In den letzten Jahren hat die medizinische Forschung enorme Fortschritte bei der Erforschung des Gehirns gemacht. Die Funktionsweise unserer Denkzentrale, ihre Speicher- und Löschmechanismen sowie schädliche und förderliche Faktoren werden immer besser verstanden und analysiert. Diese Erkenntnisse sind erstaunlich und werfen ein neues Licht auf das menschliche Verhalten und Empfinden.
Das Gehirn in Zahlen: Eine beeindruckende Infrastruktur
Unser Gehirn ist ein komplexes Netzwerk, das uns das Denken und Fühlen ermöglicht. Einige bemerkenswerte Fakten verdeutlichen dies:
- Nervenbahnen: 5,8 Millionen Kilometer Nervenbahnen durchziehen unser Gehirn, was dem 145-fachen des Erdumfangs entspricht. Diese Bahnen ermöglichen die Kommunikation zwischen den verschiedenen Hirnarealen und sind die Grundlage für unsere kognitiven und emotionalen Prozesse.
- Nervenzellen und Synapsen: Über 100 Milliarden Nervenzellen sind im Gehirn verschaltet und bilden über eine Trillion Synapsen. Diese Verbindungen ermöglichen die Informationsübertragung und sind entscheidend für Lernen und Gedächtnis. Täglich sterben jedoch 10.000 bis 100.000 Gehirnzellen ab, was die Notwendigkeit des ständigen Lernens und der Anpassung unterstreicht.
- Blutfluss: Täglich strömen 1200 Liter Blut durch das Gehirn und versorgen es mit fast 75 Litern Sauerstoff. Jeder fünfte Atemzug dient der Sauerstoffversorgung des Gehirns, was seine hohe Stoffwechselaktivität verdeutlicht.
- Informationsflut: Pro Sekunde prasseln rund elf Millionen Sinneseindrücke auf uns ein. Das Gehirn filtert jedoch die 40 wichtigsten heraus und verarbeitet sie. Diese Selektionsfähigkeit ermöglicht es uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht von der Informationsflut überwältigt zu werden.
- Gewicht und Volumen: Das durchschnittliche Gehirn wiegt zwischen 1300 und 1400 Gramm und hat ein Volumen von etwa 1300 bis 1400 Kubikzentimetern, was etwa der Größe einer Honigmelone entspricht. Obwohl das Gehirn nur etwa 1,8 Prozent des Gesamtkörpergewichts ausmacht, verbraucht es fast 20 Prozent unserer Energie.
- Geschlechtsspezifische Unterschiede: Das männliche Gehirn ist etwa 150 Gramm schwerer als das von Frauen. Studien zeigen jedoch, dass Frauenhirne Informationen effizienter verarbeiten. Dies deutet darauf hin, dass die Gehirnstruktur zwar unterschiedlich sein kann, die Leistungsfähigkeit jedoch vergleichbar ist.
- Nervengeschwindigkeit: Nervenimpulse können bis zu 100 Meter pro Sekunde schnell sein. Diese hohe Geschwindigkeit ermöglicht eine schnelle Reaktion auf Reize und eine effiziente Informationsverarbeitung.
Liebe und Hass: Neurologische Zwillinge?
Eine überraschende Erkenntnis der Hirnforschung ist, dass Liebe und Hass ähnliche Hirnareale aktivieren. Forscher fanden heraus, dass Liebe und Hass die gleichen Hirnareale aktivieren (das Putamen und die Inselrinde). Neurologisch kann das Gehirn nicht zwischen diesen Zuständen unterscheiden, beides wirkt einen beunruhigenden Reiz aus.
Semir Zeki und John Paul Romaya vom University College London präsentierten ihren 17 Versuchspersonen Fotos von Menschen, mit denen die Probanden das Gefühl innigster Abscheu verbanden - meist der Exliebhaber beziehungsweise die Exgeliebte oder ein konkurrierender Arbeitskollege. Als Kontrolle dienten neutrale Porträts sowie Bilder von bekannten, aber weder gehassten noch geliebten Leuten. Gleichzeitig maßen die Forscher die Hirnaktivität ihrer Testkandidaten mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT).
Die Ergebnisse zeigten, dass sowohl Liebe als auch Hass die Putamen, Kerngebiete des Großhirns, sowie deren Inselrinde aktivieren. Die Studie beweist, dass dieselben Reize im Putamen stattfinden, wenn die Probanden eine gehasste oder geliebte Person sehen. Die Wissenschaftler beobachteten auch, dass die Inselrinde auf beunruhigende Reize reagiert. Denn sowohl Liebe als auch Hass beunruhigen den Menschen, wenn auch in unterschiedlicher Weise.
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Das zu den Basalganglien zählende Putamen könnte aggressives Verhalten vorbereiten - gegen die verachtete Person oder gegen einen möglichen Rivalen, spekuliert der Hirnforscher. Die Insula sei wiederum mit Gefühlen wie Leid und Eifersucht verknüpft.
Ein Unterschied offenbarten jedoch die beiden Schaltkreise: Bei der Liebe zeigten sich Bereiche im Frontallappen, die mit logischem Denken und Urteilsvermögen assoziiert sind, weniger aktiv als beim Hass. Offensichtlich, so vermutet Zeki, versucht die hassende Person ihre Kontrolle zu wahren, um Racheakte besser planen zu können.
Da die Aktivität mancher Hirnareale mit dem Gefühl der Aversion entsprechend anstieg, ließe sich die Intensität des Hasses unmittelbar per fMRT messen, betont Zeki weiter. Das Verfahren könnte daher in Zukunft eventuell als Beweismittel vor Gericht eingesetzt werden.
Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Liebe und Hass auf einer tieferen neurologischen Ebene miteinander verbunden sind. Beide Gefühle sind intensiv und können unser Verhalten stark beeinflussen. Die Aktivierung ähnlicher Hirnareale könnte erklären, warum sich Liebe und Hass manchmal so ähnlich anfühlen und warum es so schwierig sein kann, zwischen ihnen zu unterscheiden.
Weitere faszinierende Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns
Die Hirnforschung hat noch viele weitere interessante Erkenntnisse zutage gefördert:
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- Jetlag schädigt das Gehirn: Eine Studie an Flugbegleitern ergab, dass bei denjenigen, die nur kurze Pausen zwischen den Flügen eingelegt hatten, das Volumen des Temporallappens geringer war. Dieser Teil des Gehirns ist für Lernen und Erinnerung zuständig. Zurückzuführen ist der Hirnschaden vermutlich auf Stresshormone, die während des Jetlags freigesetzt werden.
- Erinnerungen sind veränderlich: US-Forschern gelang es 2009 erstmals, Erinnerungen zu tilgen. Grundlage dafür ist die Erkenntnis, dass das Gedächtnis nicht unveränderlich und endgültig ist. Gedächtnisinhalte werden regelmäßig neu überprüft und dazu reaktiviert. In dieser Zeit lassen sich alte Erinnerungen überschreiben.
- Warum können wir uns nicht selbst kitzeln? Unser Gehirn ist vor allem auf eines trainiert: Reize von außen wahrzunehmen. Bei Berührungen mit der eigenen Hand berechnet das Gehirn den Zeitpunkt des Kontakts voraus und dämpft alle Nervensignale, die um diesen Zeitpunkt herum vom entsprechenden Körperteil ausgesendet werden. Dadurch gelangen unwichtige Signale gar nicht erst ins Gehirn - so auch das Selbstkitzeln.
- Warum verlernen wir Radfahren nicht irgendwann? Lernen wir etwas Neues, bilden die Nervenzellen im Gehirn feine Fortsätze, verbinden sich über Synapsen. Forscher des Max-Planck-Instituts fanden jedoch heraus, dass die Synapsen lediglich deaktiviert werden. Steigen wir nach langer Zeit wieder aufs Fahrrad, muss unser Gehirn also keine neuen Kontaktstellen herstellen, sondern nur einmal angelegte wieder aktivieren.
- Das Gehirn hat ein Witzzentrum: Wie erkennt unser Hirn, dass etwas lustig ist? Ein gehörter Witz wandert zunächst ins Sprachzentrum, wo er analysiert wird. Anschließend wird er von der linken in die rechte Hinhälfte transportiert. Hier folgt der Abgleich, ob Emotion und Inhalt sich entsprechen. Ist dies nicht der Fall und geht etwas anders aus als wir es erwartet haben, findet das Gehirn das lustig.
- Orgasmus und Hirnaktivität: Holländische Forscher untersuchten die Hirnaktivität während des Orgasmus mithilfe der Positronen-Emissions-Tomografie. Bei beiden Geschlechtern wird das Belohnungssystem aktiviert, bei Frauen zeigt sich eine verringerte Aktivität in der Region des frontalen Kortex (Teil des Frontallappens), was mit einer Senkung der Hemmung interpretiert wird. Bei Männern verringert sich die Aktivität der Amygdala (ein Kerngebiet des Hirns), was mit einem Nachlassen der Wachsamkeit während des Orgasmus interpretiert wird.
- Auffassungsgabe und Alter: Bereits im Alter von 27 Jahren lassen Auffassungsgabe und logisches Denkvermögen nach - so eine Studie von US-Wissenschaftlern. Mit 37 lässt dann das Erinnerungsvermögen nach. Auf dem Gipfel seiner höchsten Leistungsfähigkeit ist der Mensch mit 22.
- Übergewicht schrumpft das Gehirn: Übergewicht und schlechte Ernährung lassen die Hirnmasse schrumpfen - so eine Studie der University of Pittsburgh. Untersucht wurden die Gehirne von über 70-Jährigen. Ergebnis: Fettleibige hatten 8, Übergewichtige 4 Prozent weniger Nervengewebe im Gehirn. Vor allem schrumpfte das Gewebe in den Stirnlappen.
- Gehirntraining nutzlos? Gehirntrainingspiele machen nicht schlauer, fanden britische Forscher heraus. Untersucht wurden 11 430 Menschen, die jeweils mindestens 10 Minuten täglich und dreimal pro Woche spielten. Gehirntests ergaben: Statistisch gibt es keinen Unterscheid zwischen Menschen, die das Gehirn trainieren oder denen, die das nicht tun.
- Wassermangel schrumpft das Gehirn: Ohne Wasser schrumpft das Gehirn. Schon 90 Minuten starkes Schwitzen lassen das Gehirn so sehr schrumpfen wie ein Jahr Alterung.
- Wie entsteht ein Ohrwurm? Je häufiger der Refrain eines Liedes wiederholt wird, desto mehr verstärken sich die für ihn zuständigen Nerven-Verbindungen. Es wird somit immer wahrscheinlicher, dass Sie an dieses Lied denken.
- Klassische Musik macht nicht intelligenter: Dass klassische Musik die Intelligenz von Babys und Kindern steigern kann, gehört in den Bereich der Legenden rund ums Gehirn. Bis heute ist diese These nicht wissenschaftlich belegt.
- Das Gehirn hat kein Schmerzempfinden: Das menschliche Gehirn hat selbst kein Schmerzempfinden, denn es besitzt keine Schmerzrezeptoren. So spürt man bei einer Hirn-Operation auch keinen Schmerz.
- Fast Food macht dumm: Wissenschaftler der Universität Oxford in Großbritannien wiesen nach, dass bereits eine zehntägige Ernährung ausschließlich mit Fast Food wie Cheeseburger, Chips und Pommes Frites das Kurzzeit-Gedächtnis beeinträchtigen kann und das menschliche Gehirn insgesamt einfach träger arbeiten lässt.
Liebe, Verliebtheit und Bindung: Ein komplexes Zusammenspiel von Hormonen
Die Liebe ist ein komplexes Gefühl, das von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, darunter auch Hormone und Neurotransmitter.
Verliebtheit ist ein Zustand, der mit einer Reihe von körperlichen und psychischen Veränderungen einhergeht. Dazu gehören Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Herzrasen und Schwindel. Gleichzeitig fühlen sich Verliebte euphorisch und voller Energie.
Forscher haben herausgefunden, dass Verliebtheit mit einer erhöhten Aktivität in bestimmten Hirnarealen einhergeht, insbesondere in den Bereichen, die für Belohnung und Motivation zuständig sind. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Neurotransmitter Dopamin, der als "Glückshormon" bekannt ist. Dopamin sorgt für ein gutes Gefühl und wird mit Belohnung, Euphorie, aber auch Suchterkrankungen assoziiert.
Tatsächlich stellten Forscher fest, dass Verliebte oder Liebende im Gehirn ähnlich auf die Bilder ihrer Liebsten reagieren wie Kokainsüchtige oder Alkoholkranke auf ein Bild ihrer Droge.
Neben Dopamin spielen auch die Hormone Vasopressin und Oxytocin eine wichtige Rolle bei der Liebe und Bindung. Vasopressin ist vor allem bei Tieren untersucht worden und wird mit der Bindungsfähigkeit bei Männchen vermutet. Oxytocin mindert Angst und Stress und trägt dazu bei, dass wir anderen Menschen vertrauen. Außerdem sorgt es für die innige Nähe von Eltern und Kindern und ist verantwortlich für die Bindung von Paaren. Es wird verstärkt ausgeschüttet, wenn Mütter ihre Kinder stillen, wenn wir angenehme Berührungen oder einen Orgasmus erleben - oder in die Augen eines geliebten Menschen schauen.
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Die Anthropologin Helen Fisher geht davon aus, dass die natürliche Dauer der Mann-Frau-Verbindung bei ca. vier Jahren liegt, da dies die Zeit ist, in der das Kind auch aus »dem Gröbsten heraus« ist.
Eifersucht: Angst statt Liebe?
Eifersucht ist ein Gefühl, das oft mit Liebe in Verbindung gebracht wird. Viele Menschen glauben, dass Eifersucht ein Beweis dafür sei, dass man einen Menschen wirklich liebe und dass er einem wichtig ist.
Die moderne Hirnforschung und Neurowissenschaft stützen jedoch die These, dass Angst das Gegenteil von Liebe ist. Forscher der University of London haben herausgefunden, dass die Gefühle Liebe und Hass die gleichen Bereiche im Großhirn, den Frontallappen aktivieren. Wenn die Probanden eine geliebte oder gehasste Person ansahen, sind die identischen Hirnareale angesprungen.
Angst kontrolliert und grenzt ein. Angst manipuliert, hält fest, ist berechnend und zerstörend. Liebe lässt frei, baut auf, lässt gehen und ist bedingungslos.
Eifersucht bedeutet, jemand sucht nach etwas. Doch nach was sucht der eifersüchtige Mensch? Du suchst nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, Verbundenheitsgefühl. In Wahrheit steckt hinter Eifersucht nicht Liebe, sondern Angst, einen Menschen oder eine Beziehung zu verlieren.
Eifersucht sagt sehr viel über Dein Selbstbild aus. Dein Selbstliebe-Konto ist im Minus. Und wenn dieses Konto im Minus ist, suchst Du Dir jemanden, der es auffüllt. Echte Liebe entsteht aus absoluter Selbstliebe. Sie ist das Samenkorn, aus dem Vertrauen entstehen kann.
Oxytocin: Kuschelhormon mit Schattenseiten?
Oxytocin, liebevoll auch als Kuschel- oder Mütterhormon bezeichnet, festigt die Bindung zwischen Mutter und Kind. Es sorgt dafür, dass Menschen offener auf andere Menschen zugehen, dass Paare zusammenfinden.
Wissenschaftler aus den Niederlanden haben jedoch mit einer Studie bewiesen, dass die Gabe von Oxytocin aggressives Verhalten gegenüber Fremden schürt. Ein Kuschelhormon, das den Fremdenhass fördert?
Die Wissenschaftler haben mit 49 Männern verschiedene Versuche durchgeführt, mit denen der Einfluss von nasal verabreichtem Oxytocin auf das Verhalten geprüft werden sollte. Das Ergebnis erstaunt; denn anders als vom Kuschelhormon erwartet, investierten die Männer unter Oxytocin-Einfluss nicht nur in das Wohlbefinden ihrer Freunde. Sie gaben tatsächlich auch Geld aus, um die Gruppe der Fremden zu schädigen - und zwar mehr, als wenn sie nur ein Placebo-Nasenspray erhalten hätten.
Für die Wissenschaftler steht nun also fest, dass Oxytocin beim Menschen offenbar nicht nur direkt den Zusammenhalt fördert, sondern auch die Abwehrhaltung gegenüber Fremden verstärkt.
Allerdings ist die Interpretation dieser Daten umstritten. Markus Heinrichs, Professor für Biologische und Differenzielle Psychologie an der Universität Freiburg, sagt: „Ich wäre wesentlich zurückhaltender bei der Interpretation dieser Daten.“
Er erklärt, dass das Angst- und Alarmsystem des Gehirns durch das Kuschelhormon beruhigt wird. Das Gehirn schaltet dann nicht auf „Flucht“ und „Abwehr“ - und der Mensch nimmt sich mehr Zeit für die Erforschung der Absichten und Gefühle seines Gegenübers.
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