Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die sich bei jedem Menschen anders äußert. Die Symptome können vielfältig sein und Körperfunktionen wie Sehen, Sprechen, Muskelkraft und Koordination beeinträchtigen. Viele Betroffene fühlen sich in ihrer sozialen Teilhabe eingeschränkt. Doch Sport, insbesondere Radfahren, kann eine wichtige Rolle spielen, um Beschwerden zu lindern, die Mobilität zu verbessern und die Lebensqualität zu steigern.
Die Vorteile des Radfahrens bei MS
Lange Zeit wurde Menschen mit MS von körperlicher Betätigung abgeraten, da man annahm, sie könne sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken. Heute weiß man jedoch, dass Sport und Bewegung viele Vorteile bieten:
- Verbesserung der Muskelkraft: Radfahren stärkt vor allem die Muskeln, die auch beim Gehen beansprucht werden. Da der Sattel einen Großteil des Körpergewichts auffängt, erfolgt der Muskelaufbau besonders schonend.
- Steigerung der Mobilität: Das Fahrrad erweitert den Bewegungsradius und ermöglicht die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.
- Stärkung des Gleichgewichts und der Körperstabilität: Regelmäßiges Radfahren kann helfen, Gleichgewichtsstörungen zu reduzieren.
- Förderung des Selbstvertrauens: Erfolge beim Radfahren stärken das Selbstvertrauen und das Gefühl, aktiv etwas für die eigene Gesundheit tun zu können.
- Steigerung der Lebensqualität: Mobil zu sein und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, bedeutet Unabhängigkeit und Lebensfreude.
- Linderung von MS-Symptomen: Radfahren kann Symptome wie Fatigue und Depressionen positiv beeinflussen, da das Strampeln an der frischen Luft Glückshormone freisetzt.
Prof. Dr. Ulrik Dalgas von der Universität Aarhus in Dänemark betont, dass Bewegung bei der symptomatischen Behandlung und der Aufrechterhaltung eines guten körperlichen und geistigen Zustands hilft. Er erklärt, dass körperliche Betätigung eine entzündungshemmende Wirkung haben kann, was sich positiv auf das Nervensystem auswirken kann.
Geeignete Fahrräder und Anpassungen für MS-Betroffene
Da jede MS-Erkrankung individuell verläuft, ist es wichtig, sich individuell beraten zu lassen und verschiedene Fahrräder auszuprobieren. Van Raam bietet beispielsweise spezielle Therapiefahrräder an, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap zugeschnitten sind.
Hier sind einige Optionen:
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- Therapieräder: Diese Räder bieten Stabilität und eine komfortable Sitzposition, was besonders bei Gleichgewichtsstörungen hilfreich ist. Modelle wie das Easy Rider oder Easy Sport ermöglichen ein entspanntes Anlehnen und ein sicheres Fahrgefühl.
- Dreiräder: Dreiräder sind eine gute Alternative, wenn Gleichgewichtsprobleme das Radfahren auf einem Zweirad erschweren. Sie bieten Stabilität und verhindern das Umkippen. Auch das Aufsteigen wird durch die feste Position des Rades erleichtert.
- Pedelecs: Pedelecs (Fahrräder mit elektrischer Tretunterstützung) sind ideal, wenn wenig Ausdauer und Kraft vorhanden sind. Der Elektromotor unterstützt beim Treten und ermöglicht es, längere Strecken ohne große Anstrengung zurückzulegen. Van Raam bietet verschiedene Motorsysteme an, die individuell angepasst werden können.
- Handbikes: Handbikes werden mit den Armen angetrieben und sind eine Option für Menschen, bei denen die Beine stark beeinträchtigt sind. Sie können an einen Rollstuhl montiert werden oder als eigenständiges Rennbike genutzt werden.
- Tandems: Tandems ermöglichen es, gemeinsam mit einem Partner zu fahren, auch wenn die körperliche Leistungsfähigkeit unterschiedlich ist. Da beide Fahrer pedalieren, ist das Fahren weniger anstrengend.
- Spezielle Anpassungen: Je nach Bedarf können Fahrräder mit speziellen Lenkhilfen, Pedalen, tiefen Einstiegen oder Fixierungen für die Füße ausgestattet werden.
Tipps für das Radfahren mit MS
- Ärztliche Beratung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Therapeuten, bevor Sie mit dem Radfahren beginnen oder ein neues Fahrrad ausprobieren.
- Realistische Ziele: Stecken Sie sich realistische Ziele und steigern Sie die Dauer und Intensität des Trainings langsam.
- Regelmäßigkeit: Trainieren Sie regelmäßig, um die positiven Effekte des Radfahrens zu nutzen.
- Körperliche Grenzen: Achten Sie auf Ihren Körper und unterbrechen Sie das Training bei auftretenden Symptomen wie Müdigkeit oder Gleichgewichtsproblemen.
- Überhitzung vermeiden: Tragen Sie atmungsaktive Kleidung, trinken Sie ausreichend und vermeiden Sie das Training an heißen Tagen.
- Aufwärmen und Dehnen: Wärmen Sie sich vor dem Radfahren gut auf und dehnen Sie sich danach ausgiebig, um Versteifungen und Spastiken vorzubeugen.
- Sichere Umgebung: Wählen Sie eine sichere Umgebung zum Radfahren, ohne viel Verkehr und Hindernisse.
- Helm tragen: Tragen Sie beim Radfahren immer einen Helm, um sich vor Verletzungen zu schützen.
- Technischer Zustand des Fahrrads: Achten Sie darauf, dass Ihr Fahrrad in einem einwandfreien technischen Zustand ist, insbesondere die Bremsen und die Beleuchtung.
Erfahrungen von MS-Betroffenen
Viele Menschen mit MS haben positive Erfahrungen mit dem Radfahren gemacht. Ankie van den Bosch, bei der im Jahr 2000 MS diagnostiziert wurde, berichtet, dass das Radfahren auf einem elektrischen Zweirad unsicher wurde, als ihre Kraft und Energie nachließen. Mit einem Elektromobil-Dreirad Easy Go konnte sie jedoch wieder mobil sein und ein neues Lebensgefühl gewinnen.
Susan Robertson, eine ehemalige Lehrerin aus Edinburgh, freut sich, 14 Jahre nach ihrer MS-Diagnose wieder Rad fahren zu können. Sie sagt, dass sie sich wieder als Teil der menschlichen Rasse fühlt. Mit einem Van Raam Easy Rider Small Dreirad konnte sie ihre Mobilität zurückgewinnen und wieder normale Dinge tun, wie z.B. durch einen Park radeln.
Lara Wolleschensky, eine Rennradfahrerin aus Dresden, kämpft trotz ihrer Hemiparese und MS weiter. Der Radsport hilft ihr, ihr Handicap unter Kontrolle zu halten und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Sie fährt Jedermann-Rennen und Langstreckenrennen und motiviert andere, trotz MS aktiv zu bleiben.
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