Fluorchinolone: Risiken und Nebenwirkungen auf das zentrale Nervensystem

Fluorchinolone sind eine Klasse von Antibiotika, die in der Vergangenheit häufig zur Behandlung verschiedener bakterieller Infektionen eingesetzt wurden. In den letzten Jahren hat sich jedoch die Aufmerksamkeit auf die potenziellen Nebenwirkungen dieser Medikamente gerichtet, insbesondere auf solche, die das zentrale Nervensystem (ZNS) betreffen. Dieser Artikel beleuchtet die Risiken und Nebenwirkungen von Fluorchinolonen auf das ZNS und gibt einen Überblick über aktuelle Empfehlungen und Einschränkungen bei ihrer Anwendung.

Hintergrundinformationen zu Fluorchinolonen

Fluorchinolone wie Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin sind in Deutschland zugelassen. Sie wirken, indem sie bakterielle Enzyme hemmen, die für die DNA-Replikation und -Reparatur notwendig sind. Aufgrund ihrer breiten Wirksamkeit wurden sie oft als Mittel der ersten Wahl bei verschiedenen Infektionen eingesetzt.

Warnungen und Einschränkungen durch Aufsichtsbehörden

Sowohl die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) als auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) haben Warnungen und Einschränkungen bezüglich der Verwendung von Fluorchinolonen herausgegeben. Bereits 2016 warnte die FDA vor dauerhaften Nebenwirkungen an Sehnen, Muskeln, Gelenken, Nerven und dem zentralen Nervensystem. Infolgedessen wurde der Einsatz von Fluorchinolonen bei Patienten mit leichteren Infektionen wie akuter Sinusitis, akuter Exazerbation einer chronischen Bronchitis oder unkomplizierten Harnwegsinfektionen weitgehend eingeschränkt.

Die EMA hat ebenfalls eine Neubewertung der Fluorchinolone durchgeführt und empfiehlt, ihre Anwendung einzuschränken. Einige Fluorchinolone sollten vom Markt genommen werden, insbesondere solche, die Chinolone enthalten und zur Behandlung von Infektionen zugelassen sind, die nicht mehr mit dieser Klasse von Antibiotika behandelt werden sollten.

Indikationen und Anwendungseinschränkungen

Fluorchinolone sollten nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Bewertung im Einzelfall angewendet werden. Sie sollen nicht angewendet werden zur Behandlung von:

Lesen Sie auch: Symptome und Diagnose

  • Nicht-bakteriellen Infektionen (z. B. nicht-bakterielle [chronische] Prostatitis)
  • Selbstlimitierenden Infektionen (z. B. Pharyngitis, Tonsillitis, akute Bronchitis)
  • Leichten bis mittelschweren Infektionen (z. B. unkomplizierte Zystitis, Exazerbation einer chronischen Bronchitis und chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, akute bakterielle Rhinosinusitis, akute Otitis media), außer wenn andere Antibiotika ungeeignet sind
  • Prävention von Reisediarrhoe oder rezidivierenden Infektionen der unteren Harnwege
  • Patienten, die zuvor schwerwiegende Nebenwirkungen im Zusammenhang mit einem Chinolon- oder Fluorchinolon-Antibiotikum hatten

Besondere Vorsicht ist geboten bei älteren Menschen, Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion, nach Organtransplantation und bei gleichzeitiger Behandlung mit Kortikosteroiden, da das Risiko einer Fluorchinolon-induzierten Tendinitis und Sehnenruptur erhöht sein kann. Die gleichzeitige Anwendung von Kortikosteroiden mit Fluorchinolonen sollte vermieden werden.

Nebenwirkungen auf das zentrale Nervensystem (ZNS)

Fluorchinolone können verschiedene Nebenwirkungen im ZNS verursachen. Zu den schwerwiegenden Nebenwirkungen auf das periphere und zentrale Nervensystem gehören:

  • Periphere Neuropathie
  • Schlaflosigkeit
  • Depressionen
  • Ermüdung (Fatigue)
  • Eingeschränktes Erinnerungsvermögen
  • Seh-, Hör-, Geruchs- und Geschmacksstörungen
  • Krampfanfälle
  • Psychotische Reaktionen

Patienten sollten angewiesen werden, die Behandlung zu beenden und sich an ihren Arzt zu wenden, wenn sie Anzeichen einer schwerwiegenden Nebenwirkung wie Tendinitis und Sehnenruptur, Muskelschmerzen, Muskelschwäche, Gelenkschmerzen, Gelenkschwellungen, peripherer Neuropathie und vom zentralen Nervensystem ausgehenden Beeinträchtigungen bemerken.

Mögliche Mechanismen der ZNS-Toxizität

Die genauen Mechanismen, durch die Fluorchinolone ZNS-Nebenwirkungen verursachen, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen könnten:

  1. GABA-Hemmung: Fluorchinolone können die Bindung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA) an ihre Rezeptoren im Gehirn hemmen. GABA ist ein wichtiger inhibitorischer Neurotransmitter, der eine beruhigende und angstlösende Wirkung hat. Die Hemmung der GABA-Funktion kann zu erhöhter neuronaler Erregbarkeit und möglicherweise zu Krampfanfällen, Angstzuständen und Schlaflosigkeit führen.
  2. Glutamat-Exzitotoxizität: Einige Studien deuten darauf hin, dass Fluorchinolone die Freisetzung von Glutamat erhöhen können, einem exzitatorischen Neurotransmitter. Eine übermäßige Glutamat-Aktivierung kann zu Exzitotoxizität führen, einem Prozess, bei dem Neuronen durch Überstimulation geschädigt oder zerstört werden. Dies könnte zu neurologischen Symptomen wie Gedächtnisproblemen, Verwirrtheit und in schweren Fällen zu Hirnschäden beitragen.
  3. Oxidativer Stress: Fluorchinolone können die Produktion von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) im Gehirn erhöhen, was zu oxidativem Stress führt. Oxidativer Stress kann Zellen schädigen, einschließlich Neuronen, und zu verschiedenen neurologischen Störungen beitragen.
  4. Beeinflussung von Neurotransmittersystemen: Fluorchinolone können auch andere Neurotransmittersysteme im Gehirn beeinflussen, wie z. B. das Dopamin- und Serotoninsystem. Diese Systeme spielen eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Stimmung, Schlaf und Verhalten. Störungen dieser Systeme könnten zu Depressionen, Angstzuständen und anderen psychiatrischen Symptomen beitragen.
  5. Mitochondriale Dysfunktion: Es gibt Hinweise darauf, dass Fluorchinolone die Funktion der Mitochondrien beeinträchtigen können, den Kraftwerken der Zellen. Mitochondriale Dysfunktion kann zu Energiemangel und oxidativem Stress führen, was Neuronen schädigen und neurologische Symptome verursachen kann.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese Mechanismen nicht unabhängig voneinander wirken und wahrscheinlich in komplexer Weise interagieren, um die ZNS-Toxizität von Fluorchinolonen zu verursachen. Weitere Forschung ist erforderlich, um die genauen Mechanismen vollständig zu verstehen und gezielte Strategien zur Vorbeugung und Behandlung dieser Nebenwirkungen zu entwickeln.

Lesen Sie auch: Auswirkungen neurologischer Dysfunktion

Chronische Beschwerden und Selbsthilfegruppen

Inzwischen gibt es sowohl in den USA als auch in Europa Selbsthilfegruppen für Patienten mit Schädigungen, die vermutlich durch die Anwendung von Fluorchinolonen verursacht wurden. Diese Patienten fordern die Anerkennung eines „Quinolone Toxicity Syndrome“ oder einer „Fluoroquinolone-associated Disability“. Die Chronizität der geschilderten Beschwerden - meist Sehnen, Muskeln betreffend oder Neuropathien - ist dabei besonders auffällig. Eine spezifische Therapie für diese Form der Fluorchinolon-Nebenwirkung ist derzeit nicht definiert.

Empfehlungen für Ärzte und Apotheker

Ärzte sollten bei der Verschreibung von Fluorchinolonen im Einzelfall Nutzen und Risiko sorgfältig abwägen. Sie sollten sich der potenziellen Nebenwirkungen bewusst sein und die Patienten entsprechend aufklären. Apotheker sollten ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Beratung der Patienten spielen und auf mögliche Risiken und Wechselwirkungen hinweisen.

Die Fach- und Gebrauchsinformationen der betroffenen Arzneimittel werden überarbeitet, um die Anwendungsbeschränkungen und potenziellen Nebenwirkungen hervorzuheben.

Lesen Sie auch: Anatomie des ZNS im Detail

tags: #fluorchinolone #zentrales #nervensystem