Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch abnorme elektrische Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Obwohl epileptische Anfälle oft medikamentös gut kontrolliert werden können, kann es trotz optimaler Einstellung zu erneuten Anfällen kommen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen für solche Durchbruchsanfälle, die damit verbundenen Risiken und die verfügbaren Therapiemöglichkeiten.
Was ist Epilepsie?
Epilepsien sind chronische neurologische Erkrankungen, bei denen Cluster von Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn manchmal abnormale Signale aussenden und Anfälle verursachen. Während eines Anfalls feuern (signalisieren) viele Neuronen gleichzeitig - bis zu 500-mal pro Sekunde, viel schneller als normal. Epileptische Anfälle können medikamentös gut gesteuert und gemanaged werden.
Ursachen für erneute Anfälle trotz Einstellung
Trotz sorgfältiger medikamentöser Einstellung können verschiedene Faktoren zu erneuten Anfällen führen. Es ist wichtig, diese Auslöser zu kennen, um das Anfallsrisiko zu minimieren. Hier sind einige der wichtigsten Ursachen:
1. Fehlende Medikamenteneinnahme
Der häufigste Grund für einen erneuten Anfall ist das Vergessen oder absichtliche Auslassen der Antiepileptika. Selbst eine einmalige vergessene Dosis kann einen Anfall auslösen. Die regelmäßige Einnahme der Medikamente gemäß Verordnung ist daher essenziell.
2. Alkohol- und Drogenkonsum
Übermäßiger Alkoholkonsum kann Anfälle auslösen. Auch viele Freizeitdrogen, einschließlich legaler Highs, können die Gehirnchemie beeinflussen und das Anfallsrisiko erhöhen. Ein maßvoller Alkoholkonsum (ein bis zwei Gläser pro Tag) ist normalerweise in Ordnung. Vermeiden Sie aber auf jeden Fall übermäßiges Trinken, da dies einen Anfall auslösen kann. Viele Freizeitdrogen, darunter auch legale Highs, können die Gehirnchemie beeinflussen und möglicherweise einen Anfall auslösen.
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3. Schlafmangel und Müdigkeit
Schlafmangel ist einer der größten Auslöser für Anfälle. Ausreichend Schlaf und eine regelmäßige Schlafroutine sind daher von großer Bedeutung.
4. Stress
Stress kann ebenfalls Anfälle begünstigen. Entspannungstechniken, Sport oder andere Stressbewältigungsstrategien können helfen, das Anfallsrisiko zu senken. Dabei gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, Stress zu bekämpfen. Einfache Dinge wie ein Spaziergang, ein Treffen mit Freunden oder das Hören von Musik können Ihnen helfen, sich von einer stressigen Situation zu erholen.
5. Dehydration
Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist wichtig, um Anfälle zu vermeiden. Dies gilt besonders bei körperlicher Anstrengung oder Sport. Achten Sie darauf, dass Sie immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Dies ist besonders wichtig, wenn Sie Sport treiben.
6. Unregelmäßige Mahlzeiten
Regelmäßige Mahlzeiten tragen dazu bei, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Anfälle zu verhindern. Regelmäßige Mahlzeiten können dazu beitragen, dass Ihre Anfälle unter Kontrolle bleiben.
7. Lichtempfindlichkeit
Etwa 3 % der Menschen mit Epilepsie sind lichtempfindlich. Flackerndes oder blinkendes Licht kann bei ihnen Anfälle auslösen.
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8. Medikamentenwechselwirkungen
Manche Medikamente können die Wirkung von Antiepileptika beeinträchtigen oder selbst Anfälle auslösen. Es ist wichtig, den Arzt über alle eingenommenen Medikamente zu informieren.
9. Hormonelle Veränderungen
Bei Frauen können hormonelle Veränderungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder der Menopause Anfälle beeinflussen. Schon vor einer Schwangerschaft muss die Medikation überprüft und ggf. angepasst werden: Einige der Medikamente, die zur Epilepsie-Behandlung eingesetzt werden, vor allem die Valproinsäure, können das ungeborene Kind schädigen. Daher sollten Patientinnen und ihre Partner sich heute rechtzeitig vor einer möglichen oder geplanten Schwangerschaft von Neurologinnen/Neurologen und Gynäkologinnen/Gynäkologen beraten lassen und die Medikamente anpassen. Auch eine Folsäureprophylaxe wird empfohlen, um das Risiko von Fehlbildungen, vor allem des Rückenmarks, zu reduzieren.
10. Fieberhafte Erkrankungen
Infektionen mit Fieber können die Anfallsschwelle senken und Anfälle auslösen.
11. Elektrolytstörungen und Stoffwechselentgleisungen
Elektrolyt-Verschiebungen im Blut, eine Unter- oder Überzuckerung des Betroffenen können ebenso als Auslöser für einen epileptischen Anfall identifiziert werden wie beispielsweise eine zuvor aufgetretene Hirnblutung oder ein bis dato nicht erkannter Hirntumor.
12. Individuelle Auslöser
Manche Menschen haben spezifische Auslöser, die bei ihnen Anfälle provozieren. Dies können bestimmte Lebensmittel, Gerüche oder Aktivitäten sein. Es ist hilfreich, ein Anfallstagebuch zu führen, um individuelle Auslöser zu identifizieren. Führen Sie einige Wochen lang neben Ihrem Anfalls-Tagebuch auch ein Ernährungstagebuch.
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Risiken erneuter Anfälle
Erneute Anfälle trotz medikamentöser Einstellung können verschiedene Risiken bergen:
- Verletzungen: Epileptische Anfälle können zu schweren Stürzen und Unfällen führen. Letztere können auch durch ein eingeschränktes Bewusstsein während der Anfälle verursacht werden, das zu gefährlichen Handlungen führt (z. B. im Anfall auf die Gleise laufen oder die Arbeit an Maschinen fortsetzen).
- Erhöhtes Sterblichkeitsrisiko: Patientinnen und Patienten mit einer Epilepsie haben auch ein 2,5-fach erhöhtes Sterblichkeitsrisiko. Häufige Todesursachen sind neben Unfällen und den einer Epilepsie zugrunde liegenden Grunderkrankungen (z. B. Hirntumor) der sogenannte SUDEP (plötzlicher unerwarteter Tod bei Epilepsie).
- Soziale und psychische Folgen: Eine Epilepsie kann zu sozialer Isolation, Stigmatisierung, Verlust des Arbeitsplatzes und psychischen Problemen wie Depressionen führen.
Diagnostik bei erneuten Anfällen
Bei erneuten Anfällen trotz medikamentöser Einstellung ist eine erneute umfassende Diagnostik erforderlich, um die Ursache zu finden und die Therapie anzupassen. Folgende Untersuchungen können durchgeführt werden:
- Anamnese: Erfassung der Anfallserlebnisse des Betroffenen, insbesondere ob dem Anfall ein bestimmtes Gefühl bzw. eine möglichst detaillierte Beschreibung des Anfallablaufes vorausging. Exakte Anfallsbeschreibung durch Dritte.
- EEG (Elektroenzephalogramm): Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns, um epilepsietypische Potenziale zu finden. Ein normales EEG schließt eine Epilepsie nicht aus.
- MRT (Magnetresonanztomogramm): Erstellung von Schichtbildern des Gehirns, um strukturelle Veränderungen wie Narben oder Tumore zu erkennen. Ein normales MRT schließt eine Epilepsie nicht aus.
- Video-EEG-Monitoring: Aufzeichnung von Anfällen mit gleichzeitiger Videoaufzeichnung, um das Anfallsmuster genau zu analysieren.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, um eine Entzündung des Gehirns als Ursache auszuschließen.
- Blutuntersuchungen: Überprüfung von Elektrolyten, Blutzucker und Medikamentenspiegeln. Prolaktin-Bestimmung möglichst innerhalb von 20 min. (Höchste Aussagekraft). Kreatinkinase.
Therapiemöglichkeiten bei erneuten Anfällen
Die Therapie von Epilepsie zielt darauf ab, Anfallsfreiheit zu erreichen und die Lebensqualität zu verbessern. Bei erneuten Anfällen trotz medikamentöser Einstellung gibt es verschiedene Optionen:
- Anpassung der Medikation: Erhöhung der Dosis, Wechsel des Medikaments oder Kombination mehrerer Medikamente. Zeigt sich kein Erfolg, probiert man ein Medikament aus einer anderen Wirkstoffgruppe oder kombiniert mehrere Wirkstoffe.
- Epilepsiechirurgie: Entfernung des Anfallsursprungs im Gehirn, wenn dieser lokalisiert werden kann und keine größeren Risiken für andere Hirnfunktionen bestehen.
- Vagusnervstimulation: Implantation eines Schrittmachers, der elektrische Impulse an den Vagusnerv abgibt, um die Überaktivität der Nervenzellen zu hemmen.
- Ketogene Diät: Spezielle Diät mit hohem Fettanteil, die vor allem bei Kindern mit Epilepsie eingesetzt wird.
- Psychotherapie: Unterstützung bei der Bewältigung der Erkrankung und Verbesserung der Lebensqualität. Ergänzend kann eine Psychotherapie hilfreich sein. Sie kann dabei unterstützen, mit den Folgen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
Spezifische Fallbeispiele und Therapieanpassungen
Die Behandlung von Epilepsie ist hochindividuell und erfordert eine sorgfältige Anpassung der Therapie an die spezifischen Bedürfnisse und Umstände des Patienten. Hier sind einige Fallbeispiele, die die Komplexität der Therapie verdeutlichen:
- Fall 1: Genetisch generalisierte Epilepsie mit Fieberanfall: Ein 32-jähriger Patient mit genetisch generalisierter Epilepsie erlitt nach 12 Jahren Anfallsfreiheit im Rahmen einer fieberhaften Bronchitis einen erneuten Anfall. Da der Anfall durch Schlafentzug und Fieber ausgelöst wurde, war keine erneute anfallssuppressive Behandlung erforderlich. Der Patient wurde über die Relevanz der Triggerfaktoren aufgeklärt.
- Fall 2: Pharmakoresistente fokale Epilepsie: Ein 26-jähriger Patient mit pharmakoresistenter fokaler Epilepsie unterzog sich einer prächirurgischen Diagnostik. Trotz unauffälligem MRT konnte mit subduralen Elektroden ein umschriebener Anfallsbeginn im Bereich des linken Hippokampus identifiziert werden.
- Fall 3: Valproat-Enzephalopathie: Eine 83-jährige Patientin entwickelte unter Valproinsäure eine Enzephalopathie mit Verlangsamung und mnestischen Einschränkungen. Nach Umstellung auf Lacosamid besserten sich die Symptome.
- Fall 4: Unprovozierter Anfall mit Angst vor Rezidiv: Ein 73-jähriger Patient erlitt einen ersten unprovozierten Anfall und bat aufgrund großer Sorge um ein Anfallssuppressivum. Nach Aufklärung über das geringe Rezidivrisiko und aufgrund von Nebenwirkungen wurde das Medikament wieder abgesetzt.
- Fall 5: Polytherapie bei schwer behandelbarer Epilepsie: Eine 33-jährige Patientin mit schwer behandelbarer Epilepsie erhielt drei Anfallssuppressiva gleichzeitig. Nach Reduktion auf zwei Medikamente verbesserten sich die Beschwerden.
- Fall 6: Schlafgebundene Anfälle mit SUDEP-Risiko: Ein 18-jähriger Patient mit Schlaf-gebundenen Anfällen wurde über das Risiko eines plötzlichen und unerwarteten Todes (SUDEP) aufgeklärt und begann mit einer anfallssuppressiven Therapie.
- Fall 7: Kindliche Absencen-Epilepsie: Ein 14-jähriger Jugendlicher mit kindlicher Absencen-Epilepsie konnte nach mehrjähriger Anfallsfreiheit und unauffälligem EEG die Medikation ausschleichen.
- Fall 8: Ablehnung einer Epilepsiechirurgie: Ein 38-jähriger Patient mit pharmakoresistenter fokaler Epilepsie lehnte eine empfohlene Temporallappen-Teilresektion ab.
Absetzen von Antikonvulsiva
Viele Patienten mit Epilepsie haben den Wunsch, ihre Medikamente irgendwann abzusetzen. Eine Beendigung der Antikonvulsiva-Therapie sollte typischerweise bei Kindern frühestens nach zwei Jahren, bei Erwachsenen frühestens nach vier bis fünf Jahren jeweils vollständiger Anfallsfreiheit erwogen werden. Bei Erwachsenen sind Faktoren wie eine längere Epilepsiedauer, ein abnormer neurologischer Befund, ein verringerter IQ oder ein abnormes EEG sowie bestimmte Epilepsiesyndrome (z.B. JME) mit einer höheren Rückfallrate verbunden. Bei Kindern sind die Diagnose einer symptomatischen Epilepsie, Epilepsiebeginn in der Adoleszenz und eine längere Dauer bis zum Erreichen von Anfallsfreiheit prognostisch ungünstige Faktoren.Selbst bei Patienten mit günstiger Prognose sind die Rückfallraten von Anfällen während des Absetzens oder nach Beendigung der Therapie mit 20 bis 25% nennenswert. Daher sollten alle Patienten bzw. Eltern/Betreuer vor Reduktion und Beendigung der Therapie eingehend über die potenziellen Auswirkungen aufgeklärt werden. Dazu gehören auch fahreignungsrelevante oder berufliche Aspekte eines Rückfalls. Einige Antikonvulsiva weisen entweder wegen Gewöhnung (Barbiturate, Benzodiazepine) oder aufgrund ihres Wirkungsmechanismus (Vigabatrin als irreversibler Hemmstoff der GABA-Transaminase) bei schneller Reduktion oder schnellem Absetzen ein Risiko von sogenannten Entzugsanfällen auf. Bei solchen sollte eine langsame Reduktion und Beendigung über einige Monate hinweg erfolgen [8].
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