Fluorchinolone sind Breitbandantibiotika, die in der Vergangenheit häufig verschrieben wurden. Sie wirken gegen eine Vielzahl von Erregern, indem sie wichtige Enzyme der Bakterien blockieren. Allerdings können sie in seltenen Fällen schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen, darunter auch Polyneuropathie. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze der Fluorchinolon-induzierten Polyneuropathie.
Was ist Polyneuropathie?
Die Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch eine Vielzahl von Ursachen ausgelöst werden kann. Sie kann Nervenzellen, Axone und die Myelinscheide betreffen. Die meisten Polyneuropathien betreffen die großkalibrigen Nervenfasern, die für die motorische Funktion und das Berührungs- und Vibrationsgefühl verantwortlich sind. Eine spezielle Form, die Small-Fiber-Neuropathie, betrifft hingegen nur die kleinkalibrigen Nervenfasern, die für Schmerz und Temperaturwahrnehmung zuständig sind.
Ursachen von Polyneuropathie
Polyneuropathie kann verschiedene Ursachen haben. Dazu gehören:
- Diabetes mellitus: Ein chronisch erhöhter Blutzuckerspiegel kann zu einer Schädigung der kleinen Blutgefäße führen, die die Nerven versorgen (diabetische Neuropathie).
- Alkoholabusus: Chronischer Alkoholkonsum kann eine alkohol-assoziierte Polyneuropathie verursachen.
- Chemotherapie: Bestimmte Zytostatika (Chemotherapeutika) können eine Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CIPN) auslösen.
- Infektionen: Borreliose und Lepra können Polyneuropathie verursachen.
- Autoimmunerkrankungen: Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und das Sjögren-Syndrom (SS) sind Beispiele für Autoimmunerkrankungen, die mit Polyneuropathie einhergehen können.
- Weitere Ursachen: Amyloidose, Porphyrie, Vaskulitis und genetische Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen.
Fluorchinolone als mögliche Ursache
Fluorchinolone sind Antibiotika, die mit dem Auftreten von Polyneuropathie in Verbindung gebracht werden können. Obwohl Mono- und Polyneuropathien seltene Nebenwirkungen von Fluorchinolonen sind, sollte bei der Verordnung dieser Medikamente, insbesondere bei Patienten über 60 Jahre, an diese Möglichkeit gedacht werden. Fluorchinolone sollen als Reserveantibiotika wegen des Risikos schwerer Nebenwirkungen nur noch dann verschrieben werden, wenn es keine anderen wirksamen Medikamente mehr gibt.
Symptome der Fluorchinolon-induzierten Polyneuropathie
Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nervenfasern betroffen sind. Einige häufige Symptome sind:
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei alkoholischer Polyneuropathie
- Missempfindungen: Eigenartige Missempfindungen in den Füßen, ein Gefühl, als hätte man zu enge Socken an, Kribbeln wie Ameisenlaufen, brennende Schmerzen.
- Schmerzen: Stechende Schmerzen, als ob ein Messer durch den Fuß gestoßen wird.
- Taubheitsgefühl: Taubes Gefühl in den Füßen, Verlust der Temperatur- und Schmerzreize.
- Gleichgewichtsstörungen: Unsicherheit beim Gehen, Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, insbesondere bei Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen.
- Muskelschwäche: Fußheberschwäche (Steppergang), Schwierigkeiten beim Ballen der Finger zur Faust.
- Weitere Symptome: Krämpfe in den Beinen, gestörtes Berührungsempfinden, Durchblutungsstörungen in den Füßen, Müdigkeit, Depressionen, Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, Probleme beim Sehen oder Hören, veränderter Geschmacks- oder Geruchssinn.
Der Krankheitsverlauf am Beispiel von Kurt Podstata
Kurt Podstata berichtet von seinen Erfahrungen mit Polyneuropathie. Anfangs verspürte er Krämpfe in den Beinen und glaubte an Magnesiummangel. Später entwickelte er eine Fußheberschwäche, Gleichgewichtsstörungen, ein taubes Gefühl in den Füßen, Kribbeln und brennende Schmerzen. Er konnte Temperatur- und Schmerzreize in den Beinen nicht mehr angemessen wahrnehmen. Das Berührungsempfinden an den Füßen war gestört, und er hatte plötzlich auftretende stechende Schmerzen. Die Durchblutung der Haut der Füße war gestört, und er hatte Schwierigkeiten, die Finger zur Faust zu ballen.
Diagnose der Fluorchinolon-induzierten Polyneuropathie
Die Diagnose einer Polyneuropathie umfasst in der Regel folgende Schritte:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der Einnahme von Medikamenten wie Fluorchinolonen.
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Nervenfunktion, einschließlich der Reflexe, derSensibilität und der Muskelkraft.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG), um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Nervenwasser zur Untersuchung auf Entzündungen oder andere Auffälligkeiten.
- Nervenbiopsie: Entnahme einer kleinen Gewebeprobe eines Nervs zur mikroskopischen Untersuchung.
- Blutuntersuchungen: Überprüfung auf andere mögliche Ursachen der Polyneuropathie, wie Diabetes mellitus, Vitaminmangel oder Autoimmunerkrankungen.
Behandlung der Fluorchinolon-induzierten Polyneuropathie
Die Behandlung der Fluorchinolon-induzierten Polyneuropathie zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Die Behandlung kann folgende Maßnahmen umfassen:
- Schmerztherapie: Einsatz von Medikamenten zur Schmerzlinderung, wie Antidepressiva, Antikonvulsiva oder Opioide. Ein Medikament, ursprünglich gegen Epilepsie entwickelt, half Kurt Podstata gegen die Schmerzen.
- Physiotherapie: Krankengymnastik zur Verbesserung der Muskelkraft, der Koordination und des Gleichgewichts. Bei einer Reha-Maßnahme wurden Kurt Podstata Therapiemöglichkeiten vermittelt, die das Leben mit der Erkrankung leichter machen können, wie Kneipp’sche Wechselbäder der Beine und vielfältige Bewegungstherapien.
- Ergotherapie: Anpassung desAlltags an die Einschränkungen durch die Polyneuropathie.
- Orthopädische Hilfsmittel: Verwendung von Fußheberorthesen oder anderen Hilfsmitteln zur Unterstützung derMobilität. Kurt Podstata trägt Carbon verstärkte, Gelenkorthesen, die ihm einen besseren Halt geben und ein annähernd normales Gangbild ermöglichen.
- Immuntherapie: In einigen Fällen kann eine Immuntherapie mit Steroiden oder intravenösen Immunglobulinen (IVIG) in Erwägung gezogen werden, insbesondere wenn eine autoimmun-inflammatorische Ursache vermutet wird. Kurt Podstata unterzog sich einer Kortison-Therapie und einer intravenösen Immunglobulin-Therapie (IVIG).
- Weitere Therapien: Lymphdrainage zur Reduzierung von Schwellungen, medizinische Fußpflege zur Behandlung von Hornhaut und Nägeln. Tägliches Cremen der Füße vor dem Schlafengehen sowie bequemes Schuhwerk zur Vermeidung von Druckstellen sind ebenfalls wichtig.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann hilfreich sein, um mit der Erkrankung umzugehen und Unterstützung zu finden. Kurt Podstata gründete in Rostock eine Selbsthilfegruppe für Polyneuropathie-Betroffene.
- Vitamin B12: Die Einnahme von hoch dosiertem Vitamin B12 hat bei einigen Patienten die Gangunsicherheit völlig beseitigt.
Subkutane Immunglobulin-Therapie (SCIG)
Eine Möglichkeit, die Immunglobulin-Therapie durchzuführen, ist die subkutane Injektion (SCIG) im häuslichen Umfeld. Kurt Podstata konnte seinen Neurologen von dieser Methode überzeugen und führt seitdem die Injektionen selbstständig durch. Er verabreicht jeweils mittwochs und sonntags meist abends fünfzig Milliliter zwanzigprozentige Lösung Immunglobuline. Seitdem fühlt er sich stabil, und die Messergebnisse der Nervenleitgeschwindigkeit zeigen einen deutlich schwächeren Verfall an.
Leben mit Polyneuropathie
Das Leben mit Polyneuropathie kann eine Herausforderung sein, aber es gibt Möglichkeiten, die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:
Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Polyneuropathie und psychosomatischen Ursachen
- Anpassung desAlltags: Anpassung der Aktivitäten an die körperlichen Einschränkungen, z. B. durch die Verwendung von Hilfsmitteln oder die Vermeidung bestimmter Tätigkeiten. Kurt Podstata benutzt für Entfernungen von mehr als zweihundert Metern einen Elektrorollstuhl und hat sein Auto auf Handgas und Handbremse umbauen lassen.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung, wie Spaziergänge oder Krankengymnastik, kann helfen, die Muskelkraft und die Koordination zu verbessern. Kurt Podstata geht regelmäßig mit Unterarmstützen oder Rollator um den Häuserblock, um die noch vorhandene Muskulatur zu trainieren.
- Gesunde Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann helfen, den Körper mit den notwendigen Nährstoffen zu versorgen und das Nervensystem zu unterstützen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Vermeidung von Alkohol und Nikotin, da dieseSubstanzen die Nerven schädigen können. Kurt Podstata hat seinen Alkoholkonsum drastisch reduziert und verzichtet seit etwa einem Jahr völlig darauf.
- Psychologische Unterstützung: Psychologische Unterstützung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung umzugehen.
Postoperative Neuropathie
Neben der Fluorchinolon-induzierten Polyneuropathie gibt es auch die postoperative Neuropathie, die als Komplikation nach einer Operation auftreten kann. Ursachen können Traumen, Überdehnungen, Kompressionen oder Entzündungen sein. Risikofaktoren sind u. a. ein sehr niedriger oder sehr hoher Body-Mass-Index, Diabetes mellitus, periphere Gefäßerkrankungen, Alkoholabhängigkeit und Tabakkonsum. Die Therapie besteht aus Physiotherapie und optional einer Steroidgabe. Wichtig ist die frühzeitige Kontrolle hinsichtlich neuropathischer Symptome und die Identifizierung möglicher Auslöser.
Lesen Sie auch: Polyneuropathie und Demenz: Was Sie wissen sollten
tags: #polyneuropathie #durch #fluorchinolone