In unserer Gesellschaft, in der Kindererziehung oft als Privatsache betrachtet wird, kann es schwierig sein, mit dem Verhalten fremder Kinder umzugehen. Ob es sich um ein Kind handelt, das im Supermarkt Lebensmittel aus dem Wagen nimmt, im Restaurant unter dem Tisch herumkrabbelt oder auf dem Spielplatz ständig einen Ball nach einem wirft - solche Situationen sind oft unangenehm und herausfordernd. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Leitfaden, wie man in solchen Situationen angemessen reagieren kann, ohne die Autorität der Eltern zu untergraben oder unnötige Konflikte zu provozieren.
Die Gratwanderung: Eigene Grenzen wahren und Respekt zeigen
Fremden Kindern Grenzen zu setzen, kann Eltern schnell ins Schwitzen bringen. Schließlich haben wir alle unterschiedliche Erziehungsstile. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Erziehung eines fremden Kindes zu übernehmen. Andererseits möchten wir unsere persönlichen Grenzen wahren, unser eigenes Kind beschützen und respektloses Benehmen nicht dulden. Es ist eine Gratwanderung zwischen Toleranz und Strenge, die Fingerspitzengefühl erfordert.
Strategien für den Umgang mit störendem Verhalten
1. Das Gespräch mit den Eltern suchen
Der erste Schritt sollte immer sein, die Eltern des Kindes anzusprechen. Dies ist besonders dann ratsam, wenn das Kind sich im Schwimmbad daneben benimmt, im Restaurant stört oder den eigenen Nachwuchs auf dem Spielplatz ärgert. Eine Formulierung wie: "Euer Kind stört mich/mein Kind. Könnt ihr bitte dafür sorgen, dass es aufhört?" kann Wunder wirken. Meist löst sich damit die Situation schon auf, da es den meisten Eltern unangenehm ist, wenn sich ihr Kind schlecht benimmt und sie an dieser Stelle eingreifen.
Familienexpertin Kira Liebmann empfiehlt, auf die Eltern zuzugehen und zu sagen: "Das, was ihr Kind gerade macht, stört mich." Wichtig ist, das Kind dabei nicht zu bewerten oder abzuwerten. Wer hört schon zu, wenn dir jemand sagt, dass das eigene Kind blöd ist? Bleiben Sie bei sich selbst und formulieren Sie Ich-Botschaften. Zum Beispiel: "Mich stört es. Ich würde hier gerne mit meiner Familie essen. Das ist im Moment nicht möglich, wenn ihr Kind um meinen Tisch herumläuft."
2. Direkte Ansprache des Kindes
Wenn die Eltern nicht reagieren oder nicht anwesend sind, kann man das Kind auch direkt ansprechen. Dabei sollte man sich auf Augenhöhe mit dem Kind begeben, um Blickkontakt herzustellen und sicherzustellen, dass es versteht, dass es gemeint ist. Ein freundlicher, aber klarer Satz wie: "Bitte lass das. Mich stört das. Kannst du das bitte dort hinten weitermachen?" kann in vielen Fällen helfen. Das fremde Kind einfach anzufassen und direkt mit ihm schimpfen oder es maßregeln? Davon rät die Therapeutin ab. Die Eltern seien verantwortlich für das Kind und sollten in erster Linie auch angesprochen werden. „Das Kind macht nur das, was die Eltern erlauben. Das dürfen wir nie vergessen“, sagt Kira Liebmann.
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3. Alternativen anbieten
Manchmal kann es hilfreich sein, dem Kind eine Alternative aufzuzeigen, um es von seinem störenden Verhalten abzulenken. Zum Beispiel: "Gib meinem Kind bitte seine Schaufel wieder. Schau mal, ich habe hier stattdessen einen Eimer, mit dem kannst du sandeln."
4. Respektvoll bleiben
Auch wenn das Kind nervt: Kommunizieren Sie klar, aber respektvoll mit ihm und bleiben Sie sachlich und ruhig. Beschimpfen Sie es nicht und werten Sie es nicht ab, auch seine Eltern nicht.
5. Regeln klar kommunizieren
Wenn das fremde Kind bei Ihnen zu Hause gegen Regeln verstößt, ist die Situation meist etwas unkomplizierter: Sie haben gewisse Regeln, die bei Ihnen zu Hause eingehalten werden. Und die gelten auch für Besuchskinder, ganz gleich ob es sich um „Schuhe an der Haustür ausziehen“, „Kein Ballspielen in der Wohnung“ oder „Schimpfwörter, nein danke“ handelt. Aber natürlich kann man von Gastkindern nicht erwarten, dass sie diese Regeln erahnen. Jede Familie setzt beim Zusammenleben ihre eigenen Prioritäten und die Grenzen im eigenen Elternhaus sind möglicherweise ganz anders gesteckt. Darum ist es wichtig, die Regeln zu kommunizieren - freundlich aber klar. Die meisten Kids halten sich dann sofort daran.
6. Wichtigkeit abwägen
Nicht jede Kleinigkeit muss man ansprechen. Wenn das Kind Sie im Schwimmbad nass spritzt, Sie aber ohnehin gleich ins Wasser gehen, können Sie die Spritzer vielleicht einfach ignorieren. Auch wenn das Besuchskind bei Ihnen zu Hause keine Serviette benutzt, sondern seine Hände an seinem T-Shirt abputzt - denken Sie darüber nach, ob Sie das unbedingt durchsetzen müssen. Bei Kleinigkeiten sollten Sie auch mal ein Auge zudrücken, wenn Sie nicht für unangemessen streng und spießig gehalten werden wollen. Natürlich müssen Sie es aber nicht dulden, wenn Ihre persönlichen Grenzen verletzt werden. Auch kommen die meisten Kinder gut damit klar, sich in fremden Familien anders zu verhalten als zu Hause. Schließlich gelten im späteren Leben auch verschiedene Regeln an unterschiedlichen Orten.
7. Eingreifen bei Gefahr
Wenn die Streitereien allerdings potenziell verletzend oder handgreiflich werden, müssen Sie mit einem deutlichen "Stopp" eingreifen. Rechtsanwälte weisen zwar darauf hin, dass Sie nicht für Schäden verantwortlich gemacht werden können, wenn Sie "kurzzeitig und ohne Vergütung" auf ein Kind aufpassen (sog. Gefälligkeitsaufsicht). Trotzdem sollen ja alle in Sicherheit sein - sowohl die eigenen als auch fremde Kinder. Und bei Kindergeburtstagen obliegt Ihnen sogar eine gesetzliche Aufsichtspflicht! Bei Konflikten unter Kindern müssen Sie nicht immer sofort eingreifen. Kinder müssen streiten lernen, um mit Problemen im späteren Leben umgehen zu können.
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8. Öffentliche Maßregelung vermeiden
Es nun vor allen anderen zu maßregeln, muss nicht sein. Damit erntet ihr bei dem Kind nur Frust und greift sein Selbstbewusstsein an. Mehr erreicht ihr, wenn ihr das Kind einen Moment zur Seite nehmt und ihm ruhig erklärt, warum sein Verhalten nicht geht.
Wenn die Eltern nicht kooperieren
Es kann vorkommen, dass Eltern uneinsichtig reagieren und das Verhalten ihres Kindes verteidigen. In solchen Fällen rät Kira Liebmann, sich an den Restaurantbesitzer oder eine andere verantwortliche Person zu wenden. Wenn dies nicht möglich ist, sollte man direkt mit dem Kind sprechen und ihm die eigenen Grenzen aufzeigen.
Wenn die Eltern nicht reagieren bzw. sind nicht auffindbar, können Sie auch die übergeordnete Stelle ansprechen, also die Restaurantleitung oder den Bademeister. Wenn Sie im Umgang mit Gastkindern gar nicht weiterkommen, bleibt manchmal nichts anderes übrig, als eine Zeitlang Besuchsverbot zu verhängen. Manchmal ändern Kinder ihr Verhalten nach einer solchen Zwangspause tatsächlich.
Was tun, wenn das eigene Kind andere nervt?
Eltern werden sicherlich auch den Fall kennen, dass sie selbst schon angesprochen wurden, weil das eigene Kind vielleicht etwas getan hat oder jemanden stört. Auch hier hat die Familienexpertin einen Tipp, wie ich in solchen Situationen reagieren kann: „Ich empfehle, auf der Sachebene zu bleiben. Auch wenn mein Gegenüber mich persönlich angreift. So schwer es in diesen Situationen sein mag, sollte ich den eigenen Stolz runterschlucken und sich diese Fragen stellen: Was passiert gerade? Nur so ist es möglich, mit dem Gegenüber gemeinsam eine Lösung zu finden. Wenn ich selbst anderer Meinung bin, ist es natürlich schwer, hier ruhig zu bleiben und die Sachebene im Blick zu halten. Es geht auch um soziale Kompetenz und soziale Fähigkeiten in dem Moment. Soziale Fähigkeit oder soziale Empathie heißt dann auch, dass ich merke, dass mein Verhalten andere Menschen stört und ich nicht alles tun und lassen kann, was ich möchte.
Bindungsstörungen als Ursache für unangemessenes Verhalten
In manchen Fällen kann unangemessenes Verhalten von Kindern auch auf eine Bindungsstörung hindeuten. Es wird zwischen der Bindungsstörung Typ I und Typ II unterschieden, wobei letztere mit enthemmter, distanzloser Kontaktfreudigkeit der betroffenen Kinder gegenüber vollkommen fremden Erwachsenen einhergeht. Traumata sind oft die Ursache für eine Bindungsstörung, ausgelöst durch frühe Erfahrungen von Missbrauch, Misshandlung, Gewalt oder schwerer Vernachlässigung durch Bindungspersonen. Die Symptome der Bindungsstörung mit Enthemmung bleiben selbst nach dem Aufbau selektiver Bindungen oft noch über Jahre hinweg erhalten.
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Es ist wichtig, solche Verhaltensweisen nicht zu verurteilen, sondern professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um dem Kind zu helfen, gesunde Beziehungen aufzubauen.
Prävention: Kinder vor Gefahren schützen
Neben dem Umgang mit störendem Verhalten ist es auch wichtig, Kinder vor Gefahren zu schützen. Eltern und Erziehungsberechtigte sollten mit Kindern über Situationen sprechen, in denen sie von fremden Personen angesprochen werden, und ihnen beibringen, wie sie sich in solchen Fällen verhalten sollen. Kinder müssen wissen, dass sie gegenüber Erwachsenen immer „NEIN“ sagen können und dürfen! Schultaschen oder Rucksäcke sollten nicht den Namen bzw. die Adresse des Kindes tragen. Kindern sagen, dass sie im Notfall z. B. die „110“ wählen sollen!
Die Rolle der Gemeinschaft
Das afrikanische Sprichwort "Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf" erinnert uns daran, dass die Gemeinschaft eine wichtige Rolle in der Erziehung spielt. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft einen Mittelweg finden, der es ermöglicht, Kinder zu respektvollen Mitgliedern der Gemeinschaft zu erziehen, ohne die Autorität der Eltern zu untergraben.