Schwitzen ist ein lebenswichtiger physiologischer Prozess, der den Körper vor Überhitzung schützt. Die Thermoregulation wird durch den Hypothalamus im Gehirn gesteuert und durch das sympathische Nervensystem vermittelt. Verschiedene Faktoren wie Alter, Geschlecht, Klima, Tageszeit und Medikamente beeinflussen das Schwitzen. Störungen in diesem System können zu übermäßigem Schwitzen (Hyperhidrose) oder vermindertem Schwitzen (Anhidrose) führen.
Die Rolle des Gehirns bei der Thermoregulation
Die Körpertemperatur eines gesunden Menschen liegt konstant zwischen 36,5 und 37,4 Grad Celsius. Der Hypothalamus, eine Hormon-Schaltzentrale im Gehirn, ist für die Temperatur- und Stoffwechselregulation zuständig und steuert die Thermoregulation. Er empfängt Informationen über die Außen- und Innentemperatur des Körpers und gleicht diese mit den Sollwert-Vorgaben ab. Wird ein Schwellenwert überschritten, muss überschüssige Wärme abgeführt werden, was effektiv durch die Verdunstung von Feuchtigkeit über die Haut geschieht.
Das vegetative Nervensystem und Schwitzen
Das vegetative Nervensystem, insbesondere der Sympathikus, spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung der Schweißsekretion. Es wird noch, meist nach funktionellen Merkmalen, in die zwei Teilsysteme, den Sympathikus und den Parasympathikus unterteilt. Das vegetative Nervensystem ist an der Thermoregulation des Körpers beteiligt und steuert hierbei u.a. die Schweißsekretion (der Körper wird durch Schwitzen gekühlt). Die Impulse werden über kleinkalibrige Nervenfasern (Small Fibres) zu den Schweißdrüsen in der Haut vermittelt. Erkrankungen des vegetativen Nervensystems und der kleinkalibrigen Nervenfasern in der Haut, wie Small Fibre Neuropathien, können zu Anhidrose führen.
Formen des Schwitzens
Mediziner unterscheiden verschiedene Formen des Schwitzens:
- Thermoregulatorisches Schwitzen: Dieser Mechanismus hilft, eine erhöhte Körpertemperatur zu senken, die durch hohe Umgebungstemperaturen oder körperliche Aktivität entsteht.
- Emotionales Schwitzen: Nervöse Erregung, wie sie bei Befangenheit, Prüfungsangst, Lampenfieber, Wut oder Schreck auftreten kann, führt bei den meisten Menschen zu Schwitzen, insbesondere an den Handflächen, Achseln, Fußsohlen und der Stirn. Dieses Schwitzen wird durch das autonome Nervensystem ausgelöst, das auf emotionale Reize reagiert. Das limbische System hat hierbei Einfluss. Bei Stress wird vermehrt körpereigenes Cortisol ausgeschüttet und das sympathische Nervensystem aktiviert.
- Gustatorisches Schwitzen (Geschmacksschwitzen): Der Verzehr von sauren oder scharf gewürzten Speisen sowie Alkoholkonsum kann den Stoffwechsel und die Wärmeproduktion anregen, was vor allem zu Schwitzen im Gesicht (Stirn, Wangen, Oberlippe) und seltener am Oberkörper führt.
Hyperhidrose: Wenn Schwitzen zum Problem wird
Von übermäßigem Schwitzen (Hyperhidrose) spricht man, wenn der Körper mehr Schweiß produziert, als er zum Abkühlen benötigt. Grund dafür ist eine zeitweise oder dauerhafte Fehlregulation der Schweißdrüsen. Das heißt, die Drüsen geben Schweiß ab, obwohl der Körper ausreichend abgekühlt ist. Die Hyperhidrose ist eine Erkrankung, die durch ein übermäßiges Schwitzen charakterisiert ist, etwa 1 bis 2 % der Bevölkerung leiden darunter. Manche Menschen schwitzen am ganzen Körper übermäßig stark (generelle Hyperhidrose). Das übermäßige Schwitzen kann aber auch in den Händen vorkommen (palmare Hyperhidrose), in der Achsel (axilläre Hyperhidrose) oder im Bereich der Füße (plantare Hyperhidrose).
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Ursachen der Hyperhidrose
Die Ursachen für das gestörte Schwitzen sind vielfältig und reichen von den Wechseljahren über Erkrankungen bis hin zu Medikamenten. Manchmal lässt sich auch kein Auslöser feststellen. Mediziner unterscheiden zwischen primärer und sekundärer Hyperhidrose:
- Primäre Hyperhidrose: Sie tritt ohne erkennbare Ursache auf und beginnt oft in der Kindheit oder Jugendzeit. Im Lauf der Zeit verschwindet sie häufig wieder. Der Schweiß bricht vor allem vermehrt an Handflächen, Fußsohlen, Achseln, Stirn, Kopf oder im Bereich der Leiste aus - typischerweise beidseitig und nie während des Schlafs.
- Sekundäre Hyperhidrose: Sie kommt zum Beispiel in den Wechseljahren vor, bei einer Erkrankung oder als Nebenwirkung eines Medikaments. Betroffene schwitzen oft am ganzen Körper und klagen über zusätzliche Beschwerden.
Verschiedene Erkrankungen können mit starkem Schwitzen einhergehen, darunter:
- Infektionen wie Tuberkulose oder eine HIV-Infektion
- Herzschwäche
- Herzinnenhautentzündung (Endokarditis)
- Krebserkrankungen wie ein neuroendokriner Tumor oder ein Tumor des Nebennierenmarks (Phäochromozytom)
- Schilddrüsenüberfunktion
- Überfunktion der Hirnanhangdrüse (Hypophyse)
- Diabetes mellitus
- Angststörungen
- Parkinson-Krankheit
- Schädigungen und Beeinträchtigungen des Sympathikusnervs - zum Beispiel durch Operationen, Verletzungen oder Schäden an der Wirbelsäule
Auch bestimmte Medikamente können vermehrtes Schwitzen auslösen, wie beispielsweise bestimmte Schmerzmittel, vor allem Opioide, verschiedene Antidepressiva, Triptane gegen Migräne, cholinerge Agonisten, Mittel gegen Bluthochdruck und Hormonpräparate.
Symptome der Hyperhidrose
Patienten mit einer Hyperhidrose leiden unter übermäßigem Schwitzen, was sie in ihren täglichen Aktivitäten behindert. Die übermäßige Schweißtätigkeit kann durch Stress, Emotionen oder durch Anstrengungen ausgelöst werden; bei einigen Patienten kommt sie jedoch auch spontan vor. Patienten mit palmarer Hyperhidrose haben feuchte oder nasse Hände, was zu sozialen Problemen führen kann. Bei einer axillären Hyperhidrose leiden die Patienten unter einer erheblichen Schweißbildung im Bereich der Achseln und sind gezwungen, ihre Kleidung häufig zu wechseln. Bei einer plantaren Hyperhidrose findet die übermäßige Schweißbildung an den Füßen statt, was zu feuchten Socken und Schuhen sowie einem unangenehmen Schweißgeruch führt.
Diagnose der Hyperhidrose
Verschiedene Untersuchungsverfahren können helfen, eine Störung des Schwitzens nachzuweisen. Beispielsweise können Substanzen auf die Haut aufgetragen werden, welche im Kontakt mit Schweiß zu einem Farbumschlag führen. Als diagnostischen Standard kann ein elektrischer Stimulationstest an Händen und Füssen eingesetzt werden, der die Reaktion der Schweißdrüsen auf einen elektrischen Reiz an Händen und Füssen einschätzt. Die Antwortstärke auf den elektrischen Reiz wird anhand der Änderung des Hautwiderstands beurteilt. Mit einem weiteren Stimulationstest lassen sich die Antwortzeit und das Ausmaß der Schweißproduktion nach Stimulation an Armen und Beinen testen.
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Behandlung der Hyperhidrose
Die Behandlung von übermäßigem Schwitzen (Hyperhidrose) richtet sich nach der Ursache und der Schwere der Störung und danach, wo die Hyperhidrose auftritt und wie stark sie den Alltag belastet. Meist gehen Ärztinnen und Ärzte stufenweise vor. Bei Bedarf lassen sich mehrere Behandlungen kombinieren.
Therapieoptionen bei sekundärer Hyperhidrose:
Ist eine Erkrankung der Auslöser der Hyperhidrose, bessern sich durch eine gezielte Behandlung häufig die Beschwerden. Hängt das übermäßige Schwitzen mit der Einnahme eines Medikaments zusammen, ist mit dem Arzt oder der Ärztin zu klären, ob es geeignete Alternativen gibt. In keinem Fall sollte man das Medikament eigenmächtig absetzen. Liegt es an bestimmten Lebensgewohnheiten, dass man stark schwitzt, kann es helfen, die Auslöser zu vermeiden.
Therapieoptionen bei primärer Hyperhidrose:
Lässt sich kein Grund für das übermäßige Schwitzen finden, kommen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten in Betracht:
- Salbei-Extrakte: Diese sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich und können ergänzend gegen das Schwitzen angewandt werden. Ihre Wirkung ist bisher aber wissenschaftlich nicht belegt.
- Antitranspirantien: Das sind spezielle schweißstoppende Mittel, die Aluminiumchlorid enthalten. Man trägt sie als Deo-Roller, Gel, Pulver oder Lotion auf die stark schwitzenden Hautpartien auf - bevorzugt vor dem Schlafengehen.
- Anticholinergika: Diese Medikamente hemmen die Wirkung von Acetylcholin - einem Botenstoff, der eine wichtige Rolle in der Regulation der Schweißproduktion spielt. Es gibt Präparate zum Auftragen auf die Haut oder als Tabletten.
- Botulinumtoxin A: besser bekannt als Botox. Das Nervengift wird unter die betroffenen Hautstellen gespritzt. Es unterbindet für eine gewisse Zeit die Bildung vom Botenstoff Acetylcholin und lähmt so die Schweißdrüsen. Diese Methode kommt bei bestimmten Formen der Hyperhidrose in Betracht, wenn Präparate zur äußerlichen Anwendung nicht ausreichend gut gewirkt haben.
- Leitungswasser-Iontophorese: Dabei fließt schwacher Gleichstrom in einem Wasserbad über die Haut in den Körper. Diese Methode kann vor allem gegen Schweißhände und Schweißfüße wirken.
- Radiofrequenztherapie, Mikrowellen oder fokussierter Ultraschall: Mit diesen Verfahren wird Wärme erzeugt, welche die Schweißdrüsen und Nerven schädigen soll. Ärztinnen und Ärzte setzen diese Verfahren bislang vor allem für übermäßiges Schwitzen in den Achselhöhlen ein.
- Operative Eingriffe: Sie kommen infrage, wenn alle anderen Therapien keinen Erfolg zeigen. Eine Möglichkeit ist, die betroffene Hautpartie mit den Schweißdrüsen komplett herauszuschneiden (Exzision). Es ist auch möglich, die Schweißdrüsen unter der Haut zu entfernen oder abzusaugen (Saugkürettage). Eine weitere Option ist die Sympathikolyse oder Sympathektomie: Dabei wird der Sympathikusnerv entweder kurzzeitig oder ganz ausgeschaltet oder teilweise oder ganz entfernt. Bei einer chirurgischen Behandlung der Hyperhidrose wird der Teil des sympathischen Nervensystems, der für die Regulation der Schweißdrüsen des Armes bzw. der Hand zuständig ist, entfernt. Dieser Teil des Sympathikus-Grenzstrangs liegt innerhalb des Brustkorbs, auf Höhe des dritten und vierten Rippenköpfchens, unmittelbar unter dem Rippenfell. Um eine palmare Hyperhidrose zu behandeln, ist es notwendig, den Sympathikus auf Höhe des dritten Rippenköpfchens zu durchtrennen. Für die Behandlung der axillären Hyperhidrose durchtrennen wir den Nerv auf Höhe des vierten Rippenköpfchens, bei kombinierter palmarer und axillärer Hyperhidrose dann entsprechend an beiden Stellen. Während diese Operation in der Vergangenheit über eine Thorakotomie durchgeführt werden musste, wird die Sympathektomie heute minimalinvasiv, als sogenannte videoassistierte Operation („schlüssellochchirurgische Operation“) durchgeführt.
Was hilft bei übermäßigem Schwitzen im Alltag?
Es gibt einige Dinge, die man selbst tun kann, um Beschwerden durch übermäßiges Schwitzen abzumildern:
- Regelmäßige Körperhygiene, einschließlich regelmäßigen Waschens des Kopfes mit einem milden Shampoo
- Atmungsaktive Kleidung und Kopfbedeckungen
- Vermeidung scharfer Speisen, Koffein, Zigaretten und Alkohol
- Ausgewogene Ernährung und Lebensstil
- Stressmanagement durch Entspannungsübungen und Sport
Starkes Schwitzen am Kopf
Starkes Schwitzen am Kopf kann durch genetische Veranlagung, Hitze, Stress oder Krankheiten wie Hyperhidrose, Hormonstörungen oder neurologische Erkrankungen verursacht werden. Es tritt oft bei geringer Anstrengung oder im Ruhezustand auf und sollte ärztlich untersucht werden. Maßnahmen umfassen Alltagsanpassungen wie die Vermeidung schweißtreibender Lebensmittel und regelmäßige Kopfhautpflege mit beruhigenden Produkten. Eine medizinische Option ist die Botox-Behandlung, die die Schweißdrüsenaktivität reduziert.
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Psychisch bedingtes Schwitzen
Psychisch bedingtes Schwitzen wird vom zentralen Nervensystem als eine Art "Feedback" für die Betroffenen ausgesandt. Stress agiert an dieser Stelle als Oberbegriff für eine Reihe von emotionalen Zuständen, die dann wiederum auch in einer vermehrten Schweißproduktion resultieren können.
So könnten empfundenem Stress zum Beispiel diesen Emotionen vorausgehen:
- Angst und starke Angstgefühle
- Panik und Panikattacken
- ein erhöhter Leistungsdruck
- genereller Leidensdruck
- allgemein ein Zustand der Erregung
In den Oberberg Kliniken erhalten Betroffene zunächst eine fundierte Diagnostik, im Anschluss wird ein auf mehreren Bausteinen aufbauender Therapie- und Behandlungsplan entwickelt, der konkret an den Ursachen ansetzt. Den beschriebenen Teufelskreis können Betroffene nur durchbrechen, indem sie sich selbst mentale Erleichterung verschaffen. Hilfreich könnten im Zuge dessen zum Beispiel regelmäßig durchgeführte Entspannungstechniken sein, auch Yoga käme in Frage. Sportliche Aktivität ist ebenso hilfreich, zumal die Schweißdrüsen dann den eigentlich gewünschten und notwendigen thermoregulatorischen Schweiß produzieren.
Anhidrose: Wenn Schwitzen fehlt
Die Anhidrose ist das Gegenteil der Hyperhidrose und bezeichnet die Unfähigkeit zu schwitzen. Dies kann zum Beispiel im Rahmen von Nerven-Erkrankungen wie den Polyneuropathien auftreten, aber auch Folge medikamentöser Behandlung sein. Infolge verminderten Schwitzens kann ein geringerer Schutz vor dem Überwärmen des Körpers entstehen.