Fachklinik Polyneuropathie: Erfahrungen, Behandlung und Rehabilitation

Polyneuropathie, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, kann sich durch vielfältige Symptome äußern. Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Muskelschwäche sind typische Anzeichen. Die Ursachen können vielfältig sein, von Diabetes über Infektionen bis hin zu erblichen Faktoren. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Betroffenen, die Behandlungsmöglichkeiten und die Bedeutung der Rehabilitation.

Was ist Polyneuropathie?

Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des äußeren Nervensystems, bei der die Reizweiterleitung gestört ist. Betroffen sind die peripheren Nerven, also alle Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks. Schätzungsweise leiden etwa zwei Prozent der Bevölkerung an dieser Erkrankung. Mit zunehmendem Alter verlangsamen sich die Nerven ohnehin, eine Polyneuropathie kann quasi eine Art vorzeitige Alterung der Nervenbahnen sein.

Symptome und erste Anzeichen

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein, da unterschiedliche Nervenfasertypen betroffen sein können. Zu den häufigsten Beschwerden zählen:

  • Kribbeln oder Taubheitsgefühle in den Extremitäten (Arme, Hände, Beine, Füße)
  • Schwäche in Armen, Händen oder Beinen, bis hin zur Fußheberschwäche
  • Schmerzen, die sich im Ruhezustand oder nachts verschlimmern
  • Empfindungsstörungen (Sinnesreize werden gar nicht, vermindert oder verändert an das Gehirn gemeldet)
  • Gleichgewichtsstörungen und Feinmotorikprobleme
  • Koordinationsschwierigkeiten
  • Verdauungsprobleme
  • Herzrhythmusstörungen

Besondere Aufmerksamkeit ist geboten, wenn solche Beschwerden nach einer kürzlich überstandenen Infektion des Magen-Darm-Trakts oder der oberen Atemwege auftreten. In diesem Fall sollte man umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Silke Bold, eine Betroffene, beschreibt ihre anfänglichen Symptome so: „Ich lag nachts wach mit heißen, schmerzenden, unruhigen Beinen. Auf der anderen Seite fühlte ich teilweise gar keine Schmerzen mehr.“

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Ursachen und Diagnose

Die Ursachen einer Polyneuropathie sind vielfältig. Zu den häufigsten Auslösern gehören:

  • Diabetes mellitus: Eine schlecht eingestellte Diabeteserkrankung kann zu Nervenschäden führen.
  • Chronischer Alkoholmissbrauch: Übermäßiger Alkoholkonsum kann Nervenzellen schädigen.
  • Infektionen: Bestimmte Infektionen können eine Polyneuropathie auslösen.
  • Erbliche Faktoren: Genetische Veranlagung kann eine Rolle spielen. Ein Beispiel ist die hereditäre Transthyretin-Amyloidose (hATTR), eine genetisch bedingte Erkrankung, die mittlerweile gut behandelbar ist.
  • Autoimmunerkrankungen: Entzündliche Prozesse im Körper können die Nerven angreifen.
  • Stoffwechselerkrankungen: Erkrankungen von Leber, Niere oder Schilddrüse können eine Polyneuropathie verursachen.
  • Vitaminmangel: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere B-Vitaminen, kann Nervenschäden verursachen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, wie z.B. Zytostatika im Rahmen einer Chemotherapie, können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie auslösen.
  • Toxine: Kontakt mit bestimmten Giftstoffen kann Nervenschäden verursachen.
  • Tumore: In seltenen Fällen kann eine Polyneuropathie durch einen Tumor verursacht werden.

Die Diagnose einer Polyneuropathie kann schwierig und aufwändig sein, insbesondere wenn keine typischen Risikofaktoren vorliegen. Nach einer klinischen Untersuchung können die Nervenbahnen gemessen werden (Elektroneurographie) und eine erweiterte Labordiagnostik durchgeführt werden. Mithilfe der Elektroneurographie wird der Funktionszustand von peripheren Nerven untersucht.

Bei etwa 20 Prozent der Fälle lässt sich keine eindeutige Ursache feststellen - man spricht dann von einer idiopathischen Polyneuropathie.

Behandlungsmöglichkeiten

Viele Formen der Polyneuropathie sind ursächlich behandelbar. Entscheidend ist, die Grunderkrankung zu identifizieren und gezielt zu behandeln.

  • Behandlung der Grunderkrankung: Bei Diabetes mellitus muss der Blutzucker adäquat eingestellt werden. Bei Tumor assoziierter Polyneuropathie steht die Behandlung des zugrunde liegenden Tumors im Fokus. Bei autoimmun entzündlichen Polyneuropathien, steht die Behandlung des Immunsystems im Vordergrund, u.a. mit intravenösem Kortison oder intravenösem Immunglobulin (IVIG).
  • Symptomatische Behandlung: In Fällen, in denen die Ursache nicht behandelbar ist oder nicht gefunden werden kann, steht die symptomatische Behandlung im Vordergrund. Ziel ist es, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
    • Medikamente: Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antiepileptika können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
    • Physikalische Maßnahmen: Massagen, Bäder oder Wärme- und Kälteanwendungen können die Durchblutung fördern und Schmerzen lindern.
    • Krankengymnastik: Gezielte Übungen können die Muskelkraft stärken, die Koordination verbessern und die Beweglichkeit erhalten.
    • Ergotherapie: Ergotherapeutische Maßnahmen helfen, den Alltag besser zu bewältigen und Kompensationsstrategien zu entwickeln.
    • Traditionelle Chinesische Medizin (TCM): Einige Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit TCM, insbesondere mit Akupunktur und Kräutertherapie.

Dr. Günther Scheuerbrandt, ein Patient der TCM-Steigerwald-Klinik, berichtet von seinen Erfahrungen: „Das Wichtigste meiner Behandlung bestand vor allem aus den sog. Dekokten, eigentlich Abkochungen aus chinesischen seit Tausenden von Jahren bekannten Kräutern, Wurzeln, Mineralien und anderen geheimnisvollen Heilmitteln, die schlückchenweise den ganzen Tag über aus zwei Halbliter-Thermosflaschen getrunken werden. Sie wurden begleitet von anderen Maßnahmen, z.B. mehreren Akupunkturen, von Frau Danzer mit ganz kleinen Nadeln ausgeführt, die man kaum sieht und die gar nicht weh tun…Weiterhin gab es Körpertherapien, bei denen der Therapeut oder die Therapeutin ganz intensiv und entspannend mit den Händen die verkrampften Stellen im Körper löst. Jeden Morgen nahm ich am QiGong unter Leitung von Herrn Hansen teil…Außerdem gab es jeden Abend eine ölige "Einreibung" meines Rückens durch eine der vielen jungen Schwestern, was äußerst angenehm war. Die "unglaublichste", aber sehr angenehme Behandlung lieferten jedoch so fünf Pfund etwa 40 Grad warme ungekochte Linsen in einer Plastikschale, die ich jeden Nachmittag so eine Stunde lang mit meinen nackten Füßen durchrühren mußte, während ich mit den Händen meine Briefe mit dem Computer schrieb.“

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Rehabilitation

Eine Rehabilitation ist sinnvoll, um Betroffene bestmöglich zu unterstützen und die Lebensqualität zu verbessern. Grundsätzlich gilt: Je früher die Ursache der Polyneuropathie bekannt ist und eine gezielte Therapie eingeleitet wird, desto größer sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung und Verbesserung der Funktionsstörungen. Daher sollte möglichst früh nach der Diagnosestellung eine erste neurologische Rehabilitation erfolgen.

Durch verschiedene rehabilitative Maßnahmen können Betroffene frühzeitig wertvolle Unterstützung, praktische Tipps und gezielte Übungen erhalten, um Beschwerden zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und den Umgang mit der Erkrankung zu erleichtern. Auch bei chronischen Verläufen der Polyneuropathie ist eine Rehabilitation in regelmäßigen Abständen sinnvoll, um Fitness und Lebensqualität zu verbessern oder zumindest zu erhalten.

Die Reha bei Polyneuropathie in den MEDIAN Kliniken zielt einerseits, soweit möglich, auf die optimale Behandlung der zugrunde liegenden Ursache der Erkrankung ab. So erfolgen z. B. bei Diabetes-Patienten eine intensive Schulung zu Ursachen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten der Erkrankung, eine individuelle Ernährungsberatung und bei Bedarf weitere Maßnahmen zur Modifikation von Lebensumständen, die die Erkrankung ungünstig beeinflussen können. Andererseits erfolgen eine engmaschige Kontrolle und gegebenenfalls die Optimierung der medikamentösen und nichtmedikamentösen Behandlung des Diabetes. Ähnliches gilt für den chronischen Alkoholmissbrauch, die Erkrankungen von Niere, Leber oder Schilddrüse sowie Vitaminmangelzustände. Spezifische Symptome der Polyneuropathie wie Lähmungserscheinungen sowie Gang- und Gleichgewichtsstörungen werden entsprechend individuell behandelt. Hier greifen Anwendungen aus Physiotherapie und Ergotherapie sinnvoll ineinander. Sensible Symptome erfordern Therapien aus den Bereichen Ergotherapie und physikalische Therapie, gegebenenfalls flankiert durch eine spezielle medikamentöse Schmerzbehandlung zur Linderung von quälenden sensiblen Reizerscheinungen. Bestehen aufgrund einer Mitbeteiligung von Hirnnerven Sprech- und/oder Schluckstörungen werden diese logopädisch therapiert. Depressionen in der Folge der Erkrankung werden bei Bedarf sowohl durch eine psychologische Betreuung als auch medikamentös mitbehandelt.

Djordje Jovanovich, ein Patient des Reha-Zentrums Gernsbach, erlebte eine deutliche Verbesserung seiner Lebensqualität durch die Rehabilitation: „Die Pfleger und Therapeuten haben mich motiviert, als ich am Boden war. Mit Pascal, Leni, Andreas und vielen anderen Therapeuten und Pflegern der Klinik ist der Patient schon längst per Du. „Die haben ihren Job sehr gut gemacht“, sagt er, „sie haben mich motiviert, auch wenn ich nicht mehr wollte. So habe ich große Fortschritte gemacht.“

Was kann man selbst tun?

Unabhängig von der Ursache der Polyneuropathie gibt es einiges, was Betroffene selbst tun können, um den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen:

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  • Regelmäßige körperliche Aktivität: Spaziergänge, Schwimmen, Radfahren, Walking, Joggen oder Training im Fitnessstudio stärken die Muskulatur.
  • Gezieltes Gleichgewichtstraining: Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts verringern die Sturzgefahr und Folgeerkrankungen wie Knochenbrüche.
  • Gesunde Lebensweise:
    • Übergewicht vermeiden
    • Nicht rauchen
    • Auf eine ausgewogene und vitaminreiche Ernährung achten
    • Übermäßigen Alkoholkonsum vermeiden
    • Stoffwechselstörungen (Blutzucker, Blutfette, Harnsäure) gut einstellen lassen

Silke Bold lässt sich von ihrer Polyneuropathie nicht unterkriegen: „Durch meine Arbeit im Krankenhaus habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich nicht zu vergraben, sondern offensiv mit seiner Erkrankung umzugehen. Im Austausch mit anderen Betroffenen und Experten gewinnt man dann immer nochmal neue Ideen und Einblicke und es hilft, mit der Situation besser umgehen zu können.“ Sie treibt weiterhin Sport, geht laufen und klettern und tanzt mit ihrem Mann Salsa.

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