Tollwut, auch Rabies oder Lyssa genannt, ist eine seit Jahrtausenden bekannte, lebensbedrohliche Infektionskrankheit, die durch das Rabiesvirus verursacht wird. Sie betrifft Säugetiere, einschließlich des Menschen, und wird hauptsächlich durch den Speichel infizierter Tiere übertragen, was sie zu einer Zoonose macht. Obwohl Deutschland seit 2008 als frei von klassischer Tollwut bei nicht-fliegenden Tieren gilt, besteht weiterhin ein Risiko durch Fledermäuse.
Historische Aspekte der Tollwut
Tollwut ist eine der ältesten bekannten Geißeln der Menschheit. Bereits vor mehr als 4000 Jahren wurde im Eshuma Kodex (2300 v. Chr.) vermerkt, dass der Biss eines tollwütigen Hundes den Tod von Menschen verursachen konnte. Celsus identifizierte im Jahre 100 n. Chr. Speichel als die Quelle der Übertragung und verwendete in diesem Zusammenhang zum ersten Mal das Wort "Virus".
Frühe Behandlungsversuche
Vor der Einführung der Tollwutimpfung im 19. Jahrhundert wurden verschiedene Versuche unternommen, die Krankheit zu behandeln, oft unter Verwendung von Tiermaterialien.
Die Ära der Impfungen
Vor 150 Jahren führte Pasteur die erste postexpositionelle Behandlung durch, indem er einem 9-jährigen Jungen 28 Tage lang täglich Spritzen in die Bauchgegend verabreichte. Zuvor wurden Therapieversuche an Hunden durchgeführt, denen subkutan eine Suspension von Tollwutvirus-infiziertem Hirngewebe bzw. Rückenmark verabreicht wurde.
Pasteurs Behandlungsmethode weckte großes Interesse und wurde rasch akzeptiert. Das erste Pasteur-Institut wurde 1888 gegründet, und innerhalb eines Jahrzehnts wurden weitere Institute gleichen Namens überall in der Welt eingerichtet.
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Entwicklung von Impfstoffen
Bis 1975 wurde die Tollwutbehandlung durch die Verwendung von Impfstoffen dominiert, die aus neuralem Gewebe bzw. Hirngewebe hergestellt wurden. Doch aufgrund der äußerst niedrigen Immunogenität sowie der nicht-standardisierbaren Antigenität der Hirngewebs-Impfstoffe waren das tägliche mehrfache Spritzen von großen Mengen an Virus enthaltenden Hirngewebs-Suspensionen (bis zu 25-mal) sowie zusätzlich weiterer Booster-Impfungen am Tag 20 und 90 notwendig, um die schützende Immunität der postexpositionellen Tollwut-Behandlung herbeizuführen.
Die Einführung des Entenembryoimpfstoffs (DEVs) stellte eine Zwischenphase zwischen der Verwendung der Hirngewebs-Impfstoffen und der Entwicklung der Zellkulturimpfstoffe dar. Die Immunogenität war im Vergleich zum Hirngewebs-Impfstoff verbessert.
Moderne Zellkulturimpfstoffe
Die Lösung der Probleme der Tollwutimpfstoffe in Bezug auf die Sicherheit und Wirksamkeit lag offensichtlich in der Entwicklung von Impfstoffen, die frei waren von neuralem Gewebe. Der menschliche HDCS-Zellkulturimpfstoff war der erste Impfstoff, der nur aus Viruspartikeln und Viruseiweißen bestand.
Kuwert et al. entwickelten ein neues Impfschema, welches sich an entsprechenden früheren Versuchen zur Dosisreduktion und zur Ermittlung des richtigen Impfabstandes in Hunden orientierte.
Aktuelle Impfschemata
Das original "Essen-Schema" mit 6 Impfstoffdosen wird noch immer in einer Mehrheit der Länder angewandt. Die Notwendigkeit der 6. Impfdosis am Tag 90 wurde inzwischen angezweifelt. Diese 6. Impfung wird in den USA nicht mehr angewandt und wird auch nicht länger durch die WHO empfohlen.
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Übertragung der Tollwut
Die Übertragung erfolgt hauptsächlich durch den Biss eines infizierten Tieres, wobei das Virus über den Speichel in den Körper gelangt. Auch der Kontakt von Speichel mit kleinen Hautverletzungen oder Schleimhäuten kann zu einer Ansteckung führen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist äußerst selten, wurde aber in Einzelfällen bei Müttern in Kenia, die ihre Babys während der Inkubationszeit stillten, festgestellt. Eine iatrogene Übertragung wurde nach einer Hornhauttransplantation diagnostiziert.
Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung durch einen Biss variiert zwischen 0 und 100 % und hängt von der Lokalisation der Bissstelle und der Tierart ab.
Tiere als Überträger
Neben Hunden können auch andere Tiere Tollwut übertragen. Eine Studie in Indien zeigte, dass Gehirnproben von Kühen und Pferden zu 66,4 % bzw. 12,5 % infektiöses Tollwutvirus enthielten. Andere Tierarten, die eine Exposition verursachen können, sind Büffel, Schakale, Mungos, Affen, Katzen, Esel, Pferde, Ziegen, Schafe, Schweine, Panther, Kamele, Füchse, Ratten, Bären, Wölfe, Löwen, Kaninchen, Hyänen, Tiger, Geier, Eidechsen und Rotwild. Allerdings sind Todesfälle im Zusammenhang mit Tollwut, die durch Bisse anderer Tiere als Hunde, Katzen, Füchse, Schakale, Wölfe, Mungos und Ratten verursacht wurden, selten.
Fledermäuse als Reservoir
In Deutschland und Europa stellen Fledermäuse ein besonderes Risiko dar, da sie das Virus tragen können. Die Fledermaustollwut ist in Europa epidemisch, und es wird empfohlen, weder lebende noch tote Fledermäuse anzufassen.
Symptome der Tollwut
Die Inkubationszeit beträgt in der Regel zwischen drei und acht Wochen, kann aber in seltenen Fällen auch kürzer oder sogar Jahre dauern. Die Symptome lassen sich in drei Phasen einteilen:
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- Prodromalstadium (Vorstadium): Anfängliche unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Fieber, Brennen, Jucken und Schmerzen an der Bisswunde.
- Akute neurologische Phase (Exzitationsstadium/rasende Wut oder paralytische Form/stille Wut):
- Enzephalitische Form: Hirn- und Nervenentzündung mit Erregungszuständen, Krämpfen, Muskelzuckungen, Unruhe, Angstgefühlen, Aggressivität, Depressionen, Angst vor Wasser (Hydrophobie) und Schluckbeschwerden.
- Paralytische Form: Muskelschwäche, schlaffe Lähmungen, gestörtes Temperaturempfinden, Schlaflosigkeit und Angst.
- Terminalstadium: Koma und Tod durch Atemlähmung.
Unbehandelt führt die Tollwut innerhalb weniger Tage bis Wochen zum Tod.
Diagnose der Tollwut
Die Diagnose basiert auf der Anamnese (Biss durch ein potenziell infiziertes Tier, Aufenthalt in einem Risikogebiet) und den klinischen Symptomen. Zur Bestätigung können Antigene oder RNA des Tollwutvirus im Speichel, der Hornhaut, der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit oder einer Gewebeprobe nachgewiesen werden. Allerdings können diese Tests falsch-negative Ergebnisse liefern, sodass die Diagnose erst nach dem Tod durch Untersuchung des Hirngewebes sicher bestätigt werden kann.
Behandlung der Tollwut
Ist die Krankheit einmal ausgebrochen, gibt es keine Heilung. Die Behandlung beschränkt sich auf die Linderung der Symptome. Nach einem Biss durch ein tollwutverdächtiges Tier ist jedoch eine sofortige Behandlung möglich und notwendig, um den Ausbruch der Krankheit zu verhindern:
- Sofortmaßnahmen:
- Sorgfältiges Auswaschen der Wunde mit Wasser und Seifenlösung, Desinfektion mit Alkohol.
- Auspülen tieferer Wunden mit Kathetern.
- Ruhigstellung der Gliedmaßen, Anlegen eines Verbands.
- Auffrischung des Tetanus-Schutzes.
- Postexpositionelle Prophylaxe:
- Verabreichung eines inaktiven Tollwutimpfstoffs (Totimpfstoff) in fünf Dosen.
- Injektion von Tollwut-Immunglobulin (RIG), um das Virus unschädlich zu machen (passive Immunisierung).
Prävention der Tollwut
- Präventive Impfung:
- Für Personen mit erhöhtem Risiko (z.B. Förster, Tierärzte, Laborpersonal, Reisende in Endemiegebiete).
- Für Haustiere (Hunde, Katzen, Frettchen), um eine Ansteckung bei Wildtieren zu verhindern.
- Impfungsschema: Grundimmunisierung und regelmäßige Auffrischungsimpfungen.
- Verhaltensmaßnahmen:
- Abstand zu Wildtieren halten.
- Keine lebenden oder toten Tiere berühren oder füttern, insbesondere Fledermäuse.
- In Tollwutgebieten streunenden Tieren nicht zu nahe kommen.
- Besondere Vorsicht bei zutraulichen Wildtieren.
Tollwutimpfung für Haustiere
In Deutschland fordert die Tollwut-Verordnung bestimmte Impfintervalle für Hunde, Katzen und Frettchen. In der EU besteht eine Impfpflicht gegen Tollwut für den grenzüberschreitenden Reiseverkehr mit Hunden, Katzen und Frettchen.
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