Nicht nur chemische Substanzen können süchtig machen, sondern auch Verhaltensweisen wie Glücksspiel oder exzessives Fernsehen. Der Ausdruck "Fernsehsucht" ist zwar unpräzise, trifft aber den Kern eines echten Phänomens und wirft die Frage auf, welche Auswirkungen die Frequenzen des Fernsehgeräts auf unser Gehirn haben.
Die Allgegenwärtigkeit des Fernsehens
Das Fernsehen ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen weltweit, und viele Menschen haben eine Hassliebe dazu. Sie betrachten es als Zeitverschwendung, verbringen aber trotzdem Stunden damit, vor dem Bildschirm zu sitzen. Sozialwissenschaftler und Eltern sind gleichermaßen besorgt über den Fernsehkonsum, insbesondere von Kindern.
Was bedeutet "Fernsehsucht"?
Psychologen definieren Abhängigkeit durch Kriterien wie exzessiven Konsum, Kontrollverlust, Aufgabe wichtiger Aktivitäten und Entzugserscheinungen. Diese Kriterien können durchaus auf Vielseher zutreffen. Fernsehen muss jedoch nicht grundsätzlich problematisch sein. Es kann unterhalten, bilden und entspannen. Zum Problem wird es, wenn Menschen spüren, dass sie weniger fernsehen sollten, es aber nicht schaffen.
Der Zeitfresser Fernsehen
Menschen in den Industrieländern verbringen durchschnittlich drei Stunden täglich mit Fernsehen. Das ist die Hälfte ihrer Freizeit und mehr als jede andere Aktivität außer Arbeit und Schlaf. Über ein Leben von 75 Jahren summiert sich das auf neun Jahre vor dem Bildschirm. Dies wirft die Frage auf, ob Fernsehen wirklich so viel Spaß macht, wenn es so oft mit einem schlechten Gewissen verbunden ist. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Erwachsenen und Jugendlichen zugibt, zu viel fernzusehen, und sich selbst als fernsehsüchtig einstuft.
Entspannung mit Schattenseiten
Forscher haben herausgefunden, dass Fernsehen zwar entspannend wirkt, solange es läuft, diese Entspannung aber abrupt endet, sobald der Fernseher ausgeschaltet wird. Das Gefühl der Passivität bleibt jedoch bestehen. Viele Menschen berichten von Konzentrationsschwierigkeiten nach dem Fernsehen, während dies nach dem Lesen seltener vorkommt. Nach Sport oder Hobbys verbessert sich die Stimmung oft, während sie nach dem Fernsehen gleich bleibt oder sich sogar verschlechtert.
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Die rasch einsetzende Entspannung beim Einschalten des Fernsehers führt dazu, dass Fernsehen mit Beruhigung und Spannungsabbau assoziiert wird. Diese Assoziation wird durch den anhaltenden Entspannungszustand während des Sehens verstärkt, aber auch durch den Stress und das Grübeln, die nach dem Ausschalten einsetzen. Dieser Mechanismus ähnelt der Wirkung süchtig machender Substanzen.
Die Ironie des Vielsehens
Je länger Menschen fernsehen, desto weniger Befriedigung empfinden sie. Vielseher haben oft weniger Freude an den Inhalten als Wenigseher. Bei manchen kommt ein Unbehagen oder Schuldgefühl hinzu, weil sie die Zeit hätten sinnvoller nutzen können. Dieses schlechte Gewissen tritt häufiger bei Angehörigen der Mittelschicht auf.
Die magische Anziehungskraft des Fernsehens
Ein Grund für die Anziehungskraft des Fernsehens liegt in der biologischen "Orientierungsreaktion". Augen und Ohren wenden sich instinktiv jedem plötzlichen oder unbekannten Reiz zu. Diese Reaktion ist Teil unseres evolutionären Erbes und dient als Sensor für überraschende Bewegungen und potenzielle Gefahren. Formale Gestaltungsmerkmale wie Schnitt, Montage, Zoom und plötzliche Geräusche können diese Orientierungsreaktion auslösen und die Aufmerksamkeit fesseln.
Formale Gestaltungsmittel und ihre Wirkung
Die Forschung hat gezeigt, dass formale Gestaltungsmittel im Fernsehen unwillkürliche Reaktionen auslösen können. Der Puls verlangsamt sich nach einem Orientierungsstimulus, und aufwendige Montagetechniken verbessern das spätere Wiedererkennen des Gesehenen. Allerdings können zu schnelle Schnitte und Bildwechsel das Gehirn überfordern. Werbespots und Musikvideos nutzen den schnellen Wechsel unzusammenhängender Szenen, um Aufmerksamkeit zu erregen, was jedoch zu Müdigkeit und Erschöpfung führen kann.
Subtile Beeinflussung durch Werbung
Viele Werbespots erzählen eine einnehmende Geschichte, ohne das Produkt direkt zu bewerben. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit des Kunden zu gewinnen, damit er sich später beim Einkaufen mit dem Produkt wohler fühlt, an das er sich vage erinnert. Die unruhigen Töne und Bilder ziehen bereits Kleinkinder an, was zeigt, wie tief verwurzelt die Orientierungsreaktion ist.
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Fernsehkonsum außer Kontrolle
Es ist nicht unbedingt problematisch, wenn Erwachsene oder Kinder fernsehen. Problematisch wird es, wenn der Konsum außer Kontrolle gerät. Vielseher empfinden in Situationen ohne klare Struktur mehr Angst und Unbehagen als Wenigseher, insbesondere wenn sie allein sind. Sie sind schneller gelangweilt und abgelenkt und können ihre Aufmerksamkeit schlechter steuern. Zudem nehmen sie seltener an Gemeinschaftsaktivitäten teil, treiben weniger Sport und leiden häufiger an Übergewicht.
Es ist jedoch schwierig zu bestimmen, ob Einsamkeit und Langeweile zum Fernsehen führen oder ob umgekehrt der Fernsehkonsum anfällig für Langeweile und Einsamkeit macht. Häufiger Fernsehkonsum kann zu einer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne, mangelnder Selbstbeherrschung und weniger Geduld führen. Studien haben gezeigt, dass die Fähigkeit zur kreativen Problemlösung und zum geduldigen Umgang mit unstrukturierter Zeit abnehmen kann, wenn Fernsehen in das Leben integriert wird.
Entzugserscheinungen
Einige Forscher sehen Parallelen zwischen Fernsehen und Drogensucht in den Entzugssymptomen, die bei Reduzierung des TV-Konsums auftreten. Familien, die auf das Fernsehen verzichten mussten, berichteten von Streitigkeiten und Schwierigkeiten, sich auf andere Aktivitäten umzustellen.
Binge-Watching: Ein modernes Problem
Dank Streamingdiensten ist Binge-Watching, also stundenlanges, ununterbrochenes Fernsehen, alltäglich geworden. Dies birgt gesundheitliche Risiken, da andere wichtige Aktivitäten vernachlässigt werden.
Risiken des Binge-Watching
- Bewegungsmangel: Stundenlanges Sitzen oder Liegen führt zu geringerem Energieverbrauch, Muskelabbau und negativen Auswirkungen auf Immunsystem, Stoffwechsel, Durchblutung und Knochenstruktur. Studien zeigen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Vielsehern.
- Ungesunde Ernährung: Während des Fernsehens wird oft unabhängig von Hunger und Sättigungsgefühl gegessen, was zu einer höheren Kalorienaufnahme und der Wahl ungesunder Snacks führt.
- Gestörter Stoffwechsel und Gewichtszunahme: Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung führen zu Gewichtszunahme. Studien belegen, dass spätabendliches Fernsehen mit einer Gewichtszunahme verbunden ist.
- Schlafstörungen: Das blaue Licht des Fernsehers stört die Melatoninproduktion und führt zu Einschlaf- und Durchschlafstörungen.
- Soziale Isolation: Wer seine Freizeit lieber allein vor dem Fernseher verbringt, isoliert sich sozial, was negative Auswirkungen auf die psychosoziale Gesundheit haben kann.
- Mögliche Abhängigkeit: Binge-Watching kann bestimmte Gehirnregionen ansprechen und eine Abhängigkeit auslösen.
Vorbeugung von Negativfolgen
- Binge-Watching zum Event machen: Dauerfernsehen sollte nicht zur Routine werden. Ein Serienmarathon an einem verregneten Sonntag ist in Ordnung, sollte aber bewusst geplant sein.
- Zeitlichen Rahmen setzen: Legen Sie einen Zeitrahmen für das Fernsehen fest und halten Sie sich daran, insbesondere am Abend.
- Gemeinsam fernsehen: Schauen Sie Serien oder Filme mit Familienmitgliedern oder Freunden.
Elektromagnetische Strahlung und das Gehirn
Elektromagnetische Felder im Hochfrequenzbereich werden von Antennen abgestrahlt und vom menschlichen Körper aufgenommen. Es gibt Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen dieser Strahlung auf das Gehirn, den Schlaf und die kognitive Leistungsfähigkeit.
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Studien zu elektromagnetischer Strahlung
- Studien haben geringfügige physiologische Wirkungen auf das Schlaf-EEG gezeigt, die jedoch subjektiv nicht wahrnehmbar waren und keine Beeinträchtigung der Kognition oder des Schlafs bedeuteten.
- Es gibt Hinweise auf alters- und geschlechtsspezifische Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder, die jedoch bei Einhaltung der Grenzwerte keine gesundheitliche Beeinträchtigung darstellen.
Grenzwerte und Risikobewertung
- Die Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung orientieren sich am thermischen Effekt, also der Erwärmung des Gewebes.
- Einige Wissenschaftler argumentieren, dass es auch Effekte unterhalb der 1-Grad-Erwärmungsgrenze gibt, die gesundheitliche Auswirkungen haben könnten.
- Kritiker bemängeln, dass die Festlegung der Grenzwerte durch intransparente Forscher-Zirkel erfolgt, in denen abweichende Perspektiven nicht willkommen sind.
Empfehlungen zum Schutz vor Strahlung
- Vor dem Kauf von Elektrogeräten den SAR-Wert prüfen und Modelle mit geringer Strahlenlast wählen.
- Den Router zu Hause so platzieren, dass man genug Abstand halten kann.
- Auf Telefonate bei schlechtem Netz verzichten, da das Smartphone die Sendeleistung erhöhen muss.
Fernsehkonsum und kognitive Fähigkeiten
Studien deuten darauf hin, dass langfristiger Fernsehkonsum die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen kann.
Auswirkungen auf das Gehirnvolumen
- Eine Studie hat einen Zusammenhang zwischen hohem Fernseherkonsum und geringerem Gesamthirnvolumen, geringerem Volumen der grauen Substanz und einem reduzierten Volumen im Frontalhirn festgestellt.
- Es wird vermutet, dass ein hoher Fernseherkonsum zu einer geringeren kognitiven Reserve führt, bedingt durch einen sedentären Lebensstil.
Kritik an den Studien
- Ein Manko vieler Studien ist, dass keine Bildgebungsdaten vom Studienbeginn vorliegen.
- Es ist unklar, ob sich viel Zeit vor dem Computerbildschirm mit kognitiv anspruchsvolleren Tätigkeiten ebenfalls negativ auf die Hirnzellen auswirkt.
Die Rolle der Medien in der Entwicklung von Kindern
Medienpsychologen betonen, dass es keinen unmittelbaren Schaden durch Bildschirme gibt. Das Gehirn ist plastisch und verändert sich ständig, unabhängig vom Medienkonsum. Die empfohlenen Bildschirmzeiten sollen Eltern lediglich eine Orientierung geben, um die Aktivitäten der Kinder möglichst divers zu halten.
Stereotypen und Realität
- Ältere Generationen sind oft skeptischer gegenüber den Medien der Nachkommengeneration, weil sie damit selber weniger Erfahrung haben.
- Es gibt Korrelationen zwischen Fernsehkonsum und Schulleistungen, aber nicht jede extra Minute vor dem Bildschirm bedeutet einen Punkt Abzug.
- Die Bildschirmzeiten sind asymmetrisch verteilt in der Gesellschaft, wobei Kinder aus finanziell schwächeren Schichten oft unüberwacht Bildschirme nutzen.
Positive Aspekte des Medienkonsums
- Richtig eingesetzt kann jedes Medium eine Bereicherung sein.
- Es kommt darauf an, was man ansieht und was man daraus macht: Spricht man als Kind mit seinen Eltern oder Gleichaltrigen darüber, was man da gesehen hat?
- Auch Spielkonsolen können eine Bereicherung sein, wenn altersgerechte Spiele gespielt werden und die Eltern daran teilnehmen.