Spastik und Krafttraining bei Multipler Sklerose: Aktuelle Studien und Erkenntnisse

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Symptomen hervorrufen kann, darunter Fatigue, kognitive Einschränkungen, Gleichgewichtsstörungen und Spastik. Diese Symptome können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. In den letzten Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass gezieltes körperliches Training eine wichtige Rolle bei der Linderung dieser Symptome spielen kann. Insbesondere Krafttraining hat sich als vielversprechend erwiesen, um Muskelkraft, Gehfähigkeit und allgemeine Funktionalität bei MS-Patienten zu verbessern.

Bewegung als wichtiger Bestandteil der MS-Therapie

Prof. Dr. Ulrik Dalgas von der Universität Aarhus in Dänemark betont die Bedeutung von Bewegung für MS-Patienten. Er erklärt, dass Bewegung nicht nur bei der symptomatischen Behandlung hilft, sondern auch dazu beiträgt, einen guten körperlichen und geistigen Zustand aufrechtzuerhalten oder bestmöglich wiederherzustellen. Die erreichbaren Ziele sind dabei natürlich von den individuellen Voraussetzungen jedes Patienten abhängig.

Die entzündungshemmende Wirkung von Bewegung

Obwohl die genauen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind, deutet vieles darauf hin, dass körperliche Betätigung eine entzündungshemmende Wirkung haben kann, die sich positiv auf das Nervensystem auswirkt. Bewegung beeinflusst verschiedene Parameter im Körper, wobei einige schnell reagieren und andere langsamer. Die Wechselwirkung mit Medikamenten, die viele MS-Patienten einnehmen, macht die Untersuchung zusätzlich kompliziert.

Der Paradigmenwechsel in der Behandlung von MS

Früher wurde Menschen mit MS oft geraten, sich körperlich zu schonen. Diese Ansicht basierte auf der Beobachtung, dass erhöhte Körpertemperatur zu einer Verschlechterung der Symptome führen kann (Uhthoff-Phänomen). In den 1990er Jahren zeigten jedoch erste Studien, dass körperliche Betätigung genau den gegenteiligen Effekt hat: Die Menschen fühlten sich energiegeladener, ihr kardiorespiratorisches System und ihre Muskeln wurden gestärkt, und auch die Fatigue schien positiv beeinflusst zu werden.

Mittlerweile gibt es über 200 Studien zum Thema Bewegung und MS, die zeigen, dass Bewegung bei vielen der häufigsten Symptome hilft. Ärzte verschreiben heute Bewegung, anstatt davon abzuraten. Es ist wichtig zu betonen, dass man sich die Sportart aussuchen sollte, die man mag, um die Motivation aufrechtzuerhalten.

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Empfehlungen für Bewegung bei MS

Empfohlen wird eine wöchentliche Kombination aus Krafttraining und Ausdauertraining. Es ist wichtig, eine Aktivität zu finden, die Spaß macht und motiviert, da die Aufrechterhaltung dieser Aktivitäten sonst schwerfällt. Die Empfehlungen sind als Minimalempfehlungen zu verstehen, und es steht jedem frei, mehr zu tun und verschiedene Formate auszuprobieren.

Die vielfältigen positiven Auswirkungen von Bewegung

Bewegung wirkt sich positiv auf alle Gewebe und Organsysteme im Körper aus. Sie stärkt das Herz, die Blutgefäße, die Leber, die Eingeweide, das endokrine System, die Knochen und die Bänder. Gleichzeitig ist das Risiko von Nebenwirkungen gering.

Reduktion von Fatigue

Bewegung kann die Erschöpfung (Fatigue) verringern, obwohl die genauen Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind. Fatigue kann viele verschiedene Ursachen haben, wie z.B. Medikamente, Untrainiertheit, Schlafstörungen oder Schädigungen bestimmter Hirnregionen. Bewegung kann jedoch im Durchschnitt eine positive Wirkung haben. Es ist wichtig zu beachten, dass der akute Effekt von Sport darin bestehen kann, dass man sich unmittelbar danach erschöpft fühlt, aber langfristig kann das durchschnittliche Müdigkeitsniveau reduziert werden. Einige Menschen nutzen Bewegung sogar als eine Art "Energizer", um sich vor wichtigen Terminen fit zu fühlen.

Verbesserung des Gleichgewichts

Bewegung kann auch das Gleichgewicht verbessern. Es gibt spezielle Gleichgewichtstrainings, die jedoch etwas schwieriger zu dosieren sind als z.B. Lauftraining. Ein Kollege von Prof. Dr. Dalgas, John Brincks, forscht intensiv auf diesem Gebiet. Regelmäßiges Sporttreiben kann jedoch bereits einen positiven Effekt auf das Gleichgewicht haben.

Krafttraining bei MS: Spezifische Studien und Erkenntnisse

Mehrere Studien haben die positiven Auswirkungen von Krafttraining auf verschiedene Aspekte der MS untersucht.

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Verbesserung der Gehfähigkeit

Eine Studie zeigte, dass MS-Patienten, die dreimal wöchentlich jeweils maximal 30 Minuten auf dem Laufband trainierten, nach einem Monat ihre Ganggeschwindigkeit und -ausdauer verbessert hatten. Auch ein Ausdauer-Krafttraining über einen Zeitraum von 15 Wochen führte zu einem Aufbau von Muskelmasse und einer Stabilisierung des Ganges. Die Patienten machten kombinierte Arm- und Beinübungen, wodurch sich die isometrische Kraft der Knieextensoren, die Gehfähigkeit, Mobilität und die Fähigkeit zur Körperpflege signifikant verbesserten.

Krafttraining an Geräten

Zwei weitere Studien untersuchten den Effekt eines 7- und eines 14-wöchigen klassischen Krafttrainings an Geräten für die Bein- und Rumpfmuskulatur. In beiden Studien verbesserten sich Kraft, Ganggeschwindigkeit und -ausdauer. Die Fatigue nahm sogar ab. Aufgrund dieser Erkenntnisse empfiehlt Ziegler, dass MS-Patienten zwei- bis dreimal wöchentlich über einen Zeitraum von jeweils 20 bis 30 Minuten trainieren sollten.

Positive Effekte auf immunologische und endokrine Parameter

Ein moderates, körperliches Langzeittraining hat nicht nur Auswirkungen auf die Muskelkraft und Ausdauer, sondern auch positive Effekte auf immunologische und endokrine Parameter. Es gibt auch erste Belege für die Ausschüttung von Nervenwachstumsfaktoren durch körperliches Training.

Verbesserung der posturalen Kontrolle

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse eines Forschungsteams aus China analysierte 52 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2141 Teilnehmern mit MS. Ziel war es, die Effekte unterschiedlicher Trainingsprogramme auf die Gleichgewichtsfähigkeit zu evaluieren und eine evidenzbasierte Empfehlung zur optimalen Trainingsdosierung abzuleiten. Die Ergebnisse zeigten, dass Sport das Gleichgewicht signifikant verbessert, und zwar unabhängig davon, ob es sich um aerobe, Kraft- oder multimodale Programme handelt. Besonders stark profitierten jüngere Teilnehmer unter 45 Jahren und Personen mit höherem Behinderungsgrad (EDSS > 3,5). Krafttraining zeigte den stärksten Effekt auf die Berg Balance Scale (BBS), gefolgt von aerobem Training und multimodalen Programmen.

Muskelkraft und neurologische Störungen

Neurologische Störungen, wie MS, reduzieren die Muskelkraft, wobei vor allem die untere Körperhälfte betroffen ist. Alle Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Kraft durch Training gesteigert werden kann, ohne dass negative Folgen auftreten.

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Weitere positive Effekte von Bewegung bei MS

Neben den bereits genannten Vorteilen kann Bewegung bei MS auch folgende positive Effekte haben:

  • Verbesserung der Ausdauerleistung: Entsprechendes Training, zum Beispiel auf dem Laufband oder Fahrradergometer, kann die Ausdauerleistung langfristig verbessern.
  • Verbesserung der Beweglichkeit und Reduktion von Spastik: Sanfte Dehnung der Muskulatur kann helfen, die Beweglichkeit zu verbessern und Spastik zu reduzieren.
  • Antidepressive Wirkung: Aerobes Training kann bei leichten und mittelschweren Depressionen eine antidepressive Wirkung haben und die Stimmung verbessern.
  • Verbesserung vegetativer Störungen: Beckenbodentraining und Ausdauertraining können Verbesserungen der Blasen- und Darmentleerung erzielen.

Praktische Tipps für das Krafttraining bei MS

Beim Krafttraining für Menschen mit MS sollten folgende Regeln beachtet werden:

  • Wenig Gewicht, viele Wiederholungen
  • Beine auch funktionell trainieren (z.B. Laufband, Kletterwand)
  • Pausen einhalten
  • Ausweichbewegungen beachten
  • Keine pathologischen Muster nutzen
  • Nicht überhitzen
  • Physiologische Synergien (z.B. Abstützen) dürfen genutzt werden

Geeignete Geräte und Übungen

  • Seilzuggerät: Vielseitig, verbessert Koordination, Kraft und Ausdauer. Trainiert Rumpfmuskeln, Schultergürtel, Hüftmuskeln, Knie und Ellenbogen.
  • Schwingstab: Baut Körperstabilität auf und verbessert die Koordination von Rumpf, Arm und Hand.
  • Beinpresse: Trainiert die Kraft in den Waden, Oberschenkeln und dem Gesäß. Wichtig: Immer nur ein Bein trainieren, um zu vermeiden, dass das stärkere Bein die Leistung für das schwächere übernimmt. Bei Spastik ist Vorsicht geboten.

Allgemeine Trainingstipps

  • Beginnen Sie mit einfachen Aufwärmübungen.
  • Überanstrengen Sie sich nicht zu sehr.
  • Machen Sie regelmäßige Pausen.
  • Planen Sie eine geringere Wiederholungsfrequenz der Übungen als Gesunde ein.
  • Entspannen Sie nach dem Training.
  • Trinken Sie ausreichend.
  • Sorgen Sie bei Uhthoff-Phänomen für Kühlung.

Spastik: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Spastik ist eine häufige Begleiterscheinung von MS, bei der Gelenke oder Körperabschnitte an den Muskeln steifer als normal sind. Die Bewegungen sind dadurch gestört, und je schneller Betroffene ein Gelenk bewegen, desto steifer wird es. Oft kommen Schmerzen an betroffenen Muskeln oder Gelenken hinzu, sowie Lähmungen und eine vorzeitige Erschöpfbarkeit der Muskeln.

Ursachen und Diagnose

Spastik entsteht durch Veränderungen des Zentralnervensystems nach einer Schädigung, die auch Nerven, Muskeln und Weichteile betreffen. Die Diagnose erfolgt durch körperliche Untersuchung und spezielle Diagnoseverfahren.

Behandlungsmöglichkeiten

Es gibt verschiedene Therapieansätze zur Behandlung von Spastik, sowohl mit als auch ohne Medikamente.

  • Nicht-medikamentöse Therapien:
    • Systematisches Arm-Basis-Training
    • Häufige Wiederholungen
    • Muskuläre Elektrostimulation
    • Passive Muskelstreckung
    • Robotereinsatz
    • Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen
    • Elektrostimulation (TENS, FES)
    • Magnetfeldtherapie (prMS, rTMS)
    • Stoßwellentherapie (ESTW)
  • Medikamentöse Therapien:
    • Orale Therapie (Tabletten oder Spray): Baclofen, Tizanidin, Dantrolen, Sativex®
    • Botulinumtoxin (BoNT): Lokale Injektionen zur Muskelentspannung
    • Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Medikamentengabe direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks
  • Chirurgische Verfahren:
    • Dorsale Rhizotomie: Durchtrennung von Nervenwurzeln im Rückenmark
    • Selektive Neurotomy: Durchtrennung bestimmter Nervenstellen

Die Auswahl der geeigneten Therapie hängt von der Art und Ausprägung der Spastik sowie von individuellen Faktoren ab.

Neuroorthopädie: Ein interdisziplinärer Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität

Die Neuroorthopädie befasst sich mit der Behandlung von Muskel-Skelett-Erkrankungen bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie MS. Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen durch Schmerzfreiheit, Mobilität, Selbstständigkeit und Teilhabe zu verbessern.

Die Bedeutung der Muskelkraft

Neue biomechanische Studien zeigen, dass Muskelschwäche als Hauptfaktor für Gangpathologien betrachtet werden muss und Spastik diese Muskelschwäche kompensiert. Spastik, Dystonie und das primäre Problem der Muskelschwäche können durch Gewichtsübernahme und Krafttraining positiv beeinflusst werden.

Orthetische und operative Gangbildverbesserung

Die Differenzierung von Gangstörungen entsprechend ihrer Pathophysiologie ermöglicht die Anwendung differenzierter orthetischer und operativer Behandlungsverfahren. Die 3D-Ganganalyse hat sich als zugrunde liegendes Evaluationsverfahren durchgesetzt. Technologische Veränderungen haben in erster Linie das Ziel, die Alltagstauglichkeit der Hilfsmittel für die Betroffenen und Betreuer zu verbessern.

Schmerzprävention statt Reparaturmedizin

Studien zeigen, dass die Lebensqualität von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen hauptsächlich durch unterschätzte Schmerzen des Bewegungsapparates beeinträchtigt wird. Strukturierte Programme zur Prävention von Muskel-Skelett-Deformitäten werden daher in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Funktionsverbesserung durch neue Ansätze

Neue Methoden der Neurorehabilitation, wie repetitive, imaginierte, rhythmisch intendierte Bewegungsbehandlungen in ausreichend hoher Intensität, und neue Methoden der chirurgischen Neuroorthopädie, wie minimal invasive Muskelverkürzungen, Hebelarmoptimierungen und winkelstabile Osteosynthesen, scheinen den zukünftigen Behandlungspfad vorzuzeichnen.

Rumpforthetik: Von Standardhilfsmitteln zur digitalen Anpassung

Neuromuskuläre Wirbelsäuleninstabilität bedarf einer individuellen Diagnostik und Behandlungsplanung. Das Ziel ist die Balancierung der Kräfte des Rumpfes, um die Kopfkontrolle mit Sensorik und sensomotorischen Aufgaben der oberen Extremitäten zu erleichtern.

Versorgungsstrukturen für Transition und Erwachsene

Die Zahl und somit der Beratungs- und Versorgungsbedarf Erwachsener mit Zerebralparese steigen kontinuierlich. Sie benötigen eine permanente Unterstützung, Beratung und Behandlung durch Experten, um Schmerzfreiheit, Mobilität, Selbstständigkeit und soziale sowie berufliche Teilhabe zu erreichen.

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