Gehirn und Zauberspruch: Eine interdisziplinäre Betrachtung archaischer und mittelalterlicher Heilspruchtexte

Einleitung

Die vorliegende Abhandlung widmet sich der faszinierenden Verbindung zwischen Gehirn und Zauberspruch, indem sie archaische und mittelalterliche Heilspruchtexte aus einer interdisziplinären Perspektive beleuchtet. Dabei werden sowohl historische Wurzeln als auch das kulturelle Umfeld des einstigen Gebrauchs dieser Sprüche detailliert dargestellt. Der Fokus liegt auf der Analyse der Wirkungsweise dieser verbalen Kriseninterventionen, die im Mittelalter eine überragende Rolle im Alltagsleben der Menschen spielten. Es wird der Frage nachgegangen, inwiefern diese Praktiken als psychosomatische Begleitinstrumente von praktischer Notfalltherapie verstanden werden können und wie sie sich mit modernen neurobiologischen Forschungsergebnissen vergleichen lassen.

Magische Sprüche, Segensformeln und Beschwörungen im Mittelalter

Im Mittelalter spielten magische Sprüche, Segensformeln und Beschwörungen eine überragende Rolle im Alltagsleben der Menschen. Eine Fülle von Bild- und Textzeugnissen belegt dies. Die wichtigsten und prägnantesten mittelalterlichen Beschwörungen und Heilsegen werden im vorliegenden Buch erstmals aus ärztlicher Sicht dokumentiert und erläutert. Dabei sind sowohl ihre historischen Wurzeln als auch das kulturelle Umfeld ihres einstigen Gebrauchs detailliert dargestellt. Anhand einer der größten privaten Textsammlungen verfolgt der Autor ihre Spuren bis in die Neuzeit.

Neurobiologische Betrachtung der Verbaltherapie

In Überwindung bisheriger Theorien von Magie als archaischer Ordnungssuche oder als Vorstellungen von Obskurität und Aberglaube werden die im Mittelalter geübten verbalen Kriseninterventionen vielfach als psychosomatische Begleitinstrumente von praktischer Notfalltherapie verstanden und modellhaft mit modernen neurobiologischen Forschungsergebnissen verglichen. Ernst arbeitet bei seiner Untersuchung der Wirkung von Heilsprüchen mit der Struktur Heilkundiger - Empfänger - kulturelles Umfeld analog zu Lévi-Strauss’ Konzept von einem „Gravitationsfeld“, womit dieser die Beziehung zwischen Zauberer, Bezaubertem und der öffentlichen Meinung beschreibt. Thematisch untersucht Ernst die kognitiven und emotionalen Auswirkungen der Behandlung von Patienten durch Labeling von Gefühlen, konfliktprovozierende Darbietungen von sprachlichen Inkongruenzfiguren, gezielt regressionsfördernde Imaginierung sowie unterschiedliche Formen narrativer kathartischer Methoden.

Spruchtexte und ihre Anwendung

Die Spruchtexte werden nach ihrer Anwendung bei Krankheiten, Symptomen und zur Vorbeugung geordnet. Einige Beispiele sind:

  • Augenleiden: Die heilige Ottilia, die Benediktiner und ihr Mettener Augensegen; Der Segen mit den drei Meerfrauen
  • Bärmutterweh, Bauchgrimmen und Kolik: Beschwörungen von St. Gallen und Indersdorf: „Bleib da, wo Gott dich hingesetzt hat!“
  • Bewegungs- und Stützsystem: „Gicht“- Segen; Unfallfolgen, Beinbruch und Verrenkung
  • Blutungs- und Wundsegen: Blutungssegen von Bamberg und Strassburg; Longinus und seine Lanze; Blutungssegen mit dem Jordan; Blutungssegen durch das „Crucifix“ aus Wien und Wolfsthurn
  • Epileptische Anfallsleiden: Heilige Helfer: Drei Könige, Valentinus und Vitus
  • Fiebersegen: Fiebersegen mit den Siebenschläfern von Ephesus
  • Geburtshilfe: Geburtshilfe, psychosomatische Psychotherapie oder Gefangenenbefreiung? Der erste Merseburger Zauberspruch; Geburtshilfe mit Amulettgebrauch: "Kindli du vsgang, Christus ruefft dir in die Welt"
  • Gynäkologische Psychosomatik: Die Regelbluttherapie mit der heiligen Veronika: "Nur der Saum seines Gewandes." und ihr "Vera Icon", das wahre Abbild des Herrn
  • Halskrankheiten: Der Münchner Kehlsegen, die Blasiussegen und der „heilige Atem“
  • Liebeszauber: Liebeszauber am Mondsee - an der Schwelle zur Gotteslästerung; Liebesglut an Hexenfeuern: Die inquisitorische Perversion
  • Migräne und andere Kopfschmerzen
  • Pest und andere Seuchen: Die Würzburger Pestbeschwörung des Michael de Leone
  • Psychische Erkrankungen: „Besessenheit“, „Irrsinn“ und das Problem Exorzismus; Psychisch krank ? Folklore- Psychiatrie: Böser Blick und böse Zungen
  • Psychosomatisches Allerlei: „Von dem Eysenchrout vnd seyner Tugend“
  • Schlafsyndrome: Der Münchner Nachtsegen und sein Geistergewimmel
  • Tiersegen: Der zweite Merseburger Zauberspruch. Wotan als Rossarzt; Tiersegen für Vieh und Hirtenhund: Wolfsbeschwörungen und Herdenschutz
  • Unfall- und Gefahrenvorsorge: Die König-Karl-Briefe mit dem Kreuzsegen und die Himmelsbriefe; Der Weingartener Reisesegen mit dem heiligen Ulrich
  • Wunden: Die drei guten Brüder begegnen Christus
  • Wurmvertreibung: „Gang uz nesso!“ Oder: „Ubi pus, ibi evacua!“; Der Regensburger Hiobsegen
  • Zahnschmerzen: Beschwörungen mit Petrus am Stein und die Gebete zur heiligen Apollonia
  • Die heilkundlichen Segens- und Gebetsformeln der Hildegard von Bingen (1098- 1179)

"Christus medicus" - Arzt und Apotheker in den Segen

Ein weiterer Aspekt, der in der Untersuchung beleuchtet wird, ist die Rolle von "Christus medicus" als Arzt und Apotheker in den Segen.

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Kritik und Einordnung

Wenngleich auf dem Gebiet der Mediävistik bewandert und meist zielsicher die wichtigsten Publikationen zum Themengebiet herausgreifend, irritiert, dass als Beleg zu so sensiblen Themen wie den Artes illicitae lediglich Hilkert Weddiges Einführung in die Mediävistik angeführt wird. Heute größtenteils überkommene Ansichten machen deutlich, dass der Autor nicht hundertprozentig in touch mit der neusten mediävistischen Forschung ist. So heißt es unter der Überschrift „Das europäische Mittelalter“, dass sich unsere Kenntnis dieser Epoche - neben Baukunst und Plastik - im Wesentlichen aus Handschriften- und Bildquellen speise. Der gesamte Komplex der Kulturgeschichte und Archäologie wird dabei ausgeklammert, obwohl dem Autor archäologische Quellen in den Abschnitten über Mesopotamien durchaus heranziehungswürdig erscheinen, um auf die vergangene Kultur zurückzuschließen. Prekär wird es für Mediävisten, wenn es bei Ernst heißt, dass sich „mündliche Laienkultur“ und schriftliche lateinische Kultur der Klöster gegenüberstanden und die klösterlichen Skriptorien manches aus der „Volkskultur“ aufgezeichnet und so bewahrt hätten, oder wenn er schreibt: „Und wissen wir doch auch, daß die Literatur des Hochmittelalters selten das ‚Ich‘ darbot, erst in seiner Spätphase“ oder dass es eine „im Hochmittelalter im allgemeinen zu beobachtende Rarität an außergewöhnlichen Sprachfiguren“ gegeben habe, was dann möglicherweise „dem an Metaphern und Analogien reichen Heilspruch und der Legende eine einst attraktive Stellung verliehen hat“. Ins Auge springt, dass Ernsts Welt nur aus Männern zu bestehen scheint. In seinem Buch ist von Heilern, Zauberern, Schamanen und Mönchsärzten zu lesen. Hebammen, Nonnen und heilkundige Frauen, selbst so bekannte Größen wie Hildegard von Bingen, kommen nicht vor. Erst wenn es um das Austreiben böser Geister geht, kommt der Autor auf imaginierte Hexen zu sprechen. Trotz der Bezugnahme auf die mittelalterliche Laienfrömmigkeit spielt noch nicht einmal die Gottesmutter Maria eine Rolle, es geht immer nur um die Leiden Christi, der als „einziges Leitmedium“ des Mittelalters etikettiert wird.

Fazit

„Gehirn und Zauberspruch“ von Wolfgang Ernst ist eine interdisziplinäre Studie, die ungewöhnliche, spannende und vielversprechende Ideen vereint. Sie verknüpft historische Heilspruchtexte mit moderner Neurobiologie. Der Autor, ein ausgebildeter Psychiater und Neurophysiologe, wagt sich auf das Gebiet der Philologie und untersucht die Wirkung von Heilsprüchen und Zauberformeln auf das menschliche Gehirn. Trotz einiger Kritikpunkte, insbesondere in Bezug auf die mediävistische Forschung, bietet das Buch inspirierende Denkanstöße und beleuchtet die Beziehung zwischen der behandelnden Person und dem Behandler in ihrem sozialen Umfeld. Es werden die hirnbiologischen Prämissen von Religiosität und Spiritualität erläutert, und die Faszination des Autors für die Bereiche Medizingeschichte und Neurophysiologie wird deutlich. Die umfangreiche Beschäftigung mit diesen Themen und die weitreichenden Kenntnisse des Autors spiegeln sich in den Zeilen wider.

Anhang

Der Anhang enthält Register einiger wichtiger Gehirngebiete und neurologischer Begriffe, Register mehrfach genannter historischer Persönlichkeiten und besprochene Bücher / Literaturhinweise.

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