Migräne im Zeitalter der sozialen Medien: Zwischen Authentizität und Inszenierung

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise 10 bis 15 % der Bevölkerung betroffen sind, wobei Frauen etwa dreimal häufiger betroffen sind als Männer. In der Regel beginnt die Migräne im Jugend- und frühen Erwachsenenalter, kann aber auch Kinder betreffen. Insbesondere bei Schülern ist eine Zunahme von Migräne zu beobachten. Begünstigende Faktoren sind beispielsweise Stress oder auch hormonelle Schwankungen.

Dieser Artikel beleuchtet, wie sich der Umgang mit Migräne verändert hat, insbesondere im Zeitalter der sozialen Medien. Er untersucht, wie Betroffene ihre Erfahrungen teilen, welche Vor- und Nachteile dies mit sich bringt und wie sich die öffentliche Wahrnehmung der Krankheit wandelt.

Migräne im Wandel der Zeit

Ein feuchtwarmer Frühsommerabend in der Kulturkirche Köln-Nippes. Wo sonst die Bläck Fööss oder Köbes Underground auftreten und Karnevalslieder einsingen, steht heute Abend "Bombenkopf" auf dem Programm, ein Abend über Migräne. Die Kirchenbänke dicht gefüllt mit jungen Frauen und sehr wenigen Männern. Einige haben ihre Mutter mitgebracht, zwei ihren Assistenzhund mit Schürze, "Pfoten weg!". Wo der Kirchbaumeister vor 200 Jahren die Gesangbuchablage vorgesehen hat, liegen heute Abend viele Handys und ein paar Noise-Cancelling-Kopfhörer. Vor der Show unterhält man sich über Menstruationsschmerzen und Schilddrüse, es geht um Kupferketten und warum es einfach keine Termine gibt beim Psychotherapeuten.

Licht aus, Phia Quantius, Jahrgang 1998, betritt die Bühne. Sie ist Influencerin, 275 000 Follower auf Instagram. Rote lange Haare, Minirock und schwarze Stiefel. "Hallo Köllefornia, ich bin scheiße aufgeregt", ruft sie in die Menge, frenetischer Beifall. "Wer von euch hat Migräne? Wer hat überlegt, heute Abend gar nicht kommen zu können wegen Migräne?" - viele Arme recken sich in die Luft. "Beschissenes Migränewetter", beruhigt Phia ihre Mitleidenden, "aber das hier ist ein Safe Space. Du kannst zwischendurch aufstehen, etwas trinken, an die frische Luft gehen. Ich reibe mir verwundert die Augen. Eine ganze Show über Migräne? Die jungen Frauen hier könnten meine Töchter sein. Auch ich habe im Alter von 18 meinen ersten Migräneanfall bekommen. Aber damals, Anfang der 80er Jahre, wäre niemand auf die Idee gekommen, daraus ein großes Thema, gar eine Show zu machen. Zähne zusammenbeißen, Tabletten nehmen, weiterarbeiten.

Früher war Migräne oft ein Tabuthema. Betroffene zogen sich zurück, versuchten, ihre Schmerzen im Stillen zu ertragen und ihre Arbeit zu erledigen. Heute hingegen gibt es eine wachsende Bewegung, die sich für mehr Offenheit und Verständnis einsetzt. Influencer wie Phia Quantius machen ihre Erkrankung öffentlich und schaffen so eine Plattform für Austausch und Unterstützung.

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Migräne als Inhalt in den sozialen Medien

Phia Quantius ist neben Migräne-Influencerin auch noch Tierretterin. Wer ihr auf Insta folgt oder heute Abend die Show besucht, sieht sie mit ihrem Freund Malte im Kombi in ungarische Tierheime fahren. Wenn unterwegs die Migräne kommt, dreht Malte ein Reel, also einen kleinen Film für Instagram: Wie er sie beim Spucken über der Schüssel festhält, sie mit dem Schal einwickelt, ihr ein Migränemittel gibt, ein Triptan, das sie "vollkommen aus dem Leben knockt". Hm. Ich nehme auch Triptan, ein hochwirksames Mittel, das schnell hilft, aber fast keine Nebenwirkungen hat. Man kann es auch ohne einen Tierretter an seiner Seite einnehmen, es sind einfach Tabletten. Aber das Leiden, es ist Teil dieser Insta-Identität. "Ich bin nicht komisch", spricht Phia nun mit großem Pathos in die Menge, "ich bin nicht komisch, ich bin krank!" Den Spruch gibt es auch als Poster am Tourbus.

Die sozialen Medien bieten Migräne-Betroffenen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu teilen, sich mit anderen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie können ihre Symptome beschreiben, Tipps zur Behandlung geben und über ihren Alltag mit der Krankheit berichten. Dies kann dazu beitragen, das Gefühl der Isolation zu verringern und das Selbstbewusstsein zu stärken.

Allerdings birgt die Darstellung von Migräne in den sozialen Medien auch Risiken. Die Inszenierung des Leidens kann dazu führen, dass die Krankheit romantisiert oder verharmlost wird. Es besteht die Gefahr, dass Betroffene sich unter Druck gesetzt fühlen, ihre Erkrankung ständig zu thematisieren und sich an ein bestimmtes Bild anzupassen. Zudem können unqualifizierte Ratschläge und Fehlinformationen zu einer falschen Behandlung führen.

Medizinische Aspekte der Migräne

Dr. Norgi betont: Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Etwa 10-15 % der Bevölkerung sind betroffen, Frauen etwa dreimal häufiger als Männer. In der Regel beginnt die Migräne im Jugend- und im frühen Erwachsenenalter, kann aber auch Kinder betreffen. Insbesondere bei Schülern ist eine Zunahme von Migräne zu beobachten. Begünstigende Faktoren sind beispielsweise Stress oder auch hormonelle Schwankungen, erfreulicherweise ist in einer Schwangerschaft die Migräne seltener.

Die häufigsten Formen sind die einfache Migräne (70-80 %) und die Migräne mit Aura (20-30 %). Bei der einfachen Migräne treten starke, oft einseitig und pulsierende Kopfschmerzen auf, begleitet von Übelkeit und/oder Erbrechen und Lärm- und Lichtempfindlichkeit. Die Symptomatik nimmt häufig bei körperlicher Aktivität zu. Bei der Migräne mit Aura treten oft vor den Kopfschmerzen neurologische Symptome, wie flimmernde Sehstörungen, Gesichtsfeldausfälle, Missempfindungen, Sprachstörungen oder dergleichen auf. Diese Symptome sind Schlaganfallsymptomen vergleichbar und bedürfen beim ersten Mal einer weiteren Abklärung.

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Behandlungsmöglichkeiten

Medikamentös werden in der akuten Behandlung Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Aspirin erfolgreich eingesetzt, Letzteres nicht bei Kindern. In der Prophylaxe werden nicht-medikamentöse Maßnahmen, wie Entspannungstechniken (Meditation, progressive Muskelrelaxation), regelmäßiger Schlaf, und Ausdauersport erfolgreich angewendet. Auch eine gesunde Ernährung kann die Häufigkeit und Intensität der Anfälle deutlich verringern. Dazu zählt auch die Vermeidung von auslösenden Faktoren wie Alkohol oder auch Flüssigkeitsmangel. Eine medikamentöse Vorbeugung kann beispielsweise mit Betablockern und Antidepressiva, sowie spezifischen, sog. CGRP-Antikörpern eingeleitet werden.

Migräne ist leider nicht heilbar, aber durch moderne Therapieansätze gut behandelbar. Viele Betroffene erleben mit der richtigen Kombination aus Medikamenten und Lebensstiländerungen eine deutliche Reduktion der Anfälle. Das dazu benötigte Wissen über Kopfschmerzerkrankungen sollte nach meiner Ansicht bereits in der Schule vermittelt werden, um einer Chronifizierung vorzubeugen.

Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzerkrankungen an. Zur Planung eines Aufnahmetermins sind eine Verordnung von Krankenhausbehandlung, eine ausgefüllte Aufnahme-Checkliste, ein Schmerzkalender und ein Schmerzfragebogen erforderlich.

Tipps zur Selbsthilfe bei Migräne

Neben der ärztlichen Behandlung gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die Betroffene selbst ergreifen können, um ihre Beschwerden zu lindern und Anfällen vorzubeugen.

  • Akut-Medikamente einnehmen: Bei einer akuten Migräne-Attacke sollten Betroffene so schnell wie möglich ein Akut-Medikament einnehmen. Geeignet sind zum Beispiel Salz-Eis-Packungen, die auf Stirn und Schläfen gedrückt den Kopfschmerz lindern können. Aber auch Kamillenblütentee gilt als Tipp gegen Migräne - er kann zudem Beschwerden wie begleitende Übelkeit bessern.
  • Schmerzmittel reduzieren: Die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln (Analgetika) an mehr als 15 Tagen pro Monat sollte vermieden werden. Triptane, also spezielle Migräne-Mittel, sollten nicht öfter als an zehn Tagen pro Monat verwendet werden - es besteht die Gefahr, dass sich andernfalls ein medikamenteninduzierter Kopfschmerz entwickelt.
  • Migränetagebuch führen: Ein Migränetagebuch kann helfen, die individuellen Auslöser und Muster der Erkrankung zu erkennen. Hier notiert man, in welchen Situationen die hämmernden Schmerzen auftreten, wie lange diese anhalten und wie stark sie sind.
  • Andere Betroffene suchen: Der Austausch mit anderen Migräne-Patienten kann sehr hilfreich sein. In Deutschland unterstützt die Migräneliga bei der Suche nach einer Selbsthilfegruppe und ist auch dabei behilflich, wenn man selbst eine gründen möchte.
  • Sport treiben: Moderate sportliche Betätigung wie Yoga, Walking, Wassergymnastik oder Langlaufen kann einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung von Migräne-Attacken leisten.
  • Entspannungstechniken anwenden: Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson können helfen, eine Attacke weniger stark wahrzunehmen, oder deren Anzahl zu reduzieren.

Wenn Weihnachten zur Belastung wird

Karin berichtet von einer unangenehmen Weihnachtserfahrung: Ich war mit meinem damaligen Lebenspartner bei seiner Mutter. Sie sass vor dem Fernseher und schaute sich irgend so eine schreckliche Musiksendung an à la Musikantenstadel und sang vergnügt mit. Mein Lebenspartner hatte eine schreckliche Migräne, lag am Boden und liess sich weder bewegen aufs Sofa zu liegen noch in ein Bett, heim zu gehen oder ein Medikament nehmen. Versucht euch das vorzustellen. Es sah quasi aus als liege er im sterbend am Boden und seine Mutter sang voller Kehle die Schlager mit ohne den Ton zu treffen und interessierte sich nicht was um sie geschah. Eine ganz gesunde normale Frau. Für mich war das schrecklich, ich konnte nicht weg, nicht helfen, nicht weghören noch ein Machtwort sprechen. Ein gefühlt ewig dauernder falscher Film. Kaum war die Sendung fertig, wünschte sie schlafen zu gehen, er stand auf, fuhr uns wortlos nach Hause als hätte ich was verbrochen was dem ganzen noch die Krone aufsetzte. Also lieber alleine und mit Haustieren die Weihnacht verbringen als so oder ein Tisch voller streitenden betrunkenen Verwandten.

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Diese Erfahrung zeigt, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse von Migräne-Patienten zu respektieren und auf ihre Symptome einzugehen. Lärm und Flackerlicht sind Gift für Migräne. Es ist wichtig, eine ruhige und reizarme Umgebung zu schaffen, in der sich der Betroffene entspannen und erholen kann.

Migräne und die öffentliche Wahrnehmung

Die Offenheit von Prominenten und Politikern wie Heidi Reichinnek, die ihre Migräne thematisieren, trägt dazu bei, das Thema zu enttabuisieren und das Verständnis für die Erkrankung zu fördern. Heidi Reichinnek thematisierte zuletzt ihre Migräne-Erkrankung, Sören Pellmann sprach über einen Herzinfarkt. Die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek hat in einem Interview mit unserer Redaktion offen über ihre Migräne gesprochen - und darauf viel öffentliche Resonanz erfahren. „Ich habe diese Erkrankung und sie belastet mich massiv. Viele Termine kann ich trotz Migräne nicht absagen und muss mir dann mit Medikamenten helfen“, sagte Reichinnek. Der SPD-Politiker Michael Roth betont, dass Krankheiten „grundsätzlich Privatsache“ seien. Der ehemalige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses hat ein Buch geschrieben, in dem er unter anderem über eine psychische Erkrankung berichtet. „Wenn gesundheitliche Beeinträchtigungen die Arbeit von Politikerinnen und Politikern direkt betreffen, halte ich Offenheit für richtig. Das gilt besonders für psychische Erkrankungen - gerade weil sie in unserer Gesellschaft noch immer stark tabuisiert sind“, sagt Roth.

Es ist wichtig, dass Menschen mit Migräne offen über ihre Erkrankung sprechen können, ohne Angst vor Stigmatisierung oder Diskriminierung zu haben. Nur so kann ein Klima des Verständnisses und der Unterstützung geschaffen werden.

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