Die Evolution des Gehirns: Eine Geochronologische Perspektive

Die Evolution des menschlichen Gehirns ist ein faszinierendes und komplexes Feld, das durch neue Entdeckungen und technologische Fortschritte stetig neu bewertet wird. Insbesondere die Geochronologie, die Wissenschaft der Altersbestimmung von Gesteinen und Fossilien, spielt eine entscheidende Rolle bei der Rekonstruktion der menschlichen Evolutionsgeschichte. Funde aus Jebel Irhoud in Marokko haben das Verständnis der frühen Homo sapiens-Entwicklung revolutioniert und neue Einblicke in die Evolution des Gehirns ermöglicht.

Die Fundstätte Jebel Irhoud: Ein Fenster in die Vergangenheit

Die Fundstätte Jebel Irhoud, gelegen in einem Bergmassiv zwischen Marrakesch und der Atlantikküste, ist seit den 1960er-Jahren bekannt. Minenarbeiter stießen dort zufällig auf menschliche Fossilien und Steinwerkzeuge. Die Interpretation dieser Funde war jedoch lange Zeit durch eine unsichere Datierung erschwert.

Unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Leipzig) und Abdelouaded Ben-Ncer vom Nationalen Institut für Archäologie (INSAP, Rabat, Marokko) begannen im Jahr 2004 neue Ausgrabungen in Jebel Irhoud. Diese führten zur Entdeckung weiterer Skelettreste des Homo sapiens, wodurch sich die Anzahl der Fossilien von ursprünglich sechs auf 22 erhöhte. Zu den Funden gehören versteinerte menschliche Überreste von Schädeln, Unterkiefern, Zähnen und Langknochen von mindestens fünf Individuen, die eine frühe Phase der menschlichen Evolution dokumentieren.

Geochronologische Datierung revolutioniert das Verständnis

Das Team um den Geochronologie-Experten Daniel Richter vom Max-Planck-Institut in Leipzig (jetzt bei Freiberg Instruments GmbH) bestimmte das Alter erhitzter Feuersteine aus den archäologischen Fundschichten mithilfe der Thermolumineszenzmethode auf rund 300.000 Jahre. Diese Datierung ist von außergewöhnlicher Bedeutung, da sie die Funde um 100.000 Jahre älter macht als die bis dahin ältesten Homo sapiens-Funde aus Äthiopien.

Daniel Richter erklärt: „Gut datierte Fundstellen aus dieser Zeit sind in Afrika außergewöhnlich selten. In Jebel Irhoud hatten wir Glück, dass so viele Steinwerkzeuge erhitzt worden waren.“ Darüber hinaus konnte das Team das Alter eines in den 1960er Jahren gefundenen Unterkiefers aus Jebel Irhoud neu berechnen. Eine Neuberechnung aufgrund von direkten Messungen der Radioaktivität in Jebel Irhoud ergab jedoch ein deutlich höheres Alter, das mit den Ergebnissen der Thermolumineszenz übereinstimmt.

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Die Merkmale der Jebel Irhoud-Fossilien

Die Fossilien von Jebel Irhoud weisen eine Kombination aus modernen und archaischen Merkmalen auf. Sie haben einen modernen Gesichtsschädel und eine moderne Form der Zähne, aber einen großen, archaisch anmutenden Gehirnschädel.

Mithilfe modernster Computertomografie (Micro-CT) und statistischer Analysen der Schädelformen konnte das Team um Hublin nachweisen, dass sich der Gesichtsschädel der Jebel Irhoud-Fossilien kaum von dem heute lebender Menschen unterscheidet. Im Gegensatz dazu ist die Gestalt des Gehirnschädels der Jebel Irhoud-Fossilien eher länglich und nicht rund wie bei heute lebenden Menschen.

Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erklärt: „Die Gestalt des inneren Gehirnschädels spiegelt die Gestalt des Gehirns wider. Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat. Die Evolution der Form, und möglicherweise auch der Funktion des Gehirns fand allerdings innerhalb Homo sapiens statt.“

Implikationen für die Evolution des Gehirns

Die Funde von Jebel Irhoud liefern wichtige Erkenntnisse über die Evolution des Gehirns beim Homo sapiens. Sie deuten darauf hin, dass sich das moderne Gesicht früher entwickelt hat als der runde Gehirnschädel. Dies impliziert, dass sich die Gehirnorganisation und möglicherweise auch die Gehirnfunktion innerhalb unserer Art allmählich verändert haben.

Vergleiche der DNA heute lebender Menschen mit der DNA von Neandertalern und Denisova-Menschen zeigen Unterschiede in Genen, die das Gehirn und das Nervensystem beeinflussen. Diese Erkenntnisse passen gut zu den morphologischen Befunden aus Jebel Irhoud und unterstützen die Hypothese, dass sich die Gehirnstruktur und -funktion im Laufe der Evolution des Homo sapiens verändert haben.

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Die Bedeutung der Afrikanischen Mittleren Steinzeit

Die Homo sapiens-Fossilien in Jebel Irhoud wurden gemeinsam mit Knochen von gejagten Tieren (vor allem Gazellen) und Steinwerkzeugen aus der Epoche der Afrikanischen Mittleren Steinzeit gefunden. Die Steinwerkzeuge aus Jebel Irhoud wurden mit der Levallois-Technik vor allem aus hochwertigem Feuerstein hergestellt. Dieses Rohmaterial wurde über weite Strecken transportiert.

Vergleichbare archäologische Fundstellen mit Werkzeugen aus der Afrikanischen Mittleren Steinzeit sind aus ganz Afrika dokumentiert. Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut in Leipzig erklärt: „Die Steinwerkzeuge aus Jebel Irhoud sind vergleichbar mit Fundstellen in Ostafrika und Südafrika. Wahrscheinlich hängt die technologische Entwicklung der Afrikanischen Mittleren Steinzeit mit der Entstehung des Homo sapiens zusammen.“

Ein neues Bild der Menschheitsgeschichte

Die neuen Forschungsergebnisse von Jebel Irhoud werfen ein neues Licht auf die Evolution des Homo sapiens und widerlegen die bisherige Annahme, dass die Wiege der Menschheit ausschließlich in Ostafrika lag. Stattdessen deuten die Funde darauf hin, dass sich der Homo sapiens bereits vor etwa 300.000 Jahren über den gesamten afrikanischen Kontinent ausgebreitet hat.

Die ältesten Homo sapiens-Fossilien finden sich nun auf dem gesamten afrikanischen Kontinent: Jebel Irhoud, Marokko (300.000 Jahre), Florisbad, Südafrika (260.000 Jahre) und Omo Kibish, Äthiopien (195.000 Jahre). Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung Afrikas für die frühe Evolution des Menschen und eröffnen neue Perspektiven für die zukünftige Forschung.

Die Rolle der Migration und des Klimas

Die frühe Ausbreitung des Homo sapiens über den afrikanischen Kontinent wurde wahrscheinlich durch klimatische Veränderungen und Wanderungsbewegungen ermöglicht. Es gab immer wieder Phasen, in denen die Sahara grün war und Flüsse und Seen die Landschaft durchzogen. Diese günstigen Bedingungen ermöglichten es den frühen Menschen, sich auf der Suche nach Nahrung auszubreiten und neue Gebiete zu besiedeln.

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Die weit verstreuten Homo sapiens-Populationen waren aufgrund der Größe Afrikas und durch sich verändernde Umweltbedingungen oft für viele Jahrtausende nicht nur geografisch, sondern auch genetisch voneinander getrennt. Diese Komplexität spielte für unsere Evolution eine wichtige Rolle.

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