Die Friedreich-Ataxie (FA), auch Morbus Friedreich genannt, ist eine seltene, fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch eine Degeneration von Nervenfasern und des Kleinhirns gekennzeichnet ist. Sie manifestiert sich häufig im Kindes- oder frühen Erwachsenenalter und führt zu einer Vielzahl neurologischer Symptome und multisystemischer Manifestationen.
Seltene Erkrankungen im Fokus
Seltene Erkrankungen, wie die Friedreich-Ataxie, stellen komplexe, schwer zu diagnostizierende und wenig erforschte Krankheitsbilder dar. Ein besseres Verständnis dieser Erkrankungen ist entscheidend, um die Versorgung und das Wohlbefinden der Betroffenen zu verbessern und interdisziplinäre Therapieansätze zu koordinieren.
Was ist Friedreich-Ataxie?
Die Friedreich-Ataxie ist die weltweit häufigste vererbte Ataxie. Der Begriff „Ataxie“ leitet sich vom griechischen Wort „a-taxia“ für „fehlende Ordnung“ ab. Ataxien bezeichnen eine Reihe von seltenen Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, bei denen das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen gestört ist. Dies führt zu Beeinträchtigungen des Gleichgewichts und der Bewegungskoordination. Betroffen sind das Gehen, Sitzen, Stehen, Sprechen, Handbewegungen und die Kontrolle der Augenbewegungen.
Ursachen und Vererbung
Ursache der Friedreich-Ataxie ist ein genetischer Defekt, der zu einer mangelhaften Bildung von Frataxin führt. Frataxin ist ein mitochondriales Protein, das für die Eisenhomöostase und die Biogenese von Eisen-Schwefel-Clustern essenziell ist. Ein Mangel an Frataxin führt zu einer reduzierten mitochondrialen ATP-Produktion, Eisenakkumulation, einer beeinträchtigten Reaktion auf oxidativen Stress und letztlich zum Zelltod.
Die Friedreich-Ataxie ist eine autosomal-rezessive Erbkrankheit. Das bedeutet, dass die Erkrankung nur auftritt, wenn ein Kind von beiden Elternteilen jeweils ein defektes Gen erbt. Die Eltern sind in diesem Fall Anlageträger und haben jeweils eine Kopie des defekten Gens. Bei etwa 95 % der Betroffenen findet sich eine GAA-Triplettrepeatverlängerung im ersten Intron des FXN-Gens (Frataxin) auf beiden elterlichen Chromosomen 9q13.
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Häufigkeit
Die Häufigkeit der Friedreich-Ataxie beträgt etwa 1 zu 50.000 Neugeborenen. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 3 bis 4 von 100.000 Einwohnern betroffen.
Symptome der Friedreich-Ataxie
Die Friedreich-Ataxie ist eine langsam progrediente Erkrankung, die sich in der Regel vor dem 25. Lebensjahr manifestiert. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen 10 und 15 Jahren. Die Symptome können jedoch von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter variieren.
Neurologische Symptome
- Ataxie: Die Ataxie ist das Leitsymptom der Friedreich-Ataxie und in 77 % der Fälle das erste Anzeichen. Sie äußert sich als Gang-, Gliedmaßen- und Rumpfataxie. Der Gang wird unsicher und breitbeinig, die Handschrift unleserlich, und Greifen und Halten fallen schwer.
- Dysarthrie: Eine verwaschene Sprache tritt häufig auf.
- Augenbewegungsstörungen: Gelegentlich treten unwillkürliche Augenbewegungen auf ("square wave jerks").
- Verlust der Muskeleigenreflexe: Die Muskeleigenreflexe der unteren Extremitäten sind abgeschwächt oder fehlen.
- Positives Babinski-Zeichen: Ein positives Babinski-Zeichen ist ein weiteres neurologisches Zeichen.
- Sensibilitätsstörungen: Es kommt zu einem Verlust des Lage- und Vibrationsempfindens.
- Muskelschwäche und -atrophie: Im Verlauf der Erkrankung entwickelt sich eine zunehmende Muskelschwäche bis hin zu muskulären Atrophien.
- Spastik: In seltenen Fällen kann es zu Spastik kommen, insbesondere bei spät beginnenden Verläufen.
- Neuropathische Schmerzen: Neuropathische Schmerzen können auftreten.
- Miktionsstörungen: Störungen der Blasenfunktion können auftreten.
- Dysphagie: Schluckbeschwerden können im Verlauf der Erkrankung auftreten.
Nicht-neurologische Symptome
- Kardiomyopathie: Kardiale Erkrankungen treten bei 40-85 % der Patienten mit Friedreich-Ataxie auf. Das kardiale Leitmerkmal ist die hypertrophe Kardiomyopathie, die sich typischerweise durch eine konzentrische und symmetrische Verdickung der linken Ventrikelwand auszeichnet. Es können auch Herzrhythmusstörungen auftreten.
- Skoliose: Eine Skoliose ist das häufigste nichtneurologische Symptom und tritt bei 63-90 % der Patienten auf, insbesondere wenn die Erkrankung vor der Pubertät beginnt.
- Fußdeformitäten: Häufig entwickeln sich Hohlfüße.
- Diabetes mellitus: Ein Diabetes mellitus tritt bei etwa 7-9 % der Menschen mit Friedreich-Ataxie auf.
- Wachstumsstörungen: Kinder mit Friedreich-Ataxie sind häufig untergewichtig und kleinwüchsig, zudem zeigt sich eine verzögerte Wachstumsgeschwindigkeit in der Pubertät.
- Affektive Störungen: Affektive Störungen wie Angst und Depression sind häufig.
Diagnose
Die Diagnose der Friedreich-Ataxie basiert auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, neurologischer Beurteilung und molekulargenetischer Analyse.
Klinische und neurologische Untersuchung
Die klinische und neurologische Untersuchung umfasst die Erhebung der Krankengeschichte, die Beurteilung der neurologischen Funktionen und die Untersuchung auf typische Symptome der Friedreich-Ataxie.
Molekulargenetische Analyse
Die Diagnosesicherung erfolgt molekulargenetisch durch den Nachweis einer FXN-Gen-Mutation. Bei etwa 95 % der Betroffenen wird eine GAA-Triplettrepeatverlängerung im FXN-Gen gefunden.
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Weitere diagnostische Maßnahmen
- Kraniale MRT: Die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns kann eine Atrophie des Myelons (insbesondere des zervikalen Myelons) und des Kleinhirns zeigen.
- Elektrophysiologie: Elektrophysiologische Untersuchungen können eine sensibel betonte axonale Neuropathie mit Reduktion oder Ausfall der Muskelsummenaktionspotenziale zeigen.
- EKG und Echokardiographie: Diese Untersuchungen dienen der Beurteilung der Herzfunktion.
Therapie
Bisher ist die Friedreich-Ataxie nicht heilbar. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Seit 2024 ist das Medikament Omaveloxolon für Betroffene ab 16 Jahren zugelassen.
Symptomatische Behandlung
- Physiotherapie: Die Physiotherapie zielt auf die Verbesserung von Gangbild, Gleichgewicht, Koordination, Körperhaltung und Muskelkraft ab.
- Ergotherapie: Die Ergotherapie unterstützt die Betroffenen bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben und der Anpassung der Wohnumgebung.
- Logopädie: Die Logopädie hilft, die Aussprache sowie die Schluck- und Atemfunktionen zu verbessern.
- Orthopädische Maßnahmen: Bei Skelettdeformierungen wie Skoliose oder Hohlfüßen können orthopädische Maßnahmen wie Korsetts oder operative Korrekturen erforderlich sein.
- Medikamentöse Therapie:
- Omaveloxolon: Seit 2024 ist Omaveloxolon in Deutschland zugelassen. Es aktiviert den Nrf2-Signalweg, der antioxidative Gene reguliert und oxidativen Stress reduzieren soll.
- Weitere Medikamente: Je nach Symptomatik können weitere Medikamente eingesetzt werden, z. B. gegen neuropathische Schmerzen, Spastik oder Herzrhythmusstörungen.
Multidisziplinäre Betreuung
Die Betreuung von Patienten mit Friedreich-Ataxie sollte im Rahmen eines multidisziplinären Behandlungskonzepts erfolgen, das rehabilitationsmedizinische Maßnahmen und medikamentöse Therapien umfasst. Regelmäßige Verlaufsuntersuchungen sind unerlässlich.
Leben mit Friedreich-Ataxie
Betroffene erleben mit dem Fortschreiten der Erkrankung enorme Einschränkungen im Alltag. Es ist wichtig, dass sie und ihre Angehörigen Zugang zu umfassenden Informationen, Beratung und Unterstützung haben.
Patientenorganisationen
Es gibt verschiedene Patientenorganisationen, die Betroffenen und Angehörigen Hilfe, Beratung und Informationen anbieten, wie beispielsweise der Friedreich Ataxie Förderverein e.V. oder die Deutsche Heredo-Ataxie-Gesellschaft e. V. (DHAG).
Technische Hilfsmittel und Anpassungen
Schreibhilfen und Mobilitätsunterstützung können helfen, den Alltag zu erleichtern. Je nach Bedarf können auch Anpassungen der Wohnumgebung erforderlich sein.
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Forschung
Die Forschung im Bereich der Friedreich-Ataxie konzentriert sich auf das Verständnis der Krankheitsmechanismen, die Entwicklung neuer Therapien und die Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Forschende des DZNE widmen sich an mehreren Standorten in verschiedenen großen klinischen Studien der Erforschung von Ataxien. Der Schwerpunkt liegt dabei auf genetisch bedingten Ataxien.
Prognose
Die Friedreich-Ataxie ist eine langsam progrediente und in der Regel lebenslimitierende Erkrankung. Viele Patienten sind bereits im jungen Erwachsenenalter auf einen Rollstuhl angewiesen. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt ca. 35-40 Jahre, wobei die Prognose stark variieren kann. Ein früher Erkrankungsbeginn, große GAA-Repeat-Expansionen sowie das Vorliegen von Diabetes mellitus und Kardiomyopathie gelten als ungünstige prognostische Faktoren.
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