Einführung
Fernsehen ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen weltweit. Europäer verbringen im Durchschnitt etwa 210 Minuten pro Tag vor dem Fernseher. Doch welche Auswirkungen hat dieser weit verbreitete Konsum auf unser Gehirn? Die Frage, ob Fernsehen "dumm macht", ist Gegenstand zahlreicher Studien und Diskussionen. Während einige Forschungsergebnisse negative Folgen aufzeigen, deuten andere auf überraschende positive Effekte hin. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen des Fernsehens auf das Gehirn, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Negative Auswirkungen des Fernsehkonsums
Kognitive Beeinträchtigungen durch langen Fernsehkonsum
Mehrere langfristig angelegte Studien aus den USA haben gezeigt, dass hoher Fernsehkonsum zu schlechteren kognitiven Fähigkeiten führen kann. Untersucht wurde, wie das Gehirn von Personen im Alter von 50 Jahren aussieht, wenn diese bereits mit 30 Jahren angaben, viel fernzusehen. Die Ergebnisse zeigten, dass Personen, die über einen langen Zeitraum viel ferngesehen hatten, schlechter bei Aufgaben abschnitten, die das Gehirn anstrengen. Sie unterschieden sich darin von Personen, die wenig oder gar nicht fernsehen.
Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Hirnstruktur
Eine Studie, die auf dem internationalen Alzheimerkongress in Chicago vorgestellt wurde, untersuchte die Auswirkungen des Fernsehkonsums auf das Hirnvolumen. Die Forscher konzentrierten sich auf knapp 700 Teilnehmer einer Langzeitstudie (CARDIA), die sich 25 Jahre nach Beginn einer strukturellen Hirn-MRT unterzogen hatten. Zum Zeitpunkt der MRT-Analyse waren die Teilnehmer 50 Jahre alt und hatten im Schnitt 2,3 Stunden täglich ferngesehen, wobei 15 % sogar vier oder mehr Stunden konsumierten.
Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Zusammenhang zwischen hohem Fernsehkonsum und geringerem Gesamthirnvolumen, insbesondere der grauen Substanz und des Frontalhirns. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn vaskuläre Risikofaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum, Adipositas, Hypertonie, Depression und körperliche Aktivität berücksichtigt wurden.
Die graue Substanz im Gehirn steht für Areale, in denen höhere Funktionen ausgeführt werden, wie beispielsweise das Treffen von Entscheidungen. Ein geringeres Volumen der grauen Substanz kann demnach auf eine Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten hindeuten.
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Die Rolle des passiven Sitzens
Die Forschenden sehen auch einen Zusammenhang zwischen langem Sitzen beim Fernsehen und dem Nachlassen von Hirnfunktionen. Bewegung ist nicht nur für die körperliche Fitness wichtig, sondern fordert und fördert gleichzeitig auch unser Gehirn. Tätigkeiten, die wir im Sitzen ausführen, wie beispielsweise Lesen oder Computer- und Brettspiele spielen, werden als weniger schädlich angesehen, da das Gehirn dabei gefordert wird. Fernsehen hingegen gilt als nicht-stimulierend für unsere kognitiven Funktionen.
Binge-Watching als besonderes Risiko
Besonders Binge-Watching, also das stundenlange Schauen von Serien oder Filmen, kann sich negativ auf unsere Hirnfunktionen auswirken. Die ständige Reizüberflutung und die fehlende körperliche Aktivität können zu einer Überlastung des Gehirns führen.
Auswirkungen auf ältere Erwachsene
Eine Studie des University College London mit 3590 Probanden im mittleren Alter von 67,1 Jahren zeigte, dass Menschen ab dem fünfzigsten Lebensjahr, die länger als 3,5 Stunden am Tag fernsehen, bei Tests des verbalen Gedächtnisses signifikant schlechter abschnitten. Je mehr Zeit vor dem Bildschirm verbracht wurde und je besser das Wortgedächtnis ursprünglich war, desto mehr davon ging verloren.
Positive Auswirkungen des Fernsehkonsums
Verbesserte visuelle Informationsverarbeitung und motorische Lernfähigkeit
Entgegen gängiger Annahmen fand Dr. Matthias Nürnberger von der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Jena in einer prospektiven Studie heraus, dass exzessives Fernsehen die visuelle Informationsverarbeitung und die motorische Lernfähigkeit sogar signifikant verbessern kann.
In der Studie wurden 74 junge Erwachsene im Alter von 20 bis 30 Jahren fünf Tage lang entweder acht Stunden täglich exzessivem Fernsehen ausgesetzt oder gar keinem Fernsehen. Zusätzlich lernten alle Teilnehmer das Zehnfingersystem auf der Tastatur. Die Gruppe, die fernsah, schnitt in allen Tests besser ab als die Kontrollgruppe, die nicht fernsah - zum Teil waren die Unterschiede sogar signifikant.
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Es wurde eine verstärkte Verbindung zwischen visuellen und motorischen Lernnetzwerken im Gehirn der TV-Gruppe beobachtet. Dies ergab sich aus funktionellen MRT-Aufnahmen im Ruhezustand, die vor und nach dem Experiment gemacht wurden.
Mögliche Erklärung für die positiven Effekte
Die intensive visuelle Stimulation durch Fernsehen kann die Verarbeitung von optischen Informationen und die Fähigkeit, bestimmte Bewegungsmuster zu erlernen, verbessern. Das Gehirn wird durch die ständigen Reize gefordert und trainiert, was zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit in bestimmten Bereichen führen kann.
Relativierung der Ergebnisse
Es ist wichtig zu betonen, dass diese positiven Effekte in einer kontrollierten Umgebung und unter bestimmten Bedingungen beobachtet wurden. Die Teilnehmer der Studie lernten während des Experiments eine neue Fertigkeit (das Zehnfingersystem), was die positiven Auswirkungen des Fernsehens möglicherweise verstärkt hat.
Die Rolle des Inhalts
Nicht jede Sendung ist gleich
Die Auswirkungen des Fernsehens auf das Gehirn hängen stark vom Inhalt der Sendungen ab. Während anspruchsvolle Dokumentationen oder lehrreiche Sendungen das Gehirn stimulieren und neue Erkenntnisse vermitteln können, können seichte Unterhaltungssendungen oder gewaltverherrlichende Programme negative Auswirkungen haben.
Gewalt im Fernsehen
Studien haben gezeigt, dass die Darstellung von Gewalt im Fernsehen negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben kann. Kinder nehmen die dargestellten Verhaltensweisen auf und internalisieren sie, was zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft führen kann.
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Fernsehen als Ersatz für andere Aktivitäten
Ein weiteres Problem ist, dass Fernsehen oft als Ersatz für andere, gesündere Aktivitäten dient. Statt sich körperlich zu betätigen, zu lesen oder soziale Kontakte zu pflegen, verbringen viele Menschen ihre Freizeit vor dem Fernseher. Dies kann zu einer Verringerung der kognitiven Fähigkeiten und zu einer Verschlechterung der allgemeinen Gesundheit führen.
Fernsehen bei Kindern und Jugendlichen
Negative Auswirkungen auf die Entwicklung
Hirnforscher warnen vor den negativen Auswirkungen von zu viel Fernsehen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Zu viel Fernsehen kann zu Aufmerksamkeitsstörungen, Lese-Rechtschreib-Schwächen und Übergewicht führen.
Die Bedeutung der Medienkompetenz
Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche zu einem bewussten Umgang mit den Medien zu erziehen. Sie sollten lernen, kritisch mit den Inhalten umzugehen und zwischen Programm und Werbung zu unterscheiden. Eltern sollten den Medienkonsum ihrer Kinder kontrollieren und ihnen alternative Freizeitbeschäftigungen anbieten.
Fernsehen für Babys und Kleinkinder
Kleine Kinder sollen überhaupt nicht fernsehen, weil es ihnen nur schaden kann. Fernsehkonsum zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr kann zu Aufmerksamkeitsstörungen in der ersten Klasse führen. Im Alter von fünf Jahren kann Fernsehen zu Lese-Rechtschreib-Schwächen im ersten bis dritten Schuljahr führen.
Empfehlungen für einen gesunden Umgang mit dem Fernsehen
Begrenzung der Fernsehzeit
Es ist wichtig, die Fernsehzeit zu begrenzen und auf einen bewussten Konsum zu achten. Erwachsene sollten nicht mehr als zwei Stunden pro Tag fernsehen, Kinder und Jugendliche noch weniger.
Auswahl der Sendungen
Wählen Sie Sendungen sorgfältig aus und achten Sie auf qualitativ hochwertige Inhalte. Vermeiden Sie seichte Unterhaltungssendungen und gewaltverherrlichende Programme.
Kombination mit körperlicher Aktivität
Kombinieren Sie das Fernsehen mit körperlicher Aktivität. Machen Sie beispielsweise während der Werbung kurze Sportübungen oder gehen Sie nach dem Fernsehen spazieren.
Alternative Freizeitbeschäftigungen
Suchen Sie sich alternative Freizeitbeschäftigungen, die das Gehirn fordern und die körperliche Aktivität fördern. Lesen Sie Bücher, spielen Sie Brettspiele, treiben Sie Sport oder treffen Sie sich mit Freunden.
Fernseher aus dem Kinderzimmer verbannen
Fernseher gehören nicht ins Kinderzimmer. Kinder brauchen Computer erst ab 16 Jahren. Vorher ist ein Computer für die akademische Entwicklung schädlich.
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