Neurologische Erkrankungen können tiefgreifende Auswirkungen auf die Fähigkeit eines Menschen haben, sich selbstständig zu ernähren. Schluckstörungen, auch Dysphagie genannt, sind eine häufige Komplikation, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und das Risiko von Mangelernährung, Dehydration und Aspirationspneumonie erhöhen kann. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Techniken und Strategien zur Essenanreichung bei neurologischen Patienten, um eine adäquate Nahrungsaufnahme sicherzustellen und die Lebensqualität zu verbessern.
Einführung: Die Herausforderung der Dysphagie bei neurologischen Erkrankungen
Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose und Chorea Huntington können die motorische Kontrolle von Gesicht, Lippen und Zunge beeinträchtigen und somit die oralen Transportphasen des Schluckakts stören. Dies führt zu Schwierigkeiten beim Kauen, Schlucken und Transportieren von Nahrung und Flüssigkeiten vom Mund in den Magen. In der akuten Phase nach einem Schlaganfall kann die Inzidenz von Dysphagie bis zu 50 % der Patienten betreffen, während sie in der chronischen Phase etwa 6 Monate nach dem Insult auf etwa 12 % sinkt.
Dysphagiescreening: Frühzeitige Erkennung und Beurteilung
Ein frühzeitiges Screening und Assessment auf Dysphagie sind entscheidend, um das Risiko von Komplikationen zu minimieren und geeignete Interventionen einzuleiten. Verschiedene Methoden stehen für das Dysphagiescreening zur Verfügung, darunter:
- Wasserschlucktest (Water-Swallowing-Test, WST): Hierbei werden dem Patienten kleine Wassermengen verabreicht, um die Fähigkeit zu beurteilen, diese sicher zu schlucken. Anzeichen wie eine veränderte Stimmqualität oder Hustenreiz können auf eine Dysphagie hindeuten und einen Testabbruch erforderlich machen.
- Multiple-Consistency-Test: Bei diesem Test werden verschiedene Konsistenzen (halbfest, flüssig und fest) getestet, um den Schweregrad der Dysphagie zu beurteilen.
- Schluck-Provokations-Test (Swallowing-Provocation-Test, SPT): Hierbei wird eine Kochsalzlösung an die Rachenhinterwand injiziert, um die Reflexantwort zu beurteilen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Aussagekraft dieser Tests relativiert werden kann und eine weitere Diagnostik erforderlich sein kann, um eine genaue Beurteilung der Schluckfunktion zu erhalten.
Apparative Dysphagiediagnostik: Vertiefende Untersuchungen
Neben den klinischen Screening-Methoden stehen auch apparative diagnostische Verfahren zur Verfügung, um die Schluckfunktion genauer zu beurteilen. Dazu gehören:
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- Videoendoskopische Schluckuntersuchung (Flexible Endoscopic Evaluation of Swallowing, FEES): Hierbei wird ein Endoskop über die Nase eingeführt, um den Schluckvorgang direkt zu beobachten und mögliche Störungen zu identifizieren.
- Videofluoroskopie: Bei dieser Untersuchung wird der Schluckvorgang mithilfe von Röntgenstrahlen und Kontrastmittel dargestellt, um die Bewegungsmuster der Schluckmuskulatur und die Passage der Nahrung durch den Ösophagus zu beurteilen.
Diese apparativen Verfahren ermöglichen eine detaillierte Analyse der Schluckfunktion und helfen bei der Festlegung geeigneter therapeutischer Maßnahmen.
Ernährungstherapie bei Dysphagie: Konsistenzanpassung und Sondenernährung
Die Ernährungstherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Dysphagie. Je nach Ausprägung der Schluckstörung kann die Ernährung entsprechend modifiziert werden, um das Aspirationsrisiko zu senken und eine adäquate Nährstoffversorgung sicherzustellen.
Konsistenzanpassung der Nahrung
Die Anpassung der Konsistenz von Nahrung und Flüssigkeiten ist eine wichtige Maßnahme, um das Schlucken zu erleichtern und das Aspirationsrisiko zu reduzieren. Hierbei können folgende Anpassungen vorgenommen werden:
- Pürierte Kost: Feste Nahrungsmittel werden püriert, um eine homogene und leicht zu schluckende Konsistenz zu erreichen.
- Weiche Kost: Nahrungsmittel werden weich gekocht oder gedünstet, um das Kauen zu erleichtern.
- Andickung von Flüssigkeiten: Flüssigkeiten werden mit speziellen Andickungsmitteln angedickt, um die Boluskontrolle zu verbessern und das Aspirationsrisiko zu verringern.
Es ist wichtig zu beachten, dass eine konsistenzadaptierte Ernährung zu einer geringeren Energie- und Proteinzufuhr führen kann. Daher ist es ratsam, die Ernährung mit zusätzlichen Nährstoffen anzureichern oder auf spezielle Trinknahrungen zurückzugreifen.
Sondenernährung
In schweren Fällen von Dysphagie kann eine Sondenernährung erforderlich sein, um eine adäquate Nährstoffversorgung sicherzustellen. Hierbei wird die Nahrung über eine Sonde direkt in den Magen oder Dünndarm verabreicht. Es gibt verschiedene Arten von Ernährungssonden, darunter:
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- Nasogastrale Sonde: Eine Sonde, die über die Nase in den Magen eingeführt wird.
- Perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG): Eine Sonde, die durch die Bauchdecke direkt in den Magen platziert wird.
Eine frühe Sondenernährung innerhalb von 7 Tagen nach einem Schlaganfall kann das Risiko von Komplikationen wie Mangelernährung und Aspirationspneumonie verringern. Es ist jedoch wichtig, die Indikation für eine Sondenernährung sorgfältig abzuwägen und die individuellen Bedürfnisse des Patienten zu berücksichtigen.
Spezielle Aspekte bei Morbus Parkinson
Morbus Parkinson ist eine neurologische Erkrankung, die häufig mit Dysphagie einhergeht. Die Prävalenz von Dysphagie bei Parkinsonpatienten variiert stark und kann bis zu 100 % betragen. Schluckstörungen bei Parkinson können zu verringerter Wasser- und Energiezufuhr, Aspirationen und Pneumonie führen und sind mit erhöhter Morbidität und Mortalität assoziiert.
Ernährungstherapeutische Maßnahmen bei Parkinson
Bei Parkinsonpatienten mit Dysphagie sind folgende ernährungstherapeutische Maßnahmen wichtig:
- Regelmäßige Gewichtskontrolle: Frauen mit Parkinson zeigen offenbar einen ausgeprägteren Gewichtsverlust als Männer. Eine regelmäßige Gewichtskontrolle kann helfen, Mangelernährung frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
- Anpassung der Essenszeiten: Kleine, häufige Mahlzeiten können für Parkinsonpatienten leichter zu bewältigen sein als große, seltene Mahlzeiten.
- Berücksichtigung nicht-motorischer Symptome: Nicht-motorische Symptome wie Depressionen können die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen. Eine ganzheitliche Betreuung, die auch psychologische Aspekte berücksichtigt, ist daher wichtig.
Weitere unterstützende Maßnahmen
Neben der Konsistenzanpassung und Sondenernährung gibt es weitere Maßnahmen, die die Nahrungsaufnahme bei neurologischen Patienten mit Dysphagie unterstützen können:
- Schlucktraining: Logopäden können spezielle Übungen und Techniken vermitteln, um die Schluckmuskulatur zu stärken und die Koordination zu verbessern.
- Mundhygiene: Eine gute Mundhygiene ist wichtig, um das Risiko von Infektionen und Komplikationen zu verringern.
- Anpassung der Essumgebung: Eine ruhige und entspannte Essumgebung kann die Nahrungsaufnahme erleichtern.
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