Geschlechtsunterschiede im Gehirn: Eine umfassende Betrachtung der Fakten und Mythen

Die Frage, ob und inwieweit sich die Gehirne von Männern und Frauen unterscheiden, ist seit langem Gegenstand intensiver Forschung und Debatten. Während es unbestreitbar ist, dass es einige anatomische Unterschiede gibt, ist die Interpretation dieser Unterschiede und ihre Auswirkungen auf Kognition, Verhalten und psychische Gesundheit komplex und oft von Missverständnissen geprägt. Dieser Artikel zielt darauf ab, einen umfassenden Überblick über die aktuellen Erkenntnisse zu geben, Mythen zu entlarven und die Bedeutung einer differenzierten Betrachtung hervorzuheben.

Strukturelle Unterschiede im Gehirn

Größenunterschiede und neuronale Zusammensetzung

Es ist eine etablierte Tatsache in den Neurowissenschaften, dass das männliche Gehirn im Durchschnitt größer ist als das weibliche. Studien haben gezeigt, dass das männliche Gehirn etwa 15 % größer und schwerer ist als das weibliche. Dieser Unterschied bleibt auch nach Berücksichtigung der Körpergröße bestehen. So hat das männliche Gehirn im Neokortex etwa 15,5 % mehr Neuronen als das weibliche. Außerdem weist der männliche Kortex in allen vier Hirnlappen eine höhere Anzahl und Dichte von Neuronen auf sowie ein größeres kortikales Volumen.

Die Forscherin Bente ­Pakkenberg fand heraus, dass das weibliche Gehirn etwa 17 Prozent weniger Nervenzellen hat als das männliche Gehirn. Interessanterweise schlagen sich diese Unterschiede nicht in einer geringeren Intelligenz oder einer geringeren analytischen Fähigkeit nieder.

Regionale Unterschiede in der grauen und weißen Substanz

Eine der bisher umfangreichsten Vergleichsstudien belegte, dass es neuroanatomische Unterschiede gibt. Demnach haben Frauen mehr graue Hirnsubstanz unter anderem im Stirnhirn und den Scheitellappen, Männer dagegen haben mehr Volumen in einigen hinteren und seitlichen Arealen des Cortex, darunter auch dem primären Sehzentrum. Konkret ist das Volumen der grauen Hirnsubstanz bei Frauen in Teilen des präfrontalen Cortex, im darüberliegenden orbitofrontalen Cortex sowie in Teilen des Scheitel- und Schläfenhirns höher. Bei Männern ist die Hirnrinde dagegen im hinteren Teil des Gehirns dicker, darunter auch im primären Sehzentrum.

Unterschiede in subkortikalen Strukturen

Strukturelle Geschlechtsunterschiede in subkortikalen Strukturen, wie insbes. dem Hypothalamus, werden mit Geschlechtsunterschieden in sex. und reproduktivem Verhalten in Verbindung gebracht.

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Kortikale Komplexität und Asymmetrie

Die kortikale Komplexität ist dagegen stärker bei Frauen ausgeprägt. Zu den strukturellen Geschlechtsunterschieden in kortikalen Substrukturen zählen u. a. das Planum temporale (Teil des Wernicke-Areals), das mit Sprachfunktionen assoziiert ist. Die typische linksseitige Asymmetrie dieser Struktur scheint bei Frauen reduziert zu sein. Weitere Bsp. sind der weniger asymmetrische Verlauf der Sylvischen Furche und Zentralfurche sowie ein größeres kommissurales Fasersystem bei Frauen, und hier insbes. des posterioren Teils des Corpus callosums (Isthmus und Splenium), der die Interaktion zw. den visuellen Arealen sicherstellt.

Funktionelle Unterschiede im Gehirn

Interhemisphärische Interaktion und Hirnasymmetrie

Die Befunde sprechen jedoch dafür, dass das männliche und weibliche Gehirn funktionell unterschiedlich organisiert sind. Z. B. wird für Frauen eine stärkere interhemisphärische Interaktion sowie eine reduzierte funktionelle Hirnasymmetrie angenommen. Die britische Neurowissenschaftlerin Gina Rippon behauptet, das Gehirn sei „so genderneutral wie die Leber und das Herz“.

Funktionelle Konnektivität

Geschlechtsunterschiede in der funktionellen Organisation des Gehirns spiegeln eher kleine Unterschiede in den Netzwerken und den Verbindungen dazwischen wider. Es gibt kleine Geschlechtsunterschiede in den Verbindungen innerhalb und zwischen funktionellen Netzwerken, was die kleinen Unterschiede in der funktionale Netzwerktopographie zwischen den Geschlechtern allgemein erklären könnte.

Mögliche Auswirkungen auf Kognition und Verhalten

Es wäre falsch, automatisch davon auszugehen, dass Geschlechtsunterschiede im funktionellen Gehirnsignal Unterschiede in der Kognition oder im Verhalten erklären, und nicht nur physiologische und metabolische Unterschiede. Es kann für einige Gehirnmerkmale zum Beispiel größere Unterschiede innerhalb einer Geschlechtergruppe geben als zwischen den einzelnen Geschlechtern. Einzelne Gehirne haben allgemeine Prinzipien der funktionellen Organisation gemeinsam, weisen aber ein gewisses Maß an Variabilität und Individualität auf.

Einfluss von Hormonen

Sexualhormonrezeptoren sind sowohl in Neuronen als auch in Gliazellen weit verbreitet, was es ihnen ermöglicht, über verschiedene molekulare Mechanismen mit den wichtigsten Zellgruppen des Gehirns zu interagieren. Diese Mechanismen führten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Gehirnstruktur sowie zu hormonbedingter Plastizität im Gehirn - sowohl durch körpereigene und künstliche Sexhormone. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede verändern sich, je nachdem, welches Hormonprofil man bei den Frauen betrachtet - teilweise verschwinden sie sogar ganz oder drehen sich um. Außerdem finden sich diese Effekte vor allem in Hirnregionen, in denen Gene von Östrogenrezeptoren und der Synthese von Sexualsteroiden besonders stark ausgeprägt werden. Zusammengenommen können wir also sagen, dass Sexualhormone eine wichtige Rolle in der Modulierung und Plastizität der Mikrostruktur des Gehirns haben.

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Mythen und Realitäten

Intelligenz und Fähigkeiten

Entgegen der Annahme, dass ein größeres Gehirn gleichbedeutend mit höherer Intelligenz ist, gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass Männer intelligenter sind als Frauen oder umgekehrt. Bei Intelligenztests schneiden Frauen wie Männer gleich gut ab. Die Größe allein sagt außerdem nichts über die Intelligenz aus, schließlich haben andere Säugetiere wie Elefanten oder Wale viel größere Denkorgane als der Mensch.

Es gibt ein paar wenige Unterschiede, die sich durchgängig zeigen, wenn es um die Fähigkeiten von Männern und Frauen geht. Im Schnitt sind Männer besser im räumlichen Vorstellungsvermögen und Frauen sind sprachlich stärker. Dies ist jedoch meist auf mehr Übung zurückzuführen. Denn wäre die Größe des Gehirns verantwortlich für diese Unterschiede, dann müssten kleine Männer aufgrund ihres kleineren Gehirns besser sein, was sprachliche Fähigkeiten angeht.

Neurosexismus und soziale Konstruktion

Die Vorstellung, dass bestimmte Gehirnstrukturen oder Schaltkreise zwischen Männern und Frauen überproportional unterschiedlich sind, beruht auf der Annahme, dass sich dadurch bestimmte Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen erklären lassen. Hier wird die Wissenschaft benutzt, um schon bestehende Statusunterschiede zwischen Männern und Frauen zu untermauern. Das ist Sexismus.

Die Gesellschaft und die Erziehung üben einen so großen Einfluss auf das Denken aus, dass die biologische Voraussetzung fast bedeutungslos sei. Kinder lernen schon sehr früh den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Kleinkinder können männliche und weibliche Gesichter und Stimmen unterscheiden. Das Geschlecht ist ein wichtiger Teil der Sprache und bestimmt auch, wie wir mit Kindern sprechen. Wir haben verschiedene Wörter, die wir bei der Kommunikation mit Jungen und Mädchen benutzen. Wir haben einen anderen Ton, andere Gesten und andere Erwartungen an Mädchen und Jungen. Und das heißt, die Kinder machen schon sehr früh sehr unterschiedliche Erfahrungen. Daraus resultieren meiner Meinung nach sehr viele Geschlechterunterschiede.

Das Gehirn als Mosaik

Laut Joel bestehen Gehirne aus einzigartigen »Mosaiken« von Merkmalen. Manche Merkmale kommen häufiger bei Frauen vor als bei Männern. Andere bei Männern häufiger als bei Frauen. Und dann gibt es noch solche, die sowohl bei Frauen als auch bei Männern vorkommen.

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Klinische Relevanz

Ein besseres Verständnis dafür, ob und welche Geschlechtsunterschiede im menschlichen Gehirn existieren, ist aber sehr wichtig dafür, wie wir die etablierten Differenzen in Kognition, Verhalten und Psychiatrie bewerten. So treten beispielsweise Autismus oder Parkinson beim männlichen Geschlecht häufiger auf, dafür leiden Frauen häufiger unter Depressionen. Eine Frage, die mich aber persönlich fasziniert, ist zum Beispiel warum Frauen statistisch gesehen zweimal mehr anfällig für Depressionen sind als Männer. Hierbei spielen zum Beispiel die Sexualhormone vermutlich eine bedeutsame Rolle.

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