Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen und autonome Begleitsymptome gekennzeichnet ist. Betroffene leiden oft erheblich unter den wiederkehrenden Attacken, was ihre Lebensqualität stark einschränken kann. Aufgrund der vaskulären Komponente in der Pathogenese der Migräne wird seit Längerem untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen Migräne und dem Auftreten vaskulärer Erkrankungen besteht. Die Frage, ob Migräne das Demenzrisiko erhöht, beschäftigt Forscher seit geraumer Zeit. Dieser Artikel fasst die aktuellen Erkenntnisse aus verschiedenen Studien zusammen und gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung.
Migräne und vaskuläre Risiken
Studien aus dem Jahr 2018 zeigen, dass Migränepatienten ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte haben. Insbesondere bei Migräne mit Aura ist das Schlaganfallrisiko erhöht. Eine Studie ergab, dass bei Frauen mit Migräne-Aura das Schlaganfallrisiko 2,1-fach und bei Männern 1,4-fach erhöht ist.
Im Hirngewebe von Migränepatienten können mittels MRT Hyperintensitäten in der weißen Substanz und schlaganfallähnliche Läsionen, sogenannte stumme Infarkte, festgestellt werden. Solche Veränderungen im Hirngewebe sind mit einem erhöhten Risiko für kognitive Störungen assoziiert.
Kein direkter Zusammenhang zwischen Migräne und Demenz
Obwohl Migräne mit bestimmten Veränderungen im Gehirn und einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle einhergehen kann, zeigen aktuelle Studien keinen direkten Zusammenhang zwischen Migräne und Demenz.
Eine große US-amerikanische Studie untersuchte, ob Migräne direkt ein Demenz-Risikofaktor ist. Dazu wurden fast 1.400 Migränepatienten im Mittel 21 Jahre lang beobachtet. Die Diagnose Demenz wurde anhand von kognitiven Tests, neuropsychologischen Untersuchungen und der klinischen Beurteilung von Verdachtsfällen gestellt. Die Analyse umfasste 12.495 US-Amerikaner zwischen 51 und 70 Jahren.
Lesen Sie auch: Diagnose von Polyneuropathie
Die Ergebnisse zeigten keine Assoziation zwischen Migräne und Demenz. Die Risikorate (Hazard Ratio) betrug 1,04 (95 % Konfidenzintervall 0,91, 1,20). Die Prävalenz von Demenzerkrankungen lag bei 18,5 % (1821/9 955) bei den Teilnehmern, die nie an Migräne gelitten hatten, bei 16,7 % (233/1 397) bei Teilnehmern mit Migräne und bei 15,8 % (196/1 243) bei Teilnehmern mit schweren Nicht-Migräne-Kopfschmerzen.
Eine weitere prospektive Kohortenstudie mit 12.495 Teilnehmern (davon 1.397 mit Migräne) im Alter zwischen 51 und 70 Jahren über einen medianen Nachbeobachtungszeitraum von 21 Jahren bestätigte ebenfalls, dass es keine Assoziation zwischen Migräne und der Demenz-Inzidenz gibt (Hazard Ratio 1,04).
Offene Fragen und zukünftige Forschung
Obwohl die aktuellen Studiendaten Entwarnung hinsichtlich eines direkten Zusammenhangs zwischen Migräne und Demenz geben, bleiben einige Fragen offen. Es ist noch unklar, ob bestimmte Charakteristika der Migräne, wie das Patientenalter zu Migränebeginn, die Anzahl und der Schweregrad der Migräne-Attacken, das Vorliegen einer Aura oder die Art der Migräne (episodisch vs. chronisch) das Demenzrisiko beeinflussen könnten.
Zukünftige Studien sollten diese Aspekte genauer untersuchen, um ein umfassenderes Bild des Zusammenhangs zwischen Migräne und Demenz zu erhalten. Auch der Einfluss von Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen und Schlafstörungen, die häufig bei Migränepatienten auftreten, sollte berücksichtigt werden.
Bedeutung der Risikofaktorenkontrolle
Unabhängig von der Frage, ob Migräne direkt das Demenzrisiko erhöht, ist es wichtig, die bekannten Risikofaktoren für Demenz zu kontrollieren. Dazu gehören:
Lesen Sie auch: Mehr über Multiple Sklerose
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit und andere vaskuläre Erkrankungen erhöhen das Demenzrisiko. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung dieser Erkrankungen ist entscheidend. Gemäß einer Metanalyse von 6 großen Kohortenstudien kann die medikamentöse Blutdruckeinstellung bei Hypertonie das Demenzrisiko um 12 % und das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, um 16 % senken.
- Ungesunder Lebensstil: Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und eine ungesunde Ernährung erhöhen das Demenzrisiko. Ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, einer ausgewogenen Ernährung und dem Verzicht auf Nikotin kann das Risiko senken.
- Kognitive Inaktivität: Mangelnde geistige Aktivität kann das Demenzrisiko erhöhen. Regelmäßige geistige Stimulation durch Lesen, Spielen, Lernen und soziale Interaktion ist wichtig.
- Soziale Isolation: Soziale Kontakte und soziale Teilhabe sind wichtig für die kognitive Gesundheit. Isolation und Einsamkeit können das Demenzrisiko erhöhen.
Schlaganfallrisiko im Blick behalten
Auch wenn Migräne nicht direkt mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden ist, sollten Betroffene ihr Schlaganfallrisiko im Blick behalten, insbesondere bei Migräne mit Aura. Frauen, die an einer Migräne mit Aura leiden, sollten zusätzliche Gefäßrisiken wie Rauchen und Hormonbehandlungen möglichst vermeiden.
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt und eine frühzeitige Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und erhöhten Cholesterinwerten sind wichtig, um das Schlaganfallrisiko zu minimieren.
Alzheimer-Forschung: Hoffnung auf neue Therapien
Obwohl die Alzheimer-Demenz derzeit weder vermeidbar noch heilbar ist, gibt es in der Forschung einige hoffnungsvolle Ergebnisse.
- Alzheimer-Diagnose mittels Bluttest: Vielversprechende Medikamente gegen die Alzheimer-Erkrankung zeigen in der klinischen Praxis oft nur wenig Nutzen, da die Krankheit oft zu spät erkannt wird. Die Forschung konzentriert sich daher auf die Entwicklung von Bluttests, die Alzheimer-Biomarker wie Beta-Amyloid und Tau-Protein frühzeitig nachweisen können.
- Krebsmedikament auf neuen Wegen: Die Substanz Nilotinib, eigentlich ein Krebsmedikament, zeigte in einer kleinen Studie eine Anti-Alzheimer-Wirkung, indem sie die pathologischen Proteinablagerungen im Gehirn reduzierte.
- Hoffnung auf Antikörper-Therapie: Der monoklonale Antikörper Aducanumab bindet die Alzheimer-typischen Beta-Amyloid-Ablagerungen und könnte als erstes neues Alzheimer-Medikament seit 2002 auf den Markt kommen.
- Tiefe Hirnstimulation: Eine neue Studie untersucht die Sicherheit und Wirksamkeit der Tiefen Hirnstimulation bei Patienten mit leichter Alzheimer-Demenz.
Lesen Sie auch: Früherkennung von Parkinson durch Blutwerte
tags: #erhoht #migrane #demenzrisiko