann neben den klassischen Beschwerden auch zu Schmerzen im Ellenbogen führen.
- Schleimbeutelentzündung (Bursitis): Eine Entzündung des Schleimbeutels kann durch Überbeanspruchung oder Infektion entstehen und zu Schmerzen beim Aufstützen des Ellenbogens führen.
- Schulter-Arm-Syndrom: Eine anatomische Engstelle im Bereich der Schulter kann Nerven und Muskeln einengen und in den Ellenbogen ziehende Schmerzen auslösen.
- Sulcus ulnaris Syndrom: Eine Engstelle im Ellenbogenbereich komprimiert den Nervus ulnaris und löst in den kleinen Finger ziehende Schmerzen aus.
- Tendovaginitis: Langanhaltende Belastung des Ellenbogens kann die ansetzenden Sehnen durch ständige Reibung entzünden.
- Epicondylitis ulnaris humeri (Golferellenbogen): Schmerzen an der Innenseite des Ellenbogens, die durch Überbelastung der Beugemuskulatur des Handgelenks entstehen.
Diagnostische Maßnahmen
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Schmerzcharakteristik, Vorerkrankungen und Belastungen und untersucht den Ellenbogen auf Schwellungen, Rötungen und Bewegungseinschränkungen.
- Röntgenbilder: Können Frakturen oder arthrotische Veränderungen sichtbar machen.
- Kernspintomographie (MRT): Kann Weichteile und Nerven sichtbar machen und Engstellen hervorheben.
- Punktion: Bei einem Gelenkerguss kann eine Punktion und mikrobiologische Untersuchung der Flüssigkeit Aufschluss über die Ursache geben.
- Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG): Wichtig bei Verdacht auf ein Sulcus ulnaris Syndrom.
Konservative und operative Behandlungsansätze
Die Behandlung von Ellenbogenschmerzen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Konservative Maßnahmen umfassen:
- Schonung und Ruhigstellung: Vermeidung von Überlastung und Fehlbelastung.
- Entzündungshemmende Schmerzmittel: Diclofenac, Ibuprofen.
- Physiotherapie: Dehnübungen, Kräftigungsübungen, manuelle Therapie.
- Kälte- oder Wärmeanwendungen: Je nach Ursache und Vorliebe des Patienten.
- Stoßwellentherapie: Kann bei Sehnenentzündungen und Muskelverspannungen helfen.
- Injektionen: Kortison (mit Vorsicht), Botulinumtoxin (bei Tennisellenbogen).
Operative Maßnahmen werden in Betracht gezogen, wenn konservative Behandlungen nicht ausreichend helfen:
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- Arthroskopie: Minimalinvasiver Eingriff zur Entfernung von freien Gelenkkörpern, Knorpelglättung oder Behandlung von Schleimhautentzündungen.
- Bursektomie: Entfernung eines entzündeten Schleimbeutels.
- Knorpeltransplantation: Bei Knorpelschäden durch Arthrose.
- Dekompression des Nervus ulnaris: Beim Kubitaltunnelsyndrom.
- Tennisarm OP: Ablösung und Refixation der schmerzenden Sehnenansätze der Streckmuskulatur vom Knochen.
Vorbeugung von Ellenbogenbeschwerden
Viele Ursachen für Ellenbogenschmerzen, insbesondere Überlastungen, lassen sich durch einfache Maßnahmen im Alltag vermeiden:
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Richtige Einstellung von Stuhl, Tisch und Bildschirm.
- Regelmäßige Pausen: Unterbrechung von monotonen Tätigkeiten.
- Dehn- und Kräftigungsübungen: Halten die Muskulatur geschmeidig und beugen Verkürzungen vor.
- Richtige Bewegungsmuster: Vermeidung von Fehlbelastungen beim Heben und Tragen.
- Warm-up: Vor sportlichen oder handwerklichen Tätigkeiten.
- Frühzeitige Reaktion: Bei ersten Symptomen.