Die Facharztprüfung ist ein entscheidender Meilenstein in der ärztlichen Laufbahn und eröffnet vielfältige Karrieremöglichkeiten. Sie bildet den krönenden Abschluss der Facharztausbildung und stellt für viele eine große Hürde dar. Dieser Artikel soll Ihnen einen umfassenden Überblick über die Facharztprüfung Neurologie in Hessen geben, von den Voraussetzungen und der Anmeldung über den Ablauf und die Vorbereitung bis hin zu beruflichen Perspektiven und Fördermöglichkeiten.
Was ist die Facharztprüfung?
Die Facharztprüfung ist die mündliche Abschlussprüfung der Facharztausbildung. Sie dient dazu, festzustellen, ob der Arzt oder die Ärztin über die notwendige Facharztreife verfügt, um Patienten im jeweiligen Fachgebiet eigenverantwortlich zu diagnostizieren und zu therapieren. Diese Eignung wird als "Facharztstandard" bezeichnet. Organisiert wird die Facharztprüfung von der zuständigen Landesärztekammer, in diesem Fall der Landesärztekammer Hessen (LÄKH). Nach erfolgreichem Bestehen der Prüfung wird die Facharzturkunde verliehen, die die Facharztbezeichnung offiziell bestätigt.
Voraussetzungen und Anmeldung zur Facharztprüfung in Hessen
Um zur Facharztprüfung zugelassen zu werden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Die genauen Anforderungen sind in der Weiterbildungsordnung der Landesärztekammer Hessen (LÄKH) festgelegt. Diese basiert auf der "Muster-Weiterbildungsordnung" (M-WBO) der Bundesärztekammer und regelt für jede Fachrichtung die Dauer der Weiterbildung und die zu erfüllenden Bedingungen.
Wesentliche Voraussetzungen sind:
- Abgeschlossene Weiterbildungszeit: Die Mindestausbildungszeit im Rahmen der Facharztausbildung muss absolviert sein. Die Dauer ist in der Weiterbildungsordnung der LÄKH festgelegt.
- Logbuch: Während der Ausbildungszeit müssen die Anforderungen der Weiterbildungsordnung erfüllt und im Logbuch dokumentiert werden. Das Logbuch sollte vollständig unterschrieben sein und gegebenenfalls auch den OP-Katalog beinhalten.
- Facharztzeugnis: Der ausbildende Arzt muss die Facharztreife in einem ausführlichen schriftlichen Facharztzeugnis bescheinigen. Darin wird beurteilt, ob Sie sich fachlich und persönlich als Facharzt eignen. Auch Fehlzeiten, Orte der Weiterbildung und die Zusammenfassung der erbrachten Leistungen sind darin festgehalten. In gewissem Sinne handelt es sich hierbei um ein Empfehlungsschreiben für die Teilnahme an der Facharztprüfung.
- Weitere Unterlagen: Je nach Landesärztekammer können weitere Dokumente erforderlich sein, wie z.B. ein Rotationsplan oder Lebenslauf.
Folgende Unterlagen sollten Sie bei Ihrer Landesärztekammer einreichen:
- Antragsformular (Achten Sie darauf, dass Sie alle geforderten Angaben gemacht haben.)
- Kopie der Approbationsurkunde der/des ÄiW
- Weiterbildungsbefugnis der verantwortlichen Ärztin oder des Arztes
- Kopie des Arbeits- / Anstellungsvertrags
- Facharztzeugnis
- Zeugnisse aller Abschnitte der Weiterbildung (Sie sollten von allen Ärzten unterschrieben werden, die im entsprechenden Abschnitt zur Weiterbildung befugt sind.)
- Kursbescheinigungen (Dies umfasst nur jene Kurse, die in der Weiterbildungsordnung vorgeschrieben sind - zum Beispiel die Fachkunde Strahlenschutz.)
- Approbationsurkunde
- Promotionsurkunde - falls promoviert
Den Antrag auf Durchführung einer Facharztprüfung stellen Sie in der Prüfungsabteilung Ihrer zuständigen Landesärztekammer. Die Frist beträgt im Regelfall mindestens zwei Monate. Tatsächlich erhalten Sie Ihren Termin allerdings je nach Landesärztekammer eher mit einer Vorlaufzeit von drei bis vier Monaten.
Ablauf der Facharztprüfung Neurologie in Hessen
Die Facharztprüfung ist eine nicht-öffentliche, mündliche Prüfung, die in der Regel zwischen 30 und 45 Minuten dauert. Sie wird von einem Prüfungskomitee abgenommen, das aus einem Prüfungsvorsitzenden und zwei bis drei weiteren Prüfern besteht, die selbst Fachärzte für Neurologie sind. Die Auswahl der Prüfer erfolgt zufällig, konkrete Prüfer können nicht gewählt werden, jedoch kann bei Besorgnis auf Befangenheit ein Prüfer abgelehnt werden.
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Der Ablauf der Prüfung gliedert sich typischerweise in folgende Phasen:
- Begrüßung und Formalitäten: Das Prüfungskomitee stellt sich vor und überprüft die Identität des Prüflings anhand eines Ausweisdokuments. Der Vorsitzende erläutert den Ablauf der Prüfung und fragt, ob der Prüfling bereit ist. Gelegentlich wird um das Einverständnis gebeten, dass die Facharztprüfung aufgezeichnet wird. Eine Zustimmung ist freiwillig.
- Fallvorstellungen und Fragen: Die Prüfer stellen Fragen zu verschiedenen Themengebieten der Neurologie. Dabei können sowohl theoretisches Wissen als auch praktische Fähigkeiten abgefragt werden. Häufig werden konkrete Fallbeispiele präsentiert, anhand derer der Prüfling sein diagnostisches und therapeutisches Vorgehen erläutern soll. Die Fragen können sich auch auf medizinisches Grundlagenwissen beziehen - beispielhaft Anatomie, Medizinethik oder Pathogenese. Hinzu kommen Praxisbeispiele und Befunde wie Röntgenaufnahmen oder Labordaten, um die Aufgaben praxistauglich zu gestalten.
- Bewertung und Bekanntgabe des Ergebnisses: Nach der Prüfung berät sich das Prüfungskomitee und bewertet die Leistung des Prüflings. Im Anschluss wird das Ergebnis mitgeteilt. Bei Bestehen wird die Facharzturkunde überreicht.
Beispiele für Fragen und Fallbeispiele aus der Facharztprüfung Neurologie:
Die Fragen der Prüfer basieren auf der Weiterbildungsordnung und dem erworbenen Wissen sowie den Kenntnissen und Fähigkeiten des Prüflings. Geprüft wird der komplette Inhalt der Weiterbildung, dazu gehören auch Laboruntersuchungen und Teilradiologie, sofern dieser Bestandteil der Facharztweiterbildung laut Weiterbildungsordnung sind. Grundlagenwissen wie Pathogenese, Pathophysiologie und Anatomie und Kenntnisse der Fachliteratur, der Begutachtung, der Nachbehandlung und Rehabilitation werden außerdem vorausgesetzt.
- Fall 1: Ein älterer Patient stellt sich wegen eines Schlappfußes in der Notaufnahme vor.
- Frage: Was wäre Ihr nächster Schritt? Was wollen Sie wissen? Wie würden Sie anamnestisch vorgehen?
- Mögliche Antwort: Verlauf und Dynamik der Parese erfragen, Schmerzen lokalisieren (z.B. Rücken).
- Weitere Fragen könnten sich auf die Lokalisation von Schmerzen und Sensibilitätsstörungen bei einer L5-Wurzelläsion oder die Unterscheidung zwischen peripherer Peroneusläsion und L5-Wurzelläsion beziehen.
- Fall 2: Ein 52-jähriger Patient wird in Begleitung seiner Ehefrau in der Notaufnahme vorgestellt, weil er seit 4-5 Wochen wesensverändert ist. Die Ehefrau hat zudem bemerkt, dass die rechte Hand seit 4-5 Tagen zuckt.
- Frage: Wie gehen Sie vor?
- Mögliche Antwort: Anamnese (Vorerkrankungen, Vormedikation, Familienanamnese, Reiseanamnese, …), neurologische Untersuchung (Orientierung, Kognition, kortikale Funktionen, Hirnnerven, Reflexe).
- Weitere Fragen könnten sich auf die Verdachtsdiagnose (z.B. Creutzfeldt-Jakob-Krankheit) und die nächsten diagnostischen Schritte (cMRT, EEG, LP mit Bestimmung der antineuralen Antikörpern) beziehen.
- Video-Fall: Eine Patientin mit Einweisung vom Hausarzt und Verdacht auf Peroneusparese wird vorgestellt. Es stellt sich jedoch eine fokale Dystonie heraus.
- Fragen könnten sich auf die Therapie mit Botox beziehen.
- Weitere mögliche Themen: Essentieller Tremor (inkl. Therapie), Parkinson, Normaldruckhydrozephalus (NPH).
- Ein Konsil aus der Kardiologie: unklare Bewusstlosigkeit, Amnesie.
- Es wurde ein Video gezeigt, auf dem der Patient zunächst fokale Zuckungen hatte, die sich dann generalisiert über den ganzen Körper ausbreiteten.
- Fragen: Was ist Ihre Diagnose? Welche weiteren Untersuchungen führen Sie durch?
- Ein 37-jähriger Patient hatte am Vortag Alkohol konsumiert und gefeiert. Am nächsten Tag klagte er zu Hause über Kopfschmerzen, war verwirrt und desorientiert.
- Frage: Welche Differentialdiagnosen ziehen Sie in Betracht?
- Ich nannte: Intoxikation, SAB, ICB, SDH, EDH, RCVS, PRES, SVT und NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.
Tipps zur Vorbereitung auf die Facharztprüfung Neurologie
Eine gute Vorbereitung ist entscheidend für den Erfolg bei der Facharztprüfung. Hier sind einige Tipps, die Ihnen helfen können:
- Fundiertes Wissen aneignen: Checklisten, Repetitorien und Fallbücher bilden ein solides Wissensfundament. Nutzen Sie beispielsweise das Fallbuch Neurologie, Facharztprüfung Neurologie und die DGN-Facharztvorbereitung.
- Prüfungsprotokolle studieren: Bei MEDI-LEARN können Sie Prüfungsprotokolle vergangener Facharztprüfungen einsehen. Falls Sie bereits die Namen Ihrer Prüfer erfahren haben, können Sie hier gezielt nach diesen Personen suchen. Achten Sie auch darauf, ob ein Prüfer lieber ausführliche oder kurze Antworten wünscht.
- Austausch mit Kollegen: Tauschen Sie sich mit Bekannten, Kollegen oder anderen Prüflingen aus.
- Simulationskurse belegen: Simulationskurse können helfen, die Prüfungssituation zu üben und Sicherheit zu gewinnen.
- Stressbewältigung: Erlernen Sie Techniken zur Stressbewältigung und mentalen Entspannung.
- Zeitmanagement: Planen Sie mehr Zeit für die Anfahrt ein. Schlimmstenfalls nutzen Sie die Wartezeit, um sich vor Ort zu akklimatisieren.
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie eine mögliche Prüfungsangst oder große Nervosität vor der Facharztprüfung offen an.
- Gedankenprozesse verbalisieren: Lassen Sie die Prüfer an Ihren Gedankengängen teilhaben.
- Zeit nutzen: Nehmen Sie sich Zeit für die Antworten und überstürzen Sie nichts.
- Ehrlichkeit: Geben Sie ehrlich zu, wenn Ihnen gerade nichts einfällt. Kündigen Sie an, kurz nachdenken zu wollen.
- Fragen stellen: Stellen Sie selbst Fragen, um eine vollständige Anamnese zu gewährleisten und falsche Vorannahmen zu vermeiden.
- Diskussionen vermeiden: Auch wenn ein Prüfer falsch liegt, sollten Sie sich nicht in eine Diskussion mit diesem begeben.
Lernmaterialien:
- Fallbuch Neurologie
- Facharztprüfung Neurologie
- DGN-Facharztvorbereitung
- Neurologie Referenz
Vorbereitungszeit:
Die benötigte Vorbereitungszeit ist individuell unterschiedlich. Es empfiehlt sich, spätestens mit der Beantragung des Termins mit dem Lernen zu beginnen.
Was tun bei Nichtbestehen der Facharztprüfung?
Eine nicht bestandene Facharztprüfung ist kein Beinbruch. Die Durchfallquote liegt im Gebiet der Ärztekammer Nordrhein beispielsweise bei 4,7 Prozent (gemittelt über alle Facharztausbildungen). Die Neurologie scheint mit knapp 10 Prozent etwas schwieriger und die Allgemeinmedizin mit 2,6 Prozent etwas leichter zu sein.
Im Falle des Nichtbestehens:
- Erhält man statt der Facharzturkunde eine schriftliche Begründung, warum man die Facharztprüfung nicht bestanden hat.
- Finden sich darin gelegentlich Auflagen, welche bis zu einem Wiederholungstermin erfüllt sein sollen.
- Kann eine juristische Anfechtung sinnvoll sein, wenn unzulässiger Stoff oder eine unsachliche Äußerung eines Prüfers vorgekommen ist.
Wiederholung der Facharztprüfung:
- Die Facharztprüfung kann beliebig oft wiederholt werden.
- Wenden Sie sich dazu wieder an die Prüfungsabteilung Ihrer Landesärztekammer und beantragen Sie einen neuen Termin.
Finanzielle Förderung der Weiterbildung in Hessen
Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) fördert die Weiterbildung in Gebieten mit kritischer Versorgungssituation. Am 16. März 2024 hat die Vertreterversammlung (VV) der KVH eine neue Richtlinie zur Förderung der Weiterbildung verabschiedet. Um die begrenzten Fördermittel bedarfsorientierter zu verteilen, werden einige Stellen Gebieten mit nach Bedarfsplanung kritischer Versorgungssituation vorbehalten und Quoten für einzelne Fachgebiete eingeführt. Darüber hinaus werden die Förderstellen zunächst den Ärzten und Ärztinnen in Weiterbildung zugesprochen, welche mindestens drei Jahre Weiterbildungszeit absolviert haben.
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Wichtige Informationen zur Förderung:
- Anträge werden grundsätzlich in chronologischer Reihenfolge des vollständigen Antragseingangs bearbeitet.
- Die monatlichen Fördergelder pro Vollzeitstelle betragen seit dem 1. Januar 2025 5.800 Euro (bei Teilzeitstellen entsprechend anteilig).
- Die Fördergelder müssen in voller Höhe als Gehalt an die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung (ÄiW) weitergegeben werden.
- Für die finanzielle Förderung der Weiterbildung der weiteren Facharztgebiete gibt es bundesweit ein festgelegtes Budget pro Förderjahr.
- Bis zum 31. Dezember 2025 ist das zur Verfügung stehende Budget ausgeschöpft. Das bedeutet, dass beantragte Förderzeiträume zunächst eine teilweise Ablehnung bis zum 31. Dezember 2025 erhalten. Förderzeiträume ab dem 1. Januar 2026 können gewährt werden, sofern alle Kriterien erfüllt sind.
- Sollte aufgrund von freigewordenen Stellen oder gesetzlicher Änderungen wieder Budget zur Verfügung stehen, werden die Anträge auf Förderung der Weiterbildung chronologisch nach vollständigem Antragseingang bearbeitet.
Beschäftigung von Ärzten in Weiterbildung (ÄiW):
- Der Antrag auf Genehmigung (hier ohne Förderung) muss gestellt werden, bevor der ÄiW (auch: Quereinsteiger) seine Tätigkeit aufnimmt.
- Folgende Unterlagen sind erforderlich:
- Kopie der Approbationsurkunde der/des ÄiW
- Weiterbildungsbefugnis der verantwortlichen Ärztin oder des Arztes
- Kopie des Arbeits- / Anstellungsvertrags
- Wenn eine bereits tätige Fachärztin oder ein Facharzt als ÄiW beschäftigt werden soll, muss zusätzlich die Facharzturkunde beigefügt werden. Der Arbeitsvertrag muss dann genau regeln, wann die Ärztin /der Arzt als Fachärztin oder -arzt und wann als ÄiW arbeitet. Während der fachärztlichen Tätigkeit rechnet sie/er mit der eigenen LANR ab, während der Tätigkeit als ÄiW mit der LANR des Weiterbilders.
Berufliche Perspektiven als Facharzt für Neurologie
Nach bestandener Facharztprüfung eröffnen sich vielfältige berufliche Perspektiven. Mit einer Facharztbezeichnung sind Sie berechtigt, als Vertragsarzt mit den gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen, also Kassenarzt zu werden. Darüber hinaus können Sie Oberarzt werden, sich fachlich weiter spezialisieren (z.B. mittels einer lukrativen ärztlichen Zusatzbezeichnung), eine ärztliche Privatpraxis gründen oder in die freie Wirtschaft wechseln.
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