Friedreich-Ataxie: Liquor-Untersuchung, Diagnose und Therapie

Eine Ataxie beschreibt unterschiedliche Bewegungs- und Koordinationsstörungen, die durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden können. Oft liegt eine fehlerhafte Funktionalität des Nervensystems, insbesondere des Kleinhirns, vor, was Bewegungsabläufe erschwert. Die Diagnostik beginnt mit dem klinischen Untersuchungsbefund und wird bei Verdacht auf eine Erkrankung des Kleinhirns durch bildgebende Diagnostik und/oder Laboruntersuchungen bestätigt. Die Therapie ist abhängig von der zugrunde liegenden spezifischen Ätiologie.

Was ist Ataxie?

Unter dem Begriff Ataxie werden verschiedene Erkrankungen zusammengefasst, denen Bewegungs- und Koordinationsstörungen aufgrund von Störungen im Nervensystem gemeinsam sind. Die Erkrankungen zeichnen sich durch mangelnde Koordinationsfähigkeit aus, da verschiedene Muskelgruppen bei einem Bewegungsablauf nur fehlerhaft zusammenspielen. Für die Koordination von Bewegungen ist im zentralen Nervensystem das Kleinhirn (Cerebellum) wesentlich verantwortlich. Es bekommt Informationen aus dem Großhirn, dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr, dem Hirnstamm sowie aus Sensoren der Muskeln, Gelenke und Sehnen. Eine Ataxie entsteht, wenn dieser Informationsfluss gestört ist oder das Kleinhirn selbst nicht einwandfrei funktioniert.

Arten von Ataxien

Ataxien werden in drei Hauptgruppen unterteilt:

  1. Genetisch bedingte (hereditäre) Ataxien: Diese werden je nach Art der Vererbung in dominant und rezessiv unterteilt. Jeder Mensch besitzt zwei Kopien jedes Gens - eines von der Mutter und eines vom Vater. Wird eine Erkrankung rezessiv vererbt, bricht die Krankheit nur aus, wenn die Person zwei defekte Genkopien besitzt. Ist eine intakte Genkopie vorhanden, tritt die Erkrankung hingegen nicht in Erscheinung. Die Ataxien bei dominanten Erbkrankheiten sind wahrscheinlich, wenn ein Elternteil ebenfalls an einer Ataxie erkrankt ist. Es reicht in diesem Fall eine defekte Genkopie, damit die Erkrankung zum Ausbruch kommt. Eine weitere Form der genetisch bedingten Ataxien stellen die X-chromosomalen Erbkrankheiten dar. Dabei liegt eine fehlerhafte Information auf dem X-Chromosom vor. Männer sind vorwiegend betroffen, da in ihrem Erbmaterial nur ein X-Chromosom vorhanden ist (XY).

    • Rezessiv vererbte Ataxien: Derzeit sind mehr als 30 verschiedene rezessive Ataxien bekannt. Zu den häufigsten rezessiven Ataxien zählen:
      • Friedreich-Ataxie (FA oder FRDA); ist die häufigste rezessive Ataxie
      • Ataxie-Telangiektasie (AT)
      • Ataxien mit okulärer Apraxie (AOA1 und 2); geprägt von gestörtem DNA-Reparaturmechanismus
      • Ataxie mit primärem Mangel an Vitamin E (AVED)
      • Abetalipoproteinämie (Akanthozytose)
      • Ataxie mit Mutationen der Polymerase γ (POLG); können auch nach dem 25. Lebensjahr beginnen
      • Refsum-Syndrom
    • Dominant vererbte Ataxien: Zu den häufigsten dominanten Ataxien gehören:
      • Spinozerebelläre Ataxie (SCA); tritt meist zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf, laut aktuellem Forschungsstand sind mehr als 40 dominant vererbte SCA bekannt
      • Episodische Ataxie (EA); je nach Form erstmaliges Auftreten in der frühen Kindheit oder zwischen dem zweiten und 20. Lebensjahr
      • Dentato-rubrale-pallido-luysische Atrophie (DRPLA)
    • X-chromosomal vererbte Ataxien: Zu den X-chromosomalen-Erbkrankheiten zählt das Fragile-X-assoziierte Tremor-/Ataxie-Syndrom (FXTAS), welches im Erwachsenenalter auftritt.
  2. Erworbene Ataxien: Bei den nicht genetisch bedingten Ataxien lassen sich die nicht genetisch bedingten degenerativen Ataxien (idiopathisch) und die erworbenen oder auch symptomatischen Ataxien unterscheiden. Für eine symptomatische Ataxie ist eine nicht genetische, erworbene oder andere Krankheitsursache verantwortlich. Oft zeigen sich entweder die alkoholische Kleinhirndegeneration (ACD) oder die paraneoplastische Kleinhirndegeneration (PKD), die bei bösartigen Tumorerkrankungen auftritt. Eine Kleinhirndegeneration beschreibt eine Rückbildung beziehungsweise Störung des Kleinhirns. Bei einer paraneoplastischen Kleinhirndegeneration ist das Immunsystem fehlreguliert, weshalb körpereigene Antikörper das Kleinhirn schädigen. Bei der alkoholischen Kleinhirndegeneration entsteht der Schaden am Nervengewebe durch regelmäßigen, hohen Alkoholkonsum. Darüber hinaus können andere Giftstoffe wie Medikamente - vor allem bei Überdosis - eine Kleinhirndegeneration bewirken. Auch ein Mangel der Vitamine E und B12, beispielsweise durch eine schwerwiegende Mangelernährung oder eine Aufnahmestörung im Darm, führt manchmal zu Kleinhirnschäden. Weitere mögliche Ursachen sind:

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    • Durchblutungsstörung oder Blutung im Kleinhirn (z. B. durch Schlaganfall)
    • Wucherungen im Kleinhirn
    • Infektionen (z. B. HIV)
  3. Sporadisch degenerative Ataxien: Bei den sporadisch degenerativen Ataxien gibt es keine Hinweise auf eine erworbene oder genetische Ursache.

Symptome von Ataxie

Grundsätzlich zeichnet sich eine Ataxie durch eine mangelhafte Koordination von Bewegungen aus. Diese zeigt sich unter anderem an folgenden Symptomen:

  • Ungeschicklichkeit der Hände
  • Gestörte Zielbewegungen von Armen und/oder Beinen
  • Mangelhafte Koordination der Augenbewegungen; zum Beispiel Augenzittern (Nystagmus)
  • Störungen der Standfestigkeit und des Ganges
  • Überschießende Bewegungen
  • Dysarthrie: Koordination der Muskeln zur Sprachproduktion gestört
  • Optische Ataxie: Störung der Augen-Hand-Koordination

Eine sensorische Ataxie bezeichnet die fehlerhafte Weiterleitung von Informationen aus Armen und Beinen an das Gehirn. Betroffene zeigen in diesem Fall Störungen der Sensibilität, wie zum Beispiel des Lagesinns. Dieser vermittelt normalerweise Informationen über die räumliche Position des Körpers und der Gliedmaßen. Wenn die optische Kontrolle zusätzlich wegfällt, verschlechtert sich die Symptomatik meist.

Abhängig von den Symptomen und der betroffenen Körperregion lassen sich Ataxien somit auch unterscheiden in:

  • Gangataxie: Störungen des Ganges
  • Rumpfataxie: Aufrechte Haltung gestört
  • Gliedmaßenataxie: Störungen der Feinmotorik; zum Beispiel beim Greifen

Treten die motorischen Störungen oder Lähmungserscheinungen plötzlich auf, können dies auch Hinweise auf einen Schlaganfall oder eine Vergiftung sein.

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Diagnostik von Ataxie

Zur Diagnose einer Ataxie sind die Anamnese und die körperliche Untersuchung grundlegend. Die Anamnese ist eine systematische Befragung zum Gesundheitszustand. Im Rahmen einer Ataxie-Diagnostik sind Fragen zum familiären Hintergrund besonders wichtig. Vergleichbare Bewegungsstörungen in der Familie können Hinweise auf eine genetische Ataxie geben. Bei einer allgemeinen neurologischen Untersuchung ist die Funktion von Gehirn, Rückenmark und Nerven im Fokus. Dazu leuchtet derdie ArztÄrztin mit einer Taschenlampe in die Augen des*der Betroffenen und überprüft die Reflexe mit einem kleinen Gummihammer.

Im nächsten Schritt ist eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns üblich. Nur ein MRT gibt Aufschluss darüber, ob eine Ataxie oder eine andere Kleinhirnkrankheit (z. B. ein Tumor) vorliegt. Manche Ataxien erfordern im Weiteren spezielle Untersuchungen wie eine Nervenwasseruntersuchung (Liquorpunktion), falls durch die vorangegangenen Befunde noch keine gesicherte Diagnose feststeht. Eine molekularbiologische Untersuchung ist zum Nachweis von erblich bedingten Formen der Ataxie ratsam.

Bei der Friedreich-Ataxie zeigen sich neben der Ataxie auch andere Symptome wie erhöhte Blutzuckerwerte und Herzerkrankungen. Daher können auch weitere bildgebende Verfahren (z. B. Ultraschall), ein Elektrokardiogramm (EKG) sowie Blutuntersuchungen bei der Diagnostik hilfreich sein.

Liquoruntersuchung (Lumbalpunktion)

Eine Liquoruntersuchung, auch Lumbalpunktion genannt, ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik bei Ataxie, insbesondere wenn die Ursache unklar ist. Bei diesem Verfahren wird Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) aus dem Rückenmarkkanal entnommen. Der Liquor umgibt Gehirn und Rückenmark und dient als Schutz und Transportmedium. Durch die Analyse des Liquors können Entzündungen, Infektionen, Blutungen oder andere Auffälligkeiten im zentralen Nervensystem festgestellt werden. Bei Ataxie kann die Liquoruntersuchung helfen, entzündliche oder autoimmune Prozesse zu identifizieren, die die Ursache für die Koordinationsstörungen sein könnten.

Ablauf der Liquoruntersuchung

  1. Vorbereitung: Der Patient wird über den Ablauf der Untersuchung aufgeklärt. Eine Blutgerinnungsstörung sollte ausgeschlossen werden.
  2. Positionierung: Der Patient sitzt oder liegt seitlich gekrümmt, um den Rücken zu runden und die Wirbelzwischenräume zu öffnen.
  3. Desinfektion und Lokalanästhesie: Die Punktionsstelle im unteren Lendenbereich wird desinfiziert und lokal betäubt.
  4. Punktion: Eine dünne Nadel wird zwischen zwei Lendenwirbeln in den Rückenmarkkanal eingeführt.
  5. Liquorentnahme: Einige Milliliter Liquor werden entnommen.
  6. Druckmessung: Optional kann der Liquordruck gemessen werden.
  7. Entfernung der Nadel und Wundversorgung: Die Nadel wird entfernt und die Punktionsstelle mit einem Pflaster versorgt.
  8. Nachsorge: Der Patient sollte einige Stunden liegen, um Kopfschmerzen vorzubeugen.

Was wird im Liquor untersucht?

  • Zellzahl: Erhöhte Zellzahlen können auf eine Entzündung oder Infektion hinweisen.
  • Proteine: Erhöhte Proteinwerte können auf Entzündungen, Blutungen oder andere Schädigungen des Nervensystems hindeuten.
  • Glukose: Erniedrigte Glukosewerte können auf eine Infektion hindeuten.
  • Oligoklonale Banden: Diese spezifischen Proteine sind ein Hinweis auf eine entzündliche Reaktion im zentralen Nervensystem, wie sie bei Multipler Sklerose vorkommt.
  • Antikörper: Der Nachweis von Antikörpern gegen bestimmte Nervenzellen kann auf autoimmune Ursachen der Ataxie hinweisen (z. B. bei paraneoplastischer zerebellärer Degeneration).
  • Erreger: Bei Verdacht auf eine Infektion können Erreger (z. B. Bakterien, Viren) nachgewiesen werden.

Therapie von Ataxie

Bei der Therapie von Ataxien steht die Behandlung einzeln auftretender Symptome im Vordergrund. Auch Begleitsymptome wie Schmerzen oder Muskelkrämpfe und Begleiterkrankungen finden eine gezielte Therapie. So ist beispielsweise eine Herzerkrankung im Rahmen einer FRDA nach allgemeinen kardiologischen Maßgaben therapierbar. Ein Diabetes mellitus erfordert in der Regel die Einnahme von Insulin.

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Eine zentrale Behandlung oder Heilung der Ataxie ist nach aktuellem Stand nicht möglich. Verschieden Studien zeigen jedoch, dass bei unterschiedlichsten Formen von Ataxie auch eine medikamentöse Therapie positive Effekte erzielen kann. So berichteten Studienteilnehmende von einer Besserung nach der Einnahme eines Medikaments mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der Benzothiazole. Die klinische Relevanz der Besserung ist allerdings noch unklar. Eine weitere Studie verzeichnete positive Effekte bei degenerativen Ataxien durch Acetyl-DL-Leucin, einer leicht veränderten essenziellen (lebensnotwendigen) Aminosäure. Ein Vitaminmangel lässt sich durch Vitaminpräparate ausgleichen.

Eine regelmäßige, tägliche Physiotherapie ist bei jeglicher Form von Ataxie ratsam. Dabei steht es im Vordergrund, die Koordination aktiv zu fördern. So können Betroffene auch zu Hause im Alltag selbstständig entsprechende Übungen durchführen.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf und die Prognose bei Ataxie sind abhängig von der jeweiligen Form. Die regelmäßige Ausführung physiotherapeutischer Übungen hat sich allerdings für viele Ataxieformen bewährt. Es ist daher ratsam, die Übungen täglich durchzuführen, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Prävention

Einer Ataxie lässt sich grundsätzlich nicht vorbeugen. Lediglich die Schädigungen des Kleinhirns durch Alkohol oder andere Giftstoffe sowie ein Mangel an Vitamin E oder B12 sind vermeidbar.

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