Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. In Deutschland sind etwa 280.000 Menschen an MS erkrankt, weltweit fast drei Millionen. Die Erkrankung tritt meist im jungen Erwachsenenalter auf, kann aber auch bei Kindern oder im höheren Erwachsenenalter erstmals auftreten. MS ist eine Erkrankung mit vielen Gesichtern, und die Beschwerden können schubartig oder langsam fortschreitend auftreten. Die Symptome hängen davon ab, wo im Körper die Ursachen der MS liegen.
Hauptsymptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome der MS sind vielfältig und können Gefühlsstörungen, Lähmungen, Seh- und Gleichgewichtsstörungen sowie Müdigkeit (Fatigue) umfassen. Häufige frühe Symptome sind Sehstörungen, wie verschwommenes Sehen, eingeschränktes Farbensehen, Doppelbilder oder Schmerzen bei Augenbewegungen, die durch eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis) verursacht werden. Auch Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle, die sich meist auf eine Körperhälfte beschränken, können auftreten. Gleichgewichtsprobleme und Schwindel können ebenfalls frühe Anzeichen sein, wenn bestimmte Gehirnbereiche betroffen sind, die die Koordination steuern.
Ein weiteres häufiges Symptom ist die Muskelschwäche, die zu verlangsamten Bewegungsabläufen, Unsicherheit beim Gehen und dem Gefühl führen kann, die Kontrolle über Muskeln und Gelenke zu verlieren. Bei einigen Betroffenen kommt es zu einer erhöhten Muskelspannung, die mit Verkrampfungen und Steifigkeit (Spastik) einhergeht, was schmerzhaft sein und die Bewegungen zusätzlich einschränken kann.
Fatigue: Ein zentrales und oft belastendes Symptom
Viele MS-Erkrankte leiden bereits zu Beginn der Erkrankung unter körperlicher und psychischer Erschöpfung, extremer Abgeschlagenheit und anhaltender Müdigkeit, dem sogenannten Fatigue-Syndrom. Fatigue ist eines der häufigsten und zugleich belastendsten Symptome der MS. Schätzungen zufolge leiden 50-80 % der Menschen mit MS unter Fatigue, und für etwa 40 % stellt sie ein Hauptsymptom dar.
Was ist Fatigue?
Fatigue bei MS unterscheidet sich deutlich von normaler Müdigkeit. Es handelt sich um eine extreme Erschöpfung, die selbst nach ausreichend Schlaf bestehen bleiben kann. Die MS-bedingte Fatigue ist eine Kombination aus körperlicher, mentaler und emotionaler Erschöpfung, die sich nicht allein durch Ruhe und Schlaf lindern lässt.
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Die körperliche Fatigue äußert sich durch ein Gefühl von Schwere, Schwäche und Antriebslosigkeit in den Gliedmaßen. Selbst einfache Bewegungen werden als übermäßig anstrengend empfunden, und die Muskeln ermüden bereits bei geringster Belastung.
Ursachen der Fatigue bei MS
Die Ursachen der Fatigue bei MS sind vielfältig und komplex. Es gibt direkte Ursachen, wie Entzündungsherde (Läsionen) im Gehirn, die den Transport von Reizen und Signalen über die geschädigten Nervenbahnen verlangsamen und den Stoffwechsel verändern. Indirekte Einflüsse, wie Sehstörungen, Schmerzen, psychische Anspannung oder hohe Temperaturen, können ebenfalls die Fatigue verstärken, da sie zusätzliche Energie verbrauchen. Auch Medikamente können als Nebenwirkung Müdigkeit verursachen.
Zusammenfassend lassen sich die Hauptfaktoren der Fatigue in drei Kategorien einteilen:
- Direkte Ursachen: Entzündungsherde im Gehirn, die Fatigue direkt auslösen.
- Sekundäre Ursachen: Andere MS-Symptome (z. B. Spastik, Blasenstörungen, Schlafprobleme), die zusätzliche Energie kosten und Fatigue verstärken.
- Psychologische Faktoren: Die psychische Belastung durch die Krankheit, Depressionen oder Angststörungen können ebenfalls zur Fatigue beitragen.
Schlafstörungen und Fatigue
Schlafstörungen sind bei MS nicht selten und können die Fatigue verstärken. Sie umfassen ein breites Spektrum von Ein- und Durchschlafstörungen über frühes Erwachen bis hin zu Schlafunterbrechungen. Physische Beschwerden wie Schmerzen, Muskelkrämpfe oder Spastiken, hormonelle Veränderungen, psychische Faktoren wie Stress und Angst sowie medikamentöse Nebenwirkungen können den Schlaf beeinträchtigen.
Schlaf ist essenziell für die Regeneration von Körper und Geist. Unzureichende Erholung durch Schlafstörungen kann zu verstärkten Entzündungsprozessen, gestörter Hormonregulation und Beeinträchtigung der Nervenkommunikation führen.
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Umgang mit Fatigue
Da Fatigue die Lebensqualität massiv beeinträchtigt, ist es wichtig, Strategien zu entwickeln, um damit umzugehen.
Aktiver Lebensstil
Entgegen der Annahme, dass Ausruhen und Schonen die Symptome verbessern, verstärken sie die Fatigue eher. Sport und Bewegung sind ein wirksames Gegenmittel, auch wenn es schwerfällt. Gezieltes Training, insbesondere Ausdauer- und Krafttraining, kann die MS-Symptomatik lindern, insbesondere die Fatigue. Auch soziale, körperliche und geistige Aktivität spielen eine wichtige Rolle.
Gesunde Ernährung
Eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten, aber wenig Zucker, Salz, tierischen Fetten und Zusatzstoffen kann positive Effekte haben. Zudem sollten Menschen mit MS nicht rauchen, da Rauchen ein Risikofaktor ist.
Energiemanagement (Pacing)
Pacing ist eine Strategie des Energiemanagements, die darauf abzielt, mit den begrenzten Energiereserven bewusst umzugehen. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu erkennen und Aktivitäten entsprechend zu planen und anzupassen.
Schlafhygiene
Ein strukturierter Schlaf-Wach-Rhythmus kann helfen, den Schlaf zu stabilisieren. Entspannungsübungen und Achtsamkeitstechniken können die innere Unruhe reduzieren und den Einschlafprozess erleichtern.
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Psychologische Unterstützung
Eine Psychotherapie kann helfen, alte Probleme und Denkweisen aufzulösen, die belasten. Auch Gesprächsgruppen oder Techniken aus dem Schreiben können hilfreich sein. Es ist wichtig, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren und ein Erfolgstagebuch zu führen.
Medikamentöse Behandlung
Es gibt Medikamente, die bei der Behandlung von Fatigue eingesetzt werden können, wie Amantadin und Modafinil. Auch Antidepressiva können hilfreich sein, unabhängig davon, ob eine Depression vorliegt oder nicht. Die medikamentöse Behandlung sollte jedoch immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
Aufklärung und Kommunikation
Es ist wichtig, die Fatigue anzusprechen und das Umfeld darüber aufzuklären, was die chronische Müdigkeit mit einem macht. Dies vermeidet Missverständnisse und ermöglicht eine bessere Unterstützung.
Diagnose der Multiplen Sklerose
Eine MS-Diagnose zu stellen, ist nicht einfach, da es nicht den einen „MS-Test“ gibt. Die MS ist eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass verschiedene Untersuchungen gemacht werden, um andere mögliche Ursachen auszuschließen. Entscheidend ist der Nachweis von Entzündungsherden an mehreren Stellen im Gehirn oder Rückenmark mittels Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei werden Kontrastmittel eingesetzt, um aktive Entzündungsstellen sichtbar zu machen. Weitere wichtige Untersuchungen sind die Untersuchung des Nervenwassers mittels Lumbalpunktion sowie Messungen von Sehnerven (VEP) und Nervenbahnen (SEP).
Therapie der Multiplen Sklerose
Die Multiple Sklerose ist eine komplexe Erkrankung mit vielen Erscheinungsbildern - und entsprechend individuell ist die Therapie. Sie setzt an verschiedenen Ebenen an.
Schubtherapie
Um die Beschwerden bei einem Schub schneller abklingen zu lassen, wird meist Cortison als Infusion oder Tablette eingesetzt. Seltener kann auch eine Blutwäsche (Plasmapherese) zur Anwendung kommen, um jene Immunzellen zu entfernen, die die Entzündung verursachen.
Immuntherapie
Einfluss auf den Langzeitverlauf der Multiplen Sklerose nimmt man mit einer sogenannten Immuntherapie. Diese beeinflusst das fehlgesteuerte Immunsystem, indem sie es verändert (immunmodulierend) oder dämpft (immunsuppressiv). Mittlerweile gibt es gut 20 Immuntherapie-Mittel (Stand: April 2023), die eine weitgehend individuell zugeschnittene Behandlung ermöglichen. Immuntherapien können die MS nicht heilen, aber ihren Verlauf stark verbessern.
Symptomatische Therapie
Viele Folgesymptome der MS lassen sich medikamentös oder mit anderen Maßnahmen behandeln. Dazu gehören physiotherapeutische, logopädische und ergotherapeutische Therapien.
Leben mit Multipler Sklerose
Trotz der Herausforderungen, die die Multiple Sklerose mit sich bringt, können die allermeisten Menschen mit MS ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen und lange Zeit mobil bleiben. MS steht grundsätzlich weder einer Ausbildung noch der Berufsausübung, Freundschaften, Sport, sozialen Kontakten oder der Gründung einer Familie im Wege.
Regelmäßige körperliche Aktivität, eine gesunde Ernährung und der Verzicht auf Nikotin sind wichtige Bausteine für ein positives Leben mit MS. Auch die aktive Auseinandersetzung mit der Erkrankung und die Suche nach Unterstützung im sozialen Umfeld können helfen, die Lebensqualität zu verbessern.