Orthopädische Behandlung von Spastik bei Erwachsenen: Ein umfassender Überblick

Einführung

Spastik, eine Erkrankung, die durch erhöhte Muskelspannung gekennzeichnet ist, kann für Betroffene im Erwachsenenalter erhebliche Einschränkungen im Alltag verursachen. Ob die Behinderung seit der Geburt oder Kindheit besteht oder im Laufe des Erwachsenenalters entstanden ist, das Ziel der orthopädischen Behandlung ist es, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen und die aktive Teilnahme am Leben zu ermöglichen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Behandlung von Spastik bei Erwachsenen, einschließlich der verschiedenen Therapieansätze, der beteiligten Fachärzte und der Bedeutung einer individuellen Betreuung.

Medizinische Zentren für Erwachsene mit Behinderung (MZEB)

Für Erwachsene mit Behinderungen, die aufgrund der Schwere oder Komplexität ihrer Erkrankung eine spezielle Behandlung benötigen, gibt es Medizinische Zentren für Erwachsene mit Behinderung (MZEB). In diesen Zentren arbeiten Experten unterschiedlicher Fachbereiche zusammen, um eine umfassende und interdisziplinäre Versorgung zu gewährleisten.

Aufgaben und Leistungen von MZEB

MZEB bieten eine Vielzahl von Leistungen an, darunter:

  • Medizinische Behandlung: Abklärung von Schmerzen, Behandlung und Nachsorge bei Spina bifida, Spastikabklärung und Behandlung (u.a. Botulinumtoxin und Medizinpumpen), Dekubitusprophylaxe und Therapie, Diagnostik und Therapie von Schluckstörungen.
  • Beratung und Unterstützung: Beratung und Optimierung der Heil- und Hilfsmittel, neuroorthopädische Beurteilung und Beratung (z.B. bei lähmungsbedingten Fehlstellungen, Kontrakturen und Funktionsverlust), Beratung und Schulung von Angehörigen und Pflegepersonal.
  • Soziale Teilhabe: Beratung, Begleitung und Unterstützung zur sozialen Teilhabe, wobei die individuellen Wünsche und Anforderungen im Vordergrund stehen.

Gesetzliche Rahmenbedingungen für die Behandlung im MZEB

Die Behandlung im MZEB ist an gesetzliche Rahmenbedingungen gebunden. In der Regel ist eine Überweisung durch den behandelnden Haus- oder Facharzt erforderlich. Weitere Bedingungen können das Alter (vollendetes 18. Lebensjahr), der Grad der Behinderung und bestimmte ICD-Diagnosen sein.

Spastik behandeln

Diagnose

Die Basis jedes individuellen Therapieplans ist die Diagnosestellung. Mithilfe verschiedener Fragen und Tests kann der behandelnde Arzt die Schwere und Lokalisation der Symptome bestimmen. Hierbei kommen neurologische Tests und gegebenenfalls bildgebende Verfahren zum Einsatz. Die Ashworth-Skala bzw. die modifizierte Ashworth-Skala ist eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln. Sie misst die Zunahme der Muskelspannung bei passiver Bewegung.

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Beteiligte Fachärzte

  • Hausarzt: Der erste Ansprechpartner für Betroffene. Bei Verdacht auf Spastik erfolgt eine Überweisung an einen Facharzt.
  • Neurologe: Untersucht die Beeinträchtigung der Muskelfunktion und die Auswirkungen auf das Alltagsleben.
  • Physiotherapeut: Betreut die Patienten physiotherapeutisch, kräftigt betroffene Muskelpartien und wirkt Haltungsschäden entgegen.

Therapieansätze

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Leidensdruck durch Spastik zu reduzieren. Die Therapie wird individuell auf die Bedürfnisse des Betroffenen abgestimmt und kann eine Kombination aus verschiedenen Verfahren umfassen:

  • Physiotherapie: Die Basis der Behandlung einer spastischen Bewegungsstörung. Betroffene Muskelpartien werden gezielt gekräftigt und Haltungsschäden entgegengewirkt.
  • Medikamentöse Behandlung:
    • Krampflösende Medikamente: Können gegen stärkere Anspannungen, Unbeweglichkeit und Schmerzen eingesetzt werden. Beispiele sind Baclofen, Tizanidin und Diazepam.
    • Intrathekale Baclofen-Therapie: Hierbei wird Baclofen über einen Katheter direkt in die das Rückenmark umspülende Flüssigkeit abgegeben.
    • Botulinumtoxin-Therapie: Botulinumtoxin wird in die betroffene Muskulatur injiziert, um eine vorübergehende Entspannung zu erreichen.
  • Orthesen und Gipsbehandlung: Orthesen dienen der Stützung, Fixierung und Entlastung der spastischen Körperregion. Eine Gipsbehandlung kann die Dehnung und Streckung der Muskulatur unterstützen.
  • Ergotherapie: Hier erlernen die Betroffenen Übungen und Techniken, die sie im Alltag unterstützen.
  • Operation: In besonderen Fällen kann eine neuro-orthopädische oder neuro-chirurgische Operation infrage kommen.

Mögliche Therapieziele

Die Therapieziele werden individuell mit dem Arzt festgelegt und können sich im Verlauf der Behandlung ändern. Mögliche Ziele sind:

  • Verbesserung der Alltagsaktivitäten
  • Pflege- und Hygieneerleichterung
  • Verbesserung der Beweglichkeit im Alltag
  • Erleichterung der Physiotherapie
  • Verbesserung der Körperhaltung
  • Erhöhung der Schlafqualität
  • Schmerzreduktion

Was Betroffene selbst tun können

Ein ganz wesentlicher Beitrag zur Genesung liegt bei den Betroffenen selbst. In Absprache mit dem Arzt können verschiedene Übungen von zu Hause aus den Therapieprozess unterstützen.

Detaillierte Betrachtung einzelner Therapieansätze

Physiotherapie

Die physiotherapeutische Betreuung ist die Basis für die Behandlung einer Spastik. Ziel ist es, betroffene Muskelpartien gezielt zu kräftigen und Haltungsschäden entgegenzuwirken, um die Mobilität bestmöglich zu erhalten. Welche physiotherapeutischen Übungen infrage kommen, ist individuell vom jeweiligen Krankheitsbild abhängig. Individuelle Bedürfnisse und Wünsche an die Behandlung können berücksichtigt werden, und sollten entsprechend mit dem behandelnden Arzt bzw. Physiotherapeuten besprochen werden. Zusätzlich besteht in Absprache mit dem Arzt die Möglichkeit, bestimmte Übungen auch zu Hause durchzuführen. Die regelmäßige Durchführung der Übungen kann sich positiv auf die Beweglichkeit betroffener Körperregionen auswirken.

Medikamentöse Therapie

Verschiedene medikamentöse Behandlungen sind bei einer Spastik möglich. Speziell die Wirkstoffe Baclofen, Tizanidin und Diazepam werden seit vielen Jahren häufig zur Linderung einer Spastik eingesetzt. Sie bewirken allesamt eine Muskelentkrampfung. Damit haben sie das Potenzial, eine Spastik zumindest teilweise zu lösen und die damit verbundenen Bewegungseinschränkungen zu verbessern. Jedoch wirken die oral eingenommenen Medikamente nicht nur auf die betroffenen, sondern auf alle Muskeln im Körper. So gehören Müdigkeit und Muskelschwäche zu den häufig beobachteten Nebenwirkungen der antispastischen Therapie durch Tabletten, die eine begleitende schlaffe Lähmung ungünstig verstärken.

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Intrathekale Baclofen-Therapie (Pumpe)

Hierbei handelt es sich um eine medikamentöse Therapie mit einem chirurgischen Zugang: Über einen weichen Katheter wird das Medikament Baclofen direkt in die das Rückenmark umspülende Flüssigkeit abgegeben. Von einer unter der Bauchhaut liegenden Pumpe wird es an seinen Bestimmungsort befördert. Baclofen ist ein muskelentspannender Wirkstoff (Muskelrelaxans). Es bewirkt, dass die Muskelspannung insgesamt herabgesetzt wird. Die intrathekale Baclofen-Therapie ist ein Verfahren, das nur bei schwerer, generalisierter, alle Gliedmaßen betreffender Spastizität zum Einsatz kommt.

Therapie mit Botulinum-Toxin

Die Behandlung mit dem muskelentspannenden Wirkstoff Botulinumtoxin erfolgt mittels Injektion direkt in die betroffene Muskulatur (intramuskulär). Auf diese Weise bleibt die Wirkung lokal begrenzt und hat bei fachgerechter Anwendung keine Auswirkung auf die gesunden Muskeln. Die verabreichte Dosis wird individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst. Dazu ermittelt der Arzt in der vorangehenden Untersuchung zunächst die betroffenen Muskeln und deren Spannungs- und Funktionszustand. Das Medikament Botulinumtoxin wird mit einer feinen Spritze direkt in die überaktive Muskulatur injiziert. Dort entfaltet es nach einigen Tagen seine Wirkung: Es kommt zu einer vorübergehenden Entspannung des krankhaft angespannten Muskels. Spastische Krämpfe und unwillkürliche Bewegungen werden gemindert. Da die Wirkung von Botulinumtoxin nicht dauerhaft anhält, muss die Injektion in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Der Vorteil hierbei ist, dass die Dosis bei jeder Behandlung neu angepasst und optimiert werden kann. Bei einer fokalen und multifokalen Spastik stellt die Injektion von Botulinumtoxin laut ärztlichen Leitlinien die Therapie der Wahl dar. Dabei sollte die Behandlung mit Botulinumtoxin durch Physiotherapie ergänzt werden.

Orthesen und Gipsbehandlung

Orthesen sind orthopädische Hilfsmittel, die der Stützung, Fixierung und Entlastung der spastischen Körperregion dienen. Eine Gipsbehandlung kann die Dehnung und Streckung der Muskulatur unterstützen. Eine Orthese ist ein medizinisches Hilfsmittel, das industriell oder von einem Orthopädietechniker auf ärztliche Verordnung angefertigt wird. Man unterscheidet verschiedene Formen von Orthesen, je nachdem, an welcher Körperstelle sie eingesetzt werden und welche Funktion sie dort erfüllen. So gibt es Orthesen zur Fixierung, zur Entlastung, als Korsett, oder auch zum Training (Reklination) funktionsbeeinträchtigter Muskeln. Über die geeignete Orthese berät der Physio- oder Ergotherapeut. Eine Gipsbehandlung wird zumeist bei einer Spastik im Bein durchgeführt und dient dort der Streckung der durch die Spastik verkürzten Muskulatur. Beide Therapieoptionen, Orthesen und die Gipsbehandlung, werden in Kombination mit einer Botulinumtoxin-Therapie besser toleriert. Aus diesem Grund wird Botulinumtoxin oft begleitend injiziert.

Ergotherapie

In der Ergotherapie erlernen die Betroffenen Techniken, die sie im Alltag unterstützen. Dazu zählt auch die Beratung zu möglichen Hilfsmitteln. Ergotherapeuten sind dazu ausgebildet, Betroffene mit Beeinträchtigungen individuell bei der Ausführung ihrer täglichen Betätigungen zu unterstützen. Auf diese Weise möchten sie ihnen zu mehr Aktivität, … Bei einer Spastik sind Gelenke oder Körperabschnitte an den Muskeln steifer als normal.

Weitere Therapieansätze

Neben den genannten Therapieansätzen gibt es weitere Möglichkeiten, die Spastik zu behandeln:

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  • Elektrostimulation: Aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS).
  • Magnetstimulation: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS).
  • Stoßwellentherapie: Kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).
  • Robotik: Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern.

Neuroorthopädie

Viele Nerven- und Muskelerkrankungen schränken Bewegungen ein und es treten Lähmungen auf. Der Bewegungsapparat passt sich an diese Einschränkungen an, verformt sich und im Laufe der Zeit entstehen vorzeitige Abnutzungen und Schmerzen. Die meisten Nerven- und Muskelerkrankungen sind nicht heilbar. Kinder und Erwachsene müssen lernen mit schlaffen oder spastischen Lähmungen zu leben. Das ist gut möglich denn es gibt heute zahlreiche Methoden, die Hilfe für Kindergarten, Schule, Alltag, Beruf, Spiel und Sport bieten.

Eine wichtige Aufgabe der Neuroorthopäden ist es daher, den Verlauf von Erkrankungen des Bewegungsapparates bei bestimmten Nerven- und Muskelerkrankungen zu kennen, rechtzeitig vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen und die wirksamste Behandlung zu empfehlen. Ziel ist immer eine langfristige, schmerzfreie Mobilität bis ins hohe Erwachsenenalter zu erreichen. Die optimale, sanfte und effektive Behandlung durch spezielle Therapien, kindgerechte Orthesen und manchmal auch Operationen nützt den richtigen Zeitpunkt, Zeiträume und biologische Kräfte des Wachstums und der Reifung aus, um dieses Ziel mit dem geringstmöglichen Einsatz zu erreichen.

Die Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der Neuroorthopädie haben sich in den vergangenen Jahren durch moderne Verfahren, wie die computergestützte 3D-Bewegungsanalyse, neue bewegungstherapeutische und orthopädietechnische Möglichkeiten und minimal-invasive und belastungsstabile Operationstechniken außerordentlich rasch gewandelt.

Wer ist behindert? Wer wird behindert?

Erkrankungen der Nerven und Muskeln können zu einer Beeinträchtigung von Alltagsaktivitäten führen:

  • Störung der allgemeinen Bewegungssteuerung
  • Sprachstörung
  • Greifstörung
  • Gangstörung
  • Störung der Oberflächen- und Tiefenwahrnehmung
  • Seh- und Hörstörungen
  • Störung von psychischen, emotionalen und Lern- bzw. Denkfunktionen, etc.

Ob das betroffene Kind oder der betroffene Erwachsene durch diese Beeinträchtigungen „behindert ist“, kann es oder er nur selbst beurteilen. Wir können durch Hilfsmittel, die richtige Kommunikation, Unterstützung, Therapien, konservative und operative Behandlungen dazu beitragen, dass unsere Patienten im Alltag so wenig wie möglich „behindert werden“.

Ob Menschen mit Bewegungsbehinderungen glücklich leben, hängt von ihrer Schmerz- und Bewegungsfreiheit, ihren selbständigen Aktivitäten in ihrer sozialen Umgebung ab, aber auch von ihrem Recht auf Unvollkommenheit. Alle Therapieansätze der Neuroorthopädie müssen die individuellen Ziele und Wünsche des Patienten, seiner Familie und Betreuer berücksichtigen.

Der Schlüssel zu einer verbesserten Lebensqualität bewegungsbehinderter Menschen im Alter liegt in der Zeit des Wachstums entwicklungsgestörter Kinder und in der frühen Rehabilitation nach akuten neurologischen Erkrankungen. In dieser Zeit reagiert der Bewegungsapparat rasch auf äußere Einflüsse. Prinzipiell ist er sehr anpassungsfähig. In der Biologie lernt man: Die Form folgt der Funktion.

Regelmäßige Bewegung und Sport fördern die Entwicklung und Rehabilitation der Knochen, Muskeln und Gelenke. Auch Koordination und Geschicklichkeit werden so trainiert. Intensives oder falsches Training kann zu Überlastungserscheinungen führen. Dann klagen Patienten über Schmerzen nach der Belastung. Allerdings sind viel häufiger Unterforderungen als Überforderungen durch Bewegung zu beobachten. Fast ausschließlich sitzende Alltagstätigkeiten und Bewegungsmangel führen zu einem schwächer ausgebildeten Bewegungsapparat. Auch die Koordination ist schlechter entwickelt. Fortschreitende Haltungsstörungen sind zu beobachten. Übergewicht kann eine weitere Folge mangelnder Aktivität sein. Besonders ungünstig ist es, wenn Bewegungsmangel mit gelegentlicher therapeutischer oder sportlicher Überlastung zusammenfällt.

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