Erste Anzeichen und Symptome der Multiplen Sklerose: Ein umfassender Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Sie zählt zu den Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen angreift. Die Erkrankung manifestiert sich oft im jungen Erwachsenenalter und kann zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen. Da die MS sehr unterschiedlich verlaufen kann, wird sie auch als die "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern" bezeichnet.

Frühzeitige Diagnose und Therapie bei MS

Bei Multipler Sklerose ist ein frühzeitiger Therapiebeginn entscheidend, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Moderne Medikamente können das Fortschreiten der MS deutlich bremsen und somit Einschränkungen frühzeitig verringern. Es ist wichtig, daran zu denken, dass die MS-Krankheitsaktivität fortlaufend und schleichend sein kann. Ein früher Start einer hochwirksamen MS-Therapie ist entscheidend.

Prodromale Symptome: Frühe Warnzeichen der MS

In der Wissenschaft herrscht mittlerweile Einigkeit darüber, dass sich eine MS durch verschiedene Frühwarnzeichen ankündigen kann. Diese frühen Anzeichen werden als "prodromale Symptome" bezeichnet. Die Erkenntnis stammt aus der Auswertung von Versorgungsdaten von Menschen, bei denen später eine MS-Diagnose gestellt wurde.

Viele Betroffene verspüren schon Jahre vor der Diagnose verschiedene Beschwerden, die sie häufiger eine Arztpraxis aufsuchen lassen. Das Problem: Die Symptome sind vielfältig und können verschiedenste Ursachen haben. Die Beschwerden, die Jahre vor der MS-Diagnose auftreten können, sind vielfältig. Sie reichen von Blasen- oder Darmstörungen über Schmerzen bis hin zu Depressionen, Schlafstörungen und Fatigue. Zudem treten Gangstörungen und Missempfindungen der Haut häufiger bei Menschen auf, die später eine MS-Diagnose erhalten. Auch durch Entzündungen der Haut kann sich eine MS ankündigen. Einige betroffene Frauen empfinden diese Beschwerden, mit denen sich eine MS ankündigen kann, sogar als so schwerwiegend, dass sie auf ihren Kinderwunsch verzichten.

Vielfältige Symptome im Anfangsstadium

Die Anfangssymptome der MS können sehr unterschiedlich sein und treten oft unerwartet auf. Es ist unvorhersehbar, welche Symptome zu Beginn einer MS im Vordergrund stehen. Sie können sich als einzelnes Symptom (klinisch isoliertes Syndrom, KIS) oder in unterschiedlicher Kombination, Ausprägung und zeitlicher Abfolge zeigen.

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Häufige erste Symptome sind:

  • Gefühlsstörungen: Taubheitsgefühl oder Kribbeln in bestimmten Bereichen des Arms, Beins oder des Rumpfes.
  • Sehstörungen: Plötzlich getrübtes Sehen, Sehausfall im Blickfeld eines Auges oder Doppelbilder. Eine Sehnervenentzündung verursacht verschwommenes Sehen, eingeschränktes Farbensehen, das Sehen von Doppelbildern oder Schmerzen bei Augenbewegungen.
  • Extreme Müdigkeit (Fatigue): Ausgeprägte Erschöpfung, anhaltende Müdigkeit und Antriebsschwäche.
  • Spastische Lähmungen und Koordinationsstörungen: Krampfartige Lähmungen und Schwierigkeiten bei der Koordination von Bewegungen.
  • Gleichgewichtsprobleme und Schwindel: Diese können auftreten, wenn bestimmte Gehirnbereiche betroffen sind, die die Koordination und den kontrollierten Bewegungsablauf steuern. Durch eine Änderung der Position, beispielsweise vom Liegen zum Stehen, kann ein schwummeriges Gefühl ausgelöst werden. Auch ein unsicherer Gang und die Neigung in eine Richtung können auftreten.

Weitere mögliche Symptome der MS

Die MS kann eine Vielzahl weiterer Symptome verursachen, darunter:

  • Kraftlosigkeit einzelner oder mehrerer Extremitäten
  • Erhöhte Muskelanspannung (Spastik)
  • Gangstörung mit Einschränkung der Gehstrecke
  • Verringerte geistige Leistungsfähigkeit (z. B. Konzentrations-, Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisstörungen)
  • Gestörte Entleerung von Harnblase und/oder Darm
  • Sexuelle Störungen
  • Depressionen
  • Kopfschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Epilepsie
  • Krämpfe in den Händen

Diagnose der Multiplen Sklerose

Die Diagnose der MS ist oft eine Ausschlussdiagnose, da viele Symptome auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Es gibt keinen einzelnen Test, der die MS eindeutig beweist. Daher ist eine sorgfältige Erhebung der Krankheitsgeschichte (Anamnese) und eine neurologische Untersuchung wichtig.

Folgende Untersuchungen werden in der Regel durchgeführt:

  • Magnetresonanztomographie (MRT) von Gehirn und Rückenmark: Hierbei werden Bilder des Gehirns und Rückenmarks erstellt, um MS-typische Entzündungsherde (Läsionen) zu erkennen und andere Ursachen für die Symptome auszuschließen. Entscheidend für die Abgrenzung zu anderen möglichen Krankheiten sind unter anderem deren Form, Lokalisation und räumliche Ausbreitung (räumliche Dissemination). Ein weiteres diagnostisches Kriterium ist die zeitliche Ausdehnung (zeitliche Dissemination) der Läsionen, d. h. deren unterschiedliches Alter. Die Radiologinnen können hierzu aktuelle und ältere MRT-Aufnahmen desr gleichen Patienten*in miteinander vergleichen. Auch mithilfe von Kontrastmitteln können akute und ältere Entzündungsherde unterschieden werden.
  • Untersuchung des Nervenwassers (Liquor): Eine Lumbalpunktion (die Entnahme von Nervenwasser mit einer Hohlnadel aus dem Rückenmark in Höhe der Lendenwirbelsäule) gibt Aufschluss über Entzündungszellen und bestimmte verdächtige Eiweißkörper (oligoklonale Banden, OKB). OKB sind Antikörper, die bei autoimmunen Entzündungsprozessen entstehen. Sie treten typischerweise bei Multipler Sklerose auf, können aber auch bei anderen Erkrankungen vorkommen.
  • Blutuntersuchungen: Es gibt keinen Bluttest, der eine Multiple Sklerose beweisen könnte. Bei dem Verdacht auf Multiple Sklerose dient die Blutuntersuchung in erster Linie dazu, andere Krankheiten auszuschließen.
  • Neurophysiologische Messungen (evozierte Potenziale): Über evozierte Potenziale wird die Funktion von Nervenbahnen gemessen. Bei einer Multiplen Sklerose ist die Funktion von Nervenbahnen gestört. Dadurch können Nervenimpulse häufig nur noch mit verlangsamter Geschwindigkeit fortgeleitet werden. Diese Geschwindigkeit wird durch evozierte Potentiale gemessen, die zum Beispiel durch visuelle (auf ein Schachbrett schauen) oder sensible (elektrische Impulse) Reize ausgelöst werden.

Formen der Multiplen Sklerose

Man unterscheidet drei Hauptformen der Multiplen Sklerose:

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  • Schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RRMS): Bei dieser Form treten die Symptome in Schüben auf, gefolgt von Phasen der Besserung (Remission). Zwischen den Schüben können die Symptome vollständig oder teilweise zurückgehen. Bei 85 Prozent der Menschen mit MS beginnt die Erkrankung im jungen Erwachsenenalter mit einem schubförmig remittierenden Verlauf.
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Eine schubförmig remittierende Multiple Sklerose kann sich zu einer fortschreitenden Krankheitsform entwickeln. Diese wird als sekundär fortschreitende (progrediente) Multiple Sklerose bezeichnet (SPMS). Etwa jeder dritte MS-Patientin in Deutschland befindet sich im Stadium der sekundär progredienten Multiplen Sklerose oder im Übergang zur SPMS. Das entscheidende Merkmal der SPMS ist eine fortschreitende Krankheitsverschlechterung. Bei der SPMS können noch einzelne Schübe auftreten oder sie kann schubfrei verlaufen.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Etwa zehn bis 15 Prozent der Menschen mit MS leiden unter einer primär progredienten Multiplen Sklerose (PPMS), die von Beginn an langsam schleichend verläuft.

Behandlung der Multiplen Sklerose

MS ist bislang nicht heilbar, aber behandelbar. Ziel der Behandlung ist es, den Verlauf der Erkrankung zu verlangsamen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.

Die Behandlung umfasst in der Regel:

  • Schubtherapie: Bei akuten Schüben werden hochdosierte Entzündungshemmer (Kortikosteroide) eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
  • Immunmodulatorische Therapie: Diese Therapie zielt darauf ab, das Immunsystem zu modulieren und die Häufigkeit und Schwere der Schübe zu reduzieren. Es gibt verschiedene Medikamente, die hierfür eingesetzt werden, darunter Interferone, Glatirameracetat, Dimethylfumarat, Teriflunomid, Natalizumab, Fingolimod, Cladribin, Ocrelizumab und Alemtuzumab.
  • Symptomatische Therapie: Diese Therapie behandelt die einzelnen Symptome der MS, wie z. B. Spastik, Fatigue, Schmerzen, Blasenstörungen oder Depressionen. Hier kommen verschiedene Medikamente, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und psychotherapeutische Unterstützung zum Einsatz.
  • Rehabilitation: Eine neurologische Rehabilitation kann helfen, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu verbessern und den Umgang mit der Erkrankung im Alltag zu erlernen.

Ernährung und Lebensstil bei MS

Es gibt keine spezielle Diät, die den Verlauf der MS beeinflussen kann. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und gesunden Fetten ist jedoch empfehlenswert. Einige Studien deuten darauf hin, dass Omega-3-Fettsäuren und Probiotika positiv wirken können.

Auch ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Bewegung, Schlaf und Stressmanagement kann sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. Rauchen sollte vermieden werden.

Leben mit Multipler Sklerose

Die Diagnose MS kann für Betroffene und ihre Angehörigen eine große Herausforderung sein. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

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Mit einer frühzeitigen Diagnose, einer individuellen Therapie und einem gesunden Lebensstil können Menschen mit MS ein aktives und erfülltes Leben führen.

Risikofaktoren für die Entstehung der Multiplen Sklerose

Die Ursachen für die Multiple Sklerose sind nicht vollständig geklärt. Nach aktuellem Wissensstand handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der Gene und Umweltfaktoren zusammenwirken. Man vermutet, dass folgende Risikofaktoren zur Entwicklung einer Multiplen Sklerose beitragen können:

  • Genetische Veranlagung: Es gibt nicht das „eine“ MS-Gen, sondern eine Vielzahl von Genen, die alleine und in Kombination das Risiko, an MS zu erkranken, erhöhen.
  • Viren: Viren wie z.B. das Epstein-Barr-Virus (EBV). Auch ca. 95% der Menschen ohne Multiple Sklerose tragen das EBV in sich, nachdem sie sich in Kindheit und Jugend damit infiziert haben. Menschen mit Multipler Sklerose sind aber nahezu zu 100% EBV-positiv. Die genauen Zusammenhänge zwischen EBV und MS sind aber noch ungeklärt.
  • Rauchen
  • Übergewicht in der Kindheit
  • Die individuelle Darmflora

Als mögliche Schutzfaktoren werden Sonneneinstrahlung und Vitamin D diskutiert.

Verlauf, Folgen und Prognose der MS-Krankheit

Der Verlauf einer Multiplen Sklerose ist individuell sehr unterschiedlich. Ohne eine krankheitsmodifizierende Therapie entstehen bei den meisten Menschen mit MS früher oder später neurologische Einschränkungen, die die Lebensqualität verringern. Die sogenannte „gutartige“ Verlaufsform der MS, bei der auch ohne Therapie noch nach 20 Jahren keine Einschränkungen bestehen, ist sehr selten. Im Laufe der Zeit können Erwerbstätigkeit, Alltagsaktivitäten und die soziale Teilhabe der Betroffenen eingeschränkt sein.

Mit den aktuell verfügbaren Medikamenten kann die Häufigkeit der Schübe reduziert werden. Die Zunahme der körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen kann ebenfalls reduziert oder ganz verhindert werden.

Kann die MS zu einem Stillstand kommen?

Wenn eine schubförmige Multiple Sklerose frühzeitig und konsequent behandelt wird, kann bei einem großen Teil der Betroffenen das Voranschreiten der Erkrankung verhindert werden. Es gibt auch Krankheitsverläufe, bei denen die MS von alleine zum Stillstand kommt. Solche Verläufe sind aber selten.

Lebenserwartung mit Multipler Sklerose

Die Lebenserwartung von Menschen mit MS hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verbessert. Mit Einsatz der modernen Medikamente ist die Lebenserwartung der meisten Menschen mit MS heute vermutlich normal.

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